Themen - Bibelstellen - Markus

Bibelstellen

  • Mk 1,14-20: Folgt mir! Wilhelm Weber
  • Mk 1, 21-28: Vollmacht über Dämonen Wilhelm Weber
  • Mk 1, 29-39: Wunder. Gibt´s die? Wilhelm Weber
  • Mk 2,1-12: Steh auf! Wilhelm Weber
  • Mk 2,1-12: Heilung eines Gelähmten (Prädig op Kölsch 2009) Wilhelm Weber
  • Mk 2, 27: Der Sabbat es für der Minsch do, nit ömgedriht (Prädig op Kölsch 2017) Wilhelm Weber
  • Mk 6, 7-13: Yes, we can! Wilhelm Weber
  • Mk 6,30-34: Das Menschenbild Jesu Wilhelm Weber
  • Mk 6,34: Schafe ohne Hirt Wilhelm Weber
  • Mk 7,1-8.14-15.21-23: Tut, was Gott will Wilhelm Weber
  • Mk 7,31-37: Effata! Öffne dich! Wilhelm Weber
  • Mk 8,27-35: Für wen haltet ihr mich? Wilhelm Weber
  • Mk 9,2-10: Verklärung Wilhelm Weber
  • Mk 9,38-41: Denkt positiv! Wilhelm Weber
  • Mk 10, 17-27: Das Kamel und das Nadelöhr Wilhelm Weber
  • Mk 10, 35-45: Dienen, nicht herrschen! Wilhelm Weber
  • Mk 10,46-52: Finde dich nicht mit deinem Schicksal ab! Wilhelm Weber
  • Mk 13,24-32: Alles ist endlich, nur die Liebe nicht Wilhelm Weber

  • Mk 1,14-20: Folgt mir! Wilhelm Weber

    Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

    Zwei Brüderpaaren sagt Jesus im Vorübergehen: Folgt mir! Zufällig waren alle im Fischfang tätig. Die so Berufenen lassen alles liegen und stehen und folgen. Wie einfach war das doch in den Anfängen! - Und heute?
    Was hat die Kirche Not, dass es keine Priesterberufungen mehr gibt. Zwar wird seit dem Weltjugendtag immer wieder beschworen, ein neuer Aufschwung sei in Sicht, aber Marktforscher äußern die Befürchtung, dass das fröhliche Treffen der Jugend nahezu folgenlos verpufft ist.

    Wir bleiben beim Thema Berufung: Der Ruf in die Nachfolge Christi und die Berufung in den kirchlichen Dienst sind zweierlei.

    Wir müssen unterscheiden: Jesus beruft in seine persönliche Nachfolge, die Kirche dagegen ruft in den Dienst ihrer Institution. Das ist nicht dasselbe. Im kirchlichen Denken und Sprachgebrauch fällt das allzu gern zusammen. Wenn Jesus beruft, dann - so meint man vorschnell - beruft er in den Dient der Kirche. Wo ist der Unterschied?

    Jesus beruft bedingungslos, d. h. er stellt keine Bedingungen, keine Fragen, keine Prüfungen. Wer sich dagegen für den Dienst in der Kirche berufen fühlt, der muss viele Bedingungen erfüllen. Bevor er für den kirchlichen Dienst als geeignet befunden wird, muss er viele Fragen richtig und aufrichtig beantworten; etwa folgende:
    Bist du ein Mann?
    (Denn als Frau könntest du niemals in Persona Christi sprechen.)
    Bist du gläubig und bekennst du alles, was im nicaenokonstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis steht?
    (Denn geeignet für den kirchlichen Dient ist nur der, der die Siege der geistlichen Glaubensschlachten von zwei Jahrtausenden gewissermaßen für den Ausweis der Rechtgläubigkeit hält.)
    Bist du stark genug, die Protestanten so lange für Irrgläubige zu halten, wie dein Bischof das befiehlt?
    (Denn wenn du eigenmächtig versöhnlichere Praktiken einführst, wirst du suspendiert und fliegst raus. Das kann dir auch passieren, wenn du schon 73 Jahre alt bist.)
    Bist du etwa schwul und plagen dich tiefsitzende homosexuelle Tendenzen, so dass du keine korrekten Beziehungen zu Männern und Frauen aufbauen kannst?
    (Denn letztere Unreife dürfen allenfalls heterosexuell geprägte Seminaristen aufweisen, aber auf keinen Fall schwule.)
    Ich könnte diese ironische Fragerei noch eine Weile fortsetzen. Aber es macht mir keinen Spaß, es macht mich eher traurig, dass die bedingungslose Berufung durch Jesus zu einer so bürokratisch verkommenen Schnüffelei in der Kirche verkommen ist. Ahnen Sie, warum keiner mehr Priester werden will?

    Nicht (nur) die Pfarrstrukturen müssen verändert werden, sondern die Inhalte unserer Verkündigung.

    Amen

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    Mk 1, 21-28: Vollmacht über Dämonen Wilhelm Weber

    Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

    Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Wenn ich in der Bibel von Dämonenaustreibungen lese, dann bekomme ich ein ungutes Gefühl. Und ich suche nach Möglichkeiten, die Dämonen weg zu interpretieren. Umso mehr wunderte ich mich, als ich im letzten Jahr ein neu erschienenes Buch in die Hand bekam, das ebendiesen Titel trägt. "Dämonen. Hansens Geschichte", heißt das Buch. Der Autor ist Jürgen Domian, der bekannte Moderator der nächtlichen Talk-Sendung "Domian", die 21 Jahre lang auf Eins Live ausgestrahlt wurde. Alle konnten Domian anrufen: Neugierige, Scharlatane, aber vor allem waren es Menschen mit Problemen. Allen lieh Domian sein Ohr.

    2017 erschien nun sein Buch "Dämonen", ein Roman, in dem Erfahrungen, die er in den nächtlichen Sendungen gemacht hatte, verarbeitet sind. Die Hauptfigur des Romans ist Hansen. Und Hansen ist zu einem hohen Prozentsatz der Autor selber. Beide sind gleich alt, haben fast gleiche Lebensgeschichten und Lebensanschauungen, lieben Freiheit und Selbstbestimmung, haben die Kirche hinter sich gelassen, können und wollen aber ihre christlichen Wurzeln nicht verleugnen. Im Roman wird Hansen geschildert als lebensmüde. Er ist nicht krank, auch nicht depressiv, er hat das Leben einfach satt. Warum soll er nicht als freier Mensch sein Ende selbst bestimmen können? Darum beschließt er, in der Winternacht zum 21. Dezember, seinem 60. Geburtstag, sich in Lappland nackt in den Schnee zu legen, um zu sterben. Schon im Sommer bricht er auf in den Norden. Er mietet sich eine Hütte und ist allein, ganz allein. Die Stille jedoch weckt in ihm die Dämonen: es sind seine Schuldgefühle oder auch böse Züge in seinem Charakter wie Feigheit und Trägheit. Hansen setzt sich mit all dem auseinander. Er muss es, er zwingt sich dazu. Dämonen sind keine Gespenster, die von außen angreifen, es sind die inneren Befindlichkeiten, die ihn nicht zur erhofften Ruhe kommen lassen. Er muss sich mit ihnen auseinandersetzen, er will sie besiegen, um endlich zur Ruhe zu kommen. Es gelingt ihm sogar. - Als ich diese Passage las, assoziierte ich die Versuchungen Jesu in der Wüste. Die Einsamkeit und Stille setzt jene Gelüste in Szene (eben auch bei Jesus), die das Leben gewöhnlich beherrschen: die Lust auf Macht, auf Geld und Vermögen, auf Ansehen und Erfolg. Doch was zählt im Leben wirklich? Für Jesus war das die Vorbereitung auf sein öffentliches Wirken.

    Auch Hansen hat diese Prüfungen bestanden. Aber nicht jeder Mensch hat diese Energie zur Selbstheilung. Oft braucht er Hilfe, um mit seinen Dämonen fertig zu werden. Das können Menschen leisten, die viel Empathie verströmen, die zuhören können, die verweilen können, die neue Perspektiven eröffnen können - wie Jesus oder wie Domian in seinen Talk-Sendungen. Den Mitmenschen in seinem Menschsein ernst nehmen, ihm Würde zukommen lassen - wie verkommen er auch ist -, ihn verstehen und akzeptieren und vor allem wertschätzen. Das zählt im Leben - und in der Ewigkeit.

    Amen

    Übrigens: das besagte Buch mit weniger als 200 Seiten ist wahnsinnig interessant und lohnt sich zu lesen. Ein Buch, das nachdenklich macht.

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    Mk 1, 29-39: Wunder. Gibt´s die? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Immer wieder lesen wir in der Bibel, dass Jesus Kranke geheilt hat. Auf wunderbare Weise hat er sie heil gemacht. Muss man das glauben? Oder gibt es einen Trick, wie man das Ärgernis auflöst? Wir brauchen keinen Trick, um den Sinn solcher Wundererzählungen zu verstehen.

    Der Schlüsselbegriff ist Heilung, heil machen. Was kaputt ist, kann man wieder heil machen. Ein kleines Mädchen, was seiner Puppe ein Bein ausgerissen hat, kommt zum Vater und sagt: Papa, mach die Puppe wieder heil! Und der Vater betätigt sich als Puppendoktor und macht die Puppe wieder heil. Das geht nur, wenn er sich höchstpersönlich mit der Puppe beschäftigt. Zu sagen: Nun bete mal schön, dann wird´s der liebe Gott schon richten, nützt nichts. Davon wird die Puppe nicht heil.

    Was macht Jesus? Er geht höchstpersönlich zu den Menschen, die wieder heil werden wollen, und wendet sich ihnen zu. Er fasst sie an, scheut nicht den Körperkontakt, um wieder heil zu machen, was irgendwie kaputt gegangen war. Im Fall der fieberkranken Schwiegermutter des Petrus heißt das: „Jesus fasste sie an der Hand und richtete sie auf.“ Aufrichten ist ein vieldeutiger Begriff. Man kann einen am Boden Liegenden aufrichten; man kann einen Traurigen aufrichten; man kann einem, der sein Selbstwertgefühl verloren hat, wieder Selbstbewusstsein geben u. s. w. Immer ist es eine extrem persönliche Angelegenheit, einem Kranken zu begegnen, und zwar so, dass er ein bisschen Heilung verspürt. Dafür braucht man Zeit, sehr viel Zeit. Zuwendung für Kranke, psychisch Gestörte, Suchtabhängige oder andere Daniederliegende ist sehr zeitaufwendig. Wer keine Zeit hat oder sich die Zeit nicht nimmt, kann nicht heilen. So einfach ist das. – Der Seelsorger oder die Seelsorgerin, die in direkter Nachfolge jenes heilenden Jesus stehen, brauchen Zeit, um ihre Aufgaben am Menschen erfüllen zu können. Wenn diese Zeit nicht da ist, läuft ihr Tun ins Leere. Dem kranken und hilfsbedürftigen Menschen helfend und heilend zu begegnen, ist seelsorglich gesehen das Wichtigste überhaupt, wichtiger noch als Gottesdienste zu feiern oder feierliche Sonntagsreden zu halten.

    Ärzte machen übrigens dieselbe Erfahrung: Kranke, die geheilt werden wollen, brauchen vor allem Zuwendung durch den Arzt und erst in zweiter Linie Medikamente. Zuwendung aber kostet Zeit, die oft nicht ausreichend zur Verfügung steht. Stattdessen werden Medikamente verschrieben, die eigentlich überflüssig sind; in Wirklichkeit sind sie Trostpillen, die über die nicht vorhandene Zeit hinwegtrösten sollen.

    Wir erinnern uns: Jesus hatte den Simon und den Andreas, den Jakobus und Johannes an die Hand genommen, um ihnen zu zeigen, wie das geht – das Heilen. Genau das sollten sie ja lernen, um es später ihm gleich auch zu tun. Ich sehe darin eine bleibende Aufgabe der Kirche: für die Kranken und Daniederliegenden da zu sein, für sie Zeit zu haben und sie aufzurichten. Wenn mich nicht alles täuscht, hat die Kirche diese Aufgabe aus dem Blick verloren. Seelsorge in dem beschriebenen Sinn gibt es nämlich praktisch nicht mehr. Als Entschuldigung muss immer wieder der Priestermangel herhalten. Doch der ist hausgemacht, solange Frauen und Verheiratete von diesem Beruf ausgeschlossen bleiben.

    Und so warten wir weiter auf einen neuen Frühling in der Kirche: auf die Einsicht, dass Frauen als Seelsorgerinnen genau so wertvoll sein können wie Männer, dass die Ehe kein Hindernis sein muss für den Dienst am Altar, dass Seelsorge am Menschen immer Vorrang haben muss noch vor dem sonntäglichen Gottesdienst, dass der Mut zu Reformen vom Geist Gottes ausgeht (nicht aber die Angst vor Veränderungen) und dass die Freude am Glauben wichtiger ist als die von unserem Papst geforderte Entweltlichung der Kirche. – Es wird irgendwann Frühling werden: wie in der Natur so auch in der Kirche.

    Amen

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    Mk 2,1-12: Steh auf! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der Text des heutigen Evangeliums enthält zwei ganz verschiedene Dinge: einmal die Heilung eines Gelähmten und dann - damit verknüpft - das Streitgespräch über die Sündenvergebung. Die wichtigste Botschaft ist natürlich die von der Sündenvergebung. Und damit man die auch glauben kann, wird der Gelähmte geheilt. Die Heilung ist gewissermaßen der Beweis dafür, dass man an die Vergebung der Sünden durch Gott glauben kann.

    Wodurch der Gelähmte seine Krankheit bekommen hat, wird nicht gesagt. Vielleicht ist es auch nur ein Bild für alles, was den Menschen physisch oder psychisch lahm legt. Wir unterliegen alle einem Vollkommenheitswahn. Jeder will der Klügste, der Gesündeste, der Schönste, der Schlaueste, der Reichste, der Vollkommenste sein. Aber das sind wir ja nicht, keiner ist das. Und so machen wir uns gegenseitig runter, gegenseitig schlecht. Das geht an die Substanz, das macht krank. Jede Krankheit hat ja auch eine psychische Ursache: kommt aus einer Kränkung, einer Verachtung, Erniedrigung. Und so entstehen Schuldbewusstsein, Minderwertigkeitsgefühle, Ängste, Psychosen. Alles das zusammen lähmt unser Leben, wirft uns aus der Bahn, macht uns lebensuntüchtig.

    Zu einem solchen Menschen - die Bibel nennt ihn einen Gelähmten - sagt Jesus: Steh auf! Erhebe dich! Denn Gott liebt dich. Daher bist du von allen Vorwürfen frei. Deine Sünden, Fehler, Schwächen sind dir längst vergeben, ja, in Wirklichkeit sind sie dir von Gott niemals vorgeworfen worden. Nimm dich selber an so, wie du bist, und geh aufrechten Ganges deinen Weg! Lass die Menschen reden, was sie wollen. Lass auch die Kirche sich aufregen. Du bist als von Gott Geliebter oder Geliebte unverletzbar. Und das macht stark. Das heilt den Menschen von innen heraus.

    Wer die Kraft eines solchen Glaubens hat - und den will Jesus ja wecken - , der geht auch heute als Geschiedener und Wiederverheirateter erhobenen Hauptes in die Kirche und zu den Sakramenten; der holt sich die Kraft und den Zuspruch aus den Sakramenten, auch wenn er einer anderen Konfession angehört; der lässt sich nicht als Sünder diffamieren, wenn er in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, weil das seiner Veranlagung entspricht. Das sind nur einige Beispiele. Die Botschaft Jesu ist immer: Du darfst sein - auch mit deinen Schwächen und Fehlern, Eigenarten und Sonderheiten. Keiner hat das Recht, dich zu verurteilen, keiner hat das Recht, dich auszugrenzen. Denn Gott steht auf deiner Seite.

    Für diese Wahrheit hat Jesus sich kreuzigen lassen, nicht um die große Schuld der Menschen zu sühnen, wie es immer heißt, sondern um zu zeigen, dass man für eine solche Wahrheit auch einstehen muss, wenn nötig mit seinem Leben. Wenn die Kirche gelegentlich anders denkt und handelt und an alten Kategorien wie Würdig und Unwürdig, Gut und Schlecht, Drinnen und Draußen festhält, dann vertritt sie nicht die Sache Jesu.

    Eine Bemerkung zum Schluss. Josef Imbach, der ein Büchlein über die Wunder Jesu geschrieben hat, beschließt seine Gedanken zu diesem Wunder mit folgenden Worten: "Jesus sagt zu dem Gelähmten: Steh auf! Aber er fügt hinzu: Nimm deine Tragbahre und geh nach Hause! Das kann nur heißen: diese Bahre, auf der du danieder lagst, gehört zu dir. Du darfst deine Vergangenheit nicht verdrängen. Erst wenn du fähig bist, auch zu dieser Vergangenheit zu stehen, kannst du wieder aufrecht gehen. Sag Ja zu dir selber, dann fühlst du das Leben neu in dir..."

    So ist das - auch bei uns.

    Amen

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    Mk 2,1-12: Heilung eines Gelähmten (Prädig op Kölsch 2009) Wilhelm Weber

    Leev Fründinne un Fründe!

    Bevür ich jet zom Evangelium sage,
    well ich ganz koot drei Froge beantwoode,
    woröm mer he su en Mess op Kölsch maache.

    Eeschte Frog:
    Woröm üvverhaup Dialek?
    Ich will et üch sage:
    Als ich vür Johre Kaplon in Kölle wor,
    do saht en Frau, die sich üvver jet ärg fies opgeräg hatt, för mich:
    "Jung, loss mich Platt kalle,
    dann han ich mih Wööd."

    Un dann hät die Madam vum Ledder getrocke.
    Wat die mir do all jesaht hatt,
    hätt die im Levve nit op Huhdeutsch hingerenander gebraht.
    Der Dialek is die ursprüngliche Sproch vun de einfache Lück;
    dat Huhdeutsch es et Esperanto vun de Gebildete und Engebildete.
    Ich ben davun üvverzeug,
    dat och der Jesus Dialek gesproche hät
    (villleich kei Kölsch, ävver Aramäisch,
    und dat is ene hebräische Dialek).
    Dialek wor die Sproch vun der Lück op der Stroß.
    Un doröm däte die Uhre krigge wie Rhabarberbläddere,
    wann se der Jesus in ihrer Sproch prädige hööte.
    Wer Dialek sprich es nöher bei de Minsche.
    Han ich nit Rääch?

    Zweite Frog:
    Woröm kölsche Leedcher?
    Wenn e kölsch Leed im Fastelovend gesunge weed
    un en der Äugelskiss üvverdrage weed,
    es dat noch keine Grund,
    dat Leed för de Mess zo sperre.
    Op der Inhalt kütt et aan.
    Mer han vürhin gesunge:
    "Nimm mich su wie ich ben,
    einfach su wie ich bin.
    Ich weiß genau, dat ich Fähler han,
    doch anders kann ich nit sin."
    Dat es e Eingeständnis vun Schuld vür Godd un de Minsche.
    Ich finge dat ehrlicher un nöher am Levve als wie:
    "Herr, wir kommen schuldbeladen
    vor dein heilig Angesicht,
    öffne uns den Quell der Gnaden,
    geh mit uns nicht ins Gericht"
    (GL Nr. 900 Kölner Ausgabe).
    Ov denk doch ens an dat Leed vun de Bläck Föss,
    dat em Vürspann en ganze Schöpfungstheologie brängk.
    Wann ich ens för Kölle Maye insetze,
    dann fängk dat Leed esu aan:
    "Als unser Vatter do bovven de Welt gemaht,
    do hätt hä et schönste Fleckche Ääd
    he an de Nette gelaht.
    Dann nohm hä de Mayener an de Hand und saht:
    Dat is jetz üch - et gelobte Land.
    He künnt ihr klüngele, bütze, singe un fiere,
    ävver halt mer all die Saache
    öm Goddeswille en Ihre,
    un maat och nit nur ein Deil dovun kapott,
    denn ihr wisst: ich sin alles;
    und dann nemm ich et üch widder fott!"
    Un dann kütt dat wunderbare Leed:
    "Oh leever Godd, gevv uns Wasser,
    denn ganz Maye hät Doosch,
    oh leever Godd, gevv uns Wasser,
    un helf uns in der Nut!
    Dat Wasser vun Maye es god!"
    Kölsche Leedcher han jet!
    Han ich nit Rääch?

    Dritte Frog:
    Woröm Laache in der Kirch?
    In der Lesung han mer et gehoot:
    "Dot üch alle Dag vun Hätze freue!
    Mer kann et nit off genog sage:
    Dot üch freue!"
    Un woröm freue mer us?
    Weil die Botschaff vum Jesus en Fruhbotschaff es.
    Un üvverhaup:
    Vun Hätze laache künne es en god Gabe Goddes,
    un die bruche mer in der Kirch nit zo versteche.
    Mutzepuckele, die för ze laache en der Keller gonn,
    die künne jetz in de Krypta eravsteige.
    Han ich nit Rääch?

    Und nu denkt noch ens an dat,
    wat ich üch vürgelesse han us der Bibel.
    Alsu die Saach met dem Gelähmte,
    dä durch et Daach an der Jesus eraan kütt.
    Met e bessche Fantasie küss de nämlich üvverall hin.
    Vür Johre han ich in enem Kirchenkabarett
    folgende Satz gehoot:
    "Ne Rollstuhlfahrer kütt eher in der Himmel
    als in en Kirch eren."
    Un dann han all Pastürsch aangefange,
    Rampe för Rollstuhlfahrer ze baue - Pastur Schneider och.
    Dä wor nämlich bang,
    de Lück vum Rude Krütz hätte bei im ähnlich vill Fantasie entwickelt
    wie die Dräger em Evangelium.
    Die Eeschte-Hölp-Rabaue hätte am Eng e Loch en et Daach
    vun der schön Hätz-Jesu-Kirch gemaht,
    för de Rollstuhlfahrer do ganz höösch erav ze looße.
    Als Pastur muss mer fies oppasse,
    dat de Lückcher nit zo vill Fantasie entwickele.
    Dat künnt nämlich de Kirch kapott maache.
    Han ich nit Rääch?

    Ävver mol ganz avgesinn vun däm künstliche Zogang,
    den die Männer vum Rude Krütz do gebaut hatte,
    die Geschichte, öm die et do eigentlich geiht,
    hat zwei Deil:
    einmol die Red vum Sünde vergevve
    un dann die Heilung vun dem Gelähmte.
    Der Markus, also dä dat Evangelium geschrivve hätt,
    muss dat irgendwie zosammegeknüddelt han.
    Woröm? Dat weiß keiner.

    Vun wäge Sünde vergevve.
    Der Jesus dät nit sage und nit froge,
    wat dä Gelähmte en singem Levve all aangestallt hatt.
    Der Häär hätt sich doch eesch schlau maache künne,
    wat hä do för e Kaliber vür sich hatt.
    Wann hä die entscheidende Froge nit em Kopp hatt,
    kunnt hä jo nohluure en enem ahle Gebeddbooch.
    Do steiht et dren:
    Häs do Unschamhaftiges gedonn? Allein oder met andere?
    Un wie off?
    Do hät hä esch jet gewahr weede künne.
    Ävver nix, hä säht einfach: ding Sünde sin dir vergovve.
    Su geiht mer nit met de Schulde vun andere Lück öm.
    Der Jesus kunnt fruh sin,
    dat singe Professor für Moraltheologie nit in der Nöh wor;
    dä hätt däm jet anderes verzallt.
    Moraltheologen sin nämlich Anwälte vun der Geräächtigkeit!
    Un Jesus? Es dä nit gerääch?
    Ja, jo es dä gerääch!
    Ävver dä mäht de Lück nit kapott met singer Geräächtigkeit,
    sonder gitt dene en neu Chance,
    et besser ze maache.
    Han ich nit Rääch?

    Un dat met der Heilung vun däm Gelähmte,
    dat es en Saach för sich.
    Villleich darf mer dat nit ganz esu wörtlich nemme.
    Ich han ens en Prädig gehoot,
    do braht der Pastur folgende Vergleich.
    En Frau deiht morgens ehre Ehemann (dat Altargeschenk) wecke,
    der wie gelähmp in de Feddere lett
    un partu nit opstonn well.
    Op eimol kräht se de Wod
    un dät schreie:
    "Tünnemann opstonn!
    Wer suffe kann, kann och arbeide!"
    Un do kunnt hä opstonn.
    Nä, han ich gedaach: dat is zo banal.
    Un dann han ich hin un her üvverlaht
    un dann hatt ich et:
    Mer muss dat Wunder psychiolonisch verstonn.
    Der Jesus hätt dem ärme Höösch Moot gemaht,
    ob sing eigen Kraff un op Godd ze vertraue.
    Un do hätt et geklapp.
    Un wann mir jetz einer säht,
    er hätt dat nit kapeert,
    dann gläuv ich im dat sugar.
    Denn richtig begriffe han ich dat och nit.
    Mer muss och im Levve nit alles begriefe.
    Han ich nit Rääch?

    Ich hüre jetz op.
    Ehr sid jo doch luuter am laache.
    Wat soll ühre neue Pastur nur vun üch denke?
    Maht dat nur nit bei däm am Äschermeddwoch in der Kirch!
    Ja, jo dürft ehr kumme,
    ävver benemme mööt ehr üch!

    Statt Amen sage ich hügg Tschüß
    und dreimol Maye Mayoh!

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    Mk 2, 27: Der Sabbat es für der Minsch do, nit ömgedriht (Prädig op Kölsch 2017) Wilhelm Weber

    Leev Mädcher un Junge vun Maye!

    Wie schön, dat mer widder all zosamme sin.
    Dat Evangelium, wat ich grad vürgelesse han,
    erinnert mich an der Wahlsproch vun mingem Bischof,
    wie ich noch klein wor.
    Der Wahlsproch dät heiße: "Vita et Pax".
    Op god Kölsch heiß dat:
    "Levve un levve looße."
    Wie et ussüht, hät der Jesus och esu gedaach.
    De Pharisäer, die sich domols pflichgemäß
    övver klein Sabbatschänder opräge däte,
    kommenteet der Jesus mit dem Wood:
    "Der Sabbat es för der Minsch do!"
    Dat es doch en gode Levvensenstellung.
    Han ich nit Rääch?

    Unsere gode Paps Franziskus denk wohl genau esu.
    Hä sök nämlich noh enem Wäg,
    geschiedene Paare neu Perspektive för en neu Ih zo gevve.
    Ävver dat im Momang gültige Kirchenrääch lööt dat nit zo.
    Un so es dat denne kleine wie denne große Phärisäer,
    die et jo hügg en der Kirch zo Basch git, Wasser op de Müll,
    öm der Paps zo kretiseere.
    Zo denne gehööt och der Kölner Ex-Erzbischof Kardinal Meisner
    un e paar andere Kardinäle em Ruhestand:
    alles Besserwisser, die gään en et Fettdöppe tredde.
    Woröm säht der Paps nit einfach:
    "Die Ihr es för der Minsch do. Basta!"
    un lööt en zweite Ih zo?
    Han ich nit Rääsch?

    Dann bröht der Paps de gescheiterte Ih nit für nichtig zo erkläre,
    nä, hä deit se einfach oplöse.
    Künne kann hä dat. Und dat hä dat kenn!
    Immerhin es hä doch der Paps.
    Han ich nit Rääch?

    Un üvverhaup:
    Wat es dat för en Aat,
    e Kirchenmitglied, dat sing Kirchenstüür bezahlt,
    von der Kommunion uszuschleeße,
    nor weil et met de Kirch nit einer Meinung es?
    Wä berapp, hätt och Aansprüch!
    Han ich nit Rääsch?

    God, plausibel wör jo villeich die Regelung:
    Wä kein Kommunion krigge kann,
    bruch och kein Kirchenstüür zo berappe.
    Brudnüdig hät de Kirch de Nüssele jo nit!
    Han ich nit Rääch?

    Wat mich en letzter Zigg bewäg hät:
    Noh dem Terroranschlag om Berliner Weihnachtsmaat
    gov et en der Gedächniskirch ene ökumenische Goddesdeens.
    De Ökumene bestund do nit nor us de Chresteminsche,
    näh, alle andere Religione, die en Berlin vertrodde sin,
    woren ebenfalls dobei.
    En der Nut woren se all noh zosammegeröck.
    Do es mir klor gewoode:
    Der eine Herrgodd es för se all do.
    Han ich nit Rääch?

    Leev Lück, dot god op üch oppasse!
    Blievt gesund un maht üch Freud,
    denn et Levve duurt kein Ewigkeit.
    Mayoh!

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    Mk 6, 7-13: Yes, we can! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Yes, we can - ja, das schaffen wir! Mit diesem Schlachtruf der Zuversicht hat der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama das Vertrauen der Wähler gewonnen. Obama legte in seinen Reden den Finger auf die Wunden der Zeit: Krieg im Irak, Guantanamo, Verletzung der Menschenrechte, soziale Ungerechtigkeiten - und dann: yes, we can change - ja, wir können das ändern!

    An diese Worte musste ich denken, als ich das heutige Evangelium las. Jesus ruft die Zwölf zu sich, sendet sie aus und gibt ihnen Vollmacht, unreine Geister auszutreiben. Diese Vollmacht meint: yes, we can - ja, das schafft ihr! Ihr habt das Zeug, einen neuen Geist in diese Welt zu bringen - wie Jesus es allen voran getan hat. Ihr könnt dem Geist des Immer-mehr-haben-wollens den Geist der Bescheidenheit entgegensetzen. Ihr könnt den zerstörerischen, kriegerischen Geist der Vergeltung mit dem Geist der Barmherzigkeit besiegen. Ja, ihr könnt das - yes, you can change! Unreine Geister sind keine Fabelwesen, sondern falsche, zerstörerische Lebenseinstellungen. Und die kann man ändern, indem man alternativ dazu lebt.

    Die Welt kann man sicher nicht verändern, solange man selber ihrem Geist verbunden bleibt. Darum heißt es ausdrücklich: kein Wanderstab, keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd. Das klingt übertrieben, ist es auch, aber es soll ja auch der etwas Stumpfsinnigere merken, worauf es ankommt. Das persönliche Umdenken ist Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit gegenüber der Welt. Vorleben, Vorbild sein, das überzeugt. Nichts Anderes hat Jesus getan.

    Und siehe da: die Zwölf tun das und machen die Erfahrung: Yes, we can! Sie treiben Dämonen aus, d.h. sie tragen in ihre Umgebung einen neuen Geist, der Schule macht, und bringen vielen Kranken Heilung und Linderung ihrer Leiden. Wer sich auf das Abenteuer der Sendung Jesu einlässt, macht unglaubliche Erfahrungen - auch heute noch.

    Ich bin davon überzeugt, dass es immer wieder Menschen geben wird, die sich senden lassen wie die Zwölf im Evangelium, die an ihre Vollmacht zur Geisteserneuerung der Welt glauben und die sich mit leichtem Gepäck auf den Weg machen. Es sind nicht nur zu Geistlichen geweihte Männer, sondern genau so wahrhaft geistliche Frauen. Und diese geistlichen Männer und Frauen rekrutieren sich nicht nur aus der römisch-katholischen Kirche oder den anderen christlichen Konfessionen, sondern überall da, wo im Einzelfall Berufung und Sendung durch Gott ernst genommen werden. Der Einfluss der etablierten Kirchen schwindet stetig. Zu groß ist der Ballast, den sie mit sich herumschleppen und der sie daran hindert, ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden. Es fehlt das Charisma, das den Menschen wieder Mut und Zuversicht vermittelt: Yes, we can change!

    Amen

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    Mk 6,30-34: Das Menschenbild Jesu Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Es ist eigenartig und einzigartig: in jedem katholischen Gottesdienst wird ein mehr oder weniger kurzer Text aus einem Evangelium herausgetrennt, also aus dem größeren Zusammenhang gerissen, und dann soll er durch die Predigt zur Weisung werden für die Gemeinde. Das kann riskant sein, weil Sätze, die aus dem Kontext herausgetrennt werden, missverstanden werden können.

    1. Der zerstückelte Text
    So ist es auch mit dem heutigen Evangelientext. Er ist in dieser Kürze aussageschwach und missverständlich. Die Sammlung der Apostel, wozu Jesus einlädt, kommt nicht zustande. Schuld daran sind die Leute: ihr Kommen, ihre Gehen, ihr Nachlaufen. Das stört die Ruhe. Und so mag sich der gestresste Seelsorger in diesem Text wieder finden, dass ihm innere Sammlung und notwendiges Ausruhen versagt bleiben. Das führt schnell zum Lecken der eigenen Wunden, zum Selbstbedauern. - Allerdings gibt es zwischen damals und heute einen kleinen Unterschied: wie die Menschen damals Jesus und seinen Aposteln nachliefen, so laufen sie heute vor deren Nachfolgern weg. Die Situation hat sich grundlegend geändert.

    "Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben", heißt es am Ende des heutigen Abschnitts. Und dann folgt im Markusevangelium die Erzählung von der wunderbaren Brotvermehrung, die leider nicht mehr vorgelesen wird. So ist der heutige Kurztext nur die Einleitung zur Brotvermehrung. Und damit verbietet sich jede Überinterpretation.

    2. Das Menschenbild Jesu
    Das Bild von den Schafen und dem Hirten als Vergleich für Gemeinde und Seelsorger lässt den Verdacht aufkommen, als würde hier einem Anhängigkeitsverhältnis das Wort geredet. Vor allem wenn man das Wunder der Brotvermehrung als wirkliches Geschehen ansieht - also als hätte Jesus auf geheimnisvolle (eben wunder-bare) Weise viele Brote und Fische herbeigeschafft, wären die Merkmale der Abhängigkeit offensichtlich: also Jesus gibt und die Menschen nehmen. Aber das wird ja ganz anders erzählt. Jesus fragt: wie viel Brot habt ihr? Und mit ihr meint er nicht nur die Apostel, sondern alle hungrigen Menschen, die da vor ihm stehen. Er motiviert alle zum Teilen dessen, was da ist - und siehe: es reicht für alle und noch für viel mehr. Das ist das Wunder: die Liebe, die teilt, was da ist.

    Dahinter steckt ein ungeheuer modernes, geradezu emanzipatorisches Menschenbild. Was du von anderen - etwa von Gott - erwartest, nimm selber in die Hand, such dir Verbündete und dann löse das Problem! Und du wirst sehen, es geht. Denn darin liegt der Segen Gottes, wahrlich ein Wunder!

    3. Das Menschenbild der Kirche
    Ich sagte vorhin: wie die Menschen damals Jesus und seinen Aposteln nachliefen, so laufen sie heute vor deren Nachfolgern weg. Wie kommt das? Es hängt ganz sicher mit dem Menschenbild zusammen, das die Kirche vertritt. Es ist ein Menschenbild der Abhängigkeit, und das nimmt der moderne Mensch nicht mehr hin.

    Allein schon die hierarchische Struktur der Kirche degradiert den Laien zum Konsumenten, der allenfalls Weltdienst tun darf, aber kein echtes Dienstamt in der Kirche übernehmen darf. Und wer als Frau geboren wurde, hat in der Kirche keine Chance. Hierarchische Strukturen sind Machtstrukturen und zutiefst menschenfeindlich. Zur Verneigung vor diesen Strukturen oder wenigstens zu deren Akzeptanz ist der moderne Mensch immer weniger bereit. Kein Wunder, dass die Menschen sich von der Kirche entfernen. Aller oberhirtlicher Jammer über Glaubensschwund und Gottvergessenheit, wie man ihn bei Priesterweihen, Altarweihen und anderen Gelegenheiten hören kann, übersieht den eigenen Anteil am Problem.

    Der Jesuitenpater Rupert Lay hat 1995 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: Nachkirchliches Christentum - Der lebende Jesus und die sterbende Kirche. Darin legt er dar, dass mit dem Sterben der Kirche das Christentum keineswegs von der Bildfläche verschwindet. Er sagt: "Es mag sein, dass einmal das Christentum zurückkehrt in die Kirchen, aber das werden dann andere Kirchen sein" (S. 62)

    Ich bin mir darüber im Klaren, dass meine Predigt mal wieder Diskussionen auslöst. Aber eine Predigt, über die man nicht spricht, wäre keine gute Predigt.

    Amen

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    Mk 6,34: Schafe ohne Hirt Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der letzte Satz des Evangeliums hat sich in meinen Gedanken fest gekrallt: "Als Jesus ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." Drei Gedanken möchte ich an diesen Vers anschließen - kritische Gedanken gegen das Schönreden der gegenwärtigen Kirchenkrise.

    1. Zur Problematik des Bildes von Hirt und Herde
    Wir wissen, was gemeint ist, wenn Jesus von Hirt und Herde spricht. Er greift ein alttestamentliches Bild aus der Viehzüchter-Kultur auf, um die liebevolle Sorge Gottes für sein Volk auszudrücken. Längst haben wir uns daran gewöhnt, Jesus als den guten Hirten zu sehen (er selbst hat sich ja so bezeichnet), der die seinen kennt oder sein Leben für sie hingibt. Und in einem abgeleiteten Sinn ist der Priester der Hirt seiner Gemeinde - deshalb nennt man ihn ja auch Pastor, d.h. Hirte.

    Das Bild genießt heute jedoch nicht mehr die eindeutig positive Zustimmung der Gläubigen wie zur Zeit Jesu. Es ist ein patriarchalisches Bild, wo einer der Sorgende ist und alle Anderen die Versorgten sind. So hat man früher in der Religion und im Gemeinwesen gedacht. Heute sind wir uns in Kirche und Gesellschaft bewusst, dass ein jeder Sorgerechte und Sorgepflichten hat und damit nicht nur Versorgungsempfänger ist - es sei denn im Alter. Trotzdem ist das Bild von Hirt und Herde immer noch positiv besetzt. Aber man muss es weiterentwickeln, wie sich die gesellschaftlichen Strukturen ja auch weiter entwickelt haben. Und auch die Theologie darf da nicht unbeweglich am Alten festhalten, sondern muss die Verantwortung, die früher der Eine (Pastor z.B.) hatte, heute auf viele ausdehnen. Konkret heißt das etwa: die Kirchengemeinde mit dem Pastor an der Spitze muss sich wandeln von der versorgten zur mitsorgenden Gemeinde. Die Gläubigen in den Kirchengemeinden haben das längst begriffen und praktizieren ja auch diese Mitverantwortung in den zugestandenen Grenzen. Wer das noch nicht begriffen hat, sind die Bischöfe. Sie billigen den sog. Laien nicht zu, dass sie in der Seelsorge und Gemeindeleitung wirklich verantwortlich mitentscheiden. Für die Kirchenleitungen sind die Laien immer noch dumme Schafe.

    2. Gemeinden ohne Hirten
    "Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." So stellen sich heute im gesamten europäischen Raum die Kirchengemeinden dar. Der Priestermangel ist enorm, und er wird sich in den nächsten Jahren rasant verstärken. Dabei ist der Mangel ein hausgemachtes Problem. Verstehen Sie, warum ein verheirateter Mann für das Priesteramt ungeeignet sein soll? Jesus hat solche Forderungen nicht gestellt. Petrus, nach unserem Verständnis der erste Papst, war verheiratet, als Jesus ihn berief. Jesus hat nämlich seine Schwiegermutter geheilt - wie die Bibel berichtet. Oder warum sollten Frauen, nur weil sie Frauen sind, für das Priesteramt disqualifiziert sein? Solange unsere Kirche unfähig ist, ihre eigenen Strukturen weiter zu entwickeln, wird es mit ihr bergab gehen. "Als Jesus & .die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." Hätten doch auch unsere Bischöfe Mitleid mit den Gemeinden, die keinen Pastor mehr haben!

    Das Ziel ist nicht, die Kleriker-zentrierte Kirche, wie sie vor fünfzig Jahren war, wieder herzustellen. Ziel muss sein, die Laien mit voller Verantwortung mit einzubinden. Trotzdem brauchen wir mehr Priester, um den Beruf attraktiv zu erhalten. Denn was einem Pfarrer heute aufgebürdet wird, ist abschreckend für junge Leute, die vielleicht Freude daran hätten, wirklich Seelsorger zu sein. Und den Priestermangel als Willen Gottes schön zu reden, wie es mittlerweile üblich ist, halte ich für gotteslästerlich.

    3. Gemeinden ohne Schafe
    Es heißt im Evangelium: "Die Leute liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin (wo Jesus und die Zwölf mit dem Schiff hinfuhren) und kamen noch vor ihnen an." Das ist nicht mehr unsere Situation. Die Leute rennen nicht mehr in diesen Scharen zur Kirche, sondern eher das Gegenteil ist der Fall: sie laufen der Kirche davon. Warum? Das hat viele Gründe, die ich hier gar nicht in der Kürze einer Predigt aufzeigen kann. Aber eines ist klar: wir brauchen heute eine nachgehende Seelsorge; eine Seelsorge, die dem Einzelnen nachgeht, um ihn ins Boot zurück zu holen. Das ist nicht einfach. Denn wer einmal gegangen ist, hat sich mit dem Thema Glauben und Kirche mehr auseinander gesetzt als der Pastor oder Gemeindeleiter mit der Frage, warum da wohl einer gegangen ist.

    Keine bequemen Gedanken habe ich da geäußert. Ist auch nicht meine Art. Eine Predigt, die man vergessen hat, wenn man die Kirche verlässt, hätte man sich auch sparen können. Jesus war radikaler. Das machte seine Glaubwürdigkeit aus.

    Amen

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    Mk 7,1-8.14-15.21-23: Tut, was Gott will; und nicht, was Menschen wollen Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium enthält Sprengstoff. Da sind auf der einen Seite die Pharisäer und Schriftgelehrten: fromme und gottesfürchtige Leute, die alles richtig machen wollen. Sie halten sich an die überlieferten Vorschriften. Ihr Gehorsam gegenüber dem Gesetz und den Überlieferungen der Väter durchdringt den Alltag bis hin zum Waschen der Hände vor dem Essen und dem Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Konventionen geben Sicherheit. Sie sind vernünftig, und darum muss sich jeder daran halten.

    Auf der anderen Seite stehen die Jünger Jesu. Sie kümmern sich nicht um die Überlieferungen der Alten und geben damit Ärgernis. Ausgerechnet auf ihrer Seite steht Jesus. Das Brotessen mit ungewaschenen Fingern - welch ein wichtiges Ereignis! - nimmt Jesus zum Anlass, den Pharisäern und auch den Jüngern klar zu machen, worauf es im Leben ankommt und worauf nicht. Es kommt darauf an, dass das Herz bei Gott ist und nicht, dass man allen Firlefanz im Namen Gottes für wichtig hält. Menschensatzungen, also Gesetze von Menschen, sind absolut unwichtig gegenüber dem, was Gott will. Und der Wille Gottes definiert sich immer als die größere Liebe. Im Namen dieser größeren Liebe verlieren nicht nur so belanglose Reinheitsvorschriften ihre Bedeutung, sondern ganze Gebote, die wir als Kinder als die heiligen 10 Gebote auswendig gelernt haben. So kann Jesus sagen: der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat (2,27f.). Der Menschensohn ist nicht Jesus allein, sondern jedes Menschen Kind.

    Interessant: der heute vorgelesene Text ist zusammengestückelt. Herausgefallen ist ein konkretes Beispiel, das Jesus zum Grundsätzlichen sagt. Jesus spricht: Mose hat euch geboten, Vater und Mutter zu ehren, d. h. für sie zu sorgen und sie im Alter zu pflegen. Ihr aber macht ein Korban-Gelübde, d. i. ein Opfer-Gelübde für den Tempel, das euch davon entbindet, für eure Eltern aufzukommen. So entzieht ihr euch unter dem Schein der Frömmigkeit der Verantwortung für und der Liebe zu den Eltern. Das nennt man Schein-Heiligkeit.

    Und wenn Sie jetzt glauben, das wäre alles nur längst überholter Bibelverzäll, dann will ich Ihnen zwei Beispiele aus unseren Tagen bringen, wie unter dem Schein der Heiligkeit die Liebe zu den Menschen auf der Strecke bleibt. Kronzeuge dafür ist kein geringerer als der derzeitige Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert mit seiner mutigen Rede zum 850jährigen Jubiläum der Weihe der Abtei-Kirche in Maria Laach.

    Der engagierte Katholik Lammert sagte, die Autorität der Kirche hänge auch davon ab, die Zeichen der Zeit zu erforschen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten. Dazu gehörten ganz wesentlich die Bereitschaft und Fähigkeit, Neues wahrzunehmen und zuzulassen. So sei die Kirchenspaltung im Lichte der Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft ein schwer erträgliches Ärgernis. Angesichts dieser Herausforderungen seien die konfessionellen Trennungen nicht mehr zu rechtfertigen. - Das sind deutliche Worte an hochrangige Kirchenvertreter, die ihre Menschensatzungen hoch halten und damit die konfessionellen Trennungen verewigen.

    Das zweite Beispiel stammt aus ebendieser Rede. Es spricht den Ausstieg der katholischen Kirche aus der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung an. "Das habe ich für einen schweren Fehler gehalten", sagte Lammert. Ganz unabhängig davon, ob man diese Entscheidung für begründet oder unbegründet halte, habe sie ein Vakuum entstehen lassen, das dringend gefüllt werden müsse. Ungeborene Kinder könne man nicht ohne ihre Mütter schützen, schon gar nicht gegen sie. - Soweit die Rede des Bundestagspräsidenten. Ich darf rückblickend ergänzen, alle Bischöfe, zuletzt auch der Bischof von Limburg, haben sich dem römischen Diktat gebeugt. Daraufhin hat sich eine Initiative katholischer Laien gebildet, die die gesetzlich vorgeschriebene Beratung unter dem Namen Donum Vitae weiterführt. Wie neulich verlautete, sollen nun katholische Mitarbeiter, die in diesen Einrichtungen tätig sind, von allen kirchlichen Ehrenämtern ausgeschlossen werden. Es dürfe nicht der Schein entstehen, dass die Kirche in irgendeiner Form an Abtreibungen mitwirke. So bewahrt man wenigstens die Schein-Heiligkeit. Doch die Schwangeren, die in einer Konfliktsituation sind, brauchen für ihr Entscheidung Hilfe.

    Ein Wort zum Schluss: meine Predigten bringen mir gelegentlich Widerspruch ein. Ich bitte sogar darum, solange damit eine echte Dialogbereitschaft verbunden ist. Ich fühle mich dem Evangelium noch mehr verpflichtet als meinen kirchlichen Vorgesetzten.

    Amen

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    Mk 7,31-37: Effata! Öffne dich! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Wunder zu erzählen, war schon immer eine Lust gläubiger Menschen. In den Evangelien bilden die Wundergeschichten sogar eine eigene literarische Gattung. Sie wollen nicht Protokoll eines übernatürlichen Geschehens sein, sondern sie sind eine Art zu erzählen, wie Jesus mit seiner Liebe die Welt und die Menschen verändert hat.

    Wenn Sie gestatten, erzähle ich das Wunder noch einmal nach, aber mit kleinen Anmerkungen und Hinweisen auf Kleinigkeiten, die man sonst so leicht übersieht. Also denn.

    Der Taubstumme kommt nicht aus eigener Initiative zu Jesus, sondern "man" bringt ihn. Diese mangelnde Eigeninitiative scheint sein Problem zu sein. Jesus - so wird erzählt - soll ihn nur berühren, von einem Wunsch nach Heilung ist nicht die Rede. Jesus nimmt den Taubstummen beiseite von der Menge weg. Denn was jetzt geschieht, will Jesus nicht als Öffentlichkeitsarbeit für seine messianische Sendung verstanden wissen. In Wirklichkeit hat sich Jesus nach dem Markusevangelium selber auch gar nicht als der Messias gewusst. Dann legt Jesus die Finger in die Ohren des Taubstummen und berührt dessen Zunge mit Speichel. Das ist ein deutlicher Zeigegestus, worum es hier geht: um Hören und Sprechen. Dann blickt Jesus zum Himmel auf und seufzt. Das ist eine Form nonverbaler Kommunikation mit dem himmlischen Vater. Diese Nähe zum Vater wird in den Evangelien häufig erwähnt. Es folgt das entscheidende Wort: Effata! Öffne dich! Der Taubstumme selber soll sich öffnen, und zwar die vorher durch Fingerzeig deutlich bezeichneten Organe: Ohren und Zunge. Jesus heilt nicht einfach, sondern fordert den Taubstummen zur Eigeninitiative auf. Man beachte das Menschenbild, das Jesus in diesem Wunder (wieder einmal) zu erkennen gibt. Der Taubstumme kommt sogleich der Aufforderung nach und ist anschließend ein kommunikationsfähiger Mensch, der hören und sprechen kann. Übrigens sind Hören und Sprechen die beiden entscheidenden Komponenten für jeden Dialog. - Soweit die Erzählung.

    Dass es auch heute Menschen gibt, die kommunikationsunfähig sind oder auch kommunikationsunwillig, das kennen wir aus eigener Erfahrung; oder auf den Dialog bezogen heißt das: es gibt Menschen, die können nicht zuhören und mit denen kann man nicht reden. Manchmal sind darunter Frauen und Männer mit einem hohen Bildungsniveau, die jedoch im wahrsten Sinne des Wortes kommunikationsunfähig sind. Die Erzählung zeigt, dass sie das selber ändern können. Sie bedürfen manchmal nur der geduldigen Ermutigung zu dieser Eigeninitiative.

    Diese Wundererzählung ruft uns so manche Sprachlosigkeit - etwa zwischen Eheleuten - in Erinnerung, wo man einander nicht zuhört oder vielleicht gar nicht miteinander redet. An der Dialogunfähigkeit scheitert so manche Ehe. Aber dieselben Schwierigkeiten bestehen oft auch zwischen Eltern und Kindern. Man kann oder man will nicht aufeinander hören und miteinander reden. Es ist paradox, dass im Zeitalter der Massenmedien und elektronischen Kommunikationsmittel die persönliche Dialogfähigkeit eher ab- denn zugenommen hat.

    Übrigens: auch die Kirche leidet unter dieser Gehörlosigkeit. Sie sehen es im Fernsehen: der Papst in Bayern. Er hält pausenlos gescheite und geschliffene Reden. Aber ob er am Ende auch mitbekommt, was die Menschen hier bewegt?

    Amen

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    Mk 8,27-35: Für wen haltet ihr mich? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Markusevangelium ist jesuanisches Urgestein, d.h. im Markusevangelium kann man den geschichtlichen Jesus am besten wieder erkennen; denn es ist das älteste von allen Evangelien. Hier kann man noch herausfinden, wie Jesus über sich selber gedacht und wie er sich selber verstanden hat. Und gleichzeitig gibt es Spuren, wie die Menschen ihn in vielen Dingen missverstanden haben und ihn am liebsten ihren Bedürfnissen angepasst und auf den Sockel der Verehrung gehoben hätten. So im heutigen Evangelientext. - Konkret:

    Jesus fragt: Für wen halten mich die Menschen? Und dann kommt als Antwort: für Elija oder sonst einen Profeten, vielleicht für Johannes den Täufer. Jesus sagt darauf nichts. Stattdessen stellt er die Frage an die Jünger: Für wen haltet ihr mich? Petrus antwortet stellvertretend für alle übrigen: Du bist der Messias, d.h. der Christus, der Gesalbte. Wir halten das immer für eine gute Antwort, ist es aber nicht. Denn Messias war damals ein politischer Begriff. Als Messias erwartete man einen politisch mächtigen Heilbringer, der Israel von der Herrschaft der Römer befreien würde. In solchen Begriffen über ihn zu reden, verbittet sich Jesus ausdrücklich. "Er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen." Messias ist nicht das, was Jesus sein will und sein soll. Petrus bekommt Redeverbot, wenn er so über Jesus sprechen sollte.

    Es folgt die Leidensweissagung. Wieder ist Petrus es, der einen Rüffel bekommt; denn er möchte auf gar keinen Fall, dass sein Messias Jesus leiden soll. Die Zurechtweisung durch Jesus kann nicht schlimmer ausfallen: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen."

    Was wollen denn die Menschen? Sie wollen - so lehrt uns dann die Dogmengeschichte -, einen Messias-Jesus auf einem hohen Thron. Sie wollen einen über alle anderen erhöhten Christus, einen Sohn Gottes, der verherrlicht ist, zur Rechten Gottes sitzt und herrscht. Und so machen sich die Menschen Schritt für Schritt einen Erlöser-Messias nach ihrem Gustus - und vergessen total, was im Markusevangelium steht. Und in dem Augenblick, wo dieser Erlöser-Messias auch noch einen unfehlbaren Stellvertreter auf Erden bekommt, der sich im Papamobil bejubeln und beklatschen lässt, ist der Jesus des Markusevangeliums nur noch schwerlich wieder zu erkennen.

    Sie werden sagen, dass Jesus in den anderen Evangelien und vor allem bei Paulus durchaus als Sohn Gottes mit den bekannten Hoheitstiteln geschildert wird, und das stimmt sogar. Es ist also im Neuen Testament selber schon ein schöpferischer Umgang mit der Jesus-Überlieferung zu erkennen. Grundsätzlich hat die Kirche das für legitim anerkannt, als sie nämlich so unterschiedliche Schriften im einen Kanon des Neuen Testaments als verbindliche Glaubensgrundlage festlegte. Doch hat das Markusevangelium, das zeitlich das erste ist, eine sehr einfache und menschliche Sicht von Jesus, die weitgehend frei ist von Überhöhungen und Vergöttlichungen der Person Jesu. Im Markus-Jahr - wir lesen dieses Jahr das Markusevangelium - muss es erlaubt sein, auf diese Unterschiede im Jesus-Zeugnis der Bibel aufmerksam zu machen.

    Was bedeutet das für uns heute? Es bedeutet, dass wir erst einmal zur Kenntnis nehmen müssen, dass es schon in der Bibel unterschiedliche Jesus-Bilder und Jesus-Interpretationen gibt. Sie widersprechen sich zum Teil. Es bedeutet weiterhin, dass auch heute Jesus in unsere Zeit hinein interpretiert werden muss. Ob man das nun in Großveranstaltungen nach Art von Open-Air-Rock-Konzerten macht oder im weniger spektakulären Friedensdienst über die Grenzen von Konfessionen und Religionen hinaus, das ist letztlich eine kirchenpolitische Entscheidung. Ich persönlich bin der spektakulären Darstellung der Kirchenstrukturen weniger zugetan. Ich halte es da mehr mit dem Evangelisten Markus, der als Jesus-Wort überliefert: "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben..." (10,43b-45).

    Amen

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    Mk 9,2-10: Verklärung Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die Verklärung Jesu wird in den ersten drei Evangelien erzählt, und zwar immer in engem Zusammenhang mit der ersten Leidensweissagung Jesu. Der Sinn ist folgender: In einer Vision, die alle überwältigt und beglückt und die zum Verweilen einlädt (zum Hüttenbauen), soll die endzeitliche Herrlichkeit für einen Augenblick aufleuchten. Leiden und Tod Jesu sind die dunkle Seite, der die Auferstehung und Verherrlichung als Ende und Ziel des Lebensweges Jesu gegenüberstehen. Insofern hat die Verklärung Ähnlichkeit mit den nachösterlichen Erscheinungen des Auferstandenen. Die Verklärung ist gewissermaßen ein Augenblick des Trostes, der den Kreuzweg Jesu zwar nicht verstehen, so doch bestehen hilft.

    Es gibt solche Augenblicke der Verklärung immer wieder. Ich habe das erlebt und ähnlich empfunden, als Papst Johannes XXIII. Ganz plötzlich und ohne große Vorankündigung ein allgemeines Konzil ankündigte. Was keiner mehr für möglich gehalten hatte, dass nämlich die Bischöfe aus der ganzen Welt mit theologischen Beratern nach Rom eingeladen würden, um gemeinsam den künftigen Kurs der Kirche zu bestimmen, das war auf einmal Wirklichkeit. Ich war zu der Zeit Student der Theologie und habe die unglaubliche Euphorie miterlebt, die damals die Kirche und die ganze Welt beflügelte. Es war eine Lust, katholisch zu sein. Jeden Tag hörten wir am Rundfunk die Konzilsberichte, freuten uns, wenn wieder einmal verkrustete Strukturen aufgebrochen und überholte Maßnahmen wie Index, Freitagsgebot und dgl. aufgegeben wurden. Es ging ein Hauch von Freiheit durch die Kirche. Und alle freuten sich auf die neu angestoßene Liturgiereform. Besonders stolz waren wir Kölner auf unseren Bischof Kardinal Frings. Obwohl er in seiner Heimatdiözese als sehr konservativ galt, entpuppte er sich auf dem Konzil als eine der fortschrittlichsten Persönlichkeiten überhaupt. Küng und Ratzinger gehörten zu seinen Beratern. Es war eine Zeit, in der man hätte verweilen mögen, wahrlich eine Zeit der Verklärung. - Aber der Fortgang dieser Verklärung war dann ähnlich wie in der Bibel beschrieben. "Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus." Die konziliare Euphorie ist längst verflogen, die gewährten Freiheiten sind längst wieder eingesammelt von verängstigten Bischöfen. Der kirchliche Alltag ist wieder dunkel geworden. Manchmal herrscht Untergangsstimmung. Aber es muss wohl gelegentlich solche Erlebnisse der Hochstimmung geben, damit man die dunklen Zeiten bestehen kann.

    Manche halten auch den Weltjugendtag, der im vergangenen Jahr in Köln stattfand, für ein solches Verklärungserlebnis. Für die teilnehmenden Jugendlichen mag das so gewesen sein. Vor allem haben sie ein starkes innerkirchliches Wir-Gefühl entwickelt. Es war ein Phänomen, wie wir es ein Jahr später bei der Fußballweltmeisterschaft auf säkularer Ebene erlebt haben. Und immer werden an solche Ereignisse Hoffnungen geknüpft, die sich nicht erfüllen. Weder hat es nach dem Weltjugendtag in der Kirche einen Neuaufbruch gegeben, noch hat die Fußballweltmeisterschaft Deutschland verändert. Beim Weltjugendtag war ohnehin kein geistiger Neuanfang geplant, die katholische Jugend der Welt sollte vielmehr auf das Bestehende eingeschworen werden. Und das passt nun mal überhaupt nicht zur Jugend.

    Trotzdem brauchen wir in der Kirche wie in der Gesellschaft Sternstunden der Euphorie, Erlebnisse der Verklärung. Sie sind wichtig, damit der lichtlose Alltag ertragen werden kann und die Hoffnung auf das, was wir religiös Auferstehung nennen, nicht stirbt. Doch sollten wir nicht vergessen: Verklärungserlebnisse sind nicht von Dauer. Schon in der Bibel ist es nicht zum Bau der Hütten gekommen.

    Amen

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    Mk 9,38-41: Denkt positiv! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Ein wunderschönes Wort, das uns da von Jesus überliefert ist. "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Was ist der Hintergrund?

    Johannes, einer der Zwölf, ein Apostel also, der Sohn des Zebedäus und Bruder von Jakobus dem Älteren - er regt sich im Angesicht Jesu auf und hofft, Recht zu bekommen. Er hat nämlich gesehen, wie jemand im Namen Jesu Dämonen austrieb. Aber weil er uns nicht nachfolgt, hat Johannes versucht, ihn daran zu hindern. Dafür erwartet Johannes eine Belobigung. Uns, das sind die Apostel mit Jesus, vor allem aber ist es Johannes, der die Gruppe sauber halten will. Ein Fremdling, der sich untersteht, im Namen Jesu Gutes zu tun, hat kein Recht dazu, wenn er sich nicht zuvor der Jüngerschaft anschließt. Johannes empfindet solches Handeln jedenfalls als Skandal. - Jesus nicht. Er sagt: "Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Ähnlich berichtet auch Lukas den Vorfall, nur mit einer winzigen Änderung. Jesus sagt: "Hindert ihn nicht; denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch" (Lk 9,50). Dieser kleine Unterschied macht deutlich, worum es eigentlich geht: nämlich um die Eifersucht der Jünger. Es geht ihnen nicht in erster Linie darum, dass Menschen geholfen wird, sondern dass eine bestimmte Ordnung eingehalten wird. Wer im Namen Jesu Gutes tut, muss auch zum Jüngerkreis gehören; sonst ist das eben nicht in Ordnung.

    Wenn man das liest, meint man darin erstes ökumenisches Gerangel wahrzunehmen. Ihr gehört nicht zu uns, darum gehört euch Jesus nicht! Basta! Wie wohltuend ist dagegen die Großherzigkeit Jesu: "Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Jesus denkt positiv.

    Wäre das nicht ein toller Ansatz für neues ökumenisches Denken? Ist es nicht wichtiger und eigentlich nicht sogar das Wesentliche, Gutes zu tun im Namen Jesu, als zuerst mit den Jüngern im Gleichschritt zu gehen? Jesus gibt der mimosenhaften Gruppeneifersucht keine Chance - Nebenbei bemerkt: hätte Papst Benedikt in seinen Äußerungen über den Islam diese Haltung Jesu als Grundhaltung des Christentums erkennen lassen, hätte er Lob geerntet statt Protest. Zumal im Evangelientext anschließend der kleine Liebesdienst, dem Bruder einen Becher Wasser zu reichen, nicht ohne Lohn bleiben wird.

    Was so einfach aussieht, ist indes doch nicht so einfach. Denn ein anderer Evangelist, Matthäus nämlich, überliefert das Jesus-Wort im genau entgegen gesetzten Sinn. Da heißt es: "Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Mt 12,30).

    Es ist unwahrscheinlich, dass Jesus sich selbst so widersprochen hätte. Daher stellt sich die Frage, welche Version denn wirklich Jesu Wort ist. Es gibt gute Gründe, das Markus-Wort als ursprünglich anzunehmen. Matthäus hat sich da offensichtlich im Eifer des Gefechts verrannt. Aber immerhin steht auch dieses Wort in der Bibel. Und so können alle späteren Generationen sich auf die eine oder andere Formulierung berufen und somit eigene Engstirnigkeit oder Großzügigkeit mit Jesu Wort rechtfertigen. Damit wird eigentlich deutlich, dass die Autorität der Bibel auch Grenzen hat. Man kann die Bibel nicht lesen, ohne das eigene Herz und den eigenen gesunden Menschenverstand zu Wort kommen zu lassen. Im Zweifelsfall ist immer die barmherzigere, die wohlwollendere, die menschlichere, die aus der Liebe geborene Einstellung die christlichere. Denn die Bibel ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

    Amen

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    Mk 10, 17-27: Das Kamel und das Nadelöhr Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, gehört zu den bekannteren Texten des Neuen Testaments. Warum? Weil es absurd ist, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht. Absurde Sprüche und Bilder bleiben eben eher im Gedächtnis hängen als etwa die einfache moralische Regel, dass der Reiche bitte schön mit dem Armen teilen möge. Was Jesus da betreibt, ist reine Satire. Er kontrastiert die so edel klingende Frage des reichen Jünglings mit dessen Geldgier, vor der dieser kapituliert. Der Fragesteller gibt sich religiös ausgesprochen gebildet, weil er alle Gebote kennt, die man kennen muss, um in den Himmel zu kommen - mehr noch: er hat alle Gebote sogar gehalten. Das hat man ja selten. Doch Jesus weiß, wie weit der reiche Jüngling noch vom Wesentlichen, was Religion will, entfernt ist. Er soll sein Herz nicht an den Reichtum hängen, sondern sich davon trennen können zugunsten der Armen; das ist es, was Jesus ihm ans Herz legt. Und das schockiert nicht nur den reichen jungen Mann, sondern selbst die Jünger. Die sagen später zu Jesus: "Das ist doch unmöglich." Und die Kirchengeschichte liefert den Beweis, dass das tatsächlich unmöglich ist - zumindest für die meisten Christen. Und da gibt selbst der Klerus bis in höchste Ämter kein nachahmenswertes Beispiel. Mir fällt da spontan ein der Name des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst. Sein Lebensstil, seine Immobiliengeschäfte und seine luxuriöse Restaurierung und Erweiterung der bischöflichen Residenz haben just in den letzten Monaten in der Presse viele negative Schlagzeilen hervorgebracht. - Und Jesus gibt zu: so sind die Menschen. Aber wenn sie wirklich auf der Seite Gottes stehen, muss das nicht so sein.

    In diesem Zusammenhang kann ich nicht verschweigen, dass schon in vorkonziliarer Zeit in Südamerika ein gewaltiger pastoraler und theologischer Aufbruch stattgefundet hatte. Die sog. Befreiungstheologie verstand die Kirche, insbesondere die Laien, als Volk Gottes, als mündige Menschen, die um ihre Befreiung aus jeglicher Bevormundung und Unterdrückung kämpften. Mit ihren geistlichen Führern einschließlich der Bischöfe verstand sich die die südamerikanische Kirche als Kirche der Armen. Eine großartige Bewegung! Doch die Idee dieser Bewegung wurde auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gar nicht zur Kenntnis genommen; im Gegenteil: man sah mit Argwohn auf dieses neue Kirchenverständnis und witterte Revolution. Jahrzehnte später hat der Vorsitzende der Glaubenskongregation Kardinal Josef Ratzinger viele führende Theologen dieser Bewegung kaltgestellt, ihre Bischöfe abgelöst und die Befreiungstheologie insgesamt verurteilt. Der Kirche der Armen hat man keine Chance gegeben. Ob sich Papst Benedikt noch daran erinnert?

    Mit dem absurden Bild vom Kamel, das nicht durchs Nadelöhr passt, hat Jesus sehr realistisch ausgedrückt, dass, wer immer am Geld hängt, nicht fürs Reich Gottes taugt. Rabbi Mosche Löb hat das mal so auf den Punkt gebracht: "Wie leicht ist es für einen armen Menschen, sich auf Gott zu verlassen - worauf sonst könnte er sich verlassen? Und wie schwer ist es für einen reichen Mann, sich auf Gott zu verlassen - denn alle seine Güter rufen ihm zu: Verlass dich auf mich!". Die Kirche heute hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, und das liegt nicht nur bei den einfachen Gläubigen und bei den Gemeinden, sondern vor allem ist es ein Problem der Kirchenleiter. Wir müssen den Reichtum der Armut wieder entdecken, wie etwa Franziskus in seiner Zeit und nach ihm viele Andere auch. Denn "mehr als der Reiche dem Armen, gibt der Arme dem Reichen. Und mehr als der Arme den Reichen braucht, braucht der Reiche den Armen." Dieses tiefsinnige Wort wird Rabbi Schmelke zugeschrieben.

    Noch eine letzte Bemerkung: Ich war in meiner früheren Laufbahn mal drei Jahre Pastor an einer Laurentiuskirche in Wuppertal. Da hat mich am Patrozinium (10. August) immer die Legende beeindruckt, die sich um Laurentius, einem Diakon der Kirche in 3. Jahrhundert in Rom rankt. Der war für die Armen der Stadt Rom wie für die päpstlichen Finanzen zuständig. Zu der Zeit verfolgte der römische Kaiser Valerian die Christen. Er nahm Papst Sixtus II. gefangen und ließ ihn enthaupten. Dann sollte Laurentius dem Kaiser die Kirchenschätze zeigen und aushändigen. Laurentius erbat sich drei Tage Bedenkzeit. Dann werde er dem Kaiser die Schätze zeigen. Doch in diesen drei Tagen verteilte Laurentius heimlich das Kirchenvermögen an die Ärmsten der Armen in der Stadt. Dann rief er die Armen zusammen und präsentierte sie dem Kaiser mit den Worten: "Siehe, diese Armen sind die eigentlichen Schätze der Kirche." - Klar, dass Kaiser Valerian sich von Laurentius getäuscht und vera..... fühlte, weshalb er ihn auf einem glühenden Rost zu Tode quälen ließ. Gut, es ist "nur" eine Legende, aber ein eindrücklicher Hinweis darauf, was man mit Geld alles tun kann. Ich darf noch einmal betonen: Laurentius hat das Geld nicht der Kirche gegeben, sondern das Geld der Kirche an die Armen verschenkt. Vielleicht ist das ein Gebrauchsmuster auch für uns.

    Amen

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    Mk 10, 35-45: Dienen, nicht herrschen! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der Evangelist Markus hat in dem Text, den wir soeben gehört haben, ein für die Kirche sehr sensibles Thema angesprochen: nämlich das Thema vom Herrschen und vom Dienen. Worum geht es?

    1. Das Zeugnis der Bibel
    Die Zebedäus-Söhne bitten Jesus um die besten Plätze im Himmel. Der eine will zur Rechten, der andere zur Linken Jesu sitzen. Sie möchten gewissermaßen an Jesu Herrschaft im Himmel teilhaben. Auch im Matthäusevangelium wird diese Szene überliefert. Doch da sind es nicht die Brüder selber, die Jesus bitten, sondern ihre Mutter, die Jesus für ihre Söhne um dieses Privileg angeht. Die Antwort Jesu ist in beiden Fällen gleich. "Wer unter euch der Größte sein will, soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, soll der Knecht aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen..." Im Lukas-Evangelium sind es nicht namentlich die Zebedäus-Söhne, die sich um die besten Plätze balgen, sondern alle streiten sich, wer wohl der Größte von ihnen sei. Jesus darauf: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist größer: der bei Tische sitzt oder der bedient? Natürlich der, der bei Tische sitzt. Ich aber bin bei euch wie der, der bedient" (Lk 22, 25-27). Noch eindrucksvoller behandelt der Evangelist Johannes das Thema vom Dienen, indem er Jesus das gemeinsame Mahl unterbrechen lässt, damit dieser den Jüngern die Füße wäscht (Jo 13, 1-11). Und dann sagt er: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch getan habe" (13,15). "Dienen, nicht herrschen" ist die eindeutige Botschaft Jesu durch alle vier Evangelien. Das heißt umgekehrt: Keine Form von Machtausübung kann sich auf Jesus berufen: weder in weltlichen Systemen noch in der Kirche noch irgendwo anders wie etwa in Familie, Schule oder Arbeitswelt.

    2. Das Gottesbild Jesu
    Jesus verkündigt in Wort und Tat sein Gottesbild; und das ist nicht das Bild eines allmächtigen Gottes und Herrschers, sondern das eines barmherzigen Vaters. Dieser Vater geht dem Verlorenen nach, bis er es findet. Die Gleichnisse vom guten Hirten bezeugen das eindrücklich. Damit stellt Jesus die üblichen Gottesbilder der Macht auf den Kopf und erweist sie als falsch. Gott steht auf Seiten der Menschen, gerade auch der Armen, der Unterdrückten und Gescheiterten oder - theologisch ausgedrückt - der Sünder. Und Gottes Botschaft, die Jesus selber in seiner Person ist, lautet: ich bin bei euch alle Tage wie einer, der dient und nicht wie einer, der herrscht oder Macht ausübt oder euch unter Druck setzt. Darum ist die Anrede Gottes als "allmächtiger Gott" - wie in den meisten liturgischen Gebeten üblich - religionsgeschichtlich antiquiert und nach christlichem Glaubensverständnis schlichtweg falsch. Trotzdem tun wir es - gedankenlos; vielleicht aber auch bewusst in der perfiden Absicht, uns selber als Gottesmänner mit dieser Herrscherfolie zu bekleiden. Die Anrede Gottes als "allmächtiger Vater", die es auch in der Liturgie gibt, ist ein Widerspruch in sich. "Macht", "Allmacht", "Herrscher", "Allmächtiger" sind keine positiven Schlüsselbegriffe der christlichen Religion, und es ist höchste Zeit, dass wir sie durch eine liturgische Revision aus den Gebetstexten der Kirche entfernen.

    3. Die Wirklichkeit in der Kirche
    Wie sieht es mit den Machtphantasien in der Kirche aus? Wie bereits angedeutet: die liturgische Sprache verrät uns. Aber auch die Struktur der Ämter ist ein Machtgefüge, "heilige Macht" nennt man sie: Hierarchie. Der Papst nennt sich zwar "Servus Servorum Die" , d.h. "Diener der Diener Gottes", aber ich glaube, das ist nicht so ernst gemeint. Wenn man die kirchliche Praxis einmal unter die Lupe nimmt, dann stellt man (leider) fest, dass Macht - ähnlich wie in der Politik - eine buchstäblich "gewaltige" Rolle spielt. In der Politik gibt es wohl Machtkontrollen und Begrenzungen der Macht, nicht aber in der Kirche. Im Kleinen Katechismus, den Kardinal Ratzinger 2005 herausgegeben hat, lesen wir wörtlich über die Sendung des Papstes: "Er ist der Stellvertreter Christi, das Haupt des Bischofskollegiums und der Hirte der Gesamtkirche. Aufgrund göttlicher Einsetzung hat er über die ganze Kirche die höchste, volle, unmittelbare und allgemeine Vollmacht" (Nr. 182). Wie unterscheidet sich diese Sprache von der Sprache Jesu: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende" (Lk 22,25f.)!

    In diesem Zusammenhang muss ich an den früheren Bischof der französischen Diözese Evreux denken: Jacques Gaillot. Er hat einmal gesagt: "Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts." Das war denn auch sein Lebensgrundsatz. So hat er persönlich gelebt, und so hat er auch sein Bischofsamt verstanden. Das konnte nicht gut gehen. Nach fast 13 Bischofsjahren wurde ihm am 12. Januar 1995 in Rom eröffnet: "Morgen, Freitag, den 13. Januar um 12 Uhr mittags sind Sie nicht mehr Bischof von Evreux". Dieser Machtspruch wurde in Frankreich und im Ausland als große Ungerechtigkeit empfunden und hat bei Christen und vielen Nichtchristen tiefe Wunden geschlagen. Die Art und Weise, wie sich Bischof Gaillot für Einzelne, für Randgruppen oder für politisch Unerwünschte eingesetzt hat, ist ihm in seiner eigenen Kirche zum Verhängnis geworden. Es waren keine Häresien, die er verbreitet hätte, sondern sein Dienst gemäß dem Evangelium.

    Manchmal denke ich, dass die Krise der heutigen Kirche eher eine Krise des Amtes ist als eine Krise der Gläubigen. Wie sagt Jesus in der Bergpredigt: "Nicht jeder, der zu mir sagt Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt!" (Mt, 7,21). Der Wille des himmlischen Vaters aber ist, dass wir einander dienen.

    Amen

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    Mk 10,46-52: Finde dich nicht mit deinem Schicksal ab! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Was sind Wunder? Wunder sind - ganz einfach ausgedrückt - Ermutigungen zum Leben. Ich will das an der soeben gehörten Blindenheilung erläutern.

    Da ist ein Blinder, der am Wegrand bettelt. In den Augen der Vorübergehenden (das sind die, die von Blindheit keine Ahnung haben) ist er hilflos und zum Nichtstun verurteilt. Sie geben ihm Almosen. Das ist der Preis, dass er ihre Kreise nicht stören soll. Doch Bartimäus schreit ganz laut, als er hört, dass Jesus vorbeigeht: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!" Wie ärgerlich für die, die mit einem Almosen sein Schweigen kaufen zu können meinten. Aber Bartimäus lässt sich nicht zum Schweigen bringen; er schreit noch viel lauter, weil er sich mit seinem Schicksal nicht abfinden will. Sein Schicksal ist ja nicht nur die Blindheit, sondern auch die ihm von der Gesellschaft zugewiesene Rolle des Schweigens. Und da scheint die Frage Jesu fast überflüssig zu sein, wenn der sagt: "Was soll ich dir tun?" "Ich möchte wieder sehen können." Was sonst? Da sagt Jesus: "Geh! Dein Glaube hat dir geholfen." Keine Aufforderung zur Nachfolge, keine Bedingung, lediglich Bestätigung seines Lebens- und Überlebenswillens. Jesus bestätigt damit: es ist richtig, was du gemacht hast. Find dich mit deinem Schicksal nicht ab! Schrei deinen Lebenswillen und das Verlangen, sehen zu können, in die Welt hinaus - entgegen den Ratschlägen derer, die nur um sich kreisen und sich selbst genügen. Das hilft, das heilt, das bringt dich weiter.

    Klar, dass diese Begebenheit später als Glaubensgeschichte erzählt wurde. Doch was hier als Glaube bezeichnet wird, war wohl ursprünglich der reine Überlebenswille, der Schrei nach Leben, nach einem Leben ohne Einschränkungen. Das wird in der frommen Deutung dann zum Ausdruck des Glaubens an den Gott des Lebens - Solche Deutung der Wirklichkeit und des Lebensalltags auf Gott hin gehört zu den ganz wesentlichen Aufgaben von Religion in dieser Welt.

    Und heute? Welchen Wert hat das Weitererzählen dieser Glaubensgeschichte für uns heute noch? Mich fasziniert immer das Menschenbild, was vor allem im Markusevangelium als das christliche gezeichnet wird. Da wird die Eigenentfaltung des Menschen geschützt, bestätigt. Er soll sich eben nicht in sein Schicksal ergeben, schon gar nicht im Namen Gottes. Im Gegenteil: Gott achtet den Eigenwillen des Menschen und traut ihm eine Menge zu und gibt - so oft die fromme Deutung - dem Streben auch das Gelingen.

    Ich denke, wir müssen die Bibel mit den Augen unserer Zeit und dem aufgeklärten Wissen von heute lesen. Da wird gewiss eine Menge Fundamentalismus auf der Strecke bleiben, aber trotzdem behält die Bibel eine einzigartige Faszination. Und fürs Leben taugt sie dann einfach mehr, weil darin unendlich viel Ermutigung für unsere konkrete Lebensgestaltung drin steht. Auch ganz profan kann man ja einem, dem schier Unglaubliches gelungen ist, sagen: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.

    Amen

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    Mk 13, 24-32: Alles ist endlich, nur die Liebe nicht Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das 13. Kapitel des Markusevangeliums, aus dem wir einige Verse gehört haben, nennt man die apokalyptische Rede Jesu. Jesus spricht vom Ende der Welt und verbindet das Chaos des Untergangs mit der Wiederkunft des Menschensohnes. Viel ausführlicher noch als Markus beschreiben Matthäus und Lukas den Weltuntergang und mahnen zur Wachsamkeit. Durch Wachsamkeit kann zwar das Ende der Welt nicht verhindert werden, aber die Jünger könnten darüber den Glauben verlieren, wenn sie nicht Acht geben. Es ist eine sehr bilderreiche und z. T. bedrohliche Sprache, die zart besaiteten Menschen sogar Angst machen kann. Ein schwieriger Text. Die Sprache ist uns fremd, die Bilder sind nicht unmittelbar zu verstehen und die eigentliche frohe Botschaft, die darin enthalten ist, ist nicht auf Anhieb zu erkennen. - Worum geht es hier?

    1. Alles ist endlich, und das ist gut so.
    Der unmittelbare Anlass für diese apokalyptische Rede wird wohl die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 n. Chr. gewesen sein. Nun ist es schwer vorstellbar, dass Jesus selber dieses Ereignis im Nachhinein, also nach seinem Tod, kommentiert hätte. Es handelt sich also um Geschichtsdeutung des Evangelisten, der die Wirren der Zeit mit seiner Frohbotschaft in Einklang bringen will.

    Angesichts der Vergänglichkeit der Welt warnt Markus vor jeder Panikmache. Er will sagen: Wie die Erde einen Anfang gehabt hat, so wird sie auch ein Ende haben. Und wir könnten hinzufügen: Bis zum Ende wird es wohl noch etliche Milliarden Jahre hin sein, aber die Zeit läuft. In viel kleinerer Dimension gilt das aber auch von jedem Menschenleben: wie es einen Anfang hat, so hat es auch ein Ende. Im Buche Jesus Sirach heißt es: "Der Tod ist das Los, das allen Sterblichen von Gott bestimmt ist. Was sträubst du dich gegen das Gesetz des Höchsten? Ob tausend Jahre oder hundert oder zehn, im Totenreich gibt es keine Beschwerde über die Lebensdauer" (41,4). Oder an anderer Stelle (Jesus Sirach 14, 17f.): "Wir alle werden alt wie ein Kleid; es ist ein ewiges Gesetz: alles muss sterben. Wie sprossende Blätter am grünen Baum / das eine welkt, das andere wächst nach -, so sind die Geschlechter von Fleisch und Blut: / das eine stirbt, das andere reift heran." Und was vom Leben gilt, das gilt auch von den Kulturen: sie kommen und gehen. Die altägyptische Kultur hat 3 ½ tausend Jahre bestanden und ist dann untergegangen. Dieses Werden und Vergehen kennzeichnet alles Sichtbare auf der Welt, auch die Religionen, das Christentum und die Kirche nicht ausgenommen. Nichts bleibt, wie es ist; der Wandel ist das einzig Beständige, das Ende unaufhaltsam. Der evangelische Theologe Klaus-Peter Jörns deutet dieses ständige Werden und Vergehen im positiven Sinn. Er sagt: "Alles Leben im Kosmos ist sterbliches Leben, Sterblichkeit ist keine Folge der Sünde, sondern der Kunstgriff des Schöpfers, durch den ein Vergreisen des Lebens verhindert wird."

    2. Einzig das Wort Jesu hat Bestand.
    "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen" (Mk 13,30). Damit ist nicht dieses oder jenes Wort gemeint, sondern Jesu Botschaft insgesamt. Und die heißt: "Liebet einander, wie ich euch geliebt habe" (Jo 13,34). Liebe ist das Einzige, was zählt - über den Tod hinaus. Manchmal ahnen wir das, z. B. am Grab eines Menschen, den wir geliebt haben und der uns geliebt hat. Da wird uns für einen Augenblick bewusst, dass der Tod eben nicht alles wegwischt und in Frage stellt. Aber schon bald holt uns der Alltag wieder ein: nämlich die Gier nach Geld und Gut, als ob wir damit unser Leben verewigen könnten. Nichts können wir.

    Darum verbinden die anderen beiden Evangelisten Matthäus und Lukas mit dem Thema Weltuntergang die eindringliche Mahnung: "Seid wachsam!" Denn wie schnell ist die Botschaft Jesu vergessen, dass nur die Liebe zählt! Es könnte also geschehen, dass am Ende eben doch das Ziel des Lebens oder der Sinn des Lebens verfehlt werden. Sie kennen das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen bei Matthäus, die durch ihre Dusseligkeit sich selber ins Abseits bringen. Und Sie kennen die Vision vom Weltgericht (ebenfalls bei Matthäus), wo letztlich nur die Werke der Barmherzigkeit Bedeutung haben. Das ist die eigentliche frohe Botschaft im ganzen Untergangsszenario: Liebe ist alles!

    3. Was meint das Wort vom Kommen des Menschensohnes?
    Jesus gilt als der Menschensohn, und das heißt: er ist ein Sohn der Menschen wie du und ich und zugleich ein Sohn mit göttlicher Sendung. Sein Erscheinen am Ende wird uns Menschenkindern bestätigen und einsichtig machen, dass die Botschaft des Menschensohnes Jesus wahr ist: nämlich, dass nur die Liebe zählt. Wir werden erkennen: Für diese Liebe hat es sich gelohnt zu leben, für diese Liebe hat es sich gelohnt zu sterben. Wer in diesem Leben liebt, kommt nicht zu kurz - auch wenn es manchmal den Anschein hat.

    Oft findet man große Wahrheiten in kleinen Sprichwörtern treffend ausgedrückt. So sagen die Chinesen, wenn sie der Liebe wegen auf etwas verzichten: "Für Menschen, die lieben, ist sogar das Wasser süß."

    Amen

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