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Autoren mit B

Bürger, Peter



Bürger, Peter: Die fromme Revolte. Katholiken brechen auf

Kritik:

Gleich im Vorwort sagt Peter Bürger, worum es ihm geht: "Das richtige Wort für das, was ansteht, lautet nicht Reform, sondern Revolution" (S. 9). "Nichts weniger als eine fromme Revolution von unten ist angesagt. Die Anfänge dieser Revolte sind längst da. Dieses Buch soll durch theologische Denkanstöße ermutigen" (S. 11). Bürger ist Theologe - kein römischer Hoftheologe - und versteht vortrefflich, theologisch zu argumentieren. Er ist seit 1980 bei der deutschen Sektion von PAX CHRISTI tätig und wurde 2006 für seine Studien über "Krieg und Massenkultur" mit dem Bertha-von-Suttner-Preis ausgezeichnet. Folglich ist die von ihm geschürte Revolution eher eine sanfte, weil gewaltfreie. Das Buch ist für kritische ChristInnen eine Freude zu lesen. Persönliche Erlebnisse und autobiographische Einschübe geben Einblicke in die Persönlichkeit des Autors und machen die Lektüre des Buches besonders angenehm.

In zehn Kapiteln schreibt Bürger über Kirche und Gesellschaft im Lichte der christlichen Botschaft, und zwar mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen und gediegener Geschichtskenntnis. Im ersten Kapitel geht es um den Götzen "Macht" . "Ein Christentum, das die Herrschaft von Menschen über Menschen nicht mehr als Skandal betrachtet, hat mit Jesus Christus nichts zu tun. (...) Mitnichten geht es in einer dem Evangelium zugehörenden Kirchenreformbewegung darum, kirchliche Machtausübung zu kontrollieren oder selbst (& ) Teilhabe an der Macht zu erlangen. Kirchenreform beginnt vielmehr damit, Macht als Götzen zu entlarven" (S. 13). Wer Macht ausübt, ist nicht mehr er / sie selbst, muss jede Verletzlichkeit verbergen und verbreitet über die Beherrschten Angst. So kann man niemals den liebenden Gott verkündigen. Daher gilt: "In der Kirche der Zukunft werden alle wieder Brüder und Schwestern sein - nicht nur theoretisch. In ihr wird man alle Liebenden Theologinnen und Theologen nennen, ganz gleich, ob sie als Straßenkehrer, Musiker, Priester oder Caritas-Mitarbeiter Wunden heilen" (S. 22).

Das zweite Kapitel (überschrieben: Ultra Montes) handelt vom Drama der römischen Kirche in der Neuzeit. Bürger erinnert an die Anfrage Küngs "Unfehlbar?" , die ihm 1979 den Entzug der Lehrerlaubnis einbrachte, dann an Haslers Dissertation "Pius IX (1846-1878), päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil", die in ganz unseriöser Weise von den vatikanischen Hoftheologen desavouiert wurde. Nur der Tod Haslers ein Jahr später bewahrte ihn vor weiteren Maßnahmen. Damit aber war der Ausstieg der Kirche aus der Geschichte fehlbarer Menschen ein für allemal besiegelt. Ab sofort weiß nur noch einer, der Papst, was zu glauben ist, die vielen Glaubenserfahrungen der anderen spielen keine Rolle mehr. Die Kirche ist zu einem geschlossenen System geworden, das nur noch um den Selbsterhalt kämpft.

Drittes Kapitel: "Unheilbar katholisch". Dieses Kapitel über den sog. Milieukatholizismus ist für mich das schönste und authentischste Kapitel des Buchautors, weil es Einblicke gibt in dessen eigene Jugend und Reifung und in das Milieu, von dem er selbst ein Teil war. Ich habe dieses Kapitel mehrmals gelesen, weil es Situationen beschreibt, die den meinen ähnlich waren, an Orten, die nicht weit von meinem Geburtsort liegen.

Das vierte Kapitel handelt vom II. Vatikanischen Konzil: dem Reformkonzil. Am Anfang steht ein wirklicher Christ: Papst Johannes XXIII. Was wollte der eigentlich? Aufbruch oder Kontinuität? Das Konzil ist gezeichnet vom Ringen zwischen beiden Richtungen. Im Nachhinein muss man leider feststellen, dass aus dem Aufbruch nichts (oder nur wenig) geworden ist, die Interpretation des Konzils im Sinne der Kontinuität ohne Brüche hat sich durchgesetzt; denn die Nachfolgepäpste bis Benedikt XVI. waren und sind gegen einen wirklichen Aufbruch. Seit 2005 ist sogar ein Fahrplan zu erkennen, dass die ultrakonservativen Gegner des Konzils wieder ins Boot zurückgeholt werden sollen. Bürger versteht es meisterhaft, die Zeichen der Zeit zu erkennen, zu benennen und sie in einen plausiblen Zusammenhang zu setzen.

Credo - so heißt das fünfte Kapitel. Man kann Glauben verstehen als Vertrauen auf Gottes unendliche Liebe, dann sind die exakten Glaubensinhalte weniger wichtig; oder man betrachtet Glauben als eine Litanei von dezidierten Glaubenswahrheiten, die aufzusagen von Bedeutung sein soll. Das römische Glaubensverständnis geht in die zweite Richtung. So ist Glauben kontrollierbar, erzwingbar und fordert die Gewalttätigkeit geradezu heraus wie z. B. in der Inquisition. "Wir wollen das, was sich gegenwärtig in der römischen Kirche abspielt, einmal ganz offen beim Namen nennen: Eine Klasse von Theologen, die ihre Existenzangst (...) hinter einer erfahrungslosen Kopftheologie versteckt und durch die Existenzweise der Machtausübung zu beruhigen versucht, hat das Regiment an sich gerissen. Da für diese Theologenriege Offenbarung nur in Form von Proklamationen eines übernatürlichen Lehrsystems zugänglich ist, will sie auch alle anderen Menschen von jener Offenbarung abhalten, die sich in unserem Leben unmittelbar und ganz leibhaftig ereignen kann" (S. 145f.).

Priestermacht und Abendmahl - so ist das sechste Kapitel überschrieben. Damit sind die ewigen Streitpunkte benannt, die die römische Kirche gegen die Ökumene geltend macht. Bürger meint sogar, Rom wolle die Ökumene bis zum Weltuntergang vertagen. In dieser Frage kann der Autor seine Ungeduld und Verärgerung nicht verbergen. "Der Antiökumenismus derjenigen, die das Reformkonzil rückgängig machen und die protestantischen Kirchen nicht einmal mehr als Kirchen anerkennen wollen, hat überhaupt nichts Konservatives an sich. Im Gegenteil. Er überfährt rücksichtslos den gewachsenen Liebesweg, den römisch-katholische und evangelische Christen seit einem halben Jahrhundert und länger miteinander gehen. Eine solche Missachtung der leibhaftigen Kirchengeschichte und des in ihr wirkenden Heiligen Geistes kann nur als postmoderne Überheblichkeit gewertet werden. Verräterisch an der antiökumenischen Kopftheologie ist, dass letztlich die Interpretation eines einzelnen Wortes aus dem Ökumenismus-Dekret des II. Vaticanums ausschlaggebend sein soll" (S. 150). Gemeint ist das lat. subsistit, d. h.: die eine, heilige Kirche ist verwirklicht in der von Papst und Bischöfen geleiteten Kirche. Das Konzil wollte das nicht ausschließlich auf die katholische Kirche beziehen wie heute Papst Benedikt, sondern Kirchen auch außerhalb der römisch-katholischen anerkennen. Damit zensiert Benedikt das Konzil. Schließlich hat er die Deutungshoheit. "Ist es Hoffnung wider alle Hoffnung, wenn Bürger am Ende des Kapitels meint? - Gegen den Glaubenssinn, den der Heilige Geist in so vielen Herzen eingibt, kann Rom sich auf den Kopf stellen und doch nichts ausrichten. Der gemeinsame Tisch ist längst gedeckt. Auf die Denunzianten wird in naher Zukunft so viel Arbeit zukommen, dass sie ihrer ehrlosen Aufgabe nicht mehr gewachsen sind" (S. 157).

In den letzten vier Kapiteln (7. Pro multis; 8. Pacem in terris; 9.Populorum progressio; 10. Lumen gentium) geht es um die Herausforderungen einer Kirchenbewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Eine Kirche, die sich von der Welt abschottet und von anderen Christen, vertut die Chance, Salz der Erde und Licht auf dem Berg zu sein. Johannes XXIII und Paul VI. haben in ihren Enzykliken Pacem in terris und Populorum progressio Wege gewiesen, was Kirche in der Welt sein könnte und sein sollte. Bürger, der seit 1980 mit der Friedensbewegung verbunden ist, resigniert nicht. Im Gegenteil: für ihn gibt es viele Anzeichen, dass die Kirche Zukunft hat, wenn sich die sog. Laien aus ihrer Bevormundung durch die klerikale Führungsschicht befreien und selber Initiativen ergreifen. - Das Buch ist spannend bis zur letzten Seite und sollte bei kritischen Christen die verdiente Beachtung finden.

Buchdaten:

Autor(en): Bürger, Peter
Titel: Die fromme Revolte. Katholiken brechen auf.
Verlag: Publik Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel
ISBN Nr. 978-3-88095-191-4



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Autoren mit C

Comte-Sponville



Comte-Sponville, André: Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott

Kritik:

Comte-Sponville, ein französischer Professor der Philosophie (geb. 1952 in Paris), schreibt über seinen Atheismus, und zwar auf äußerst sympathische Weise. Als sympathisch empfinde ich das Buch, weil ich mich als gläubiger Leser an keiner Stelle diskriminiert oder abgewertet fühle. Im Gegenteil: Seite für Seite möchte ich zustimmen, und am Ende habe ich meinen Zweifel, ob der Autor ein wirklicher Atheist ist. Nirgends spricht er überheblich, intolerant oder verächtlich. Er findet gleich zu Beginn (im Vorwort) wertschätzende Worte über seine christliche Erziehung. "Ich wurde christlich erzogen und bin darob weder verbittert noch böse, im Gegenteil. Dieser Religion, also dieser Kirche (in meinem Fall der katholischen) verdanke ich einen Großteil dessen, was ich bin oder zu sein versuche. Meine Moral hat sich seit der Zeit, da ich noch gläubig war, kaum verändert. Mein Empfinden auch nicht. Selbst mein Atheismus ist vom Glauben meiner Kindheit und Jugend geprägt. Warum sollte ich mich dessen schämen?....Der Glaube gehört zur Menschheit, der Unglaube auch, und keins von beiden ist allein ausreichend" (S. 9f.) Worauf es dem Autor ankommt: zu zeigen, dass auch ein Atheist eine tiefe Spiritualität haben kann. Drei Schritte führen zum Ziel:

1. Kann man auf Religion verzichten?
Diese Frage ist nicht allgemein gültig zu beantworten. "Ich kann sehr gut auf Religion verzichten" (S. 20), sagt Comte-Sponville und beginnt mit der Begründung. Zitate anderer Philosophen - von griechischen bis zeitgenössischen - unterstreichen seine Denkweise oder bringen sein Denken weiter, wie das im philosophischen Diskurs so üblich ist. Erstaunlich, wie sensibel wahrgenommen und respektvoll zur Sprache gebracht wird, welche positiven, tröstlichen, ermutigenden Wirkungen religiöse Vorstellungen für gläubige Menschen haben können. Dass es dann auch eine andere, eine atheistische Sicht der Dinge geben kann, das ist eben die andere Botschaft. Oft wird das Gemeinsame und Unverzichtbare für Gläubige wie Atheisten herausgestellt, so z. B. Kommunion und Bekenntnis (Festhalten an gemeinsamen Werten), ohne die keiner auskommt. Das hat dem Autor schon die Bezeichnung "christlicher Atheist" eingebracht. "Ob man an Gott glaubt oder nicht, spielt in allen großen moralischen Fragen - außer für Fundamentalisten - keine besondere Rolle. Es ändert nichts an der Pflicht, den Anderen, sein Leben, seine Freiheit und Würde zu respektieren, noch daran, dass Liebe über dem Hass steht, Großzügigkeit über dem Egoismus, Gerechtigkeit über der Ungerechtigkeit" (S. 60). Und darum ist das Evangelium auch für den Atheisten so wertvoll. Denn die Liebe ist der Kern der Botschaft Jesu. Nur die Hoffnung des Atheisten geht nicht über den Tod hinaus. Was - biblisch gesehen - zwischen Karfreitag und Ostern geschieht, mag er nicht nachzuvollziehen.

2. Gibt es Gott?
Wer so fragt, muss sich mit den traditionellen Gottesbeweisen auseinandersetzen, was Comte-Sponville ausführlich macht. Da die Kritik an den Gottesbeweisen so alt ist wie diese selber, steht das Ergebnis bald fest: Mangelnde Beweise - ein Grund, nicht zu glauben. Darüber hinaus wird die Unerfahrbarkeit Gottes zum Argument gegen ihn. "Einer meiner prinzipiellen Gründe, nicht an Gott zu glauben, ist, dass ich keine entsprechenden Erfahrungen habe. Das ist das einfachste Argument. Und eines der stärksten" (S. 115). Aber auch das wird nicht verschwiegen: "Ich weiß, dass die Gläubigen zumindest seit Jesaja einen verborgenen Gott anrufen, den Deus absconditus. Manche sehen darin eine zusätzliche Qualität, eine Art göttlicher Zurückhaltung, ein übernatürliches Taktgefühl, das um so bewundernswerter ist, als es uns den schönsten, staunenswertesten, strahlendsten Anblick überhaupt vorenthält" (S. 115f.). Etwas banal finde ich da die Bewertung des Autors, wenn er sagt, dass er aus dem Alter des Versteckspiels heraus sei und das nicht nachvollziehen könne. Zu Recht dagegen kritisiert er die Tatsache, dass Gläubige in der Vergangenheit (und großenteils auch heute noch) Unerklärliches mit Gott erklären. Das sei intellektuell unbefriedigend. Und natürlich ist die Existenz des Bösen in der Welt ein Argument gegen den (für gut geglaubten) Gott, wenn man die Unlösbarkeit des Problems nicht auf sich beruhen lassen will.

3. Welche Spiritualität für Atheisten?
Das ist eine prinzipielle Frage, ob es eine Spiritualität ohne Gott geben kann. Comte-Sponville ist davon fest überzeugt. Natürlich ist das auch eine Sache der Definition. "Spiritualität ist so gesehen beinahe gleichbedeutend mit Ethik oder Weisheit und betrifft weniger unsere Beziehung zum Absoluten, zum Unendlichen oder zur Ewigkeit als unsere Beziehung zum Menschlichen, zum Endlichen und zur Zeit. Wenn ich jetzt das Wort Spiritualität im strengen Sinn nehme, muss man weiter gehen oder höher: Ihre höchsten Spitzen reichen in die Mystik hinein" (S. 166). Es ist eine Spiritualität der Immanenz. Nachdem der Autor diesen Dreh zur Mystik, die nicht mehr ausschließlich religiös besetzt ist, geschafft hat, wird er zum Mystiker reinsten Wassers. Es ist dann eine Freude, die Kapitel über Immansität, des "ozeanischen Gefühls" und seine eigene mystische Erfahrung zu lesen. Als christlicher Leser fühlt man sich einfach zuhause, wenn man dann die Abschnitte liest: Mysterium und Evidenz, Fülle, Einfachheit, Einheit, Schweigen, Ewigkeit usw. Es ist ein faszinierendes Buch. Und am Ende hatte ich längst vergessen, dass es ein Atheist war, der mich so von der Mystik begeisterte.

Buchdaten:

Autor(en): Comte-Sponville, André
Titel: Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott
Verlag: Diogenes AG, Zürich
ISBN Nummer: 978-3-257-06658-6



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Autoren mit D

Dawkins, Richard



Dawkins, Richard: Der Gotteswahn

Kritik:

Richard Dawkins, gebürtig in Nairobi, ist Professor an der Universität Oxford. Gleich zu Be-ginn des Buches erklärt sich der Evolutionsbiologe als Atheist und macht keinen Hehl daraus, dass er mit diesem Buch Gläubige zum Atheismus bekehren will. Im Visier hat er vor allem das meist fundamentalistisch geprägte amerikanische Christentum. Da ist er sehr belesen und erweckt den Eindruck, dass er dort viele Anhänger und Gleichgesinnte hat. Veröffentlichun-gen deutscher Theologen zu diesem Thema (etwa von Küng, Drewermann o. a.) sind ihm un-bekannt oder passen nicht in sein Konzept. Dabei wäre eine Auseinandersetzung mit denen ausgesprochen spannend. Dawkins bevorzugt die Konfrontation mit den Fundamentalisten, die es überall gibt und deren einfache, "fromme" Denkweise auch dem römischen Katholi-zismus nicht fremd ist. Die Sprache des Autors ist erfrischend, klar, manchmal spöttisch, auch mal beleidigend. Das Buch ist interessant für Gläubige und Ungläubige.

Dawkins stellt die Gottesfrage angesichts der naturwissenschaftlichen Erfolge und Erkennt-nisse neu und bringt so oft auf den Punkt, wo gläubiges Denken auf bequeme Art Gott zum Lückenbüßer macht. Natürlich ist die Bibel für Dawkins keine Autorität, auch andere religiö-se Schriften wie der Koran nicht. Wer sich mit diesem Buch auseinander setzt, muss im wahrsten Sinne des Worte voraussetzungslos diskutieren. Was meinen eigentlich Christen mit dem Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer Himmels und der Erde? Der Kreationismus ist - vor allem im amerikanischen Christentum - lebendiger denn je. Zwar behaupten wir Aufge-klärten oft, die Entstehung der Welt und des Kosmos würden dem Glauben nicht widerspre-chen, aber wir haben keine schlüssige Antwort auf die Vereinbarkeit der naturwissenschaftli-chen Erkenntnisse mit unserem Glaubensbekenntnis. Die Entstehung des Lebens erklärt die Naturwissenschaft ohne Gott. Der Glaube sieht da einen Schöpfungsakt, betet (nach Dawkins) die Lücke an. - Dawkins publizistischer Erfolg liegt nicht darin, dass er die Auseinanderset-zung mit dem Christentum (und Religion überhaupt) gewonnen hat, sondern darin, dass die Christen und ihre Kirchen es bislang versäumt haben, sich diesen Fragen zu stellen. Das erste Drittel des Buches ist eine Herausforderung für den Gläubigen, eine präzise Themenstellung, an der gearbeitet werden muss. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.

Leider beginnt dann allerdings das Buch immer schwächer zu werden. Das Kapitel 5 über die Wurzeln der Religion ist kaum nach zu vollziehen, wenn der Autor mit der darwinistischen Zwangsläufigkeit argumentiert. Auch seine Ausführungen über das Gute und das Böse und über den Sinn des Lebens sind äußerst dürftig. Geradezu peinlich wird es in den Kapiteln 8 und 9, wo u. a. religiöse Kindererziehung mit körperlicher und seelischer Kindesmisshand-lung gleichgestellt wird. Schade eigentlich, dass das Buch in seinem Wert so abfällt. Trotz-dem halte ich es für lesenswert, jedenfalls die ersten vier Kapitel. Das Buch zeigt die Gefah-ren des Fundamentalismus auf, mit dem auch hierzulande die Bischöfe insgeheim doch lieb-äugeln.

Buchdaten:

Autor(en): Dawkins, Richard
Titel: Der Gotteswahn
Verlag: Ullstein Buchverlage GmbH Berlin
ISBN Nummer: 978-3-550-08688-5



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Autoren mit H

Harbecke, Ulrich



Harbecke, Ulrich: Der gläubige Kardinal (Roman)

Kritik:

Wenn der Abteilungsleiter von "Religion und Bildung" beim WDR Köln einen Roman über den gläubigen Kardinal schreibt, dann kann er nur den einen meinen. Und so ist es auch.

Die Geschichte ist ganz einfach: der erfahrene Pfarrer Wilhelm Hausner von St. Kilian verlor just am Ostersonntag seinen Glauben und wurde deshalb vom Kardinal gefeuert. Doch die Gemeinde, die Kilianer, hielten zu ihrem Pfarrer; denn der war beliebt, und eigentlich lebte dieser mehr denn andere nach dem Evangelium.Was er verloren hatte, war nicht der Glaube, sondern das, was im allgemeinen Kirchenbetrieb für Glauben gehalten wird: das hochwürdige Gehabe, die Gebote und Verbote, die Konventionen und den Gehorsam gegenüber allem, was von oben kommt. Die Gemeinde Hausners hat jedoch ein untrügliches Gespür für Glauben und Unglauben und erklärt kurzerhand das Generavikariat samt Kardinal zum Missionsgebiet und demonstriert mit friedlichen Mahnwachen vor dem hohen Haus. Das Ziel ist die Bekehrung des Kardinals und seiner Ergebenen in seiner Umgebung.

Der Reiz des Buches liegt in der Treffsicherheit der Sprache. Harbecke beschreibt den Kardinal, sein Machtgehabe, seine Art, mit Menschen umzugehen bzw. sie fertig zu machen, so lebensecht, dass man unwillkürlich sagt: so ist er. In den Personen, die in der Nähe des Kardinals Schlüsselpositionen innehaben, erkennt man Zeitgenossen wieder, ebenso in anderen Romanfiguren, wo der Name gegenüber lebenden Personen kaum verändert wurde. Ein Beispiel: "Dann übergab Eickel das Wort an Prof. Eberhard Dreiermann. Der weltbekannte Theologe durfte nicht fehlen, wenn es darum ging, der fossilen Amtskirche fossiles Verhalten zu bescheinigen. Er selbst hatte sich vor Jahren mit scharfsichtigen Analysen über die neurotisierende Wirkung des Zölibats zu weit vorgewagt. Man hatte ihm - in neurotischem Übereifer - die Lehrerlaubnis entzogen und verboten, sein Priesteramt auszuüben, worauf sich sofort eine riesige Hörer- und Lesergemeinde bildete, die ihn schon bald zu ihrem Hohenpriester erkor" (S. 26 f.). Dieser Teil des Buches (es ist etwas mehr als die Hälfte) ist der amüsantere.

Dann setzt die Wende ein: den Kardinal ereilt die Bekehrung, an der die Kilianer und natürlich der Heilige Geist gemeinsam gearbeitet haben. Ausgerechnet am Pfingstfest geschieht dem Kardinal, was am Osterfest Pfarrer Hausner passiert war: er verliert seinen Glauben bzw. das, was er bisher dafür gehalten hatte. Jetzt ist Regieren nicht mehr wichtig; stattdessen geht der Kardinal den Menschen nach, die er vorher vor den Kopf gestoßen hatte und findet für jeden verständnisvolle Worte, manchmal sogar Entschuldigungen. "Ich habe sie alle aufgesucht, meine ehemaligen Priester, die unter der Last der Kirche zusammengebrochen waren, weil die Kirche sie nicht tragen wollte, die Verheirateten, die Schwulen, die Enttäuschten, die Erloschenen. Für alle habe ich einen Weg gefunden. Nein. Sie haben ihn gefunden. Ich mußte nur die Türen öffnen" (S. 205). Am Ende erreicht auch den Kardinal die Suspendierung aus Rom. Aber die Menschen sind seine Freunde geworden.

Der Roman zeichnet ein Bild der lokalen Kirche, wie sie ist und wie sie sein oder werden könnte. Wer das Buch liest, wird seine Freude haben an der Sprache und auch an der Ironie, die manches beschwichtigt; Freude aber auch an dem Optimismus, dass der Heilige Geist und die wackeren Kilianer doch noch etwas verändern können.


Buchdaten:

Autor(en): Harbecke, Ulrich
Titel: Der gläubige Kardinal (Roman)
Verlag: Grupello
ISBN Nummer: 3-89978-027-2



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Autoren mit J

Jörns, Klaus Peter



Jörns, Klaus Peter: Glaubwürdig von Gott reden. Gründe für eine theologische Kritik der Bibel

Kritik:

Die Entstehung dieses Buches verlief parallel zur Entstehung des Buches "Mehr Leben, bitte!" vom selben Autor. Entsprechend sind die Inhalte beider Bände ähnlich.

Wenn man in unserer Zeit glaubwürdig von Gott reden will, dann kann man nicht länger so tun, als sei das Christentum die einzig wahre Religion und alle anderen Religionen hätten mit dem Gott der Christen nichts zu tun. Erinnerst wird an den Erlass des Kölner Kardinals Meisner vom 6.12.06, wonach in katholisch geführten Schulen christliche und muslimische Kinder nicht gemeinsam in einem Raum beten dürfen. Denn - so der Kardinal: "das Gottesbild der nichtchristlichen Religionen ist nicht identisch mit dem Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist." Der Kardinal meint wohl, dass unterschiedliche Gottesbilder auch unterschiedliche Götter bedeuten. Wenn aber unterschiedliche Gottesbilder "nur" unterschiedliche Wahrnehmungen des einen und einzigen Gottes sind - wie Jörns erklärt, dann hat dieser Erlass kein Fundament mehr. In der Tat hat die christliche Theologie es nicht verstanden, der religiösen Pluralität eine positive Wertung zu geben. Das muss sie lernen (1. Lektion!); denn alle Religionen bezeugen authentisch den einen Gott, wie sie ihn wahrnehmen. Keine einzige Heilige Schrift kann die Fülle aller Gotteswahrnehmungen enthalten, also auch die Bibel nicht. Im übrigen ist die Bibel in weiten Teilen bereits eine interreligiöse Schrift: sie ist im hebräischen Teil zugleich Heilige Schrift der Juden und der Christen. Und die Gotteswahrnehmung Jesus ist uns überliefert auf jüdischem Hintergrund (in den synoptischen Evangelien) wie in hellenistischer Denkweise (im Johannesevangelium). "Mit etwas theologischer Phantasie kann man erkennen, dass Muhamad im Koran eine wahrnehmungstheoretische entsprechende neue Wahrnehmungsgestalt zentraler biblischer Überlieferungen in neuer kultureller Umgebung vermittelt hat. In ihnen ist seine authentische Gotteserfahrung mit den jüdisch-christlichen Überlieferungen und der arabischen Kultur verschmolzen worden" (S. 23/24). Gott offenbart sich auf vielerlei Weisen und damit uneindeutig. Damit ist aber jeder Absolutheits- und Ausschließlichkeitsanspruch hinfällig - auch auf christlicher Seite. - Was wir außerdem lernen müssen (2. Lektion!) ist, Gott wieder aus seiner Außerweltlichkeit in die eine Wirklichkeit zurück zu holen. Gott und Welt gehören zusammen, gerade auch in der modernen Welt, und Glaubensaussagen wie Auferstehung und dgl. müssen grundsätzlich auch naturwissenschaftlich denkbar sein. "Die wissenschaftliche Theologie hat die Aufgabe, im Gespräch mit den Naturwissenschaften entsprechende Denkmodelle zu entwickeln, die für beide kommunikabel sind" (S. 30). - Schließlich müssen wir lernen (3. Lektion!), dass das Christentum angesichts der vielen anderen Religionen die bisherigen Vorstellungen von Größe, Einzigartigkeit und Einheit nicht aufrecht erhalten kann. Stückwerk ist all unser Erkennen (1 Kor 13,9).

Das zweite Kapitel, dessen Überschrift "Glaubwürdig von Gott reden" zum Buchtitel gewählt wurde, trägt noch einmal thesenhaft zusammen, wo ein glaubwürdiges Reden von Gott heute ansetzen muss. Dabei darf man sich nicht wundern, wenn neues am Leben Jesu orientiertes Denken gegenüber den eingefahrenen Praktiken der Kirche revolutionäre Züge trägt. Das war im Leben und in der Verkündigung Jesu nicht anders. Im Einzelnen: die religiöse Vielfalt verlangt eine positive Bewertung und muss in Kauf nehmen, dass Gott sich jener Eindeutigkeit entzieht, die ihm in den einzelnen Religionen zugeschrieben wird. Daraus folgt, dass Offenbarung nie abgeschlossen ist, sondern mit dem Wandel der Kulturen und den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Theologie grundsätzlich offen bleibt. Theologie, die dem Leben dienen will, verlangt nach selbstkritischer Betrachtung ihrer Vergangenheit und nach Korrekturen für die Zukunft. Schließlich gilt es Abschied zu nehmen von antiquierten Deutungen der Lebenswirklichkeit, z. B. dass der Tod der Sünde Sold sei. - Eine knappe Zusammenfassung der Hauptanliegen des Autors Jörns.

Es folgen noch wie Kapitel: eines über den Schmerz und eines über die Tiere als beseelte Mitgeschöpfe des Menschen. Zwei ausführliche Gespräche zwischen dem Autor und Wolfgang Noack bzw. Samuel Geiser ergänzen die Sammlung der Aufsätze.

Ein lesenswertes Buch für alle, die an neuem theologischen Denken Interesse haben.


Buchdaten:

Autor(en): Jörns, Klaus Peter
Titel: Glaubwürdig von Gott reden.
Verlag: Radius-Verlag GmbH Stuttgart
ISBN Nummer: 978-3-87173-339-0



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Jörns, Klaus Peter: Mehr Leben, bitte! Zwölf Schritte zur Freiheit im Glauben

Kritik:

"Mehr Leben" heißt für den Glauben: wieder beim Leben Jesu in die Schule zu gehen. Denn die Kurzformeln des Glaubens, worin nur der Anfang und der Tod Jesu eine Rolle spielen, unterschlagen, dass das ganze Leben Jesu mit und für uns gelebt wurde. "Mehr Leben hätte die Kirche in sich, wenn sie Jesu Leben wieder intensiver als ihre Mitte ansehen würde. Mehr Leben darum, weil so die Freiheit im Glauben, die Jesus gelebt und verkündet hat, auf die Gläubigen übergehen könnte. Der Grund dieser Freiheit ist seine Gottesbeziehung gewesen" (S.21). Nicht nur die Gotteswahrnehmungen (ein Schlüsselbegriff bei Jörns!), die in der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben, haben alleine Gültigkeit, sondern auch die späteren in der Geschichte der Kirche und selbstverständlich auch unsere in der heutigen Zeit. Noch weiter spannt Jörns den Bogen, wenn er sagt: "Die Zukunft wird zeigen, dass die Vielfalt der Zugänge zu Jesus zunehmen, je stärker sich die Kulturen vermischen" (S. 22). Wichtigstes Kriterium wird immer sein, ob die Gotteswahrnehmungen jene unabdingbare Liebe Gottes im Blick haben wie Jesus in seiner Botschaft. - Das sind die Weichenstellungen im Vorwort.

Im ersten Kapitel geht es um die falschen Vorstellungen, Gott sei allmächtig. Mächtig ist er als Liebe, und zwar als bedingungslose Liebe. Das ist die Verkündigung Jesu. Damit holt er Gott aus den gewohnten Allmachtsrollen heraus, verletzt so die religiöse Weltordnung und geht dafür ans Kreuz. Gefährlich ist das Erwählungsdenken, weil mit der Erwählung immer auch verbunden ist die Verachtung der Nicht-Erwählten. Gott liebt alle Menschen ohne Ausnahme. Und ein drittes Problem ist die Gerechtigkeit Gottes angesichts der Leiden in der Welt. Die alte Vorstellung, dass Leiden oder Wohlergehen in einem inneren Zusammenhang zur Lebensführung stehen, passt nicht mehr zu einem Gottesbild, das von bedingungsloser Liebe geprägt ist. Gott ist ein Freund des Lebens und führt auch uns zur Ehrfurcht vor dem Leben. - Uralte Fragen, auf die Jesus neue Antworten gegeben hat.

Die nächsten Kapitel thematisieren die Feste des Kirchenjahres und zeigen, wie schöpferisch der Umgang mit den Festinhalten sein kann. - Weihnachten: die Rückkehr des außerweltlichen Gottes in die eine Wirklichkeit. Rückkehr meint hier nicht, dass Gott jemals außerweltlich gewesen wäre, sondern "dass Gott durch das Leben und die Gottesverkündigung Jesu endlich wieder als der wahrgenommen worden ist, der zu der Lebenswirklichkeit der Geschöpfe gehört" (S. 41). Für Jörns selbstverständlich: "dass alle Religionen zur universalen Religionsgeschichte gehören, in der Wahrnehmungen des Einen Gottes auf unterschiedlichste Weise zur Sprache gebracht worden sind" (S.40). Die Erläuterung dieser These lässt erkennen, dass Jörns ein hervorragender Religionswissenschaftler ist. - Jahreswechsel: Plädoyer für ein Schöpfungsfest. Die Idee ist faszinierend: Schöpfung als Selbstentfaltung Gottes in den Gestaltwerdungen des Lebens. "In der Schöpfung setzt Gott alle Lebensgestalten aus sich heraus und bleibt zu allen in Verbindung. Er wird mit geboren, wenn das Leben eine neue Gestalt annimmt, und stirbt mit, wenn diese Gestalten aufhören. Alles geschieht in einem großen Lebenszusammenhang, in dem das Leben sich durch das Werden und Vergehen von Lebensgestalten zugleich erhält und verändert und vor dem Vergreisen bewahrt. Das gilt für die Schöpfung am Anfang des Alls, aber es gilt auch für die Schöpfung am Anfang eines jeden individuellen Lebens, das seine - sterbliche - Gestalt annimmt und lebt" (S. 71). Ein Schöpfungsfest, in dem all das zur Sprache kommt: das Werden und Vergehen (Tod allerdings nicht "als der Sünde Sold" Rm 6,23), die Liebe und das Leid, die Lieblosigkeit und die Vergebung würde dem Altjahresabend mit dem Übergang zum neuen Jahr einen tiefen Sinn geben. - Epiphanias: Unterwegs sein mit Jesus. Es geht um Daseinsdeutung, um Deutung des eigenen Lebensweges in der Kraft des Geistes, um Sendung, um unsere Liebe, deren auch Gott selbst bedarf (Mt 25,31-45). - Palmsonntag: Jesus, der traurige Held zwischen Hosianna! und Kreuzige ihn! Die Karwoche beschreibt Jesu Einzug in unsere Sterblichkeit. "Nur, weil er sterblich gewesen ist wie wir, ist er wirklich Mensch geworden. Karfreitag ist deshalb die letzte Station der Inkarnation, der Fleischwerdung" (S.97). - Gründonnerstag: Was hat Jesus mit unserer Abendmahlsliturgie zu tun? Hier wird ein sehr heikles Thema angesprochen. Kann sich das Abendmahl, wie es unter dem Einfluss so vieler Faktoren (jüdische Mahlfeiern, theologische Deutungen, unterschiedliche Praktiken) überliefert wird, auf Jesus berufen? Spiegelt es seinen Geist wieder? Die Entstehungsgeschichte macht deutlich, dass es sich um eine frühkirchliche Ausformung der Liturgie handelt, wo der Tod Jesu als Opfer- bzw. Sühnetod gedeutet wird. Davon hat Jesus selber allerdings nichts gewusst. Daher sieht Jörns die Mahlfeier, wie sie in der Didache beschrieben ist, als ursprünglicher an, nämlich als Feier der Lebensgaben Gottes ohne Opfervorstellung. - Karfreitag: Jesu Sterben: der letzte Akt der Menschwerdung Gottes. Der Sühnegedanke des Kreuzestodes Jesu ist für Jörns unerträglich, weil durch diese Deutung des Todes die Botschaft Jesu auf den Kopf gestellt wird. " Geschehenes Unrecht wird durch ein als Sühne interpretiertes unschuldiges Leiden Dritter weder ungeschehen noch gar wiedergutgemacht - zumal dann nicht, wenn die Sühne in der Hinrichtung eines zu Unrecht Beschuldigten besteht, wie die Sühnopfertheologie unterstellt" (S. 135). Und: "Gott hat Jesu Sterben weder verursacht noch verhindert oder gar als Heilsgeschehen instrumentalisiert. Er hat es mit Jesus erlitten. Was Gott mit Jesu Tod zu tun hat, kommt erst auf der Rückseite des Sterbens, an Ostern, zur Sprache, als Jesus sich durch den Geist als lebendig erweist" (S.137). Das hat natürlich Konsequenzen für eine Theologie, die in unsere Zeit passt wie für die Gestaltung der Liturgie (nicht nur in der Karwoche). - Ostern: Jesus ist gestorben und hat neue Gestalten angenommen. Jörns sagt: "Auferstehung ist ein bildhaftes Geschehen. Es markiert den Übergang von Menschen, die durch ihre begrenzte Lebenszeit und den unterschiedlichen Zeitpunkt ihrer Geburt ungleichzeitig zueinander sind, in die Gleichzeitigkeit mit Gott" (S. 148). Da der Mensch leibliche Gestalt hat, ist er auch von Natur aus verweslich. Im Tod verwandelt er sich in einen geistigen Leib (1 Kor 15), wie Paulus erklärt. "Geist ist Energie und in der Lage, sich neue Gestalt zu suchen. Von ihr können wir nur so viel sagen, dass sie nicht mehr identisch ist mit der irdischen Leiblichkeit, in der wir sterben werden, und dass es trotzdem ein Kontinuum gibt" (S. 152). Der Geist ist das Bleibende, und die Liebe verbindet uns mit Gott und untereinander über den Tod hinaus. - Pfingsten: Geist ist Wahrheit. Aber die Wahrheit ist um des Lebens willen uneindeutig. Dieses Kapitel eröffnet wahrhaft ökumenische Perspektiven - Ökumene in einem religionsübergreifenden Sinn. Hier ist der Religionswissenschaftler Jörns in seinem Element. Es ist eine Lust, diese Gedanken zu lesen: von den verschiedensten Offenbarungen als Prozessen der Gotteswahrnehmung, vom unaufhaltsamen Überschreiten einer jeden Religion ihrer alten kulturellen Grenzen, vom Entstehen neuer Religionen, wenn sich das Gottes-, Welt- und Selbstverständnis in der Kultur ändert. Einfach toll! - Trinitatis bzw. Dreifaltigkeit: Eine Dreiheit als Brücke zwischen den Religionen auf dem Weg in eine interreligiöse Ökumene. Es ist praktisch eine Fortsetzung des vorherigen Kapitels. Der interreligiöse Dialog macht deutlich, dass alle Religionen eine gemeinsame Herkunft haben, dass der fruchtbare Dialog manchmal schmerzliche Abschiede im eigenen Lager notwendig macht und zu heilsamen Aufbrüchen führt. - Ewigkeits- oder Totensonntag: Vom Tod als "der Sünde Sold" zum Tod als Tor im Leben. Das ist das letzte Kapitel, gewissermaßen die Fortsetzung des Osterkapitels mit der Anwendung auf den individuellen Umgang mit Sterben, Tod und Auferstehung.

Ausgelassen habe ich in dieser Buchbesprechung die kürzeren Kapitel " Kreuzesmeditation" und "Betet! Rogate!" über das Unser-Vater. Angefügt ist noch ein Gespräch von Stefan Hügli mit Klaus-Peter Jörns, das ursprünglich als Radiosendung veröffentlicht wurde.

Jörns gehört zu den Kirchenmännern, die heute in der Theologie Neues zu sagen haben und es auch zu sagen wagen. Vieles klingt so plausibel, dass man es gleich umsetzen möchte - wären da nicht die restriktiven Kirchenautoritäten (zumindest in der katholischen Kirche), die sich den ultrakonservativen Gruppierungen (Piusbrüdern) anbiedern, die eine Theologie von vorgestern vertreten. Fazit: Wer für Visionen in der Theologie offen ist, sollte dieses Buch unbedingt lesen.


Buchdaten:

Autor(en): Jörns, Klaus Peter
Titel: Mehr LEBEN bitte!
Verlag: Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
ISBN Nummer: 978-3-579-08048-2



Buchempfehlung und -kritik von Wilhelm Weber


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Jörns, Klaus Peter: Notwendige Abschiede - Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum

Kritik:

Woher hat der Verfasser K.P. Jörns die Kompetenz, ein solches Riesenthema anzugehen? Als langjähriger Gemeindepfarrer kannte er die Denkweise der "einfachen Gläubigen", als Professor am Predigerseminar stand er in der Auseinandersetzung mit den Studierenden, die einmal Verkünder des Glaubens werden wollten, und schliesslich war es die Religionssoziologie, die ihn dazu brachte, über den Tellerrand der jahrhundertealten christlichen Denkweise hinauszublicken.

Das ist das Anliegen von Jörns: Das Christentum muss sich wandeln, wie sich die Raupe in den Schmetterling verwandelt, damit es zu seiner Vollgestalt heranreift. Auf diesem Weg gibt es notwendige Abschiede, die weh tun, aber unabdingbar sind. "Diese Abschiede zu vollziehen hat also nichts mit Destruktion zu tun, sondern damit, den notwendigen Gestaltwandel von selbst gewählten Fesseln zu befreien. Ich hoffe, dass dadurch viele, die jetzt dem christlichen Glauben eher fernstehen, sich (wieder) einbeziehen lassen in das Reden über Gott und die Welt" (S. 13).

Nach einer rund 45 Seiten langen Lagebeschreibung der gegenwärtigen Situation benennt, beschreibt und begründet Jörns jene acht notwendigen Abschiede, die dem Christentum beim heutigen Menschen zu mehr Akzeptanz verhelfen sollen. Dabei sagt der Verfasser nicht nur Neues, sondern oft Altes neu in einer Weise, die dem Leser die Zustimmung leicht macht.

Das sind die wichtigsten Abschiede: "Abschied von der Vorstellung, die Bibel sei unabhängig von den Regeln menschlicher Wahrnehmung entstanden" (S. 102-155). Was hier gesagt wird, ist zum größten Teil seit langem gesicherte Erkenntnis biblischer Form- und Überlieferungsgeschichte, doch die damit konsequent durchgeführte Einordnung des Christlichen in eine universale Wahrnehmungsgeschichte Gottes in dieser Welt fasziniert (S. 154-187). "Die bisherige Annahme der Kirchen, durch Anziehen der dogmatischen und disziplinarischen Zügel halten zu wollen, was sich löst, ist ein Irrtum - nicht zuletzt deswegen, weil der Geist selbst die Wahrnehmungsgeschichte Gottes weitertreibt" (S. 169). Ebenso müssen Erwählungs- und Verwerfungsvorstellungen aufgegeben werden. Denn: "Die Erwählung der einen bedeutet eine Zurückweisung oder zumindest Nicht-Beachtung derjenigen, die nicht erwählt worden sind" (S. 189). "Wenn das Gottesverhältnis nach Art einer menschlichen Liebes- und Ehebeziehung geglaubt wird, wird Gott in der (theologischen) Vorstellung ganz und gar in diese Beziehung eingebunden. Und das heißt - um im Bild zu bleiben - auch, dass er zu anderen Partnern (Gruppen, Völkern, Religionsgemeinschaften) keine Liebesbeziehung unterhalten darf, weil er sich ja sonst selbst des Treuebruchs schuldig machen würde. Kurzum: Gott wird zum Gefangenen der Erwählungsvorstellungen derer, die sich für erwählt halten“ (S. 202). Der zweifellos schwierigste und kirchlich kaum nachvollziehbare Abschied ist der "Abschied von der Vorstellung, der Tod sei der Sünde Sold" (S. 266-285) mit der praktischen Konsequenz "Abschied vom Verständnis der Hinrichtung Jesu als Sühnopfer und von dessen sakramentaler Nutzung in einer Opfermahlfeier" (S. 286-341). Immerhin, der Gedankengang fasziniert, obwohl einem bange wird vor den Konsequenzen.

Der dritte Teil des Buches "Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum" (ca 35 S.) wirkt nicht mehr so überzeugend. Trotzdem: Lassen Sie sich gefangen nehmen von den Gedankengängen dieses Buches! Auch wenn es nicht 1:1 umzusetzen ist, weitet es den Horizont doch ungeheuer.

Buchdaten:

Autor(en): Jörns, Klaus Peter
Titel: Notwendige Abschiede - Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
ISBN Nummer: 3-579-06408-8



Buchempfehlung und -kritik von Wilhelm Weber


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Autoren mit K

Kulle, Stephan
Küng, Hans



Kulle, Stephan: Papa Benedikt. Die Welt des deutschen Papstes.

Kritik:

Der bekannte Fernsehreporter ist auch beim Schreiben ganz in seinem Element. Als hätte er ein Drehbuch zu schreiben - führt er seine Gedanken wie eine Kamera, mit der er unsere Aufmerksamkeit nacheinander auf ganze Stadtteile, auf einzelne Gebäude, auf einzelne Zimmer mit ihrer Einrichtung, oder auf ein Interviewpartner und die Einzelheiten eines Gesprächs lenkt. Mit dem Vielfalt seiner Themen könnte er auch die Erwartungen einer an Illustrierte gewohnten Leserschaft erfüllen, denn er begnügt sich nicht mit der Darstellung der Persönlichkeit, der Rolle, der Tagesordnung und der Mitarbeiter des Oberhauptes der größten christlichen Kirche, sondern hält noch viele andere Dinge für mitteilungswert, von der Schweizergarde bis zur päpstlichen Küche und vom päpstlichen Fahrzeugpark bis zur päpstlichen Leibwäsche, und vergisst auch den üblichen Klatsch der "Vatikanisten" nicht.

Schwerpunkt des Buches ist natürlich die Vorstellung und Würdigung von Benedikt XVI., den er - anlässlich seines 80. Geburtstages - als einen bescheidenen und nüchternen Menschen beschreibt, der die vernünftige Handlungsweise zu den grundlegenden Äußerungen religiöser Haltung zählt, den man auch als Intellektuellen bezeichnen kann. Bei der Suche nach der wesentlichen Eigenschaft des neuen Pontifikats geht er von einer bestimmten und idealisierten Vorstellung der katholischen Kirche aus. Dieses Bild einer weltumfassenden und einheitlichen Kirche, die die einzige Wahrheit vertritt, bestimmt zugleich auch die Rolle eines Papstes: von ihm soll und darf man nichts anderes erwarten, als dass er die "Wahrheit" des so beschriebenen Kirchenbildes vertritt und sichert. Diese Erwartung erfüllt - nach seiner Meinung - Papst Benedikt mit seiner Prinzipientreue und mit seinem Kampf gegen den Relativismus vollkommen. Der Reporter, der in seinem Buch den Zauber des vor Jahrhunderten entstandenen Papstpalastes zelebriert, vergisst allerdings die einfache Tatsache zu erwähnen, dass wir nicht mehr in der Welt der Renaissance-Päpste leben, wo es als selbstverständlich galt, dass die Herrscher aus Gottes Gnade herrschen und sich nicht um die Meinung ihrer Untertanen zu kümmern haben. Heute, wo das Ideal der Demokratie weltweit das Bewusstsein der Menschen verändert, wo die Entwicklung der Wissenschaften sogar die Grundlagen des gewohnten Weltbildes in Frage stellt, ist keineswegs unbestritten, dass das hier vertretene Ideal dem Vielfalt der real existierenden Kirche, der in ihr vorhandenen Gegensätze, und zugleich dem sozialen und geistigen Zustand der nicht-katholischen Welt gerecht werden kann. Heute müssten auf ein Kirchenoberhaupt außer der Konservierung einer sowieso schon vollkommenen Kirche noch andere wichtige Aufgaben warten, nämlich darüber nachzudenken, dass die "Welt" der Kirche (Organisation und Lehre) ihren Kontakt mit der sich rasant beschleunigenden Entwicklung des gesamten menschlichen Denkens nicht verliert. Wenn die katholische Kirche alles als unantastbar und unveränderlich erklärt, was in ihr im Laufe der Geschichte berechtigter Weise entstanden ist und sich bewährt hat, könnte es für sie schwerwiegende Folgen haben.




Buchdaten:

Autor(en): Kulle, Stephan
Titel: Papa Benedikt. Die Welt des deutschen Papstes.
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007
ISBN Nummer:



Buchempfehlung und -kritik von Peter Sardy


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Kulle, Stephan: Warum wir wieder glauben wollen.

Kritik:

Wer nach dem Lesen des Buchtitels hier die Gründe einer Wiedergeburt der Religion in unseren Tagen - die manche zu entdecken glauben - zu erfahren hofft, wird enttäuscht. Der Autor beschreibt kein soziologisch erfassbares Phänomen und forscht nicht nach dessen Ursachen, ja er verrät nicht einmal, wen er mit "wir" im Auge hat, die "wieder glauben wollen" . Man kann nur hoffen, dass dahinter mehr als ein modischer Trend in der Themenwahl der Medien-Macher ist. Sein Thema ist natürlich der "Glaube" , der - wie er betont - weder zu beweisen noch einfach weiterzugeben ist, aber sein Ziel ist doch, die Leser zu diesem Glauben zu ermuntern, bzw. ihren schwachen und gefährdeten Glauben zu sichern und zu stärken. Das Wort "Glauben" kann allerdings Vieles bedeuten: etwa eine vernünftig begründete Überzeugung, einen letzten Kraftakt des Willens zur Überwindung von Zweifeln, oder das erlebte Glück der Geborgenheit in der Liebe Gottes. Was der Autor selber "Glauben" nennt, bleibt leider durchweg im Dunkeln, denn einerseits gibt er großmütig zu, dass jeder Mensch einen gewissen Glauben hat, andererseits bezeichnet er häufig einfach die Treue zur "Kirche" als Glauben, und der Zusammenhang verrät, dass er damit die katholische Kirche meint.

Aber warum "wollen" wir glauben, anstatt dass wir einfach glauben? Er beschreibt sehr überzeugend, wie stark unsere heutigen Lebensumstände den Glauben erschweren. Auch die großen Probleme, die einen christlichen Glauben immer schon gefährdet haben, bekommen bei ihm ihren Platz, so die unbeschreiblichen Leiden von Unschuldigen und die allgemein verbreitete menschliche Bosheit (oder Teufel), die offensichtlich gegen die Existenz eines "guten Gottes" sprechen. Er weist sogar auf die Skandale der Kirche und auf die Widersprüche in der christlichen Glaubenslehre hin. Diese vielfachen Probleme haben für ihn aber eine einfache Lösung: es lohnt sich nicht, unsere Zeit auf solche Einwände zu verschwenden, denn wir haben die Zeit hinter uns, wo unsere aufgeklärten Vorfahren bis zur Erschöpfung gegen den Glauben gekämpft haben, ohne damit irgend etwas zu erreichen. Wir sollen statt dessen merken, dass es besser ist zu glauben als nicht zu glauben. Wir sollen einsehen, dass die Gläubigen glücklicher und für die Gesellschaft nützlicher sind als die Ungläubigen, und dass das Leben in einer gläubigen Gemeinschaft viel einfacher ist als ein Leben ohne Glauben. So lautet im Großen und Ganzen seine Argumentation, die kaum über die Ebene des Utilitarismus hinausgreift. Seine Schrift lässt uns seine Sehnsucht spüren nach der harmonischen Einheit einer Volkskirche, die nach den Erfahrungen der Geschichte eher eine Fata-Morgana als eine reale Möglichkeit ist.

Dieses Buch von Stephan Kulle ist im Ganzen eine angenehme Lektüre mit vielen guten Gedanken, aber leider erreicht es nicht den tödlichen Ernst, mit dem uns der Glaube im Neuen Testament und auch in der heutigen Welt entgegentritt. Die Geschichte des Todes Jesu (und der Geburt des Christentums!) spielt sich nämlich zwischen zwei gegensätzlichen Polen des Glaubens ab, die beide authentisch sind: zwischen dem Glauben Jesu und dem Glauben des Hohenpriesters. Dort sehen wir einen Kampf zwischen diesen beiden Erscheinungsformen des Glaubens. In diesem Kampf ist der Sohn Gottes bereit, für seinen Glauben in den Tod zu gehen, während der Vertreter der Institution Gottes - im Interesse des "Glaubens" eines Kollektivs - bereit ist, Mitmenschen in den Tod zu schicken. Der Glaube tritt also mit einem solchen Anspruch auf, dass er auch die Opferung des Lebens fordern kann, sowohl des eigenen Lebens wie des Lebens des "irrgläubigen" Nächsten. Diese zwei Gesichter des Glaubens - der absolute Anspruch sowohl des individuellen Gewissens wie auch eines Kollektivs bzw. seines Vertreters - haben in jeder Zeit auch die Kirche begleitet und in ihr für Gegensätze, Streit und Leiden gesorgt. Der Autor, der als Kind und Jugendlicher in der DDR den Glauben in einem schützenden Raum seiner sehr lebendigen Kirchengemeinde erlebt hat, beschreibt zwar, wie ihn der Ernst des Glaubens damals in Gegensatz zur staatlichen Ordnung gebracht hat, geht aber - verständlicher Weise - nicht darauf ein, dass ein ernsthafter Glaube ohne Spannungen selbst in christlichen Gemeinschaften kaum denkbar ist.



Buchdaten:

Autor(en): Kulle, Stephan
Titel: Warum wir wieder glauben wollen.
Verlag: Fischer Verlag, 2006
ISBN Nummer:



Buchempfehlung und -kritik von Peter Sardy


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Küng, Hans: Der Anfang aller Dinge - Naturwissenschaft und Religion.

Kritik:

Es ist das Buch, das dem Papst so gut gefallen hat, hörte man nach der Audienz von Küng bei Papst Benedikt XVI.

Worum geht es? "Es geht um nichts weniger als um Ursprung und Sinn des Weltalls als Ganzes, ja, der Wirklichkeit überhaupt" (S. 16). Der erste Teil (A) des Buches ist der Fragestellung und der Darlegung der Arbeitsmethode gewidmet. Die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften (insbesondere Philosophie / Theologie) haben ihre je eigenen Fragestellungen an die vielschichtige und vieldimensionale Wirklichkeit. Keine Wissenschaft darf ihre Erkenntnisse und Theorien absolut setzen, keine darf sich in wohlmeinendem Harmoniebedürfnis die Forschungsergebnisse der anderen Wissenschaften dienstbar machen zur Stützung der eigenen Theorien, vielmehr fordert Küng die Bewahrung der Eigensphären: illegitime Übergänge sind zu vermeiden und Verabsolutierungen abzulehnen. Auf diese Weise will er zu einer kritisch-konstruktiven Interaktion von Naturwissenschaft und Religion gelangen, zu einer gegenseitigen Befragung und Bereicherung der Wirklichkeit als ganzer in allen ihren Dimensionen.

Der zweite Teil (B) des Buches ist überschrieben "Gott als Anfang?" Hier geht es in philosophisch-theologischen Reflexionen um den Anfang aller Dinge. Für die Bibel ist das Gott, nicht aber für den neuzeitlich denkenden Menschen. Er nimmt seine Erkenntnis aus der Erfahrung, nicht aus der Offenbarung. Seit Descartes ändert sich auch philosophisch der Zugang zu Gott. Beweisen lässt sich jetzt Gott nicht mehr (Kant), und der Schritt zum philosophischen Atheismus ist nicht mehr weit. Gott, eine Hypothese - oder doch Wirklichkeit?

Im dritten Teil (C) kommt das Thema "Weltschöpfung oder Evolution?" zur Sprache. Gibt es im evolutiven Weltbild überhaupt noch Platz für einen Schöpfergott? Küng kämpft sich durch so mancherlei philosophische Gegenargumente und selbst durch fundamentalistische Bibelinterpretationen hindurch und kommt zu der Feststellung: "Heute im Horizont der wissenschaftlichen Kosmologie an den Schöpfer der Welt glauben heißt, in aufgeklärtem Vertrauen bejahen, daß Welt und Mensch nicht im letzten Woher unerklärlich bleiben, daß Welt und Mensch nicht sinnlos aus dem Nichts ins Nichts geworfen sind, sondern daß sie als Ganzes sinnvoll und wertvoll sind, nicht Chaos, sondern Kosmos, weil sie in Gott, ihrem Urgrund, Urheber, Schöpfer, eine erste und letzte Geborgenheit haben" (S. 143).

Das vierte Kapitel (D) "Leben im Kosmos?" hat dieselbe Struktur wie alle Kapitel: Vorstellen der wissenschaftlichen Theorien, die das Weltbild der Bibel gewaltig auf den Kopf stellen, ja, Gott eigentlich überflüssig machen. Doch dann arbeitet Küng heraus, dass die aus den Wissenschaftstheorien abgeleiteten theologischen Schlussfolgerungen illegitim und schon gar nicht notwendig sind. Der Glaube ist da angesiedelt, wo das Fachgebiet der Naturwissenschaft endet. Zum Thema "Leben" heißt es: "Gott ist reiner Geist und wirkt in der Weltgeschichte fortdauernd nicht in der Weise des Endlichen und Relativen, sondern als der Unendliche im Endlichen und als das Absolute im Relativen" (S. 176). "Gottes Geist wirkt nicht von oben oder außen als unbewegter Beweger in die Welt hinein. Vielmehr wirkt er als die dynamische wirklichste Wirklichkeit von innen im ambivalenten Entwicklungsprozeß der Welt, den er ermöglicht, durchwaltet und vollendet" (ebd.). Oder noch einmal anders zitiert: "Weder die Welt ohne Gott (Atheismus) noch Gott identisch mit der Welt (Pantheismus)! sondern Gott in der Welt, und die Welt in Gott. Gott und Welt, Gott und Mensch also nicht als zwei konkurrierende endliche Kausalitäten nebeneinander, wo die eine gewinnt, was die andere verliert, sondern ineinander" (S.177).

"Der Anfang der Menschheit" ist das letzte Kapitel (E). Hochinteressant: die Darstellung von der Stammesgeschichte bis zur Hirnforschung und ihren Grenzen. Je weiter der Mensch forscht und erkennt, um so größer wird das Wissen um das Nicht-Wissen. Natürlich kommt Küng am Ende zu sprechen auf sein Spezialthema "Weltethos" . Und da tut gut seine ökumenische Weite: Neben dem Licht der Welt Jesus Christus gibt es noch viele andere Lichter (Weltreligionen), die gemeinsam dazu beitragen können und mögen, den Menschen Orientierung zu geben für ein sinnvolles Leben, für gegenseitigen Respekt und Solidarität und für ein friedliches Miteinander.

Dieses Buch sollten Sie unbedingt lesen!



Buchdaten:

Autor(en): Küng, Hans
Titel: Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion
Verlag: Piper
ISBN Nummer: 3-492-04787-6



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Autoren mit P

Posener, Alan
Prosinger, Wolgang



Posener, Alan: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft

Kritik:

"Europa soll nach dem Willen Benedikts wieder zu einem christlichen Kontinent werden" (S. 9), sagt der Buchautor Alan Posener im Vorwort. Das ist etwas, das alle Europäer angeht, und nicht nur die Katholiken. Eine Art augustinischen Gottesstaat schwebt dem Papst wohl vor, in dem die Errungenschaften der modernen Gesellschaft keine große Rolle mehr spielen. Und dagegen zieht Posener zu Felde. Er sagt: "Dieses Buch ist erklärterweise eine Streitschrift. (...) Ja, ich klag Benedikt an. Ich halte Benedikts Denken für irregeleitet, gefährlich und in letzter Instanz für menschenverachtend, und das versuche ich zu begründen." (S. 14).

Für Benedikt ist bereits die Aufklärung, also der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, ein großes Übel. Relativismus nennt er die so gewonnenen Freiheiten, die sein geschlossenes christliches Weltbild stören. Demokratische Spielregeln bezeichnet er als Diktat des Relativismus. Akribisch zitiert Posener aus Ratzinger / Benedikt - Ansprachen und - Texten, wo immer wieder dieses "Grundübel" des Relativismus angeprangert wird. Benedikt traut den Menschen nicht zu, dass sie in demokratischen Prozessen zu einer fundierten Moral finden. Oder waren die Zeiten besser, als die Kirche noch die öffentliche Moral bestimmte und selber entschied, welcher Krieg zur Erhaltung oder Ausbreitung des Glaubens zu führen sei, welche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht verbreitet werden durften, weil sie dem biblischen Weltbild nicht entsprachen, oder welche Ketzer aufgehängt und welche Frauen als Hexen verbrannt werden mussten? Weil Benedikt die Errungenschaften der Aufklärung und des modernen Freiheitsverständnisses ablehnt und oft gegen die Menschenrechte argumentiert, führt Posener zu Recht diesen Streit. Der Leser erfährt in dieser komprimierten Darstellung manches, was er so noch nicht gesehen und erkannt hat. Die Lektüre ist jedenfalls spannend.

Nicht minder spannend ist das Kapitel über Benedikts Auffassung von Vernunft. Der ewige Pessimist traut der menschlichen Vernunft nicht, sie bedürfe der Führung durch den Kirchenmann; oder anders ausgedrückt: die Vernunft bedarf des Glaubens. Damit wird eine längst überwunden geglaubte Bevormundung der Wissenschaften, der Kultur, der Menschen etc wieder eingesetzt. Rolle rückwärts nennt man das.

Eine weitere Frage, die auf dem Prüfstand steht: Wie geht Benedikt mit dem Holocaust um? Posener analysiert die Rede Benedikts vom 29. Mai 2006 in Auschwitz. Ergebnis: ein einziges Desaster - nicht aus Unbeholfenheit, sondern aus Unsensibilität. Ein Schuldbekenntnis kommt ihm nicht über die Lippen. Schuld war Hitler und die Umstände eben. Ich gebe zu: eine Analyse wie hier ist aus der Tagespresse nicht zu erfahren. Posener kommt zum Ergebnis: Es wäre besser gewesen, nicht nach Auschwitz zu kommen ... Er nennt viele Gründe.

Im vierten Kapitel geht es um Ratzingers / Benedikts Verhältnis zu den Juden generell. Posener erinnert an die Oberammergauer Festspiele, deren Charakter in der Nazizeit ausgesprochen antisemitisch war. Erst 1980 wurden auf dem Hintergrund des Konzilsdokumentes Nostra Aetate und nach Intervention jüdischer Organisationen Text und Aufführungspraxis geändert. Kardinal Ratzinger, der am 17. Mai 1980 mit einem Gottesdienst die Festspiele eröffnete, sagte in der Predigt: "Man kann Antisemitismus auch herbeireden; auch das sollte bedacht werden; deshalb möchte ich alle, insbesondere unsere jüdischen Freunde, bitten, mit dem Vorwurf des Antisemitismus aufzuhören" (S. 104). "Sodann behandelt Posener den Skandal der Wiedereinführung der diskriminierenden Karfreitagsfürbitte - für die Bekehrung der perfiden Juden" durch die Wiederzulassung der Tridentinischen Messe und Karfreitagsliturgie durch Benedikt. Jüdische Proteste darauf kommentierte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen Kardinal Walter Kasper etwa so: die Juden möchten respektieren, dass wir als Christen unserem Glauben gemäß beten, so wie wir selbstverständlich ihre Art zu beten respektieren. In dieser Hinsicht hätten beide Seiten noch zu lernen. - Anschließend geht Posener noch auf die leidige Angelegenheit mit der Priesterbruderschaft ein. Bekanntlich wurden die vier Bischöfe der Lefèbvre-Gruppe von der Exkommunikation freigesprochen, obwohl bekannt war, dass die Piusbrüder stark antisemitisch ausgerichtet sind.

Und so geht es weiter mit dem Besuch Benedikts in Afrika und der im Vorfeld wiederbelebten Kondom-Frage im Zusammenhang mit Aids. Posener nennt das eine Kultur des Todes. Es folgt die wissenschaftsfeindliche Einstellung Benedikts, z. B. in der Schöpfungsfrage. Längst überholte und erledigte Standpunkte werden in einer Rolle rückwärts wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Dann schneidet Posener noch ein ganz besonders trauriges Kapitel an: Benedikts Regensburger Rede. Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein Papst die islamische Welt so provozieren würde? Die anschließenden Proteste, Klarstellungen, Gespräche, führte dann 1980 zu einer gemeinsamen katholisch-schiitischen Erklärung, die mit großem publizistischen Getöse in die Zeitungen gebracht wurde. In Wirklichkeit ein Reinfall erster Güte, wenn man das Dokument wirklich liest, interpretiert, die beteiligten Personen unter die Lupe nimmt und bewertet. Für Benedikt allerdings positiv: Mit dem Islam lässt sich gemeinsam gegen die Moderne vorgehen.

Das vorliegende Buch ist gewiss eine Streitschrift. Aber man wird ja wohl streiten dürfen - auch in der Kirche! Posener bringt eine Außenansicht der Benedikt-Führung unserer Kirche. Kritische Christinnen und Christen sollten sie zur Kenntnis nehmen. Sie sollten auf ihre Weise dazu beitragen, dass unsere katholische Kirche wieder ein anderes, hoffnungsvolleres Gesicht bekommt.

Buchdaten:

Autor(en): Posener, Alan
Titel: Benedikts Kreuzzug
Verlag: Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
ISBN Nummer: 978-3-550-08793-6



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Prosinger, Wolgang: Tanner geht. Sterbehilfe - Ein Mann plant seinen Tod

Kritik:

Wie es zu diesem Buch kam, schreibt der Autor Wolfgang Prosinger in den Nachbemerkungen. Angeregt hatte ihn 2005 ein Zeitungsartikel in der ZEIT, wo der Redakteur Bartholomäus Grill den Weg seines qualvoll leidenden Bruders beschreibt und wie der bei DIGNITAS (DIGNITAS. Menschenwürdig leben. Menschenwürdig sterben.) in Zürich die ersehnte Begleitung in den Freitod findet. "Könnte es mir gelingen, einen Menschen kennen zu lernen, der denselben Entschluss wie Bartholomäus Grills Bruder gefasst hat und bereit wäre, sich mir anzuvertrauen? Wäre es möglich, diesen Menschen wochen- und monatelang zu begleiten, mit ihm zu sprechen, immer und immer wieder, um ihn verstehen zu lernen, das Unbegreifliche zu begreifen: Warum tut einer das? Was geht in den letzten Wochen seines Lebens in ihm vor? Wie lebt man dem Tod entgegen?" (S. 168). Prosinger hat einen solchen Menschen über die Internet-Seite von DIGNITAS gefunden. Tanner soll dieser Mann heißen (Deckname), der ein persönliches Interesse daran hat, dass diese Art, einem qualvollen Siechtum zu entgehen, in der Öffentlichkeit bekannter wird.

Und so besucht der Journalist Prosinger den von unglaublichen Schmerzen durch unheilbare Krankheiten: Krebs, Aids und Parkinson geplagten Tanner über Wochen und Monate und verbringt mit ihm ungezählte Stunden. Sein ganzes Leben breitet Tanner aus: seine Kindheit mit einem brutalen Vater und einer duldenden Mutter, die ihn nur zögerlich mit seiner zwanzig Jahre ältere Halbschwester bekannt macht; schließlich war die Mutter erst vierzehn, als sie diese Tochter bekam. Aber dann kamen für Tanner gute Jahre mit beruflichem Erfolg; Geldsorgen gab es nie. Er lernte Gerald (Deckname) kennen, seinen Lebensgefährten, mit dem er fünfzehn Jahre zusammen war und dessentwegen er Zürich verließ und nach Köln (auch Deckname) zog. In diese Zeit fällt die aufreibende Sorge um die demenzkranke Mutter in Zürich, die Tanner unter großem Zeitaufwand ganz oft besucht. Er glaubte, ihr gutmachen zu müssen, was der Vater ihr angetan hatte. Als die Mutter schließlich nach dreimonatigem Heimaufenthalt an den Folgen eines Suizidversuchs stirbt und kurze Zeit darauf auch der Vater an Altersschwäche, macht Tonner die große Erbschaft. Er und sein Freund Gerald kaufen sich einen Wohnwagen für rund 550 000 DM und begeben sich auf große Fahrt. Doch eigentlich kommen sie nur bis Italien - immer an dieselbe Stelle. Es fehlt ihnen an nichts, sie genießen das Leben. Doch nach fünfzehn Jahren hat die Partnerschaft Risse, ja Sprünge bekommen, und die beiden trennen sich. Tanner stürzt sich in die neue Freiheit - auch sexuell, aber am Ende bringt sie ihm Aids ein. Hinzu kommen Krebs und Parkinson, und schließlich entscheidet sich Tanner unter dem Druck der Schmerzen und Aussichtslosigkeit für den von DIGNITAS angebotenen begleiteten Freitod. Sehr einfühlsam und mit großem Respekt vor der Würde dieser persönlichen Entscheidung beschreibt Prosinger Tanners letzte Wochen und Monate; auch Gespräche mit dessen Freunden und mit Gerald gehören dazu. Tanners Verhältnis zu Gerald hatte sich längst entspannt. Man besucht sich gegenseitig, wie sich Freunde besuchen. Tanner, sein baldiges Ende vor Augen, sucht einen Erben. Für ihn ist klar: Gerald soll alles erben. Pro forma - wegen der Steuerersparnis - findet sogar noch eine Verpartnerung statt. - Insgesamt eine sehr bewegende Schilderung eines authentischen Schicksals.

Am Rande der Schilderung dieser ganz persönlichen Lebensgeschichte arbeitet Prosinger meisterhaft bestimmte Sachfragen ab, so z. B. die Debatte um die Sterbehilfe, indem er klare Unterscheidungen trifft zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung und deren unterschiedlicher rechtlicher Relevanz in Deutschland und in der Schweiz (S. 31 ff.). An anderer Stelle gibt der Buchautor eine Übersicht über die in Deutschland geführte Diskussion über die Freitodhilfe. So sagt die Deutsche Ärztekammer in ihren Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung: "Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung widerspricht dem ärztlichen Ethos und kann strafbar sein" (S. 37). Auch die katholische Kirche in ihrem Repräsentanten Kardinal Lehmann hat sich vor Praktiken der Freitodhilfe verwahrt. Lehmann 2007 auf dem Mainzer Hospiz- und Palliativtag: "Wir haben nicht das Recht, unser Leben selbstmächtig zu beenden oder unser Menschsein durch völlige Ausschaltung unserer Sinne und unseres Denkens und Wollens zu betäuben oder geradezu auszuschalten" (S. 38). Anders dagegen der katholische Theologe Hans Küng, der für die Selbstbestimmung des Einzelnen plädiert: "Wenn das ganze Leben von Gott in die Verantwortung eines Menschen gestellt ist, dann gilt diese Verantwortung auch für die letzte Phase unseres Lebens: wenn es ans Sterben geht. Warum sollte gerade diese letzte Phase des Lebens von der Verantwortung ausgenommen sein?" (S. 39). Warum die Diskussion über dieses Thema immer dringlicher wird? Weil die ärztliche Kunst das Sterben immer wirksamer verhindern kann, ohne dass das Leben seine frühere Qualität zurück bekäme, und weil die demografische Entwicklung uns nicht erlauben wird, die Pflegezeiten und -kosten beliebig auszudehnen.

Ein eigenes Kapitel befasst sich mit dem Tabu der Selbsttötung und dem Skandal des öffentlichen Schweigens. Verschwiegen wird nämlich in der Gesellschaft, dass sich in Deutschland im Jahr etwa 11 000 Personen auf welche Weise auch immer selbst töten. Das sind bei weitem mehr, als Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen. Dabei gehört sicherlich mancher Verkehrstote statistisch in die Rubrik "Selbsttötung", ohne dass wir das mit Sicherheit feststellen können. Aber darüber wird nur selten öffentlich berichtet in der Sorge, es könnten Nachahmer angesprochen werden.

Als ausgesprochen fair muss gewertet werden, dass dem Modell der Suizidhilfe das Gegenmodell Hospizbewegung und Palliativmedizin gegenübergestellt wird. Es ist zweifellos eine humane Form der Sterbebegleitung, aber (noch) völlig unzureichend für ein flächendeckendes Angebot. - Durchaus kritisch wird allerdings auch DIGNITAS selbst beleuchtet. Der etwas zwielichtige Ludwig Minelli, Gründer und Leiter der Organisation DIGNITAS, nimmt zwar persönlich Stellung zu den immer wieder erhobenen Vorwürfen gegen ihn und seine Organisation, doch die Antworten sind nur wenig überzeugend, was wohl damit zusammen hängt, dass Minelli kein Sympathieträger seines Unternehmens ist. Vor allem wird immer wieder kritisiert, dass sein Unternehmen die Finanzen nicht offen legt. So kommt Prosinger zu folgender Einschätzung des Unternehmens DIGNITAS: "Es kann im Urteil über DIGNITAS eine einheitliche Betrachtung nicht geben. Es bleibt ein unauflösbarer Widerspruch, eine Aporie. Es ist das Recht der Gesunden, empört zu sein und DIGNITAS würdevolles Handeln abzusprechen. Aber wer das tut, muss sich im Klaren sein, dass er von seiner Vorstellung von Würde spricht, von seiner eigenen. Und dass er mit dieser Vorstellung die Würde eines anderen antasten kann" (S. 152).

Hilfreich ist die Literaturangabe im Anhang zur Vertiefung und Weiterführung der Problematik.

Das Buch ist spannend geschrieben, insgesamt sehr informativ und kompakt, es ist kein einseitiges Plädoyer für DIGNITAS, sondern klärt auf und lädt zum Nach- und Weiterdenken ein. Jeder, der sich beruflich oder privat mit der Frage der begleiteten Suizid-Hilfe beschäftigen muss oder will, sollte dieses Buch lesen.

Buchdaten:

Autor(en): Prosinger, Wolfgang
Titel: Tanner geht. Sterbehilfe - Ein Mann plant seinen Tod
Verlag: Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN Nummer: 978-3-10-059030-5



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Autoren mit R

Rosien, Peter



Rosien, Peter: Mein Gott, mein Glück - Ansichten eines frommen Ketzers

Kritik:

Peter Rosien, Theologe und Journalist, erzählt in diesem Buch, wie er sich sein Leben lang mit Gott und der Kirche auseinandergesetzt hat. Jetzt ist Rosien im Ruhestand und lässt noch einmal Revue passieren, wie und wodurch sein Gottesbild geprägt worden ist. Obwohl er als Junge ein evangelisches Internat besucht hatte, hatte er immer schon seine Schwierigkeiten mit den in den Kirchen gelehrten Dogmen und ewigen Wahrheiten, die angeblich so wichtig sein sollten; vor allem konnte er den Christus-Glauben, wie er verkündet wurde, nicht nach vollziehen. Trotzdem studierte er nach dem Abitur evangelische Theologie, weil er´s wissen wollte. Viel Autobiografisches fließt in die Erzählung ein. Nach dem Examen begann er seine journalistische Laufbahn, die ihn später in die Redaktion von Publik-Forum brachte, wo er von 1998 bis zu seinem Ruhestand 2007 theologischer Chefredakteur war.

Die Sprache ist herzerfrischend und bringt vieles auf den Punkt, woran religiös suchende Menschen heute leiden. Rosien schildert, wie das einst feste Gebäude kirchlicher Dogmatik so langsam ins Bröckeln geriet: der Schöpfungsglaube, weil sich das naturwissenschaftlich geprägte Weltverständnis so rasant verändert hat, dass für einen Schöpfergott kein Platz mehr ist; die Morallehre, die von der Psychoanalyse durcheinander gebracht worden ist; die Erkenntnisse der kritischen Bibelforschung, die der früher ach so hoch geschätzten Bibelautorität schwer zugesetzt hat; damit verbunden ist die Erkenntnis, dass am Anfang ein Mensch, Jesus, stand und erst im Laufe der Zeit daraus jener entrückte Christus wurde, der so gar nicht mehr als Mensch begriffen werden kann. Von den Kirchen wird das Christentum weitergegeben wie ein Konstrukt aus Lehrwahrheiten, mit denen die meisten nichts anfangen können. Glaubenserfahrungen kommen in den Kirchen dagegen nicht vor.

Interessant, wie Rosien selbst seinen Weg zum verantwortbaren Glauben gefunden hat. Das war verbunden mit der Entdeckung der Schriften des Mystikers Meister Eckhart (1260 - 1328), der der persönlichen Glaubenserfahrung den Vorrang vor allen objektiven Wahrheiten gibt. "Im Innersten der Seele sind dir alle Dinge gegenwärtig" (Eckhart). Für Rosien war bald klar: "Gott liebt mich bedingungslos. Er ist ansprechbares Gegenüber. Und er ist nur für mich da" (S. 41). In dieser Überzeugung wird die Heilsnotwendigkeit jeder Kirche stark relativiert, weil der persönliche Draht zu Gott eben sehr stark ist. Und dieses Gottesbild macht glücklich (vgl. den Buchtitel: Mein Gott, mein Glück). Rosien hat sich sein Leben lang an der Kirche der Gottesfürchtigen (also derer, die in der Furcht vor Gott leben) gerieben. Sie wissen nicht, wie viel Liebe Gott verschenkt, und zwar an jeden und nicht nur an die, die sich seine Liebe erst verdienen zu müssen meinen.

Natürlich sagt Rosien auch, was sich ändern müsste, wenn die Kirche ihrer Aufgabe gerecht werden will. Aber er ist skeptisch, ob das je gelingen wird. "Die Kirche muss sich neu erfinden" (S. 175). Im letzten Kapitel ist der Autor dennoch erstaunlich versöhnlich und zuversichtlich. "Und Gott? Der geht ganz sicher seine eigenen Wege. Wer sich dabei von ihm finden lässt, den nimmt er mit. In, mit oder ohne Kirche, manchmal sogar gegen sie. Und wer weiß, ob sich aus seinem Geist in Europa eines Tages nicht doch eine ganz neue und andere Glaubensorganisation entfalten wird?" (S. 181). - Es ist ein Buch, das eben ein frommer Ketzer geschrieben hat. Ich habe es mit großem Interesse und sogar Wohlbehagen gelesen. Es ist ein Buch, das näher am Menschen ist als jede noch so hochtrabende Enzyklika. Der Neutestamentler Gerd Lüdemann hat zu dem Buch übrigens ein Geleitwort geschrieben.


Buchdaten:

AAutor(en): Rosien, Peter
Titel: Mein Gott, mein Glück - Ansichten eines frommen Ketzers
Verlag: Verlagsgesellschaft mbH, 61410 Oberursel
ISBN Nummer: 978-3-88095-164-8



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Sardy, Peter
Scholl, Norbert
Spong, John Shelby
Spong, John Shelby
Schermann, Rudolf



Sardy, Peter: Jesus oder Paulus - Der Weg einer Befreiung

Kritik:


Das Jesusbild des Markusevangeliums, des ältesten Evangeliums im Neuen Testament, ist für den Verfasser Ausgangspunkt für alle Überlegungen. Danach verkündet Jesus in Wort und Tat die entgrenzende Liebe Gottes. Sie macht den Menschen nie klein, sondern zeigt ihm, in den Widrigkeiten und Schicksalsschlägen des Lebens auf Gott zu vertrauen und darauf, dass er ein Gott des Lebens ist. Einen strafenden, vergeltenden, den Menschen quälenden Gott kennt Jesus nicht. Diese ursprüngliche Botschaft, die in jeder Hinsicht eine frohe und befreiende ist, wird jedoch später durch die nachfolgenden Generationen (schon im Zeugnis der Bibel) beinahe bis zur Unkenntlichkeit verfälscht. Besonders verhängnisvoll ist, dass die Vorstellungen des Apostels Paulus später zur Grundlage des theologischen Denkens in der Kirche werden; denn Paulus kannte Jesus nicht persönlich und wohl auch nicht dessen Gottesbild. Paulus, der sich selbst Apostel nennt, tritt mit einer ganz anders geprägten Gottesvorstellung auf den Plan: in weiten Teilen der Gotteserfahrung Jesu widersprechend und doch auf andere Weise der Freiheit und Befreiung des Menschen das Wort redend. Spätestens hier wird klar, dass das Neue Testament kein Dokument einer einheitlichen Theologie ist, sondern eine Sammlung sehr unterschiedlicher Glaubenszeugnisse der anfänglichen Kirche mit vielen Widersprüchen.

Die Art und Weise, wie der Verfasser seine Gedanken entwickelt, und die verständliche Sprache, die er spricht, machen das Lesen leicht. Es kommt beim Leser Freude am eigenen theologischen Denken auf. Sardy ermutigt seine Leser zum selbständigen Mitdenken, wenn er sagt: "Warum urteilt ihr nicht selbst?" Denn vieles, was die Kirche heute so abstoßend erscheinen lässt, entspricht ganz und gar nicht dem Denken, Reden und Handeln Jesu. Es ist also dringend geboten, nach dem eigentlich Christlichen zu fragen. Und da darf sich jeder beteiligen und sollte es nicht den dreimal klugen Theologen allein überlassen. - Das Buch weckt Freude am Glauben und ist eine Einladung zum theologischen Mitdenken.


Buchdaten:

Autor(en): Sardy, Peter
Titel: Jesus oder Paulus - Der Weg einer Befreiung
Verlag: Fischer & Fischer
ISBN Nummer: 3-935895-04-6

Das Buch ist im Buchhandel nicht mehr erhältlich, wohl aber beim Verfasser zum Preis von € 15 (einschließlich Versand):

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Scholl, Norbert: Mein Zweifelglaube

Kritik:


Es ist ein Buch gegen die falsche Sicherheit im Glauben. Flott geschrieben - für Menschen, die Christ sein möchten und sich kirchlich engagieren wollen, aber ihre Schwierigkeiten ha-ben mit der Unbeweglichkeit der kirchlichen Institution.

Im Einzelnen:
Es werden einige Artikel des Glaubensbekenntnisses unter die Lupe genommen und auf ihre Aussagekraft für unsere Zeit hinterfragt. Zum Beispiel: "Ich glaube an Gott". Der kirchliche Umgang mit diesem Begriff ist so selbstsicher, inhaltlich abgeschlossen und über jede Unsi-cherheit und jeden Zweifel erhaben, dass einem kritisch denkenden Menschen die Lust auf Gott vergehen kann. Der Autor plädiert daher für ein Recht auf Zweifel und bringt dafür auch gleich biblische Beispiele. Scholl möchte Gott seiner Allerweltsbedeutung entziehen und empfiehlt einen sehr vorsichtigen Umgang mit dem Gottesbegriff. Treffende Zitate von be-deutenden Philosophen, Theologen und Dichtern veranschaulichen, wie man respektvoll und zweifelnd gläubig über Gott sprechen kann. Das Kapitel über Gott ist meines Erachtens eines der stärksten im ganzen Buch. Allerdings ist der Umgang mit dem Gottesbegriff in den weite-ren Kapiteln nicht mehr so zurückhaltend wie empfohlen, sondern wie fast allgemein üblich formelhaft. Was ich in diesem Zusammenhang vermisse, ist eine etwas ausführlichere Ver-ständnishilfe des Betens für den modernen Menschen.

Weitere Kapitel handeln von der Offenbarung, von den Zehn Geboten (beide etwas kurz gera-ten) und dann über Jesus von Nazaret. Letzteres enthält eine ausgezeichnete Zusammenfas-sung der historisch-kritischen Exegese und deren Konsequenzen für das moderne Jesus-Verständnis. Das macht jungen Menschen Mut, sich auch heute auf Jesus einzulassen. Schade, dass das folgende Kapitel über den Geist und die Begeisterung so knapp ausgefallen ist.

Richtig spannend sind später die Kapitel über die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, über Kirchenstrukturen und die Schwierigkeiten eines kirchlichen Aggiornamentos. Ganz locker packt der emeritierte Professor für Religionspädagogik diese heißen Eisen klerikaler Selbstgefälligkeit an und darf sich der Zustimmung (und des Beifalls) angehender Religionslehrer und Religionslehrerinnen sicher sein. Nicht verschwiegen werden sollte, dass manche Ansichten, wenn sie denn von Lehramtskandidaten öffentlich vertreten würden, beim späteren kirchlichen Arbeitgeber Irritationen hervorrufen könnten (vorsichtig ausgedrückt). Das liegt dann allerdings weniger an der Plausibilität der vom Zweifelgläubigen Scholl geäu-ßerten Verständnishilfen als vielmehr am Wahrnehmungsdefizit bischöflicher Ordinariate, was den tatsächlichen Zustand der Kirche, der Glaubensbereitschaft ihrer Mitglieder und de-ren geistig-geistlicher Situation überhaupt anbetrifft.

Ein Buch, in populärem Stil geschrieben, das die Probleme beim Namen nennt und in vielen Fragen gute Verstehenshilfen gibt. Es hätte ruhig doppelt so dick sein dürfen. Ich empfehle die Lektüre allen, die ihre Zweifel an Glaube und Kirche haben und an letzterer noch nicht verzweifelt sind.


Buchdaten:

Autor(en): Scholl, Norbert
Titel: Mein Zweifelglaube
Verlag: Paulusverlag, Freiburg / Schweiz
ISBN Nummer: 978-3-7228-0725-6


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Spong, John Shelby: Was sich im Christentum ändern muß.
Ein Bischof nimmt Stellung

Kritik:


Das Bischofsamt, das der Anglikaner J.S. Spong zwanzig Jahre lang in Newark, New Jersey (USA) innehatte, weist ihn sicher als Mann der Kirche aus Um so erstaunlicher sind daher seine Thesen darüber, was sich im Christentum auf Dauer ändern muß und ändern wird. Wer das Buch zu lesen anfängt, wird es so schnell nicht auf Seite legen.

Worum geht es? Spong will "den authentischen, christlichen Glauben mit dem Wissen und Bewußtsein unserer Zeit versöhnen" (S. 14). Sich selbst bezeichnet er als "einen geradezu von Gott eingenommenen Menschen" (S.19). Doch kann er den authentischen, christlichen Glauben in der Sprache und Vorstellung des Glaubensbekenntnisses und vieler biblischer Bilder nicht mehr finden, weshalb er sich als Gläubiger im Exil bezeichnet. Und so stellt Spong die Aussagen des Glaubensbekenntnisses auf den Prüfstand. Das Ergebnis ist, daß sein Gottesbild keine theistische (Gott als persönliches, überweltliches, übernatürliches Wesen, das in die Geschichte eingreift) Prägung mehr hat. "Aber Theismus und Gott sind nicht dasselbe. Theismus ist nur eine menschliche Definition Gottes" (S. 64). Die Alternative dazu ist nicht der Atheismus, sondern: "Gott ist vielmehr die unausweichliche Tiefe und die Mitte von allem, was ist ..... Gott ist der Urgrund des Seins selbst" (S. 89). Mit diesem veränderten Gottesverständnis macht sich Spong auf, Jesus im Neuen Testament neu zu entdecken. Er sucht nach den ursprünglichen Erfahrungen, die hinter den Bildern, Geschichten und mythischen Ausdrucksweisen stehen. Und so wird der Geist zu einem Schlüsselbegriff der Gotteserfahrung in Jesus. Er ist das menschliche Antlitz Gottes. Das Wort des Johannesevangeliums "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (14,6) veranlaßt Spong zu der Aussage: "Da ist Jesus für mich der Weg in das Herz Gottes, den Urgrund des Seins. Jesus ist für mich die Wahrheit, in der ich mein Leben mit theologischer und menschlicher Aufrichtigkeit leben kann. Jesus ist für mich das Leben, das uns allen bekannt gemacht hat, was der Sinn des Lebens ist. So nenne ich ihn den HERRN, nenne ich ihn CHRISTUS und unterstreiche, daß er es ist, wo ich Gott treffe" (S. 159).

Wenn es keinen jenseitigen Gott gibt, der in unser Leben eingreift, dann muß das Gebet neu definiert werden; denn es enthält ja fast immer die Aufforderung, Gott möge doch dieses oder jenes in unserem Leben bewerkstelligen. Und so widmet Spong diesem Thema ein eigenes Kapitel. Für mich ist es nicht sehr überzeugend, ebenso das folgende Kapitel über die Begründung der Ethik. Trotzdem ist das Buch lesenswert, vor allem, weil es viele Fragen stellt; Fragen, die jenes Unbehagen formulieren, das moderne Menschen haben angesichts der traditionellen Glaubenssprache.


Buchdaten:

Autor(en): Spong, John Shelby
Titel: Was sich im Christentum ändern muß
Verlag: Patmos
ISBN Nummer: 3-491-72481-3


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Spong, John Shelby: Warum der alte Glaube neu geboren werden muss.
Ein Bischof bezieht Position.

Kritik:


Das Anliegen Spongs ist: er möchte das Christentum zukunftsfähig machen. Das ist mit einer Reformation im Denken verbunden, die vielleicht über mehrere Generationen dauert. Spong hält das theistische Gottesbild nämlich für überholt, das Gott als ein Wesen mit übernatürlicher Macht versteht, das außerhalb dieser Welt wohnt und von Zeit zu Zeit in dieser Welt eingreift, um den göttlichen Willen zu erfüllen. Es ist das Gottesbild einer Stammesreligion, wo Gott die Funktion hat zu schützen, zu strafen, zu belohnen und vor allem nach den üblichen Unterwerfungsritualien von Seiten der Menschen dann auch gnädigst zu helfen, und zwar auf wunderbare Weise. Es gibt genügend Anzeichen, dass dieser theistische Gott längst gestorben ist. Eigentlich weiß das jeder, der seine Vernunft nicht außer Kraft setzt. Spong macht einsichtig, dass sich die Vorstellung von Gott und das Reden über das Göttliche gewaltig ändern müssen, wenn das Christentum überleben will. Die Überlegungen sind gedacht für die, die nicht mehr nach den alten Mustern und (Glaubens-) Formeln glauben können, aber doch die Faszination am Göttlichen behalten haben. "Ich bin nicht daran interessiert, jene konservativen und fundamentalistischen Vertreter der Christenheit, die heute in der Kirche vorherrschen, herauszufordern. Sie werden& . an ihrer eigenen Irrelevanz aussterben, ohne dass ich dazu beitrage. Sie haben ihr Verständnis der Christenheit an Vorstellungen der Vergangenheit gebunden, die am Rebstock einfach verdorren werden" (S. 28).

Ist Spong Atheist? Nein! Als Mann der anglikanischen Kirche, der über 20 Jahre Bischof von Newark, New Jersey (USA) war und anschließend als Professor der Theologie an der Harvard-Universität lehrte, weist er den Vorwurf, Atheist zu sein, weit von sich. "Ich bin Christ....Ich nenne Jesus meinen Herrn. Ich glaube, dass er Gott in einer mächtigen und einzigartigen Weise der menschlichen Geschichte und mir vermittelt hat" (S. 18). "Ich beharre unerschütterlich auf der Wahrheit der Feststellung, die zuerst Paulus machte, nämlich dass "Gott in Christus" war (2 Kor 5,19)" (S. 23).

Das Ende des Theismus ist nicht das Ende Gottes. Theistische Vorstellungen sind Ausdruck der menschlichen Unmündigkeit. Der mündige Mensch gibt nicht den Glauben auf, sondern nur eine bestimmte Gottesvorstellung, die seine Unmündigkeit geprägt und sein geistiges Erwachsenwerden behindert hatte. Und so sucht Spong nach neuen Wegen, wie der mündige und aufgeklärte Mensch Gott wieder zur Sprache bringen kann. Spongs erste Definition eines nicht-theistischen Gottes lautet denn: "Gott ist die absolute Quelle des Lebens. Man betet Gott an, indem man ein erfülltes Leben führt und es in aller Tiefe teilt" (S. 89) Die zweite Definition eines nicht-theistischen Gottes heißt: "Gott ist die Urquelle der Liebe. Man betet Gott an, indem man verschwenderisch liebt, Liebe ungezügelt austeilt, indem man Liebe weitergibt, ohne anzuhalten, um die Kosten zu zählen" (S. 91). Und die dritte Definition schließlich: "Gott ist das Sein - die Realität, die alles Leben trägt. Wenn man diesen Gott anbeten will, muss man bereit sein alles, seine Verteidigung und seine selbst auferlegten, kulturell konstruierten Sicherheitssysteme aufzugeben" (S. 92). Spong fühlt sich in der Gegenwart dieses Gottes zugleich als freudiger, leidenschaftlicher, überzeugter Bekenner der Wirklichkeit Gottes.

Mit diesen neuen Erkenntnissen überdenkt Spong die Christologie und macht sich daran, "die theistischen Eierschalen vom Leben Jesu zu entfernen" (S. 103); aber er tut es als Christ, d.h. "als einer, der glaubt, dass er in Jesus von Nazaret dem heiligen Gott begegnet ist" (ebd). Spong führt anhand der ältesten Texte des Neuen Testaments den Beweis, dass die ursprüngliche Interpretation Jesu nicht theistisch war. Dass Jesus zur Inkarnation des theistischen Gottes wurde, ist spätere Theologie. Lässt man den Inkarnationsgedanken beiseite, kann man Jesus einfach als das Schaufenster Gottes bezeichnen.

Dieser theologische Neuansatz wirft natürlich unendlich viele Fragen auf, die die Kirche, ihr Selbstverständnis und viele theologische Einzelfragen betreffen. Einige von ihnen werden in eigenen Kapiteln behandelt, so die Erbsündenlehre, die Weltmission, die kirchlichen Ansprüche auf Einmaligkeit und Exklusivität der christlichen Religion. Auch das Gebet muss neu definiert werden. Und überhaupt verändert die Kirche ihr ganzes Gesicht: sie wird farbenfroher, erlöster, weltoffener.

Das Buch signalisiert Aufbruch. Es ist ein wunderbarer Beitrag zu jener dringend notwendigen Reformation, damit die aufgeklärten und glaubensbereiten Menschen unserer Zeit wieder glauben können. Das konservative kirchliche Establishment egal welcher konfessionellen Prägung wird das Buch wohl kaum zur Kenntnis nehmen oder aber als Werk des Teufels verdammen - wenn es viele aufmerksame Leser findet und den Geist der Frommen infiziert.


Buchdaten:

Autor(en): Spong, John Shelby
Titel: Warum der alte Glaube neu geboren werden muss
Verlag: Patmos
ISBN Nummer: 3-491-70395-6



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Schermann, Rudolf: Hallo, Herr Papst! Unzeitgemäße Zwischenrufe eines Landpfarrers.

Kritik:


"Gott lüftet gerne" - Mit diesen Worten beginnt Rudolf Schermann sein neuestes Buch, das freilich keineswegs neu ist. Er stellt hier nur seine Gedanken vor, die er in seiner streitbaren Zeitschrift (früher Kirche intern, heute KIRCHE IN) seit zwanzig Jahren verbreitet. Im Vorwort nennt er sich einen Landpfarrer, der für einen gewissen Jesus schwärmt und vor dem Österreich-Besuch von Benedikt XVI. alles freimütig ausspricht, was sein Herz bedrückt. Mit dem "Lüften" spielt er auf den Leitgedanken Johannes XXIII. vor dem Konzil an. In der Fußspur dieses seligen Papstes will er fortschreiten, "bis wir die Wahrheit und nichts als die Wahrheit Jesu Christi, seine unverfälschte, unverbogene, von späteren zeitgeistigen Mißinterpretationen (Fehleinstellung zur Frau, Erotik, Sexualität, dann Zölibat, Scheiterhaufen, Macht, Prunk usw. usf.) gereinigte frohe Botschaft wiedergewonnen haben."

Der Adressat seines Buches ist der Papst selbst. Rudolf Schermann spricht sogar - zwar etwas mutlos - seine Hoffnung aus, dass dieser Papst die Beschwerden seines Landpfarrers wohlwollend erwägen und aus ihnen vielleicht etwas lernen könnte. Eine derart romantische Vorstellung von der Rolle eines Papstes ist unter "fortschrittlichen" Katholiken, die sich dem Geist des Konzils verpflichtet fühlen, nicht selten; als ob ein Papst dazu gewählt würde, um etwas zu lernen, oder gar auf Wünsche von Landpfarrern Rücksicht zu nehmen. Die Wirklichkeit ist weit von diesen Vorstellungen entfernt, und das scheint dem Landpfarrer auch klar zu sein. Wie könnte er denn sonst - gar nicht diplomatisch - an Kardinal Ratzinger kein gutes Haar lassen und trotzdem auf das Wohlwollen von Benedikt hoffen.

Die katholische Kirche macht den Eindruck von zwei Lagern, die in entgegengesetzte Richtungen streben. Das Tragische ist: beide sind überzeugt, allein den "Willen Christi" zu vertreten. Das eine ist das konservative Lager des herrschenden Papstes, das andere das Lager "fortschrittlicher" Christen, die sich auf Jesus berufen und (wie auf einen Messias) auf einen kommenden Reformpapst warten. Der gemeinsame Glaube hält zwar diese Lager zusammen, aber die Möglichkeiten einer geistigen Kommunikation, eines Dialogs zwischen ihnen sind sehr begrenzt. Wie könnte man auch von Dialog reden zwischen einer durch Menschen vertretenen "heiligen Herrschaft" (Hierarchie) und ihren Untertanen, wenn die ganze Macht auf der einen Seite liegt, die sich für unfehlbar hält und nicht lange fackelt, Vertretern von "irrigen" Meinungen einen Maulkorb zu verpassen. Unter diesen umständen ist es auch verständlich, wenn Rudolf Schermann im Zuge seines "Lüftens" den Mächtigen seiner Kirche keine Höflichkeiten sagt, sondern sie schonungslos für die Folgen ihrer Aktionen verantwortlich macht, vor allem für das Schicksal der unzähligen Menschen, die in der letzten Zeit (besonders in Österreich) enttäuscht der katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben. Dabei zählt er so viele Skandale und Affären auf, dass der Leser Grund genug hätte, einen solchen Verein unter Protest zu verlassen. Dem Autor selber aber fällt gar nicht ein auszutreten, denn wer austritt, muss die Hoffnung aufgeben, von den Zurückbleibenden noch ernst genommen zu werden. Rudolf Schermann gibt die Hoffnung auf eine Veränderung seiner Kirche nicht auf, denn er ist überzeugt, dass die Kirche nicht identisch mit den Herrschenden ist, auch wenn sie das zu glauben scheinen. Seine Kritik wird zwar bei Vertretern der Hierarchie wirkungslos bleiben, aber sie könnte das Denken der Gläubigen erreichen. Die Tendenz päpstlicher Verlautbarungen ist ja im Jahr 2007 immer noch die gleiche wie 1907, aber das Denken der Mehrheit in der Kirche ist seitdem wesentlich anders geworden. Von der Zukunft wissen wir nur, dass sie nicht berechenbar ist.


Buchdaten:

Autor(en): Schermann, Rudolf
Titel: Hallo, Herr Papst! Unzeitgemäße Zwischenrufe eines Landpfarrers.
Verlag: Wien-Klosterneuburg, EDITION VabENE, 2007
ISBN:




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Weß, Paul



Weß, Paul: Glaube aus Erfahrung und Deutung. Christliche Praxis statt Fundamentalismus.

Kritik:

Wer die Glaubenslehre seiner christlichen Religion ernst nimmt und bereit ist, die Risiken des freien Denkens auf sich zu nehmen, wird schwerlich der Frage ausweichen: "Woher wissen wir das alles?" Wenn er diese Frage an Theologen richtet, wird die Antwort - kurz gefasst - etwa so lauten: "Unser christlicher Glaube beruht auf göttlicher Offenbarung, denn in Jesus Christus hat Gott selbst zu uns gesprochen." Dass eine derartige Begründung des "Glaubens" das Schulbeispiel eines Zirkelschlusses (circulus vitiosus) sein könnte, das nach den Gesetzen der Logik ungültig ist, wird im Geräusch des theologischen Betriebes nur zu leicht übersehen. Eine Begründung des Glaubens damit, dass man sich auf die Gewissheit des Glaubens beruft, findet sich freilich nicht nur in der Argumentation fundamentalistischer Sekten. Es bleibt ein absolut unausweichliches Problem aller Religionen, die sich auf göttliche Offenbarungen berufen, denn dass wir irgendwo "Gottes Wort" begegnen, können wir nur aus dieser Offenbarung selber erfahren, es ist also eine Behauptung, die für die "Gläubigen" sich selbst beweist. Eine derartige Begründung des christlichen Glaubens genügt allerdings nicht mehr für moderne Menschen, die durch die Schule der Aufklärung gegangen sind. Gerade solche Menschen hatte Paul Weß (emeritierter Dozent für Pastoraltheologie auf der Universität Innsbruck) im Auge, als er sein Buch schrieb; denn im Hintergrund seiner Gedanken stehen seine Erfahrungen, die er in einer europäischen Großstadt, in Wien, während langer Jahre in der Seelsorge sammeln konnte.

Sein Buch (eine Sammlung von Beiträgen aus den letzten Jahren) ist entstanden aus der Suche nach einem nicht-fundamentalistischen Zugang zum christlichen Glauben, sowie aus dem Bemühen, daraus die nötigen Folgerungen für eine Reform der Kirche und ihre Verkündigung an religionskritische Menschen zu ziehen. Dies hatte sich eigentlich auch das 2. Vatikanische Konzil zum Ziel gesetzt, konnte es aber nur ansatzweise sehen und nicht annähernd verwirklichen. Dies ist das Thema des ersten Beitrages, in dem der Autor sich mit diesem Konzil auseinander setzt: Er zeigt, dass der Ausgangspunkt des Konzils - die Begründung des Glaubens aus einer Selbstoffenbarung Gottes durch Jesus als menschgewordenen Gott - selbst fundamentalistisch ist und deshalb dem Atheismus nichts entgegensetzen kann. Paul Weß sieht auch im Atheismus einen positiven Aspekt als Korrektiv der Theologie: der Atheismus ist eine Aufforderung, das Anliegen der "negativen Theologie" ernster zu nehmen und nicht so zu tun, als wüsste man über Gott genau Bescheid. Er will die ganze Diskussion sozusagen vom Kopf auf die Füße stellen, indem er vorschlägt, bei der Begründung des Glaubens nicht von einer Theorie über Gott, sondern von menschlichen Erfahrungen, und zwar von Erfahrungen aus der Praxis christlicher Gemeinschaften auszugehen. Dieser Ansatz erfordert natürlich auch eine ernsthafte Reform der Kirche, damit sie (anders als die übrige "Welt") in ihren konkreten Strukturen wirklich geeignet wird, ein "Erfahrungsraum der Liebe Gottes in der Welt" zu sein. Damit ist das Thema des ganzen Buches umrissen, das in den nächsten Beiträgen noch weiter ausgeführt wird.

Wie tief seine Reformvorschläge reichen werden, zeigt gleich der nächste Beitrag, seine Auseinandersetzung mit dem Buch "Jesus von Nazareth" des Papstes Benedikt XVI. Es geht dabei um die Kernaussage , dass Jesus "wirklich als Mensch Gott war", die Benedikt aus dem Neuen Testament nachzuweisen versucht. Paul Weß bemängelt dabei, dass der Papst nur solche Bibelstellen anführt, die (scheinbar) seine Auffassung stützen, aber die vielen anderen Stellen einfach übersieht, die ihr entgegenstehen. Dann untersucht er vor allem die zwei "entscheidenden Beweise" der Gottheit Jesu (im Prolog des Johannesevangeliums und im Philipperbrief) und zeigt, dass diese Texte ursprünglich nicht von der Gottheit Jesu sprechen, sondern anders zu verstehen sind, und erst nachträglich im Sinn der späteren hellenistischen Christologie interpretiert wurden. Zwischen der ursprünglichen Botschaft der Jünger Jesu und den "ökumenischen Konzilien" des Oströmischen Reiches liegen nämlich nicht nur Jahrhunderte, sondern eine Übersetzung aus der hebräisch-aramäischen Gedankenwelt in die ganz anders geartete Begriffswelt der hellenistischen Philosophie. Eine solche "Inkulturation" musste - bei allem Bemühen um eine treue Weitergabe der Botschaft - zwangsläufig auch Elemente der neuen Kultur übernehmen, die ihr fremd waren, aber seither mit der früheren Tradition zu eine Einheit verschmolzen sind und sie in einzelnen Zügen auch verfälschen konnten. Deshalb ist eine Kritik und bei Bedarf auch eine Revision dieser Tradition berechtigt und sogar unerlässlich.

Erst in der letzten Zeit wird vielen bewusst, dass das Christentum bis heute ein Teil der europäischen (der sog. "westlichen") Kultur geblieben und z. B. der chinesischen oder der islamischen Kultur gänzlich fremd ist, und sogar für die gerade entstehende nach-aufklärerische moderne Kultur bis jetzt als Fremdkörper erscheint. Wenn Jesus für die gesamte Menschheit überhaupt etwas Wichtiges zu sagen hat, kann deshalb die Anpassung der christlichen Lehre an die griechische Philosophie (ihre letzte Inkulturation) wohl nicht ihre letzte gewesen sein.

Aber ist eine neue Inkulturation, also das Zurücklassen des mit dem Christentum bisher (auch von Benedikt XVI) schlechthin gleichgesetzten griechischen Denkens zu unserer Zeit überhaupt vorstellbar? - Auf jeden Fall beschreibt Paul Weß ein historisches Beispiel, wo etwas derart Unvorstellbares Wirklichkeit geworden ist. Auch für die Apostel war ja ihr Glaube an Jesus untrennbar mit ihrer angestammten jüdischen Religion verbunden, bis sie plötzlich vor Menschen standen, denen die jüdische religiöse Tradition gänzlich fremd war, die aber doch Interesse für die Botschaft Jesu zeigten. Mussten diese Menschen alle erst Juden werden, um Christen werden zu können? Paulus, der die meisten von ihnen bekehrt hat, glaubte es nicht. Er kam mit Vertretern dieser "Heiden" zu den "Aposteln" nach Jerusalem, und nach heftigen Diskussionen kamen sie einmütig zu der Einsicht ("es gefiel dem heiligen Geist und uns"), dass nicht alle Christen auf die jüdische Tradition verpflichtet werden mussten. Eine Parallele zu dieser Lösung wäre in unserer Zeit etwa die Entscheidung, dass nicht alle Mitglieder der Kirche auf die Dogmen der ersten Konzilien ihrer "griechischen Epoche" verpflichtet werden müssen - und Paul Weß wagt tatsächlich einen Ausblick auf diese Möglichkeit. Er kann sich dabei sogar auf Karl Rahner, auf einen der größten Theologen des 20. Jahrhunderts berufen, der seiner Kirche eine so unvorstellbare Veränderung durchaus zugetraut hat. Rahner beschrieb "theologisch" drei große Epochen der Kirchengeschichte, "von denen die dritte eben erst begonnen& ..hat. 1. die kurze Periode des Juden-Christentums, 2. die Periode der Kirche in einem bestimmten Kulturkreis, nämlich des Hellenismus und der europäischen Kultur und Zivilisation, 3. die Periode, in der der Lebensraum der Kirche von vornherein die ganze Welt ist." Und diese dritte Periode könnte und müsste mit einem ebenso einschneidenden Schritt beginnen, wie der Übergang vom Juden-Christentum in den Hellenismus, sonst bleibt die Kirche "westlich". Es ist keineswegs überzeugend, wenn wir (mit Benedikt XVI.) die griechische Philosophie zum Wesen des Christentums erklären, denn damit müssten wir zugleich das Juden-Christentum (mit Jesus und seinen Jüngern!) für nicht-christlich erklären.

Auf die am Anfang des Buches stehende Frage nach einer nicht-fundamentalistischen Begründung des Glaubens antworten die Ausführungen des Autors über nötige Reformen der katholischen Kirche, die sich zum Ziel setzen, die christlichen Gemeinden zum Erfahrungsraum der Liebe Gottes zu machen. Der Weg zu einer solchen Kirche führt durch ein erneuertes Amtsverständnis und eine auf Einmütigkeit zielende neue Entscheidungsstruktur. Mit den wirklich geschwisterlich lebenden Gemeinden entstünde dann wie selbstverständlich eine Begründung des Glaubens aus Erfahrung, die auch für aufgeklärt denkende Menschen überzeugend erscheinen kann.

Vor der Frage der wünschenswerten Reformen sieht Paul Weß den Papst in einem beinahe unauflösbaren Dilemma. Er zitiert ausführlich aus einem Kommentar des Theologen Joseph Ratzinger zum 2. Vatikanischen Konzil , in dem dieser erklärte, dass man nicht alles als legitime Tradition, als Entfaltung der christlichen Botschaft betrachten kann, was sich in der Kirche tatsächlich gebildet hat, denn neben der getreuen Überlieferung gibt es auch die "entstellende Tradition". Dazu stellte Ratzinger dann mit Bedauern fest, dass dieses Konzil "das traditionskritische Moment so gut wie völlig übergangen" hat. Grund dafür war die Überzeugung der Teilnehmer, dass die beabsichtigte Erneuerung der Kirche die Gültigkeit ihrer überlieferten Lehre nicht berühren darf. Mit dieser Einstellung konnte es ihnen überhaupt nicht bewusst werden, dass ihr Konzil die bisherige dogmatische Tradition in der Tat (sogar in mehreren Punkten) "verbessert", d. h. verändert hat, indem es etwa erklärt, dass "Menschen guten Willens" auch außerhalb der katholischen Kirche "der Auferstehung entgegengehen", oder indem es die Rolle der nicht-katholischen Kirchen aufgewertet, sich auch über nicht-christliche Religionen positiv geäußert, und sogar die Religionsfreiheit ausdrücklich anerkannt hat. Eine gründliche Untersuchung der früheren Konzilien hätte die Anerkennung dieser Tatsache nahe gelegt, denn sie hätte gezeigt, dass auch diese wiederholt dogmatische Erklärungen ihrer Vorgänger geändert haben, angefangen mit dem Konzil von Chalkedon (451), das das christologische Dogma des ersten Konzils von Nikaia (325) verbessert hat. Auf solche Tatsachen hinzuweisen war aber unter kirchlichen Theologen bisher nicht üblich. Die Anhänger von Lefebvre haben recht, wenn sie sagen, dass das 2. Vatikanische Konzil von der bisherigen Tradition abgewichen ist. Die Folgerung aus dieser Tatsache müssten allerdings nicht eine Abkehr vom Konzil, sondern die Überprüfung und Weiterentwicklung des Begriffes der "heiligen Tradition" sein. Die Leitung der katholischen Kirche hat bisher (öffentlich) leider nicht den Mut, dieser Tatsache in die Augen zu schauen. Das große Dilemma des Papstes besteht darin, dass er meint, an der Gültigkeit des Konzils und gleichzeitig auch an der Kontinuität der kirchlichen Lehre festhalten zu müssen. Aus diesem Dilemma gibt es aber nur einen Ausweg: die Geschichtlichkeit der Dogmen anzuerkennen, wie auch das "Apostelkonzil" in Jerusalem anerkennen konnte, dass die bis dahin "gültige" jüdische Tradition in einer neuen geschichtlichen Epoche nunmehr der Vergangenheit angehörte.

Die Bejahung der Geschichtlichkeit der Glaubenslehre hat freilich einen sehr hohen Preis; sie gefährdet auf den ersten Blick die Identität der Kirche, weil dabei ihr bisher am meisten gehüteter Schatz, ihr Privileg, der "einzig wahre Glaube" irgendwie unauffindbar wird. In dieser Situation könnte nur helfen, die Identität der Kirche ganz radikal in der ursprünglichsten Botschaft Jesu zu verankern: Was Jesus mit "Glauben" bezeichnete, war nämlich keineswegs ein System theologischer Aussagen, sondern (mit heutigen Begriffen formuliert) das bewusst gewordene Urvertrauen in den "Vater" unseres Lebens, über den die Glaubenden nicht unfehlbar bescheid wissen, sondern dem sie durch uneingeschränkte Liebe ähnlich und dadurch seine Söhne und seine Töchter werden können und sollen.


Buchdaten:

Autor(en): Weß, Paul
Titel: Glaube aus Erfahrung und Deutung. Christliche Praxis statt Fundamentalismus.
Verlag: Otto Müller Verlag, Salburg-Wien, 2010
ISBN Nr. 978-3-7013-1177-4



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Seite geändert am: 10.03.2011