Hier finden Sie Texte über das Vaterunser

Texte von Peter Sardy





Texte von Peter Sardy






"Wenn ihr betet..." - Ein alter Text kann überraschen

"Wenn ihr betet..." - Ein alter Text kann überraschen

Man hält es heute nicht für selbstverständlich, dass ein Mensch betet. Trotzdem werde ich hier keine Werbung dafür betreiben, sondern begnüge mich damit, den Weg zu einem alten Text durch schlichte Information freizumachen. Als angemessene Haltung zum Lesen meiner Überlegungen empfehle ich, ihnen unbefangen gegenüberzutreten, um durch Nachdenken und sich Einfühlen selber zu erfahren, ob sie uns ansprechen können.

Meine Überzeugung ist, dass ein Gebet kaum etwas nützen kann, wenn es nicht aus dem Betenden selber kommt! - Trotzdem ist es sehr wichtig, das Beten von erfahrenen Menschen zu lernen, bis auch wir erfahren, was uns wirklich entspricht, bis auch unsere innerste Stimme erwacht. Das Gebet will gelernt und dann auch eingeübt werden. Ein erfahrener Mensch, von dem wir es lernen können, war Jeschua, der Sohn der Maria. Ich nenne ihn hier so, wie er in seiner Heimat genannt wurde. Damit will ich betonen, dass er ein wirklicher Mensch war, der dazu noch vor 2000 Jahren und in einer uns fremden Kultur aufgewachsen war. Deshalb ist wohl einige Mühe notwendig, wenn wir seine knappen überlieferten Worte in unserer Situation richtig verstehen wollen.

Lohnt sich denn diese Mühe? - Wir werden es nur erfahren, wenn wir uns erst einmal auf diesen Jesus - wie ihn die Welt heute nennt - einlassen. Seine Umgebung hat ihn als einen faszinierenden Menschen erlebt. Sein Auftreten sprach für eine einmalige Gotteserfahrung und für ein einmaliges Gottesverhältnis. Er hat damals das Vertrauen vieler Menschen gewonnen und ihnen einen neuen Zugang zum Leben eröffnet. Auf das Zeugnis dieser Menschen muss sich verlassen, wer von der Gotteserfahrung Jesu lernen will.

Beim Lernen dürfen wir freilich nicht vergessen, was ein solches Lernen eigentlich bedeutet. Es ist ein Lernen von jemandem, dessen Gedankenwelt und Sprache nicht einfach die unseren sind. Hier begegnen wir einem zunächst fremden Menschen, der in seiner Sprache das Einmalige ausspricht, das er erfahren hat. Seinen Fund müssen wir uns erst aneignen. Am Anfang stehen wir also vor etwas Fremdem, in dem wir am Ende (wenn wir das Glück haben) unser Eigenstes wieder erkennen werden.

Dabei ist es notwendig, ganz ehrlich mit uns zu sein, - das heißt uns nicht von schönen Gedanken blenden zu lassen. Es ist notwendig nicht nur das Neue, das wir hören, ganz ernst zu nehmen, sondern auch die ganze Welt um uns herum, wie sie eben ist und auch alle unsere Erfahrungen! Und wir brauchen auf jeden Fall auch den Mut, das Gehörte durch persönlichen Einsatz zu prüfen. Nur so sind wir in der richtigen Verfassung Jeschua zu verstehen, der auch bereit war die Welt ernst zu nehmen, wie sie war, und gleichzeitig den Mut hatte, auch Gott ganz ernst zu nehmen, wie er sich ihm gezeigt hatte! Nur wer sich müht, so offen zu sein wie er, kann ihm auf seinem Weg folgen.

Eine solche Begegnung und Prüfung braucht natürlich ihre Zeit. Deshalb sollte man die folgenden Überlegungen nicht wie einen Roman durchlesen. Schnell gelesen könnte der eine oder andere Punkt interessant erscheinen, aber in kürzester Zeit wäre alles vergessen. Einen Nutzen bringen sie erst, wenn sie sich in der Seele setzen können. Sie möchten also - abschnittsweise - Gegenstand des ruhigen Nachdenkens bzw. einer Meditation sein. Sobald man etwas gefunden hat, was einen anspricht, braucht man nicht schnell noch weiter zu lesen. Auf diese Weise könnte man z. B. vor einem einsamen Spaziergang, vor einer Übung der Ruhe etwa durch das autogene Training oder vor dem Schlafengehen einen mehr oder weniger kurzen Abschnitt lesen und sich dann Zeit lassen. Und beim Nachdenken sollte man das Gelesene möglichst konkret mit allen Erfahrungen vergleichen, die man selber bereits mit seinem Glauben oder Unglauben gemacht hat. Und ebenso konkret sollte man nach etwaigen Folgerungen fragen - und was sie mit dem eigenen Leben zu tun haben.

Das Ziel dieser Betrachtungen ist also, die spirituelle Ausrichtung Jesu kennen zu lernen. - Seine knappen Worte werden wir natürlich erst richtig verstehen, wenn wir konsequent nach seiner Lehre und nach seiner Einstellung fragen. Dabei können wir manches Überraschende erfahren, denn die Gedanken Jesu wurden im Laufe der Jahrhunderte von menschlichen Gedanken wohlmeinender Nachfolger überdeckt. Deshalb werden wir nicht den ausgetretenen Pfaden einer kirchlichen Verkündigung folgen. Deshalb werden hier sogar Ansichten vertreten, die mit manchen gewohnten christlichen Lehren unvereinbar sind. Wer dabei widersprechen möchte, soll wenigstens aufmerksam werden, dass in diesen Punkten ein Bedarf nach weiterem Nachdenken besteht. Denn nur der Einklang mit dem wirklichen Jesus bietet die Gewähr, dass wir auf seinem Weg sind.

Der Weg Jesu kennt allerdings keinen Stillstand der Zeit. Sein Geist verpflichtet heute niemanden zu zögern, auch solche Gedanken auszusprechen, die ein jüdischer Prophet im 1. Jahrhundert noch nicht denken konnte. Im Gegenteil! Seine Worte richtig verstehen heißt, heute seine Gedanken weiter zu denken, sie sozusagen in die geistige Welt unserer Zeit hinein wachsen zu lassen. Wenn sie dabei eine neue Gestalt annehmen, bleibt einzig wesentlich, ob sie seinem Anliegen entsprechen. Dieses Anliegen richtig zu verstehen bleibt eine Aufgabe, die den Einsatz lohnt, auch wenn unsere Antworten keineswegs endgültig und "unfehlbar richtig" sein können.

Sie haben vielleicht schon die Meinung gehört, das Vaterunser sei eine Zusammenfassung der Spiritualität Jesu und damit sozusagen seine Visitenkarte. Das stimmt auch, aber mit der kleinen Einschränkung, dass wir seine Worte nicht im Original besitzen. Tatsache ist nämlich, dass uns kein direktes Zeugnis zum wirklichen Jesus führt. Die heute bekannten Evangelien sind erst rund 50 Jahre nach seinem kurzen öffentlichen Auftreten entstanden. Wir schätzen zwar das Gedächtnis seiner Zuhörer, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir nur Überlieferungen christlicher Gemeinden in der Hand haben, die durch jahrzehntelange Glaubenserfahrungen eben dieser Gemeinden  gefiltert ! sind. Unsere älteste schriftliche Quelle, das Evangelium nach Markus, kennt das Vaterunser nicht, - es wurde also in seiner Traditionslinie nicht als Zusammenfassung der Lehre Jesu betont. Matthäus und Lukas haben dieses Gebet aus einer gemeinsamen Quelle übernommen, aber ihre Texte (Mt 6,9-13; Lk 11,1-4) stimmen nur teilweise überein. Aus ihnen kann man heute - in unserer Sprache - etwa folgende Rekonstruktion gewinnen:

Vater, dein Name werde in Ehren gehalten, dein Reich breche an.
Gib uns jeden Tag an Nahrung, was wir brauchen.
Vergib unsere Verfehlungen, denn wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.
Und stelle uns nicht auf die Probe.
(Das verlorene Evangelium. Was Jesus wirklich sagte. Hrsg. v. Mark Powelson u. Ray Riegert. München, DTV 1997)

Ein anderer Versuch, die Rückübersetzung ins Aramäische, der Sprache Jesu, ergab folgenden rhythmisch-poetischen Text:

Vater,
deine Gegenwart werde geheiligt,
dein Königtum breite sich aus,
dein Wille geschehe,
lass geben uns unser Brot,
und lass vergeben uns unsere Sünden,
und lass retten uns aus unserer Versuchung.
(Günther Schwarz /Jörn Schwarz, Das Jesus Evangelium. München, Ukkam-Verl. 1993)

Ich werde in dieser Erklärung dem weltweit verwendeten und etwas längeren Gebet aus dem Matthäusevangelium folgen, werde aber auf vermutete spätere Erweiterungen hinweisen und sie im Geiste Jesu deuten.


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"Für wen haltet ihr mich?" - Das Gebet des Menschensohnes

"Für wen haltet ihr mich?" - Das Gebet des Menschensohnes

Das Gebet des Herrn?

Jesus wurde von seinen Jüngern zu Lebzeiten einfach Meister, Rabbi genannt. Das hat er sich gefallen lassen, denn das war die nüchterne Beschreibung seiner Sendung. Rabbi hieß zwar wörtlich "mein Herr", war aber lediglich die ehrfurchtsvolle Anrede eines Meisters, dem man folgte, um seine Weisheit und Lebensführung anzunehmen, nicht um sich seiner Herrschaft zu unterwerfen. Jesus selber verstand seine Rolle zweifellos als Dienen. Zum göttlichen Herrn wurde er für die Jünger erst, als sie ihn "im Himmel" glaubten. Er selber hat sogar die Anrede "Guter Meister" heftig zurückgewiesen, denn für ihn war "niemand gut außer Gott, dem Einen" (Mk 10,17f)!

Welche Autorität steht nun hinter diesem Text, der in den Grundgedanken, wenn auch nicht in jeder Formulierung, höchstwahrscheinlich auf Jesus zurückgeht? - Dieser Jesus wurde schon zu Lebzeiten aufgefordert seine Autorität zu begründen. Das Evangelium des Markus erzählt, wie einige Menschen empört waren, als sie sahen, dass er etwas tat, was nach ihrer Überzeugung nicht erlaubt war. Und es überliefert auch die Rechtfertigung Jesu: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat". Er begründete also seine Autorität damit, dass er als "Menschensohn" berechtigt ist sogar über Vorschriften zu befinden, die als Befehle Gottes galten, denn diese Vorschriften sind für die Menschen da!

Der Menschensohn

Was konnte Jesus mit dem Ausdruck "Sohn des Menschen" meinen? - Ausschlaggebend ist dabei nur, wie seine Zuhörer ihn verstehen konnten, denn er wollte sich ihnen verständlich machen. Sie kannten ihre Psalmen, in denen immer wieder eine Aussage gleich mit anderen Worten wiederholt wurde (Parallelismus), etwa: "Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, - des Menschen Sohn, dass du seiner annimmst?" (Ps 8,5; 90,3). Nach dem semitischen Sprachgebrauch war "Menschensohn" gleichbedeutend mit "Mensch". Jesus hat also, nach seiner Vollmacht gefragt, schlicht erklärt, dass die religiösen Vorschriften für den Menschen gemacht sind, - und bezeichnete sich sogleich als den Menschen, der hier und jetzt diese Vorschriften richtig versteht und berechtigt ist, sich nach der eigenen Einsicht zu richten!

Natürlich war es klar, dass nicht einfach jeder Mensch über Vorschriften hinweggehen durfte, die als Gebote Gottes galten, denn so hätten diese Vorschriften keinen Sinn gehabt. Woher nahm Jesus seine innere Gewissheit, dass er befugt war, solche Dinge klarzustellen. - Die Antwort kann ich hier nur andeuten: Die älteste Tradition zeigt ihn als einen nüchternen, bescheidenen und belastungsfähigen, also psychisch durchaus gesunden Menschen, der auch über die Tragweite seiner Äußerungen wusste. Wenn er mit Autorität auftrat, musste seine Überzeugung begründet gewesen sein!

In der Tat finden wir in der knappen Beschreibung der Taufe Jesu bei Markus einen Hinweis, der sein Selbstbewusstsein erklären kann: "Als er aus dem Wasser stieg, sah er, wie die Himmel sich öffneten und der Geist ... in ihn hineinkam. Und eine Stimme aus den Himmeln: Du bist mein Sohn, Geliebter! Du gefällst mir."(Mk 1,9-11). Diese Worte weisen auf eine Vision, auf eine überwältigende innere Erfahrung hin, aus der die ganze Energie der Wirksamkeit Jesu kommen konnte. Ich stelle mir vor, dass diese Worte auf eine kurze Mitteilung Jesu selber zurückgehen, der später einmal von seinen engsten Freunden - vielleicht von Petrus - nach dem Grund seiner Sicherheit gefragt wurde. Einer solchen Frage konnte er natürlich nicht ausweichen, aber seine unaussprechliche Gotteserfahrung konnte er auch nicht mit vielen Worten ausbreiten. Deshalb ist diese Beschreibung bei Markus so knapp gehalten. (Die anderen Evangelisten haben aus dieser knappen Mitteilung einer Vision schon eine sichtbare Szenerie gemacht: Lk 3,21f; Mt 3,16f.)

Die Worte "Du bist mein Sohn, Geliebter!" deuten an, dass Jesus hier in einer unbeschreiblichen Weise die Anwesenheit Gottes erlebt hat. Deshalb konnte er sie auch nicht direkt auf sich beziehen, sondern verstand sie als Offenbarung über Gott: "Gott ist da - wie ein Vater - seinem Sohn ganz zugewandt!" Dieses Erlebnis hat sein Leben völlig verändert. Von jetzt an hatte er nur ein Ziel, den so nahe erlebten Gott auch den anderen "begreifbar" zu machen. In dieser Gotteserfahrung war sein Selbstbewusstsein begründet.

Jesus selbst hat sich keine andere Autorität, als die eines "Menschensohnes" zugeschrieben. Dabei kann man als sicher annehmen, dass er das Buch Ezechiel kannte, in dem dieser Prophet von Gott immer wieder als "Menschensohn" angeredet wurde. In der Selbstbezeichnung Jesu als "Menschensohn" klingt für mich deshalb ein Doppeltes an: Er bekannte sich als einen Menschen, der von Gott angesprochen wurde und eine prophetische Aufgabe erhielt. Das war der Inhalt seines unvergleichlichen Selbstbewusstseins und Sendungsbewusstseins.

Möglichkeiten eines Menschen

Es müsste uns eigentlich den Atem verschlagen, mit welcher Selbstverständlichkeit Jesus mit dem Namen "Menschensohn" sein Menschsein als Begründung eines sehr hohen Anspruches verwendet hat! Leider haben wir uns das Staunen über diesen Menschen längst abgewöhnt. Seit die Christen in ihm Gott sahen, entfiel der Reiz, ihn als wirklichen Menschen zu sehen. - In diesen Betrachtungen will ich deshalb versuchen Jesus als Menschen ganz ernst zu nehmen. Dabei lasse ich das "Geheimnis" vorerst auf sich beruhen, das die Christen als Menschwerdung Gottes bezeichnen.

Was Jesus als Menschensohn sagte, waren Worte eines Menschen, - aber eines Menschen, der durch eine einmalige Erfahrung Gottes legitimiert war, über diesen Gott zu sprechen. Auch wenn er das Höchste verwirklichte, was einem Menschen möglich war, blieb er ein echter Mensch, unser Bruder. In ihm sehen wir, welche Möglichkeiten in uns wie in jedem Menschen stecken.

Wenn wir seine Autorität anerkennen, müssen wir folgerichtig von den Menschen, und ganz konkret auch von uns selber, "groß genug" denken! - Das ist nicht von einem Schwärmer erdacht! Jesus sah sehr nüchtern, was in den Menschen alles verkehrt war, - und trotzdem versicherte er, dass Gott selber sogar nach dem verlorensten Menschen sucht, "bis er ihn findet" (Lk 15,4)! Seine Überzeugung war, dass vor Gott jeder Mensch einen einmaligen Wert hat.

Wir haben deshalb einen guten Grund, auch uns selbst ganz wichtig zu nehmen, noch bevor wir im Gebet vor diesen Gott treten. Was ich an mir ernst nehmen soll, ist freilich nicht mein ängstliches und alltägliches "kleines Ich", das nur auf die eigene Sicherung bedacht ist. Von unseren alltäglichen Sorgen sagte Jesus klar, dass nur das Wichtige wichtig zu nehmen ist: "Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung, und der Leib wichtiger als die Kleidung?" (Mt 6,25-34)! Was er dabei in seiner konkreten Ausdrucksweise mit "Leben" meinte, war der ganzheitlich gedachte Mensch. Heute könnten wir dafür sagen, dass die Verwirklichung unseres "innersten Wesens" viel wichtiger ist als alle materiellen Belange! - In welcher Richtung Jesus unsere menschliche Verwirklichung suchte, werden wir aus den Anliegen seines Gebetes sehen.

Nach Lukas hat Jesus sein Gebet mit diesen Worten eingeführt: "Wenn ihr betet, so sprecht: Vater im Himmel!" - Ich sehe keinen Grund anzunehmen, dass er dabei das Wort "ihr" betonen und sich als einzigen Sohn Gottes aus dem Kreis der Betenden herausnehmen wollte. Auch wenn er sich selbst als "geliebten Sohn" Gottes erfahren hat, wusste er sich als "Menschensohn" mit seinen Schwestern und Brüdern verbunden und setzte sich ganz dafür ein, dass auch sie sich als Töchter und Söhne des gleichen Vaters erfahren (Mt 5,45)! Dazu wollte er ihnen aus seiner Erfahrung etwas mitteilen.

Von ihm selber sagen die Evangelien öfter, dass er sich ausführlich Zeit nahm für etwas, was kaum mitteilbar ist: "In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten" (Mk 1,35). Es ist kaum vorstellbar, dass er dabei fertige Gebetsformeln gebraucht hätte. Viel eher verweilte er - im Bewusstsein seiner Verbindung mit Gott - im Nachdenken über alles, was er erlebt und was er zu tun hatte. In allen diesen Dingen suchte er den "Willen des Vaters" zu erkennen. So hat er in seinen einsamen Betrachtungen bestimmt auch überlegt, wie seine Jünger dorthin gelangen könnten, wo er selber war. Dabei musste er sich nicht auf Spekulationen verlassen, denn er hat selber etwas Grundlegendes erlebt und auch seine Mitmenschen waren ihm keine fremde Welt.

Aus diesem Grund ist unser Ziel nicht zu hoch gesteckt, wenn wir in seinem Gebet die Spuren seiner Spiritualität entdecken und uns aneignen wollen, damit wir ihm, dem exemplarischen "Menschensohn" immer ähnlicher werden!



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"Unser Vater im Himmel" - Der Nahe und Ferne

"Unser Vater im Himmel" - Der Nahe und Ferne

Gott - der Vertraute

"Vater!" - Mit dieser Anrede lässt uns Jesus jemanden ansprechen. Es ist nicht gut, mit unseren Gedanken, Sorgen und Belastungen allein zu bleiben. Wer allein ist, kann sich in seinen Gedanken verstricken, kann verzweifeln oder von Angst gelähmt werden. Wir brauchen ein Du, mit dem wir auch über innerste Anliegen oder Ängste sprechen können.

Unser Verhältnis zu diesem Vater beschrieb Jesus kurz so: "Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um!". Dieser kurze Spruch bringt uns eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute Nachricht (eu-angelion): Gott ist uns so nahe, dass wir ihn direkt, und sogar mit einem vertraulichen Wort (Abba, Papa) erreichen können. - Was darauf folgt, hat Jesus zwar nicht "schlechte Nachricht" genannt, aber wir könnten es so verstehen, denn es verlangt von uns etwas Unerhörtes: "Kehrt um!"

Wer ist denn dieses "Du", den wir so unbekümmert als Vater anreden sollen? - Sah Jesus nicht aus den Vorschriften seiner Religion, wie vorsichtig ein Mensch sich dem mächtigen Gott zu nähern hatte? Kannte er nicht die Sühnopfer und alle anderen Opfer, die Menschen aufzubringen hatten, damit ihre Unwürdigkeit nicht Gottes Zorn erregt? - Auch die Jünger Jesu konnten nicht anders denken, sobald ihr Meister nicht mehr unter ihnen war. Obwohl er von den traditionellen Opfern nichts gehalten hat, mussten die Jünger wenigstens Jesu Lebenshingabe nachher als "Erlösungsopfer" deuten, das ihnen erst den Zutritt zur Liebe des göttlichen Vaters ermöglicht hat. Noch später meinten die Christen, auch die Fürsprache der "Mutter Gottes" und anderer Heiligen zu brauchen, um einen Gott gnädig zu stimmen, vor dem sie sich hoffnungslos klein gefühlt haben. - Ihr Kleinmut müsste vor der einfachen Sprache Jesu verblassen: "Wenn ihr betet, sagt einfach: Vater!", denn Gott wartet schon auf euch.

Wie dachte Jesus von diesem Vater? Er lehrte die Menschen "wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten" (Mk 1,22), für die Gott der absolute Herr war und durch Befolgung vieler Vorschriften geehrt werden musste. Er sprach von diesem "Herrn" auch nicht wie sein Lehrer Johannes der Täufer, für den Gott der drohende Richter war, der die Sünder mit schlimmen Katastrophen straft. Jesus beschrieb Gott ganz anders. Für ihn war Gott der liebende Vater aller Wesen. Es klingt etwas sehr Zartes in seinen Worten, wenn er darüber spricht, wie Gott die Raben füttert und die Feldblumen kleidet (Lk 12,22-31). Dabei hat er weder eine sentimentale Religiosität noch eine falsche Naturkunde verbreitet, denn er vergaß nicht zu bemerken, dass Vögel auch tödlich getroffen werden und die Feldblumen vertrocknen. Aber - und das betonte er - dies alles geschieht nicht ohne den "Vater", der sogar die Haare eines Menschen gezählt hat. Mit solchen Bildern beschrieb Jesus eine unfassbare Liebe Gottes, die allem Leben gilt. Diese Liebe umfasst freilich Werden und Vergehen, - so dass sie uns oft unverständlich bleibt. Jesus ließ sich aber von den grausamen Seiten des Lebens nicht irritieren. Er rief entschieden zum Vertrauen zu einem Gott, dessen Liebe an allem Übel der Welt nicht scheitert: "Euer Vater weiß ja", was ihr alles braucht und was euch bedroht, und er will, dass euer Leben am Ende - trotz aller Gefahr - über alles Lebensfeindliche siegt!

Jesus betonte immer wieder diese behütende Sorge Gottes um alles Leben. Wenn wir bei ihm das Beten lernen, stehen wir vor diesem Gott. Ihn reden wir mit "Vater" an. Dieser Gott "hängt an uns", wie ein guter Vater an seinen Kindern. Von ihm haben wir nichts zu befürchten, vor ihm haben wir das Geheimste nicht zu verstecken. - Er betrachtet uns freilich nicht wie niedliche und ohnmächtige Babys, die ihn nur lieb anzuschauen hätten. Es ist ein Missverständnis zu meinen, der Glaube Jesu mache die Menschen zu unmündigen Kindern. So oft Jesus unsere Beziehung zu Gott mit dem Bild von Vater und Kind beschrieben hat, betonte er damit niemals die Abhängigkeit, sondern immer die vertrauende Offenheit des Kindes, das sich von jemandem beschenken lässt.

"Gottes Kind Sein" - Auszeichnung und Forderung

In der Anrede "Vater" wenden wir uns also an einen Gott, der uns ganz nahe ist. Diese Nähe hat einen ganz wichtigen Aspekt, den Jesus so beschrieb, dass Gott zwar ohne Einschränkung unser Vater ist, aber wir müssen seine Söhne und Töchter erst werden, indem wir lernen wie er, das heißt ohne jede Einschränkung zu lieben: "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist", er wendet ja - wie die Sonne - sein Wohlwollen ohne Unterschied allen Wesen zu! So sollt ihr sogar eure Feinde lieben, "damit ihr Söhne eures Vaters werdet!" (Lk 6,36; Mt 5,43-48). Eine solche Aufforderung setzt natürlich Erwachsene voraus, die für ihr Leben und ihre Taten voll verantwortlich sind. Jesus wollte uns also den väterlichen Gott nicht deshalb nahe bringen, damit wir seine Liebe - wie ein Sonnenbad - nur genießen. Wir sollten vielmehr selber kleine Sonnen werden, um die Wärme der großen Sonne gleichsam weiterzugeben. Die ganze Frohe Botschaft Jesu zielte darauf, die Menschen zu dieser neuen Art der Gottesbeziehung zu führen.

Wenn wir Gott als unseren Vater ansprechen, sagen wir auch über uns selber etwas. Wir bezeichnen uns als seine Töchter und Söhne. Jesus forderte uns freilich nicht auf, unsere Augen vor der Wirklichkeit zuzumachen. Wir können uns doch nicht auf etwas berufen, was für uns erst eine Möglichkeit und Aufgabe ist! Aber seine Worte geben uns Anlass, über diese Möglichkeit und Aufgabe nachzudenken. Eine Raupe ist natürlich kein Schmetterling; - und trotzdem ist sie schon ein Schmetterling, denn in jeder ihrer Zellen hat sie das Erbgut, das "Wesen" des Schmetterlings. Was ihr noch fehlt, ist nur die letzte Verwandlung. - Genau so sind auch wir bereits Töchter und Söhne Gottes, nur sind wir uns dessen noch nicht bewusst. Wenn Gott wirklich unser Vater ist, dann ist unser innerstes Wesen schon von dieser göttlichen Verwandtschaft geprägt! Dann kann uns auch nichts wichtiger sein, als dieses Wesen zu verwirklichen! Zugleich mit der Bewusstwerdung unserer Gotteskindschaft sollen wir uns verwandeln, damit wir unserem Bruder Jesus ähnlich und damit wirklich "Töchter und Söhne" werden.

Das Gebet Jesu wird uns die Richtung zeigen, in der wir zu gehen haben. Wenn wir seine einzelnen Gedanken verinnerlichen, werden wir auch der erwünschten Verwandlung näher kommen, die natürlich auch stufenweise geschehen kann. - Es ist nur wichtig, dass wir beim Beten unseren eigenen Wert nicht vergessen, - und nicht etwa das Negative verinnerlichen, indem wir uns unser "Wurmsein" einreden. Das Kindesverhältnis zu Gott ist in uns schon angelegt. Es ist keine äußere Forderung und erst recht keine Überforderung, es ist unser innerstes "Wesen". Wir haben ein Anrecht darauf, dass es zum Durchbruch kommt. Dieses Bewusstsein sollten wir einüben, sooft wir "Vater unser" sagen! So beten wir mit Jesus, so kann sein Geist auch uns erreichen.

Gott - der Unnahbare

Seinen Geist haben wir nötig, um auch die zweite, die "schlechte Nachricht" Jesu richtig aufzunehmen. Sie heißt: Gott ist uns nahe, aber wir können - so wie wir sind - auf sein Angebot nicht eingehen. Deshalb sagte Jesus: "Kehrt um! Ändert euer Denken!" - Umkehren muss natürlich, wer in die falsche Richtung rennt. Wenn wir bedenken, womit wir beschäftigt sind, werden wir finden, dass wir mehr oder weniger ständig um unser eigenes Ich kreisen. Wir suchen meistens nur, was uns nützt, was uns Spaß macht, oder wie wir Nachteile vermeiden können und gut weiterkommen. Wir spannen uns für notwendige oder selbst gestellte Aufgaben ein und haben immer neue Wünsche. Natürlich wollen wir glücklich sein, - aber wo ist das bleibende Glück? Wofür lohnt es sich zu leben? Haben wir nicht ständig Angst, etwas zu versäumen und im Leben zu kurz zu kommen? Beunruhigt uns nicht heimlich auch der Gedanke an den Tod, der uns alles, was uns lieb ist, plötzlich aus der Hand nehmen kann? In diesem Getriebe fällt uns alles andere leichter als an eine Verbindung zu Gott zu denken. - Jesus rechnete mit dieser Realität. Wie er sich unser Umdenken, d. h. unsere Umkehr gedacht hat, wird sich mit jedem Gedanken zeigen, den wir in seinem Gebet noch entdecken.

Auch wenn Jesus sein Gebet wahrscheinlich, wie es Lukas schreibt, mit der einfachen Anrede "Abba" (Vater) angefangen hat, wollte er uns damit keineswegs zu einer trügerischen Vertraulichkeit verleiten. Deshalb gibt unsere Anrede "Vater im Himmel", die wir Matthäus verdanken, durchaus seine Gedanken wieder. - Rücken wir damit den uns so nahen Vater doch wieder in die Ferne? - Ich verstehe dieses Wort als eine bewusste Betonung der Transzendenz Gottes, denn es ist hier bestimmt nicht ein Ort gemeint, wo Gott sich aufhält! Den "Himmel" dachte man natürlich auch damals "oben", aber im Zusammenhang mit Gott war er nur eine Chiffre dafür, dass er für unser Denken immer der Ganz-Andere bleibt. Jesus war zwar überzeugt, dass dieser Gott uns nahe ist, hat aber nicht behauptet, dass wir ihn erreichen oder durchschauen könnten. Daran ändert sich auch nichts, wenn wir uns als seine Töchter und Söhne wissen. Wir dürfen ihn nicht dadurch vereinnahmen, dass wir etwa unsere Wünsche oder Ängste auf ihn projizieren. Unsere Emotionen müssen wir unbedingt bei uns behalten, denn unser Vater ist "im Himmel". Er übersteigt unser Denken, und wir können nicht so tun, als ob unsere Vorstellungen über "gut" oder "schlecht" auch für ihn gelten müssten!

Die Anrede "Vater im Himmel" verbindet die intime Nähe zum Vater mit einem unüberwindlichen Abstand zum Schöpfer. Damit bleibt uns jede Vertraulichkeit versagt, die uns eines mächtigen Gegenübers berauben würde: Gott bleibt für uns der Vater im Himmel, das heißt der Liebende, aber zugleich der Unbekannte und Überlegene. Er bleibt das Absolute und der Mensch bliebe - von ihm getrennt und ihm gegenübergestellt - ein Nichts, ein Hauch, der vergeht. Dadurch wird aber unsere Gotteskindschaft nicht etwa entwertet, sondern eher aufgewertet. Unsere Zuversicht ist ja darin begründet, dass dieser ewig unzugängliche und überlegene Gott für uns wie ein Vater ist. Unsere Schwachheit bleibt zwar eine Tatsache, aber wichtiger ist, dass wir von einem solchen Vater geliebt und angenommen sind.

Liebe ohne Grenzen

Wenn wir Gott mit "Vater im Himmel" als den Nahen und Fernen ansprechen, rückt damit zugleich alles Ferne der Welt in unsere Nähe. Auch das fernste Geschöpf hat ja den gleichen Vater wie wir. Die gleiche Liebe, die ihn mit uns verbindet, verbindet ihn mit allen seinen Geschöpfen. Unser "Vater im Himmel" lehrt uns die kosmische Liebe. Wir können diesem Gott nur dadurch ähnlich werden, dass wir alle Wesen in unsere Liebe einschließen. Bevorzugt werden wir dabei freilich an die "Nächsten" denken, denn nur hier kann unsere Liebe konkret werden. Die Nächstenliebe bleibt sogar der einzige Weg, Gott wirklich zu lieben, denn die absolute "Transzendenz" kann für keinen Menschen zum Objekt werden, nicht einmal zum Objekt der Liebe! Wir können unsere Liebe zum Schöpfer nur dadurch zeigen, dass wir seine Werke lieben, und zwar mit einer "universalen Liebe", die nicht durch unsere Wünsche und Bedürfnisse gelenkt und damit eingeschränkt wird!

Liebe meint ja immer ein "Transzendieren", ein Überschreiten der Grenzen unseres Ichs. - "Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!" bedeutet dann, dass der Liebende die Grenze zwischen Ich und Du nicht mehr beachtet. Denn Liebe ist Eins-Sein, genauer gesagt Nicht-Mehr-Zwei-Sein.

Eine solche Liebe haben viele Mystiker beschrieben. In diesem vollkommenen Zustand ist Gottesliebe nicht mehr von der universalen Liebe zu allem Sein unterschieden. - Konkret wird diese Liebe freilich nur beim Nächsten greifbar, wo sie auch wirksam wird. - Die "allumfassende" Liebe ist also nicht an wunderbaren Gefühlen erkennbar, die jemanden "in die Wolken schweben" lassen! Sie ist nur echt im konkreten Mitfühlen, also im Einsatz für leidendes und bedrohtes Leben unserer "Geschwister", damit Gottes Liebe durch uns auch sie erreicht. - Für Menschen ist es leider normal, dass sie - durch ihre Ängste befangen und für ihre wahre Bestimmung blind gemacht - die Stimme ihres innersten Wesens der Gotteskindschaft leicht überhören. Es bleibt für uns eine beachtliche Aufgabe, unsere Liebe über alle unsere Begrenzungen hinaus und ganz konkret wirksam werden zu lassen. Wenn wir Gott mit "Vater im Himmel" ansprechen, öffnen wir uns dem Geist Jesu, der uns diese Grenzen überwinden hilft.




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"Geheiligt werde dein Name!" - Wichtig sind zunächst die Anliegen Gottes

"Geheiligt werde dein Name!" - Wichtig sind zunächst die Anliegen Gottes


Wir haben bis jetzt überlegt, was "Vater im Himmel" für uns bedeutet. Wer seinen Gott so sieht, dessen Blick bleibt wie gefesselt bei ihm, der kann darüber nicht einfach "zur Tagesordnung übergehen". Deshalb bleibt Jesus auch bei diesem faszinierenden Du. Er führt sein Gebet mit einer dreifachen Bitte weiter: "Geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe", - und alle drei drehen sich um Gottes Anliegen. Diese drei Ausdrücke passen freilich so wenig in unsere heutige Begriffswelt, dass wir sie nicht wie Selbstverständlichkeiten nachsprechen können. - Was sagen sie eigentlich?

"Dein Name" - mehr als ein Name

In der ersten Bitte ist von Gottes Namen die Rede. - Menschen einer früheren Zeit waren noch sehr beeindruckt davon, dass sie mit der Sprache ihre Umwelt sozusagen "in den Griff bekommen" konnten. Deshalb stellten sie sich auch die göttliche Schöpferkraft so vor, dass Gott die Namen der einzelnen Geschöpfe ausspricht und sie damit ins Dasein ruft. Ähnlich beschrieben sie, wie der erste Mensch im Paradies allen Tieren einen Namen gab und damit Macht über sie gewann. Für diese Menschen war der Name geheimnisvoll mit dem Bezeichneten verbunden, auf den man in Kenntnis seines Namens sogar magischen Einfluss ausüben konnte.

In den Zehn Geboten wurde den Juden verboten, Gottes geoffenbarten Namen (Jahwe) leichtfertig auszusprechen. Später, etwa um die Zeit Jesu, begannen sie, jegliches Aussprechen dieses Namens zu verbieten. Mit ihrem Schweigen vor dem "Namen" wollten sie betonen, dass Gottes Wesen für den Menschen nicht aussprechbar, nicht denkbar, nicht vorstellbar und in keiner Weise verfügbar ist.

Es ist gut daran zu denken, dass Jesus als Jude Gott sehr wohl als Vater ansprechen konnte, aber nicht annehmen durfte, IHN wirklich zu kennen. Er hat nach seiner Taufe die Nähe dieses unaussprechlichen Gottes so tief erlebt, dass er daran nicht zweifeln konnte. Sein Wesen beschreiben konnte er freilich nicht. Aber er versuchte leidenschaftlich, durch Gleichnisse den anderen mitzuteilen, was er über diesen Gott erfahren hat. Und trotz allen Vergleichens musste er als Jude daran festhalten, dass Gott niemand sehen, begreifen und aussprechen kann. Er hat sich auch konsequent darauf beschränkt zu erzählen, wie Gott zu den Menschen ist. Wie ER für sich ist, ließ Jesus ehrfurchtsvoll in unerreichbarer Transzendenz bleiben. Seiner jüdischen Tradition treu konnte er sich mit ganzem Herzen dem erlebten göttlichen Vater anvertrauen, aber er konnte sich nicht mit ihm auf gleicher Ebene sehen. Wie wenig er sich allein auf der Seite Gottes gesehen hat, zeigte er damit, dass er auch seine Zuhörer aufforderte, Töchter und Söhne Gottes zu werden.

Wenn ein Jude den "Namen" Gottes erwähnt hat, meinte er damit Gott selber. Dieser Name, der nicht ausgesprochen wurde, war Inhalt von innigen Gebeten, die auch Jesus bestimmt oft gesprochen hat: "Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!" "Ich will dem Herrn danken, ... dem Namen des Herrn singen!", oder: "Lobe den Herrn meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!"

In unserer heutigen Sprache müssten wir deshalb die Worte "dein Name" hier einfach mit "Du" ersetzen. Wenn wir aber bedenken, warum die Juden Gott nicht direkt genannt, sondern als "Namen" umschrieben haben, werden wir doch zögern, das vertrauliche Du zu sagen. Wir werden daran denken, dass ER für uns letztlich undenkbar und unverfügbar bleibt. Und dann werden wir doch gern "Dein Name" sagen als ehrfurchtsvolle Umschreibung eines "göttlichen Du", dem gegenüber Vertrauen, aber keine Vertraulichkeit angemessen ist.

Wir sollen hier beten, dass dieser "Name", das heißt Gott selber, geheiligt werde. Auch dieser Ausdruck ist uns heute nicht ohne weiteres verständlich.

Heilig wurde etwas genannt, das einen eigenartigen Schauder verursacht hat. Dieser Schauder war eine bestimmte innere Erfahrung, eine unerklärliche Ergriffenheit eines Menschen vor etwas Unbeschreiblichem. Das "Heilige" hat die Menschen fasziniert und zugleich erschreckt. Es sprengte den Rahmen ihrer alltäglichen Erfahrungen und ließ ungeahnte Möglichkeiten oder Bedrohungen fühlen. Solche Erfahrungen sind auch heute noch möglich. Sie deuten auf eine Wirklichkeit hin, die unseren Sinnen nicht zugänglich, aber von unserer Seele gespürt und erlebt werden kann. Insofern sind sie Hinweise auf das Dasein von etwas Größerem, das unsere Erfahrungswelt übersteigt.

Im kleinen Volk der Juden reifte die Erkenntnis, dass dieses Größere ein "Jemand" ist: "Höre Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig" (Dtn 6,4). Dieser Eine hat sich, seit es Menschen gibt, ihnen in religiösen Erfahrungen gezeigt; er hat sie angesprochen und ließ sich von ihnen ansprechen. Deshalb galt es in Israel, dass letztlich nur Gott allein heilig genannt werden kann. "Der Heilige Israels" wurde deshalb einfach die Bezeichnung des einen Gottes.

Was bedeutet dann "den Namen Gottes heiligen"? - Schlicht und einfach: Gott als höchste Wirklichkeit, also in allem als maßgeblich anerkennen. Wie die Menschen Gott ganz konkret "heiligen", also anerkennen können, das ist wohl so verschieden, wie Menschen verschieden sein können. - Die Bibel der Juden umschrieb das "Heiligen" des Namens Gottes vor allem mit zwei Worten: Das Volk sollte Gott fürchten und ihm gehorsam sein (z. B.: Jes 8,13; Lev 22,31f). Die Furcht war ein seelischer Zustand, der Gehorsam aber ein ganzes Geflecht von sozialen Handlungen, angefangen beim Opferdienst des Tempels bis zur "Heiligung" des Sabbats und zu den Speisevorschriften.

"Heiligen" - mehr als Gott fürchten

Das Überraschende für uns ist nun, dass Jesus gerade auf diese zwei Ausdrucksformen keinen Wert gelegt hat! Er betonte, dass wir Gott als guten Vater lieben sollen - und Lieben verträgt sich nicht mit Furcht. Zu den Speisevorschriften betonte er, dass der Mensch nicht dadurch unrein ("entheiligt") wird, was in seinen Magen eingeht, sondern durch das, was "aus seinem Herzen kommt" (Mk 7,18-23). Auch das "Heiligen des Sabbats" musste bei ihm etwas Wichtigerem weichen. Damit distanzierte er sich deutlich von allen äußeren Gehorsamsleistungen.

Was konnte für Jesus die Heiligung dieses neuen Gottesnamens ganz konkret bedeuten? Das zeigte er durch sein ganzes Leben. An Stelle der Furcht lebte er Gott gegenüber Vertrauen, Hochschätzung, Liebe. Seine konkreten Handlungen aber zielten auf die Befreiung der Menschen. Er befreite sie mit seiner "frohen Botschaft" von Ängsten, von Schuldgefühlen, oft auch von Krankheiten. Er war darin mit dem Propheten Jesaja einig, der statt äußere religiöse Akte (wie Fasten) Wesentlicheres verlangt hat, nämlich: "Die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Versklavten freizulassen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen." (Jes 58,6f)

Was bedeutet also konkret für uns, "den Namen unseres Vaters zu heiligen"? - Es bedeutet Gott als den höchsten Wert anerkennen! Aber wie ist das möglich, wenn wir diesen höchsten Wert gerade nicht konkret benennen können? - Was konkret ist und zum höchsten Wert gemacht wird, wird automatisch zum falschen Gott, zum Götzen. In einer fernen Vergangenheit war dieser Götze z. B. der römische Kaiser, im 20. Jahrhundert ein "Führer" oder eine Partei, in unserer Gegenwart vielleicht die Karriere oder die höchste Rendite. Wer alles einem solchen konkreten Wert unterordnet, dient einem Götzen und hat den wahren Gott entthront.

Den Vater Jesu anerkennen heißt, sich in seinen Dienst zu stellen, sich ihm anzuschließen, unsere Grenzen überwinden, uns in Liebe für andere öffnen. Was dies für jeden einzelnen bedeutet, mag jeder selber finden. Zur Orientierung könnten die Worte des Jesaja dienen, die wir soeben aufgeführt haben.

Es bleibt nur noch eine Sache zu erwähnen. Warum sagt Jesus: "Dein Name werde geheiligt"? - Eine solche Formulierung (passivum divinum) wurde damals von Juden verwendet, wenn sie das Wirken Gottes meinten, ihn aber aus Ehrfurcht nicht nennen wollten. Jesus sagte also nicht, wir sollten nur wünschen oder uns dafür einsetzen, dass Gott endlich anerkannt werde, sondern dass ER selber es ist, der seinen Namen heiligen wird. Aber wie? Dieser Gott ist von seiner Schöpfung nicht getrennt, dass er von außen, etwa durch Androhung von Strafen (wie das alte Bundesvolk es geglaubt hat) sich Gehorsam verschaffen müsste. Er wirkt auch keine Wunder, um Menschen zu bewegen. Er erzwingt nichts, aber er schenkt allen, die "seinen Namen lieben", die richtige Einstellung. Jesus deutet hier also Gottes Hilfe an, die in uns unvermutete Möglichkeiten schafft. Er will damit unser Vertrauen stärken.



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"Dein Reich komme!" - Die wirksame Nähe Gottes erfahren

"Dein Reich komme!" - Die wirksame Nähe Gottes erfahren

Was meinte Jesus eigentlich, wenn er vom "Reich Gottes" sprach? - Der aramäische Ausdruck, den er verwendet hat, bezeichnet kein komplexes Staatswesen, sondern die persönliche Herrschaft eines orientalischen Kleinkönigs. Am besten könnten wir ihn als "Königsherrschaft Gottes", oder einfach als "Gottesherrschaft" übersetzen. Gemeint war also nicht das Herrschaftsgebiet, sondern die Beziehung des Königs zu seinem Volk. Deshalb müssten wir diese Bitte heute sinngemäß so umschreiben: "Vater, alle sollen sich nach Dir richten; was Du willst, soll geschehen!"

Genau in diese Richtung zeigt auch, dass Matthäus diese Bitte mit den Worten erweitert hat: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden". Weil diese Worte bei Lukas fehlen, vermuten manche, dass sie in ihrer gemeinsamen Quellenschrift nicht enthalten waren und Matthäus mit ihnen die Bitte um das "Reich Gottes", die schon damals nicht ohne weiteres verständlich war, umschreiben und deuten wollte. Damit wäre diese Bitte einfach erklärt, und wir müssten nur noch überlegen, was Jesus mit dem "Willen Gottes" eigentlich gemeint hat.

Aber so einfach dürfen wir uns die Sache nicht machen! Die Menschen um Jesus haben nämlich mit "Reich Gottes" eine ganz bestimmte Vorstellung verbunden. Sie haben erwartet, dass Gott in der nächsten Zukunft durch ein großes Wunder eine neue und ideale politische Struktur errichten wird. Die Spuren dieses Glaubens finden wir noch vielfach in den Evangelien: Als Jesus das letzte Mal nach Jerusalem zog, meinten seine Begleiter, "das Reich Gottes werde sofort erscheinen". An dieser neuen Herrschaft waren die Jünger Jesu auch brennend interessiert, als sie in seinem Reich "rechts und links neben ihm sitzen" wollten, oder als sie ihn fragten: "Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?" Sie haben Jesus beim Einzug nach Jerusalem als "Sohn Davids" ausgerufen, was ein Titel des erwarteten Königs, des Messias, war (Lk 19,11; Apg 1,3.6; Mk 10,36; Mt 21,9 Mk 10,47).

Es liegt also zunächst nahe, dass auch Jesus diese Vorstellung teilte als er verkündete: "Das Reich Gottes ist nahe!" Viele sind davon auch überzeugt. Wenn sie Recht hätten, müssten wir heute, nach 2000 Jahren, nüchtern feststellen, dass die Geschichte diesen Glauben Jesu als Irrtum erwiesen hat. - Aber einige Einzelheiten müssten uns trotzdem stutzig machen. Denn in diesem Fall könnten wir kaum verstehen, warum Jesus gar kein Interesse an einem "Reich für Israel" zeigte, warum er auch nicht Messias genannt werden wollte, und warum er sogar konsequent vermied, vom Kommen eines Messias zu sprechen. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

Auf die Frage der Pharisäer, wann die Gottesherrschaft kommt, antwortete Jesus: "Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen, Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn das Reich Gottes ist mitten unter euch" (Lk 17,20). Dieses "mitten unter euch" konnte nichts anderes bedeuten, als "mit meinem Wirken ist es da", oder "es ist in eurer Reichweite", d. h. "es ist euch angeboten, ihr müsst nur zugreifen". Wenn Jesus dies gesagt hat, konnte er die Gottesherrschaft nicht als ein spektakuläres Ereignis erwarten, das erst in der Zukunft und mit großen Wundern einbrechen würde!

Während alle erwarteten, dass die Gottesherrschaft noch "kommen wird", sprach Jesus immer wieder nur davon, dass sie "gekommen ist". - Freilich sah er sie noch nicht als vollendet an. Er beschrieb sie als keimende Saat im Boden oder als den Sauerteig im Mehl. Für ihn war seit seiner Gotteserfahrung klar, dass der liebende Vater den Menschen ganz nahe war. Er hat ja erlebt, dass sein Glaube viele Menschen angesprochen, sie verändert und beglückt hat. Er hat auch erlebt, wie das so entstandene Vertrauen Viele auch von Krankheiten befreit hat! Das war ihm Beweis genug dafür, dass Gottes Herrschaft wirklich da war.

Er fragte nicht danach, wie andere sich das Reich Gottes dachten. Er hat ja selber erfahren, dass Gott in seinen Worten und Taten wirkte. Für ihn war also Gottes Herrschaft in den von ihm "angesteckten" Menschen einfach greifbar. Damit war die Sehnsucht nach dem "Reich Gottes" eigentlich schon erfüllt. Es fehlte nur noch die Vollendung dieses Reiches, - bildlich gesprochen die Reifung der Saat bis zur Ernte, oder die Wirkung des Sauerteigs im ganzen Mehl. Ich kann mir nicht anders denken, als dass Jesus, - nach seinen ersten Erfolgen - die Entfaltung und Ausbreitung des angefangenen Werkes in naher Zukunft erwartet hat, bis am Ende ganz Israel, und mit ihm die "Völker", unter der Herrschaft Gottes versammelt sein werden. Das Werk sah er schon in Gang gesetzt und mit Bildern von natürlichem Wachstum beschreibbar, so dass zu seinem Gelingen kein apokalyptisches Großwunder mehr nötig war.

Es gibt noch eine Tatsache, die zum richtigen Verständnis dieser Bitte beitragen kann: Die Jünger haben zwar dieses Gebet Jesu überliefert, aber in ihrer späteren Verkündigung haben sie das "Reich Gottes" anscheinend vergessen, denn im Neuen Testament kommt es außer den Predigten Jesu praktisch nicht mehr vor! Ich nehme an, dass sie damit nicht von Jesus abweichen wollten, sondern diesen Ausdruck nur als nicht mehr so aktuell betrachtet haben. Ihre sehr menschliche und national betonte Reich-Gottes-Erwartung war ja mit der Kreuzigung Jesu gescheitert. In der veränderten Situation wäre der alte Ausdruck missverständlich gewesen. Da sie aber ihre bisherigen Gedanken über die "Hoffnung Israels" nicht aufgeben konnten, identifizierten sie ihren Meister bald mit dem Messias und begannen, "sehnsüchtig auf sein Erscheinen zu warten." (2Tim 4,8). - Unter den als echt erwiesenen Jesusworten findet sich allerdings kein Anhaltspunkt dafür, dass er seine Wiederkunft als Richter und Vollender der Welt angesagt hätte.

Wenn wir dieses Gebet mit Jesus sprechen wollen, werden wir also das Kommen der Gottesherrschaft nicht vom Jüngsten Tag erwarten, an dem "der Herr" seine Auserwählten in ein himmlisches Glück ruft. Die Aussage "Das Reich Gottes ist nahe" müsste in seinem Sinne heute einfach lauten: "Gott ist da!" Wir müssen nicht auf eine wundersame Zukunft warten, denn seine Herrschaft ist schon "mitten unter uns". Wer sich für die Botschaft Jesu öffnet, mit ihm auf Gott vertraut, mit ihm den "Willen des Vaters" sucht und tut, der kann es erfahren. Was das konkret bedeutet, werden wir noch weiter ausführen.

Die Geschichte kennt viele Menschen, die das Programm Jesu glaubwürdig vorgelebt haben: "Gott ist da" mit seiner grenzenlosen Liebe. Wer sorgfältig umschaut, wird auch heute solche finden. Durch sie wird auch für uns erfahrbar, was die Jünger Jesu erfahren haben. Sie zeigen mit ihrem Leben, dass das Reich Gottes "angekommen ist"! Sie - und ihre Umgebung - erleben ja deutlich, dass "Jemand" da ist, der die Menschen nicht beherrscht, sondern befreit, indem er ihre "Herzen" verwandelt. Wer sie kennt, weiß um die Echtheit und die Kraft der Botschaft Jesu. Was er Reich Gottes genannt hat, ist auch heute "nahe", - es fällt uns nur nicht ein, es mit diesem alten Namen zu bezeichnen.

An diesem Punkt wird sichtbar, dass das "Reich Gottes" - wie Jesus es sah - gleichbedeutend ist mit der Verwirklichung tiefster menschlicher Wünsche. Wenn wir um das Kommen dieses Reiches bitten, sprechen wir den Wunsch aus, dass alle Menschen so werden, wie sie sein sollen. Jesus beschrieb den Vater nie als jemanden, der für sich etwas will. Da ihm nichts fehlt, ist sein Wille nichts anderes als seine Liebe. Dieser Gott will gerade dadurch "herrschen", dass die Menschen bereit sind, seine Liebe einander (und der ganzen Schöpfung) weiterzugeben. Genau damit verwirklichen sie auch das Beste in sich und erfahren zugleich die beglückende Liebe Gottes.




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"Dein Wille geschehe!" - Ein Geschenk, doch niemals Zwang

"Dein Wille geschehe!" - Ein Geschenk, doch niemals Zwang

Die Worte "Dein Wille geschehe!" fehlen im Text des Lukas, passen aber sehr gut in die aramäische Rekonstruktion des Vaterunsers. Gehen sie auf Jesus zurück? Sicher ist auf jeden Fall, dass sie ein wesentliches Anliegen von ihm aussprechen (vgl. Mk 3,35). Aber sie berühren auch in jedem Betenden einen schmerzhaften Punkt:

Der Mensch zweifelt schnell an einen liebenden Gott, wenn er sich allen denkbaren Leiden ausgeliefert erfährt und hier anscheinend aufgefordert wird, dies als den Willen Gottes zu verstehen. Deshalb hat die christliche Tradition diese Bitte mit dem Motiv der Ergebenheit verknüpft: Im Vertrauen zu Gott soll der Betende auch das schwerste Schicksal als "Gottes Ratschluss" annehmen lernen, auch wenn er es unerträglich findet. Ich sehe in diesem zweifellos frommen Gedanken eine menschliche Strategie, mit dem Problem des Leidens fertig zu werden, - aber nicht das, was Jesus für den Willen Gottes gehalten hat. Bei der Auseinandersetzung mit dieser Bitte kommt alles darauf an zu verstehen, was Jesus wirklich gemeint und was er nicht gemeint hat.

... nicht Willkür eines Herrschers

Jesus verglich den Willen Gottes niemals mit der Laune eines orientalischen Despoten, den man nicht durchschaut und der jemanden wie aus heiterem Himmel kalt erwischt! - Einen Schicksalsschlag oder eine Naturkatastrophe hat er nie als Willen Gottes bezeichnet!

In diesem Punkt herrscht ein schreckliches Missverständnis, das durch den Apostel Paulus - wie eine Krankheit - die ganze Christenheit angesteckt hat. Er hat in seinem Römerbrief Gott mit dem Bild eines allmächtigen Töpfers beschrieben, der die Menschen und ihre Schicksale gestaltet ohne irgendjemandem Rechenschaft geben zu müssen (Röm 9,19-24). Diese Worte des Paulus haben unsere Vorfahren ohne weitere Unterscheidung für göttliche Offenbarung genommen. Sie haben vergessen, dass der Apostel auch ein Mensch war, dessen wichtige Sendung seine menschliche Begrenztheit keineswegs aus der Welt geschafft hat. Und dieser Paulus hatte leider niemals die Gelegenheit gehabt bei Jesus zu lernen, dass Gottes Liebe - wie die Sonne - für alle Menschen da ist.

Wir können nicht mehr feststellen, was Paulus veranlasst hat zu schreiben, dass Gott gewisse Menschen "zur Vernichtung bestimmt hat". Ich vermute dahinter schreckliche Erfahrungen, die er nur dadurch ertragen konnte, dass er alles, was geschah, mit dem Willen Gottes gleichgesetzt hat. Deshalb musste er auch alle Leiden dieser Welt auf Gott zurückführen. Er hat das Schicksal mit dem Willen Gottes gleichgesetzt, und damit hat er Gott zum Schicksal und das Schicksal zu Gott gemacht. Er hat leider nicht gemerkt, dass es auch eine andere Möglichkeit gibt, nämlich die Realität - wie sie ist - erst einmal als gegeben hinzunehmen und sie nicht mit dem Willen Gottes gleichzusetzen.

Jesus hat diese zweite Möglichkeit gewählt: er hat die Frage gar nicht gestellt, warum die Welt so ist, wie sie ist. Er hat Gott als den Liebenden erlebt und auf diese Erfahrung hat er sich verlassen. Wenn die Welt dann nicht wie das Werk eines liebenden Gottes aussah, revidierte Jesus nicht gleich sein Gottesbild. Er war stattdessen sicher, dass die Welt eben noch nicht dem Willen Gottes entsprach. Sein sehnlichster Wunsch wurde deshalb: "Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde!"

... nicht religiöse Vorschriften

Für Jesus war der Wille Gottes auch nicht das, was Menschen für Gottes Willen erklärten! - Die Kreuzfahrer waren nicht die einzigen, die ihre Eroberungskriege mit dem Wort begründet haben: "Gott will es!". Bis heute gibt es politische Führer, die ihre "heiligen" Kriege als Gottes Willen ausgeben. Und es gibt immer noch religiöse Gruppen, die ihren Mitgliedern genau sagen können, was der Wille Gottes von ihnen verlangt. Solche menschlichen Ansichten hatten in den Augen Jesu mit dem "Willen des Vaters" nichts zu tun! Sehr auffallend ist, dass er auch selber nicht versuchte, in konkreten Anweisungen festzulegen, was Gott will. Es war ihm genug zu sagen, dass Gott keinen Menschen "verlieren" will (Mt 18,14).

Für Jesus war der Wille Gottes nicht irgendwo schon fertig formuliert, sondern er war zu finden. Das beste Beispiel dafür steht in seinem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-35): Der Priester und der Levit gehen dort am Verletzten vorbei, denn sie meinen, den Willen Gottes durch die Gesetze ihrer Religion zu kennen, die eben nichts von diesem Fall wissen. Nur der Samariter, der keine Vorschriften im Kopf hat, öffnet sich der Situation, empfindet Mitleid und rettet den Verletzten. Damit hat Jesus auch sich selbst beschrieben. Er lebte nicht nach Vorschriften, sondern suchte "den Willen des Vaters" in der Auseinandersetzung mit seinen Erfahrungen. Das Kennzeichen dieses Willens war für ihn der Einklang mit der erlebten Liebe Gottes. Er fand diesen Willen jeweils als konkrete Antwort auf die Not und die Sehnsüchte der Menschen, denen er begegnet ist.

Sein Wille ist zu retten ...

Für Jesus war es klar: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (vgl. Mt 18,12-14), und nichts anderes! Der himmlische Vater liebt die Menschen ohne Unterschied, wie sie eben sind; - weil er sie aber liebt, will er nicht, dass sie ewig bleiben, wie sie sind! Er will zwar niemals direkt das Leiden, aber das Werden, das besser Werden, gehört zu seinen Schöpfergedanken, auch wenn es mit Leiden verbunden ist.

Es ist völlig unvorstellbar, dass der Schöpfer und Vater einen seiner Menschenkinder etwa durch Krankheit oder einen schweren Verlust quälen will. Jesus war deshalb überzeugt, dass Gott nicht die Krankheiten, sondern Leben und Gesundheit "will", sonst hätte er nicht Kranke heilen und gequälte Menschen von Schuldbewusstsein befreien können. Er heilte ja nicht, um den Willen Gottes zu durchkreuzen, sondern um ihn zu erfüllen. Darin sah er sogar die Gottesherrschaft zu den Menschen kommen (Lk 11,20)! Sein ganzes Verhalten verkündet seine Überzeugung, dass der Wille Gottes nicht das Leid, sondern die Befreiung vom Leid ist.

Der Vater, wie Jesus ihn beschrieb, schickt also nicht das Leid, und er bleibt dem Leidenden auch nicht fern. Seine Liebe umgibt jeden Menschen, und zwar in allem, was ihn auch treffen mag. Jesus hat daran festgehalten, auch wenn der Augenschein ganz dagegen sprach. - Warum die Welt so ist, wie sie ist, darauf ging er nicht ein. Seine "Philosophie" hat sich darauf beschränkt, die Welt zunächst nüchtern zu sehen und anzunehmen, wie sie ist, - dann aber nach Möglichkeit zu verändern, damit sie dem Willen Gottes mehr und mehr entspricht!

... nicht leiden zu lassen

Was Jesus Gottes Willen nannte, war nicht etwas, was von Menschen ertragen werden müsste, sondern etwas, was von Menschen getan werden sollte (Mk 3,35)! - Er beschrieb mit einfachen Bildern, wie der himmlische Vater am Leben seiner Geschöpfe teilnimmt, auch wenn er nicht in den Lauf der Dinge eingreift, etwa um einen Spatzen vor dem Jäger zu retten, oder Menschen, die er liebt, aus Leiden aller Art zu befreien. Dieser Gott achtet damit die Eigengesetzlichkeit seiner Schöpfung und erwartet entsprechend, dass sein rettender Wille die Menschen durch Menschen erreicht.

Nur ein Jesuswort könnte so verstanden werden, dass Gottes Wille den Menschen etwas schweres auferlegt. Es ist das Gebet vor seinem Leiden: "Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst" (Mt 26,39). - Ich möchte mich dem Sinn dieses Gebetes sehr behutsam nähern. Denn es ist eine wertvolle Erfahrung, dass der Gedanke "nach dem Willen Gottes zu leiden" schon vielen Menschen Halt und Trost im Leiden gegeben hat.

Trotzdem kann ich in diesem Gedanken keine Aussage über Gott sehen, sondern zunächst einen Versuch gläubiger Menschen, ihre Angst vor dem Leiden zu "kontrollieren". Das Gebet "Dein Wille geschehe!", wenn es nur aus vertrauendem Glauben kommen konnte, hat schon viele aus ihrer Verzweiflung gerettet. Ein solcher Glaube bietet die Kraft, einen zerstörten Lebenswillen Stück für Stück zu heilen. Wer dies einmal erlebt hat, der kann auch anderen leidenden Menschen versichern, dass auch sie - wenn sie noch so Schlimmes erfahren - von einem liebenden Gott begleitet werden. Denn das, und nur das bedeutet der tröstende Ausdruck: "nach dem Willen Gottes leiden"!

Gott will nicht das Leiden, sondern das Vertrauen des leidenden Menschen: Er soll sich darauf verlassen, dass Gott auch in der schwersten Stunde bei ihm ist. So wird er vor Verzweiflung bewahrt. Der vertrauensvolle Gedanke an den Willen Gottes fügt den Leidenden in eine größere Wirklichkeit ein und befähigt ihn, das Unerträgliche zu ertragen. Sein Vertrauen dient damit dem Leben. Es ist ein guter Weg, der ganz dem heilenden Willen Gottes entspricht.

ER will, dass man etwas tut

Im Gebet Jesu am Ölberg ist - in der Fassung des Matthäus - ein Ausdruck, der unsere besondere Aufmerksamkeit verdient: "wenn es möglich ist", soll das Leiden an ihm vorübergehen. Nach diesem Wort hat Jesus damit gerechnet, dass sein blutiges Ende auch von Gott nicht abgewendet werden kann. Wenn er so gebetet hat, konnte er im befürchteten Tod gar nicht einfach den Willen Gottes sehen, dem er sich fügen sollte! Da er immer wieder davon sprach, dass Menschen den Willen Gottes tun, hat er auch hier darum gerungen, was er selber tun soll, um diesem Willen zu entsprechen. Er hat sich wohl dazu durchringen müssen, seiner Sendung auch unter Lebensgefahr treu zu bleiben und nicht etwa zu flüchten. In diesem Sinne hat er den Willen Gottes nicht erlitten, sondern er führte ihn aus. - Wenn wir die Worte "Dein Wille geschehe" mit Jesus sprechen, müssen wir mit ihm vor seinem VATER stehen, der uns ohne Rückhalt liebt. Dann werden auch wir uns mit Vertrauen darauf konzentrieren, was wir in der Situation tun können.

Die Tatsache des Leidens führt zu einer Grenze, die für menschliches Denken bis heute unüberwindbar ist: Ist dem Schöpfer dieser Welt nicht alles möglich? Wenn er das Leben so liebt, wie Jesus ihn beschrieben hat, warum hat er nicht eine Welt ohne Bosheit und ohne Leid geschaffen? (Zu diesem Problem werden wir - in der Themengruppe "Glaube" - bald einen eigenen Beitrag einstellen.) Hier möchte ich nur noch einmal die Tatsache betonen, dass Jesus das Negative in der Welt niemals als den Willen Gottes bezeichnet hat. Er sah in den bekannten Übeln vielmehr etwas, was wir nach dem Willen Gottes zu überwinden, zu verwandeln, oder - wenn es nicht mehr anders geht - wenigstens zu ertragen haben.



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"Wie im Himmel, so auf der Erde" - Die Utopie Jesu

"Wie im Himmel, so auf der Erde" - Die Utopie Jesu

Die Utopie ...

Wir haben keine Möglichkeit festzustellen, wie Gottes Wille "im Himmel" geschieht. Können wir dann betend verlangen, erwarten oder uns sogar dafür einsetzen, dass er auch auf dieser Erde Wirklichkeit wird? - Wir sind gewohnt, die Vorstellung eines "himmlischen" Zustandes auf der Erde als eine Utopie zu bezeichnen. Sollen wir hier von Gott erbitten, dass er das Unmögliche verwirklicht? Oder haben wir nur die Bedeutung einer Utopie noch nicht verstanden?

Das Wort Utopie ist nicht nur der Name einer harmlosen Literaturgattung, es bezeichnet ein tiefes Bedürfnis in uns Menschen. Eine Utopie ist die ideale Zielmarke eines sehr realen Weges, vergleichbar einem Leitstern, den vor Jahrhunderten der Steuermann eines Schiffes in der Nacht anzusteuern hatte. - Wir Menschen brauchen auf jeden Fall solche Leitbilder, wenn wir in den Alltäglichkeiten des Lebens weder abstumpfen noch verzweifeln sollen. Ohne die Orientierung an etwas "Besserem" würde unserem Leben etwas ganz Wichtiges fehlen, das den Menschen überhaupt erst zum Menschen macht.

Wir brauchen Utopien, - aber nicht um sie durch Gott bald erfüllt zu sehen, wie die Jünger Jesu die "Wiederherstellung des Reiches für Israel" erwartet haben (Apg 1,6), sondern damit sie unserer Sehnsucht und unserem Einsatz einen Weg zeigen. Jesus leitete seine Jünger gewiss nicht dazu an, durch dieses Gebet vom Vater das Unmögliche zu verlangen, sondern selber alles, was möglich ist, zu versuchen! Einem wirklich Glaubenden traute er freilich auch zu, sogar das Unmögliche erreichen zu können (Mk 111,23).

Wir haben bereits überlegt, dass Jesus ganz konkret an den Willen seines Vaters gedacht hat, der alle gleich liebt und ganz besonders die Verlorenen sucht. Sein Wille geschieht auf der Erde genau dann, wenn Menschen einander rückhaltlos und ohne Einschränkungen lieben. Das ist die Utopie Jesu, der uns damit ein Ziel vorsetzt, das die meisten Menschen als unmöglich bezeichnen werden. Diese Utopie verlangt aber, dass wir konkrete Schritte auf einem sehr realen Weg machen! Dabei können wir uns an dieser Bitte geradezu festhalten, denn sie sichert uns zu, dass wir in dieser "unmöglichen" Richtung im Einklang mit dem Schöpfer sind und den Sinn unseres Lebens erfüllen.

Wer um diesen "Willen des Vaters" weiß, wird das eigene Leben einsetzen, damit es den rettenden Willen Gottes "verkörpert". Er bietet diesem Vater Herz, Hirn und Hände an, damit sein Wille auf der Erde geschieht. Er tut das ihm Mögliche, damit die Liebe Gottes in ihm "Mensch werden" kann. - Ist es möglich, hier Utopie und Wirklichkeit säuberlich zu trennen? Gibt es überhaupt solche Menschen? - Ich bin überzeugt, dass es sie nicht nur gibt, sondern dass die Menschheit ohne sie viel ärmer wäre, als sie schon ist. Sie beschäftigen freilich keine Werbepsychologen um sich bekannt zu machen. Nur in Ausnahmefällen erregen sie so viel Aufmerksamkeit wie Mutter Teresa. Niemand weiß, wie viele es sind, aber in ihnen ist das, was Jesus Reich Gottes nannte, schon "mitten unter uns". Solche Menschen sind viel wichtiger für unsere Welt als viele Wichtigtuer, von denen so oft gesprochen wird.

Was ist ihr Geheimnis? - Sie sind auf dem gleichen Weg wie Jesus: Für sie ist das Vertrauen in den guten Schöpfer wirklicher als die so genannte "Wirklichkeit". Sie lernten, Gott von ihrer Lebensangst zu trennen, die andere zum rücksichtslosen Existenzkampf drängt oder vielfach lähmt. Sie blieben auch nicht in sich gekehrt nach dem Motto: "Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!" (Phil 2,12). Sie haben statt dessen erkannt, dass jedes "Furcht und Zittern" vom ängstlichen kleinen Ich kommt und vor dem großen DU des Gottes Jesu keinen Bestand hat. Deshalb kümmern sie sich gar nicht darum, ob ihr Einsatz hoffnungslos ist, ob ihre Ziele anderen utopisch erscheinen. Sie haben einmal etwas Großes erblickt, was sie unbedingt verpflichtet, und setzen sich dafür ein. Von solchen Menschen konnte Jesus sagen, dass sie Töchter und Söhne Gottes sind.

... und die Wirklichkeit unserer Situation - wie Jesus sie sah

"Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen." (Joh 4,34). - Diese Worte sprechen aus, was Jesus bewegt hat. Gottes Werk, das er zu Ende führen wollte, war genau das, was wir soeben als seine "Utopie" bezeichnet haben: die liebende Nähe Gottes für alle erfahrbar werden zu lassen, damit sie sich frei in diesen "Liebeskreislauf" einfügen und so ein ganz neues Leben erhalten.

Die gleichen Worte zeigen auch das Entscheidende in der Sichtweise Jesu. Für ihn stand fest, dass der Mensch Gottes Willen darin findet, was er selber zu tun hat. Deshalb war es "seine Speise" danach zu fragen, wie er in seinem Leben Gottes rettenden Willen erkennen und verwirklichen kann. Wie für ihn, so muss es auch für uns gelten: Das rechte Tun beginnt mit dem rechten Sehen.

Das Erste, was wir bei Jesus beobachten können, ist, dass er den Willen Gottes vor allem als ein Geschenk sah, denn wir bekommen alles, was wir zum Leben brauchen, von "unserem Vater". - Als tägliche Übung möchte ich deshalb empfehlen, das Positive im "Willen Gottes" zu verinnerlichen. Sagen wir uns oft, am besten verbunden mit einer Entspannungsübung: "Wer mich ins Leben gerufen hat, will auch, dass mein Leben gelingt!" - Gott darf man sich nicht wie ein anderes "Ich" denken, das dem Menschen gegenüber stünde und gegen ihn seine Interessen durchsetzen müsste. Gottes Wille ist - allgemein gesagt - das "Heil", das Wohl seiner Geschöpfe. Für mich ganz konkret ist es auch mein Glück, meine Liebe, meine Gesundheit usw. usw. - Eine solche Übung ist sehr wichtig, um der Last einer christlicher Tradition entgegen zu wirken, die bisher einseitig auf den Wert des Leidens fixiert war.

Jesu rechte Sicht der Schöpfungswirklichkeit führt uns natürlich auch weiter. Wir werden mit ihm annehmen müssen, dass die Welt, als Schöpfung Gottes, auch mit allen leidvollen Aspekten ohne Wenn und Aber seinem Willen entspricht. Gott muss also nicht von Zeit zu Zeit als Lückenbüßer oder als Wunscherfüller frustrierter Menschen auftreten um seine Liebe zu beweisen, denn seine Schöpferkraft steht hinter allem, was wirkt. - Unser Problem ist nur, dass wir die letzten Zusammenhänge seiner Schöpfung nicht verstehen, denn die Welt "funktioniert" für uns keineswegs so, wie wir es vom Werk eines menschenförmig gedachten allmächtigen und liebenden Wesen erwarten würden.

Was uns angeht, ist es vor allem wesentlich, wie wir über unsere Lebensumstände denken. Wir können in ihnen zu Recht den Willen Gottes erblicken, insofern sie den Rahmen bilden, der unserem gestaltenden Willen vorgegeben ist. Damit ist aber auch gesagt, dass sie keineswegs etwas sind, das wir nur demütig aus der Hand Gottes anzunehmen hätten. Im Gegenteil! Gott - wie Jesus ihn erlebt hat - will die Menschen weder versuchen noch schikanieren. Alles, was uns begegnet, ob es von der Natur oder von freien Menschen kommt, ob es in unseren Gedanken oder Gefühlen "entsteht", entspricht dem Willen Gottes; aber nicht als Schicksal, das uns trifft und zwingt, sondern als Aufgabe, die wir zu gestalten haben. In unseren ganz konkreten Lebensumständen sollen wir zeigen, wie die uns geschenkte Lebenskraft auch mit widrigsten Umständen fertig werden kann. Gottes Wille ist dann, dass sein Ja zum Leben und zum Lieben gerade hier und durch uns bestätigt und verwirklicht wird.

"Und was hat Gott mit dem Bösen zu tun, das Menschenleben zur Hölle machen kann?" - müssen wir hier engagiert fragen. Die Antwort finden wir leichter, wenn wir konkret bei uns selber anfangen. Wenn Gott mich als denkfähigen und freien Menschen wollte, erfülle ich seinen Willen genau dann, wenn ich das Gute erkenne und tue. Wenn ich aber jemandem ein Unrecht zufüge, entspricht das nicht dem Willen Gottes und kann auch für den verletzten Menschen nicht als der Wille Gottes gelten. Das erlittene "Böse" kommt nicht von Gott; er hat lediglich den Verursacher und seinen freien Willen erschaffen. Gott "will" allerdings, dass der vom Leid getroffene Mensch mit seiner Situation fertig wird. Es bleibt also Aufgabe dieses Menschen, auf das, was mit ihm geschieht, richtig zu antworten. Er kann im Geiste Jesu überlegen, welche Reaktion gerade hier und jetzt dem "Willen" eines liebenden Gottes entsprechen würde. Er kann sich diesen "göttlichen Willen" zu Eigen machen, aber er kann ihn auch verfehlen, wenn sie z. B. seinem "Feind" mit dem eigenen Hass entgegentritt.

Fassen wir noch kurz zusammen:

Die Spiritualität des Willens Gottes nach dem Beispiel Jesu ist eine Spiritualität der Tat. Was Gott von uns "erwartet", steht nicht ein für allemal fest. Wir müssen es täglich, ja in jedem Augenblick, suchen und finden. Es ist etwas Lebendiges, das der jeweiligen Situation entspricht. Gott will das Wohl ("das Heil") aller, aber dieser Wille richtet sich an freie Menschen. Sie haben die Aufgabe, sich dem Willen dieses Gottes anzuschließen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"

Dabei wird von uns nur verlangt, was Menschen möglich ist. Unser ist das Tun, Gottes ist das Segnen. Wie unser Tun und sein Segen ineinander greifen, fand ich in einem bekannten Spruch von Friedrich Christoph Oetinger unvergleichlich schön ausgesprochen:
"Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann;
er gebe mir den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine vom anderen zu unterscheiden."



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"Euch muss es um sein Reich gehen!" - Der heilende Zusammenhang

"Euch muss es um sein Reich gehen!" - Der heilende Zusammenhang

Die ersten drei Bitten kreisen um Gott. Sie führen sozusagen Gottes Anliegen vor die Augen der Betenden und betonen, dass Gott das Zentrum all ihrer Bestrebungen sein soll. - Aber wie ist das zu verstehen? Während wir diese Bitten analysiert haben, haben wir doch ständig von Menschen geredet! "Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe!" oder einfacher gesagt: "Du sollst anerkannt werden, Du sollst allein maßgeblich sein! Was Du willst, soll geschehen!" - diese drei kurzen Sätze, wenn wir sie auf den Vater Jesu beziehen, haben alle denselben Inhalt: "Deine Liebe soll alle erreichen!"

Dies scheint das einzige große Anliegen dieses VATERS zu sein. Die ganze Frohe Botschaft Jesu ist nur die Erklärung und Entfaltung dieses einen Anliegens! Wenn es darum geht, was Gott für sich will, redet Jesus weder von Opfern noch von Anerkennung der Größe Gottes. Das Gotteslob - sonst ein wichtiges Gebetsmotiv aller Religionen - fehlt im Vaterunser gänzlich! Diesem Mangel wollte die alte Kirche abhelfen, als sie diesem Gebet den Schluss anfügte: "Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit". Es war aber nicht die Absicht Jesu, seine Hörer hier zum Gotteslob aufzufordern. Er wusste, dass sie von sich aus Gott loben werden, sobald sie seine rettende Nähe erfahren haben.

Natürlich steht Gott über alles, und alles ist in ihm. Die ersten Bitten des Vaterunsers wollen dem betenden Menschen genau diese "kosmische Ordnung" bewusst machen. Sie wollen ihn herausnehmen aus dem Alltag, aus der Enge der eigenen Sorgen. Mit diesen Bitten soll der Betende sich "in Ordnung" bringen, sich in den großen Zusammenhang stellen, der alles entscheidet! Jesus lässt uns nicht deshalb so beten, weil Gott etwas fehlt, sondern damit wir etwas bekommen. Wir Menschen finden uns erst richtig, wenn wir uns in Verbindung mit etwas Größerem sehen und uns für dieses Größere einsetzen! Was uns in dieser Hinsicht Not tut, wird hier durch drei Aspekte beschrieben: Wir brauchen die ehrfürchtige Identifikation mit dem Heiligen (Dein Name), die Anerkennung dessen Herrschaft im mitmenschlichen Bereich (Dein Reich), und Vertrauen auf die Liebe einer größeren Macht (Dein Wille).

Diese drei Sätze betonen alle unsere Abhängigkeit von Gott. Eine solche Abhängigkeit passt zwar nicht zur modernen Idee der Autonomie des Menschen, entspricht aber genau der ernüchternden Realität. Wenn Autonomie bedeuten würde, dass jeder nur auf sich gestellt sein Glück sichern muss, wären wir mit unserer Angst verdammt allein! - Das Überraschende aber ist, dass in den Worten dieses Gebetes nicht einmal eine Anspielung auf Fremdbestimmung und damit Selbstentfremdung des Menschen anklingt. Jesus sprach nicht von einem Gott, der aus irgendeinem Grund die Autonomie des Menschen misstrauisch unterdrücken müsste. - Dieser Gott hat ein Interesse an der Freiheit der Menschen, weil er ihnen ein Ziel gesetzt hat, das nur in Freiheit erreicht werden kann.

Wenn ein Mensch nur dem eigenen Glück dient, bleibt er isoliert und unbefriedigt. Er kann sein Glück nur finden, wenn er sich in einem größeren Zusammenhang sieht, wenn er aus sich heraustreten kann, um frei zu sein für etwas, was er als Wert erlebt. Ganz konkret ist das ein Freiwerden für die Liebe. Zu einer solchen Liebe befreit ihn ein göttliches Gegenüber, das ihm wie ein guter Vater begegnet. Das eigene Leben "im Blick" eines solchen Gottes zu sehen liegt deshalb nicht nur in unserem Interesse, sondern es ist sogar die einzige Sicherung unserer Freiheit und unseres Glücks.

So gesehen können wir mit gutem Recht sagen: Auch die ersten Bitten des Vaterunsers kreisen um den Menschen! Für den Menschensohn Jesus, der sich als Gottes Sohn sah, gab es keinen Gegensatz der Interessen von Gott und Mensch. Er redete von Gott, indem er Anliegen der Menschen behandelte, und er redete vom Wohl der Menschen, indem er Gottes Anliegen betonte. In diesem Gebet soll uns als Erstes bewusst werden, dass wir nicht nur für diese Welt da sind, dass wir nicht auf uns gestellt, in Schwachheit und Vergänglichkeit und zum Scheitern verurteilt für unser Leben kämpfen müssen! Jesus lehrt uns, mit diesen Bitten den Horizont weit aufzumachen und uns in den Lebenskreis Gottes einzubeziehen. Unser Platz ist an der Seite Gottes, wo wir auch den eigenen Wert entdecken, wo wir unsere Erfüllung finden.

Auch wenn Jesus viel Unheil um sich gesehen hat, war er davon überzeugt, dass Gott nur das Wohl der Menschen will. Seine überzeugende innere Erfahrung konnte er leider nicht einfach weitergeben. Auch in der Zeit nach ihm blieb uns die quälende Frage, wie die vielen Übel dieser Welt mit einem liebenden Schöpfer vereinbar sind. Auch wenn wir auf diese Frage keine beruhigende Lösung haben, können wir mit Jesus daran festhalten, dass ein Vertrauen zum liebenden Gott nicht nur möglich, sondern auch unser einziger Weg zum "Leben" ist!



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"Unser tägliches Brot gib uns heute!" - Die Sorgen der Menschen

"Unser tägliches Brot gib uns heute!" - Die Sorgen der Menschen

Mit den ersten Bitten des Vaterunsers haben wir uns in einen großen Zusammenhang eingefügt. Es wurde uns dabei bewusst, dass Gott uns überall mit seiner Liebe umgibt. Erst nachher, in dieser Bitte, kommt auch der Sprechende selber in den Blick. Er soll aber auch hier in der Gemeinschaft mit anderen bleiben und "wir" sagen, denn im Angesicht des VATERS kann er seine Verbindung mit den "Schwestern und Brüdern" nicht vergessen.

"Gib uns das tägliche Brot!" - Auf den ersten Blick wundert man sich, warum Jesus diese Bitte überhaupt aussprechen ließ. Wollte er nicht alle bewegen, von materiellen Sorgen nichts zu halten? - Hören wir nicht seine Stimme: "Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keinen Speicher und keine Scheune; denn Gott ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel! - Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, wie viel mehr denn euch, ihr Kleingläubigen! Darum fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und ängstigt euch nicht! Euer Vater weiß, dass ihr das braucht. Euch muss es um sein Reich gehen; dann wird euch das andere dazugegeben." (Lk 12,22-31)

Realisten könnten natürlich über diese Schönfärberei den Kopf schütteln und auf Hungersnöte und Naturkatastrophen hinweisen. Da Jesus aber kein Träumer war, lohnt es sich doch, genauer hinzuschauen! - Warum hat er so unbekümmert über Gott geredet? Er hat sich auf jeden Fall darauf verlassen können, dass seine jüdischen Hörer Gott sich nicht wie einen Menschen vorstellen werden, der Vögel füttert. Es war ihnen nichts Fremdes, wenn Jesus in seinen Reden hinter natürlichen Vorgängen immer wieder göttliches Wirken sah. So konnte jeder verstehen, was er mit diesen Bildern sagen wollte.

Heute würde Jesus - unserer Vorstellungswelt entsprechend - vielleicht sagen: "Die Raben haben ihren Platz in Gottes Schöpfung, und deshalb sind sie imstande, ihre Nahrung selber zu finden! Auch die Lilien sind genetisch dazu bestimmt, im Dienst der Fortpflanzung für eine kurze Zeit so schön zu sein. An diesen Beispielen seht ihr, wie der liebende Schöpfer für alles gesorgt hat! Das gilt aber nicht nur für Pflanzen und Tiere. Die Natur hat auch die Menschen instand gesetzt, ihre Nahrung selber zu sichern. Sie sind mehr wert als Vögel und Pflanzen, und entsprechend haben sie auch viel differenziertere Möglichkeiten, ihr Leben zu sichern."

Jesus hat in den Naturkräften des Lebens das Wirken des guten Schöpfers gesehen. Das ist der Kern dessen, was seine Anhänger später als "göttliche Vorsehung" bezeichnet haben. Paulus formulierte es einmal so: "Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten" (Röm 8,28). Um das Gemeinte richtig zu verstehen, möchte ich zwei Aspekte dieses Vorsehungsglaubens unterscheiden. Der erste ist die grundlegende Seinserfahrung Jesu: Gott ist für uns der liebende Vater, er ist der feste Grund unseres Vertrauens. Der zweite Aspekt ist unsere spirituelle Erfahrung: Wir können unseren Weg gehen, wenn wir darauf vertrauen, dass er kein Weg ins Ungewisse ist. Wir brauchen nur die richtige Spiritualität ("Gott lieben"), und alles gereicht uns zum Guten, mag unser Weg auch durch manches Schwere und Schreckliche führen.

Jesus hat niemals behauptet, dass die Vorsehung uns auf wunderbare Weise aus dem Naturzusammenhang herausnehmen könnte! Für ihn war nur selbstverständlich, dass Gott da ist und in allem wirkt. Sein Wirken sah er z. B. nicht nur darin, dass die Menschen in der umgebenden Natur das zum Leben nötige finden, sondern auch darin, dass sie durch ihr Wissen und ihre Arbeit für sich sorgen können. Durch ihren "Glauben" (=Vertrauen) haben sie sogar Zugang zu den guten, schöpferischen Kräften ihres Unbewussten, die ihnen unerwartete Eingebungen, an Wunder grenzende Zufälle und sogar Heilungen bescheren können. Hinter allen uns fördernden Möglichkeiten sah Jesus den Vater, der allen Lebewesen "Nahrung gibt"!

Es ist also geradezu Gottes Wille, dass die Menschen schon von Natur "auf Sorgen" programmiert sind. Wir sind unentwegt damit beschäftigt, dass wir genug zu essen haben, uns kleiden können und auch alles andere finden, was uns nötig zu sein scheint. Das ist der Grund, weshalb wir diese Sorgen unbedingt in unser Gebet aufnehmen sollen. Wenn Jesus hier nur die Bitte um Brot ausspricht, steht dieses Wort selbstverständlich auch für alles andere, was wir zum Leben brauchen. Wir können dabei also ruhig an unsere leibliche und seelische Gesundheit denken, an gute Beziehungen und an die Liebe, an den sicheren Arbeitsplatz, sogar an persönlichen Erfolg im Beruf oder Studium. Und weil unser Leben letztlich mit der ganzen übrigen Welt verflochten ist, werden in unserem Gebet auch der Friede und das Wohl aller Menschen und der ganzen Natur nicht fehlen.

Wesentlicher Hintergrund aller Bitten bleibt freilich die nüchterne Einschätzung der Wirklichkeit: Gott bietet uns durch seine Schöpfung alles Nötige als Möglichkeit an, die wir durch unseren Einsatz erst verwirklichen müssen. Wenn jemand für seine Gesundheit, für den armen Nachbarn, für den Frieden usw. nur betet und nicht selber tut, was ihm möglich ist, hat er seine Zeit nutzlos vertan, denn Gott "wollte" möglicherweise gerade durch ihn etwas für seine Gesundheit, für seinen Nachbarn oder für den Frieden "tun"! - Ich brauche also nicht nur das feste Vertrauen, dass mein Gebet erhört wird. Mein Gebet ist nur richtig, wenn ich die Erfüllung nicht nur von Gott erwarte, sondern auch bereit bin, für das Erhoffte selber zu tun, was ich nur tun kann. So sind eben die Rahmenbedingungen, die uns durch die Schöpfungswirklichkeit gesetzt sind. Ohne unseren ganzen Einsatz läuft wenig, aber trotzdem müssen wir oft genug spüren, dass wir zum Erfolg unbedingt den Segen "von oben" brauchen. Deshalb sollen wir um diesen Segen bitten, auch wenn Gott schon weiß, was wir brauchen.

Natürlich brauchen wir Brot und vieles andere zum Leben, aber Jesus wies uns an, nur um das tägliche Brot zu bitten. Er wollte damit erreichen, dass wir unsere ganze Sorge beim Vater abgeben, denn die Sorge um die Zukunft könnte uns das Wichtigste rauben, die Sorge um das "Reich Gottes". Eine solche Sorglosigkeit konnte er uns wortwörtlich vorleben, weil er als wandernder Prophet weder Vorräte noch eine Kreditkarte brauchte.

Da heute ein solches Leben "von der Hand in den Mund" praktisch nicht möglich ist, wird in unserer Situation das Gleiche nicht mehr wörtlich gelten. Jesus hat ja selber nicht jede Vorsorge zurückgewiesen, da er davon lebte, dass die Menschen auch damals von Ernte zu Ernte eine Vorratshaltung betrieben. Eine vernünftige Vorsorge für die Zukunft, für die Gesundheit, für das Alter und gegen verschiedene Risiken in der heute üblichen Form gehört einfach dazu, was der Mensch selber zu tun hat. Gott schenkt ja alles durch natürliche Kräfte und nicht durch Wunder.

Aber die Jagd nach größtmöglichem Profit und Rendite ist lebensfeindlich, deshalb auch eine Sünde gegen die Natur, gegen die Mitmenschen, und sogar gegen das eigene Glück: "Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon!" (Mt 6,24). Mit diesen Worten warnte Jesus davor, unsere Lebensenergie in den Dienst des Geldes zu stellen. Wer diesem "Mammon" dient, meint damit die Risiken der Zukunft in den Griff zu bekommen, aber seine Rechnung vergisst das Wesentliche. Jesus will dagegen, dass wir nicht einmal die notwendigen Aufgaben des Lebensunterhalts mit unseren Sorgen beladen: "Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage" (Mt 6,34). Diese Haltung ist auch in unserer Zeit möglich. Das ängstliche Denken daran, ob uns auch morgen und später alles "klappt", würde uns dagegen lähmen und erdrücken!



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"Vergib uns unsere Schuld!" - Das wahre Drama menschlicher Schuld

"Vergib uns unsere Schuld!" - Das wahre Drama menschlicher Schuld

Da die Frage der Schuld in den überlieferten Glaubensvorstellungen von Christen einen sehr breiten Raum einnimmt, müssen wir uns mit diesem Punkt ausführlicher auseinander setzen.

Was hielt Jesus von menschlicher Schuld?

Es ist nicht notwendig, hier näher darauf einzugehen, was alles im Alten Bund - etwa nach dem Buch Deuteronomium - den Menschen vor Gott unrein gemacht oder sogar die Todesstrafe verdient hat. Die starke Betonung des Schuldgefühls dient in manchen Religionen offenbar dem gleichen Zweck, wie im zwischenmenschlichen Bereich (etwa in der Erziehung), wo es den "Schuldigen" immer schon gefügig zu machen hatte. Wenn jemand davon ausgeht, dass Jesus - als gläubiger Jude - selbstverständlich die gleiche Haltung hatte, der wird hier seine große Überraschung erleben.

Was die Schuldhaftigkeit der Menschen betrifft, gibt es heute zwei gegensätzliche Anschauungen. Die erste und unter Christen traditionell verbreitete pflegt ein ziemlich pessimistisches Menschenbild und kann sich dabei auf biblische Texte berufen. Die zweite spiegelt das moderne Lebensgefühl, das Schuld möglichst nicht wahrhaben will.

Ich will hier nur auf das negative christliche Menschenbild eingehen. Die starke Betonung der Sünde im Christentum (angefangen mit der Lehre über die Erbsünde) geht auf den Apostel Paulus zurück, der im Brief an die Römer die Sünde personifiziert und damit zu einer mythologischen Größe stilisiert hat. An diese "Sünde" sah er sich und die anderen "verkauft" und schrieb von den Christen, dass sie "aus der Macht der Sünde befreit und zu Sklaven Gottes geworden sind" (Röm 7,14 u. 6,22). Ich sehe allerdings mit Befremden, dass er dabei die Menschen als Spielbälle zweier Mächte darstellt, als hätten sie keine Freiheit und Verantwortung. Und ich finde es völlig unangemessen, wie er der personifizierten "Sünde" die gleiche Herrschermacht zuschreibt wie Gott. - Ich frage deshalb jetzt, ob Jesus über die menschliche Schuld ähnlich wie Paulus gedacht haben könnte?

Sooft Jesus über Schuld sprach, meinte er keine fremde Macht, die den Menschen beherrschen würde, sondern zunächst eine Angelegenheit von Menschen, die ihre Beziehungen zu einander und zu ihrem Schöpfer vergiftet. Was Gott mit menschlicher Schuld zu tun hat, schilderte er einfach so: "Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden." (Lk 7,41-48). In dieser Beschreibung ist wahrhaftig kein Platz für irgendeine Mystifizierung der Sünde, als wäre sie eine mit Gott konkurrierende Macht, die die Menschen unterjocht und aus deren Herrschaft sie zu erlösen wären!

Auch die Menschen zeichnete Jesus längst nicht so negativ wie Paulus, als könnten sie von sich aus nichts Gutes tun. Er beschrieb zwar realistisch, wie die Menschen sind, - aber das war lediglich der Hintergrund seiner Botschaft über die beglückende Liebe Gottes. Von seinen Zuhörern hat er dabei vorausgesetzt, dass sie imstande sind "umzukehren", ihre ganzen Lebenshaltung zu ändern.

Hier können wir beobachten, wie stark Menschenbild und Gottesbild zusammenhängen. Menschen der Antike haben ihre Erfahrungen mit autoritären Herrschern leicht auf ihre Gottheiten projiziert, die dann auch manche Züge von Gewaltherrschern bekamen. Ein solcher Gott konnte dann Widerspruch genau so wenig dulden wie ein Diktator. Jeglicher Ungehorsam musste bei ihm als Majestätsbeleidigung gelten und mit dem Tod bestraft werden. Diese Projektion finden wir im Alten wie im Neuen Testament gar nicht selten, bis zur Deutung des Todes Jesu als Sühnopfer bei Paulus. Sie wurde sogar in das Gleichnis Jesu vom königlichen Hochzeitsmahl eingefügt: "Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen" (Mt 22,7). Solche Aussagen sind mit der "Frohen Botschaft" Jesu über Gott als Vater offensichtlich unvereinbar.

Jesus hat Gott konsequent als mütterlichen Vater geschildert, dem die menschliche Schuld nicht als "Beleidigung Seiner Majestät" von Bedeutung ist. Die Schuld "beschäftigt" ihn vielmehr, weil sie die Trennung seiner geliebten "Kinder" von ihm bedeutet, die er sucht, "bis er sie findet" (Lk 15,4). Natürlich wusste Jesus, dass man Gott nicht sehen und sein Wesen nicht beschreiben kann, - und trotzdem war er sicher, dass er den Menschen genau mit diesen Worten sagen musste, wie der unbegreifliche Gott zu ihnen steht! Er betonte, dass Gott jederzeit zur Vergebung bereit ist, und deshalb die Beseitigung der menschlichen Schuld eine realistische menschliche Aufgabe bleibt.

Was Jesus von der Schuldhaftigkeit der Menschen hielt, beschrieb er mit einer Geschichte: "Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher ... - Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern ... betete: Gott sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter (d. h. versöhnt) nach Hause zurück, der andere nicht." (Lk 18,10-14)

Da der Pharisäer - trotz seines betont guten Gewissens - nicht als Gerechter nach Hause ging, meinte Jesus offenbar, dass vor Gott jeder Mensch irgendwie "in der Kreide steht", bevor er zu einem "Gerechten" wird. - Was war nun der wesentliche Unterschied zwischen diesen Männern? Der Zolleintreiber wurde von der Schuld befreit, weil er seine Schuld sah, anerkannte und sich von ihr distanzierte; der Pharisäer dagegen konnte oder wollte bei sich keine Schuld sehen und behielt sie deshalb. Wenn diese Geschichte von zwei Menschen redet, heißt es aber noch nicht, dass Jesus damit die Menschen in zwei Gruppen einteilen wollte, die dann entweder "Pharisäer" oder "Zöllner" wären. Durch diese zwei Gestalten hat er genau so gut auch verschiedene Seelenzustände des gleichen Menschen beschrieben, der in einer Beziehung sieht, dass er nicht "in Ordnung ist" und bereut seine "Schuld", und in einer anderen Beziehung dazu (noch) nicht imstande ist.

Wir sehen daraus, dass Jesus in der Frage nach Schuld und Vergebung die Menschen zunächst zu einer ehrlichen Selbsterkenntnis aufforderte. Wer die Worte "Vergib uns unsere Schuld" ausspricht, hat deshalb nicht nur an Taten zu denken, die er kennt und bereut. Er muss auch bedenken, ob bei ihm nicht irgendwo "im Schatten" noch etwas steckt, worauf er vielleicht sogar stolz ist, was aber trotzdem verhindern könnte, dass er "als Gerechter nach Hause geht"! Deshalb ist es für jeden entscheidend, nicht nur - wie der Zöllner - seine bekannten Sünden zu bereuen, sondern sich auch zu bemühen, in bisher unbewusste Ecken der eigenen Seele hinein zu leuchten - was der Pharisäer versäumt hat.

Damit soll er aber nicht ein Gefühl der Minderwertigkeit pflegen, sondern richtig mit sich und mit anderen umgehen lernen. "Als Gerechter nach Hause gehen" heißt dann, sich realistisch sehen (mit allem Dunklen und Hellen), aber gleichsam mit den Augen des Schöpfers, der die Menschen geschaffen hat, wie sie sind, und sie auch liebt, wie sie sind, also nicht weil sie besonders liebenswürdig wären, sondern weil Er die Liebe ist. Die eigene "Schuld" vor einem solchen Schöpfer nüchtern zu sehen bedeutet keineswegs, sich zu erniedrigen, sondern realistisch eine Lebensaufgabe zu entdecken, die darin besteht, den "Erwartungen" dieses Schöpfers besser zu entsprechen. Es genügt nämlich nicht, in sich selbst "das Licht von der Finsternis zu scheiden" und gleichsam mit stoischem Gleichmut beide anzunehmen. Es gilt auch, für Beides die Verantwortung zu übernehmen, - und ganz besonders dafür, wie sie sich in den Beziehungen zu anderen Menschen auswirken.

Dramatik der menschlichen Schuld

Wissen wir überhaupt, was es bedeutet, dass die Menschen "verloren" sind und von Gott gesucht werden? - Mir fiel nur auf, dass Jesus nicht müde wurde, immer wieder von den Aufgaben der Menschen zu reden. Deshalb ist es richtig, auch diese Frage von der menschlichen Seite her anzugehen. Hinter dem Wort "Schuld" sehe ich den Gedanken, dass jemand etwas "schuldet", also etwas tun oder geben soll, und solange er es nicht tut, bleibt er "schuldig".

Aber wer bestimmt denn, was jemand "schuldet"? Könnte es Gott persönlich sein? Dann wäre die alte Vorstellung richtig, dass alle Versäumnisse (Sünden) der Menschen in einem himmlischen Buch aufgezeichnet oder sonst irgendwie gespeichert sind, um für eine Endabrechnung bereitzustehen. Sehr beunruhigend wäre dabei, dass der "arme Sünder" seine gesammelten Daten nicht kennt und deshalb über seinen Kontostand im Ungewissen ist! - Da diese Vorstellung nicht zu der von Jesus betonten Eigenverantwortung der Menschen passt, ist es wohl zutreffender zu sagen, dass nicht Gott persönlich, sondern die von ihm geschaffenen Verhältnisse bestimmen, was jemand ganz konkret "schuldet". Auf diese Weise hat jeder Mensch wenigstens die Möglichkeit zu erkennen, was er tun soll, bzw. was er versäumt hat.

Gibt es einen Menschen, der niemandem etwas "schuldig" ist? - Das wäre nur in einem Paradies, in einem Garten des Überflusses denkbar, wo kein Tier einem anderen wehtut, weil alle permanent befriedigt sind. In unserer realen Welt befinden sich aber alle in Konkurrenz zueinander. Und nicht nur die einzelnen Lebewesen gehen ihren gegensätzlichen Interessen nach; es besteht sogar im Inneren eines Menschen ein Kampf der Gegensätze, - und dies scheint sogar eine wesentliche Bedingung des menschlichen Bewusstsein zu sein. Während das Verhalten der Tiere durch die jeweilige Situation und durch ihre Instinkte weitgehend bestimmt ist, scheint menschliches Bewusstsein darin zu bestehen, dass wir der vielfältigen Gegensätze eigener Triebe, Strebungen und Wünsche inne werden und versuchen müssen, hier eine Wertung und Auswahl zu treffen und diese Wertung auch durchzusetzen.

In der biblischen Schöpfungsgeschichte steht: "Dann sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir (Gott ähnlich geworden); er erkennt Gut und Böse." (Gen 3,22). Gut und Böse Erkennen ist ein Bewusstsein von Werten, die im Gewissen verpflichten. Ein solches Bewusstsein bringt natürlich den Verlust des Paradieses, denn jede Entscheidung fällt nicht nur für etwas, sondern gleichzeitig auch gegen alles andere aus, z. B. auch gegen abweichende eigene Wünsche oder gegen Interessen von anderen. Es lässt sich überhaupt nicht vermeiden, dass der Mensch irgendwo "schuldig" wird. Und das Drama des Schuldig-Werdens spielt sich in erster Linie nicht zwischen Gott und Mensch, sondern zwischen Menschen und in den einzelnen Menschen ab.

Was eigene Schuld ist, erlebt jeder, der etwas tut, womit er sich selber schadet, oder etwas, weswegen andere sich von ihm abwenden. Noch leichter erlebt er natürlich die Schuld der Anderen, wenn sie ihn in irgendeiner Weise verletzen. In jedem Fall zeigt sich das Wesen der Schuld darin, dass eine Beziehung gestört oder sogar zerstört wird, und das verursacht natürlich Angst. Wir sind ja so stark auf Hilfe, Beistand und Anerkennung durch andere angewiesen, dass wir jede Störung unserer Beziehungen als Bedrohung erleben und darauf mit Schuldgefühlen reagieren. Trotzdem sollten wir sorgfältig zwischen Schuld und Schuldgefühl unterscheiden, denn es gibt sowohl unerkannte Schuld wie auch unbegründete Schuldgefühle! Schuld vor Gott setzt immer voraus, dass ein Mensch bewusst etwas Geschuldetes versäumt bzw. etwas gegen die Lebensinteressen anderer tut.

Man könnte fragen, warum wir hier die Schuld nur als eine Angelegenheit von Menschen behandeln. Ist Sünde nicht vor allem eine Beleidigung Gottes? - Aber wie könnte ein Mensch dem unendlichen Schöpfer verletzen? Oder wie könnte er die Liebe eines Gottes zurückweisen, dem er direkt nicht begegnen kann? Wenn unsere Taten auf Gott bezogen sind, dann deshalb, weil wir mit Menschen zu tun haben, die dieser Gott liebt, der sich vor allem mit den Schwachen und Unterdrückten identifiziert. (Schon bei der Offenbarung des Gottesnamens sagt er: "Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und bin herabgestiegen" Ex 3,7f).

Wir können auch beobachten, dass die biblischen Umschreibungen der Sünde (Böses Tun, Unrecht, Untreue, Ungehorsam, Vergehen usw.) regelmäßig aus dem menschlichen Bereich stammen. Wenn die Propheten den Abfall ihres Volkes von Gott beklagen, sprechen sie auch durchweg von sozialen Sünden: "Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch und Betrug, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich breit" (Hos 4,1f). Sie lassen freilich keinen Zweifel daran, dass diese Taten nicht Kleinigkeiten, sondern Beleidigung des Höchsten sind.

Bekehrung zur Verantwortung

Es ist sehr auffällig, dass Jesus keine Theologie der Sünde gepflegt hat. Er war sicher, dass die letzte Beurteilung menschlicher Taten dem "Vater" zusteht, und gegenüber diesem Vater ist niemals die Gewissensangst, sondern nur das Vertrauen begründet!

Anstatt von einem strafenden Gott zu reden stellte Jesus die Verantwortung der Menschen in den Vordergrund: Wenn sie täglich die Güte ihres Schöpfers erfahren, sollen sie sich den Mitmenschen gegenüber genau so verhalten. Dies ist freilich alles andere als einfach. Jesus war überzeugt, dass die Menschen vor Gott erst dann "in Ordnung" kommen können, wenn sie ihr "normales" Denken ändern. Der Angelpunkt seiner Botschaft (in unseren Übersetzungen "Tut Buße!" oder "Bekehrt euch!") heißt wörtlich "Kehrt um!", wendet eure Gedanken, Bestrebungen und Taten genau in die umgekehrte Richtung wie bisher!

Dieses Umdenken zeigt sich gut in der einzigen Bekehrungsgeschichte, die in den Evangelien ausführlich beschrieben ist (Lk 19,1-10): Der Erfolgsmensch Zachäus, der sich bisher ohne Rücksicht auf andere ein Vermögen gemacht hat, verändert sein Denken. Als er seine Schuld erkennt, schaut er nicht erschreckt zurück und sagt ichbezogen: "Was habe ich getan!" Statt dessen denkt er an die Anderen, die immer noch unter den Auswirkungen seiner Taten leiden. Er sagt: "Die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück"! Es ging ihm also nicht darum, der möglichen Strafe Gottes zu entgehen. Es wurde ihm klar, dass Schuld vor allem Verantwortung für die Folgen bedeutet, und er stellte sich dieser Verantwortung. Deshalb hat auch Jesus kein Wort über seine vergangene Schuld verloren. Er stellte nur fest: "Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden".

Und wo bleibt die Gerechtigkeit?

Ist es nicht ungerecht, dass die eigene Schuld durch Vergeben so leicht aus der Welt zu schaffen ist? Uns fällt es besonders schwer, geschehenes Unrecht zu vergeben und zu vergessen. Deshalb liegt es uns - wie auch manchem biblischen Schriftsteller - nahe, auch Gott vor allem als den Gerechten zu denken: "Es entspricht der Gerechtigkeit Gottes, denen mit Bedrängnis zu vergelten, die euch bedrängen" (2Thes 1,6)! Die gleiche Überzeugung sprach auch Paulus im Römerbrief aus: "Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr" (Röm 12,19).

Jesus hat aber deutlich von einem ganz anderen Gott gesprochen: Sein "Vater" kennt keinen Gedanken an Rache! Dies ist sogar im Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner klar: Ein König erlässt einem Diener die unvorstellbar hohe Schuldsumme von zehntausend Talenten. Als dieser nun hinausgeht und jemanden trifft, der ihm nur hundert Denare schuldig ist, bedrängt er ihn und lässt ihn ins Gefängnis werfen. Als der König dies erfährt, lässt er ihn rufen und sagt ihm: "Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen. Hättest nicht auch du mit jenem Erbarmen haben müssen? (Mt 18,23-33). Damit betont Jesus den Kontrast im Verhalten des Königs und des Dieners. (Die folgenden Verse 34-35 "Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe" vernichten diesen Kontrast und erweisen sich damit als spätere Ergänzung. Sie verkehren das von Jesus hier dargestellte Gottesbild ins Gegenteil. Sie sind kein "Jesuswort", nur ein weiterer Beleg für das menschliche Bedürfnis nach gerechtem Vergelten.)

Der von Jesus dargestellte König denkt von sich aus nicht an Gerechtigkeit; er hat einfach Mitgefühl mit dem Schuldner. Der Diener selber ist es, der dem Mitmenschen gegenüber auf Gerechtigkeit besteht und sich damit der Vergebung unwürdig erweist. Das Gleichnis betont damit - neben dem Gottesbild Jesu - das radikale ernst Nehmen der Verantwortung des Menschen, dem Gott nicht einmal die Vergebung aufdrängen will: Er soll diese Vergebung bewusst übernehmen und durch eigenes Handeln ratifizieren.

Jesus hat nicht von einem "gerechten Gott", sondern von einem liebend mitfühlenden Gott gesprochen, der das "Heil" der Menschen sucht, dabei allerdings auf ihre Eigenverantwortung besteht. Wie wenig seine Jünger ihn verstanden haben, zeigt sich darin, dass das Neue Testament bis heute vielfach (sogar in der "Verbesserung" dieses Gleichnisses!) ein Gottesbild verewigt, das seit Jesu "Glücksbotschaft" radikal überholt sein müsste! Sie sind dabei so weit gegangen, dass sie selbst Jesus, der "gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ist", als unbarmherzigen Richter und Rächer dargestellt haben (Lk 19,10 vgl. Mt 25,41-46).

Wenn wir mit Jesus beten, stehen wir jedenfalls nicht vor Gott als Richter, aber wir stehen vor unserer eigenen Verantwortung. Es ist unsere Aufgabe, den Weg der Versöhnung mit dem Vater zu betreten. Dieser Weg führt über die Erkenntnis der eigenen Schuld zur aktiven Annahme der Versöhnung mit Gott dadurch, dass auch wir allen vergeben, die uns gegenüber in irgendeiner Weise schuldig geworden sind.

Was hielt also Jesus von der gerechten Vergeltung von Sünden? - Es ist uns eine Episode überliefert, wo ihm berichtet wurde, wie Pilatus eine Gruppe von Galiläern, die er wahrscheinlich für Aufständische hielt, im Tempel töten ließ. Jesus sagte: "Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer (also ihr!) aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genau so umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt (wenn ihr nicht umdenkt)!" (Lk 13,1-3).

Es verbietet sich, diese Szene als Gerichtsdrohung gegen unbußfertige Sünder anzusehen, denn Jesus stellt hier gerade den Zusammenhang zwischen Tod und Sündigkeit der Opfer der Gewalttat in Frage. Er kann im Folgenden auch nicht gesagt haben, dass alle Sünder (von Gott!) umgebracht werden, weil dies seinem Gottesbild widersprochen hätte. Wenn dieser Text auf ihn zurückgeht, muss er im Zusammenhang seiner Verkündigung gelesen werden. Was gewöhnlich als "Bekehrung" (metanoia) gelesen wird, bezeichnete für Jesus nicht Abkehr von Sünden, sondern eine totale "Umkehr", ein "Umdenken". Meines Erachtens waren seine Worte ursprünglich - der Situation entsprechend - etwa: "Wenn ihr weiter so denkt wie bisher (also die Römer als erbitterte Feinde bekämpft statt sie als Kinder eures "Vaters" zu lieben!), müsst ihr auch die Folgen tragen, denn sie werden euch genau so umbringen." Das gleiche hat er ja bei seiner Verhaftung auch gesagt: "Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Mt 26,52).

Diese Deutung legt uns nahe, dass die Menschen - nach der Ansicht Jesu - zwar nicht von einer göttlichen Gerechtigkeit verfolgt werden, aber deshalb noch lange nicht hoffen können, von den Folgen ihrer Taten verschont zu werden. Sie werden zwar nicht von einer göttlichen Rache, dafür aber von dem sehr irdischen Gesetz von Ursache und Wirkung eingeholt, und keine göttliche Vergebung wird die Folgen ihrer Taten aufheben. Die Folgen einer "Schuld" beschränken sich nicht auf die Opfer, sie betreffen gewöhnlich auch die Täter. Auch nach der Vergebung seiner Schuld bleibt es die Aufgabe des Menschen, sich mit den Folgen seiner Handlung auseinander zu setzen und sie nach Möglichkeit zum Besseren zu wenden.




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"Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" - Das rettende Mitgefühl

"Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" - Das rettende Mitgefühs

Mit diesen Worten zeigt der Betende, dass er die Bitte um Vergebung ernst gemeint hat. Von diesen Worten fällt aber auch ein überraschend neues Licht sowohl auf die eigene Schuld wie auf die Überwindung der Schuld und ihrer Folgen.

Wem und was sollen wir vergeben?

Haben wir schon wirklich überlegt, was wir hier sagen? Es wäre zu schade, wenn diese Worte in der Unverbindlichkeit des Allgemeinen versanden würden! - Wem so schnell nicht einfällt, was er hier alles zu vergeben hat, könnte die Frage nach der Schuld der anderen umdrehen und fragen, was ihn selber verletzt, was ihm geschadet, wo er sein "gutes Recht" nicht bekommen hat, wo seine "Grenzen" nicht beachtet wurden.

Ich möchte hier keinen "umgekehrten Beichtspiegel" aufstellen, bin aber überzeugt, dass die Reihe der "Schuldigen" meistens mit den Menschen anfängt, die uns am nächsten stehen, also mit Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Partner bzw. Partnerin. Und die Reihe der Verletzungen reicht in die früheste Kindheit zurück, zu Geschehnissen, die heute sogar vergessen sein mögen, aber immer noch unsere Gefühle und unser Verhalten beherrschen. Es wäre ja verwunderlich, wenn Menschen, von denen wir so viel erwarten (und erhalten!), uns immer alles bieten könnten, was wir für uns nur beanspruchen! Das von den Nächststehenden Erlittene schmerzt uns am meisten und lässt auch die tiefsten Wunden zurück. Wenn solche Verletzungen nicht wirklich vergeben werden, müssen wir ihre Last unversöhnt weiter tragen!

Bei dieser Art Umschau und Rückschau werden wir noch etwas Wichtiges entdecken: Es ist durchaus möglich, dass wir uns in manchem zurückgesetzt oder verletzt fühlten, obwohl der Andere nichts Böses wollte und die Verletzung vielleicht nicht einmal gemerkt hat. Für uns kommt es also gar nicht darauf an, ob der Andere nun ein "Sünder" ist oder nicht! Wir brauchen unbedingt die Vergebung, die Versöhnung, damit wir "heil", d. h. seelisch gesund, weiter leben können. Dazu führt nur ein Weg: Wir müssen wirklich und alles vergeben, was uns irgendwie erbittert hat. Ob der andere dabei "objektiv" schuldig wurde, kann für uns ruhig dahingestellt bleiben, denn darüber auch nur nachzudenken würde unsere Versöhnung mit Gott stören.

Damit diese Versöhnung möglich wird, ist es gut, noch einen Schritt weiter zu gehen. Es kann viel nützen, die Frage zuzulassen, ob wir nicht sogar selber Anteil an der Schuld eines Mitmenschen haben, dem wir zu vergeben hier beteuern. Normalerweise sind ja an einem Vorfall oder Interaktion mindestens zwei Menschen beteiligt. Es ist hier kein Raum, über psychische Mechanismen zu reden, die dabei eine Rolle spielen können. Es genügt, nur zu erwähnen, dass wir sehr leicht - wenigstens teilweise - für die Situation verantwortlich sind, in der jemand uns gegenüber schuldig wurde. Abgesehen von einer nicht provozierten Aggression oder Betrug durch einen Fremden kann man kaum annehmen, dass die Schuld an einem Konflikt ausschließlich beim Anderen lag. Viel wahrscheinlicher ist, dass uns der eigene Anteil bis jetzt noch nicht bewusst wurde. Wir haben guten Grund, darüber nachzudenken! Wer entdeckt hat, dass ein Teil der Schuld auch bei ihm lag, wird viel leichter und ehrlicher vergeben.

Können wir nach diesen Überlegungen wirklich vergeben? - In manchen Fällen scheint es kaum möglich zu sein, denn wir kommen von den Gefühlen der Verletztheit einfach nicht weg. In solchen Fällen sollten wir uns keineswegs auf Willensakrobatik versteifen, als müssten wir jetzt selber das Unmögliche schaffen, um von unserer Schuld loszukommen. Das emotionale Vergeben-Können ist für Menschen keine Selbstverständlichkeit, denn die Heilung einer seelischen Verletzung wird nicht vom Willen herbeigeführt. Letztlich ist sie eher ein Geschenk als eine menschliche Leistung. Wenn wir uns nicht unter Druck setzen, nur vertrauensvoll darum bitten, werden wir sie leichter erreichen. Sie ist freilich nicht mit der hier verlangten Vergebung gleichzusetzen. Was wir unbedingt aufbieten müssen, ist nur der ehrliche Wunsch und die Bereitschaft, aus dieser "Schuldenfalle" herauszukommen.

Petrus fragte einmal Jesus: "Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal." (Mt 18,21f). Es ist natürlich nicht gemeint, dass Petrus jetzt die Vergebungen zählen soll, sondern gerade, dass er sie nicht zählen soll, wie auch der "Abba" im Himmel nicht zählt, wie oft Petrus etwas falsch macht! Deshalb darf auch Petrus in keiner Situation mehr sagen: "Jetzt reicht´s mir aber!"

Mit der doppelten Bitte um Vergebung fügen wir uns in eine Gemeinschaft der Schuldigen ein. Diese Gemeinschaft entsteht aus dem Wissen, dass wir in diesem Leben aufeinander angewiesen sind und sehr leicht einander auch schuldig bleiben. Deshalb werden wir nicht mehr gegenseitig Schuld aufrechnen, sondern uns um ein mitfühlendes Herz mühen, und unsere Bitte ausdrücklich mit den Anderen vereint vorbringen: "Vergib uns, wie auch wir vergeben!"

Müssen wir auch uns selber vergeben?

Es bedrückt uns nicht nur das, was andere für Sünde halten und uns vorhalten, sondern oft und noch mehr das, was wir uns selber nachtragen und nicht verzeihen können. In der Tat fühlen wir uns auch uns selbst gegenüber "schuldig", weil wir irgendwo versagt haben, also nicht "gebracht" haben, was wir stillschweigend von uns erwarteten. Ein solches Schuldgefühl kann bei uns Menschen zu leicht entstehen, denn es ist kaum zu erwarten, dass wir im Leben all das erreichen, was wir heimlich von uns selbst erwarten.

Die Bitte an Gott, "Vergib uns, wie auch wir vergeben!", heißt in dieser Situation auch: "Nimm uns an, wie auch wir uns annehmen!" Wenn ich mit den schuldig Gewordenen mitfühlen soll, gehöre ich ja selber zu ihnen! Gottes Vergebung kann mich erst befreien, wenn ich mit mir selber versöhnt bin. Es wird aber nicht eine Sentimentalität für den "armen Sünder" in mir verlangt, sondern die nüchterne Annahme der Realität: Ich bleibe hinter vielen Erwartungen zurück, weil ich ein Mensch bin. Ich muss mit den eigenen Grenzen und Mängeln Frieden schließen, damit der Friede Gottes mich erreicht. Hier wäre jede Selbstgerechtigkeit fehl am Platz, die mich nicht nur von den anderen, sondern auch von meiner eigenen Seelentiefe isolieren würde! Es mag mir schwer fallen zuzugeben, dass ich fehlbar bin. Aber ich bin dazu aufgerufen und auch berechtigt!

Sich selber vergeben ist das Gegenteil von Selbstgerechtigkeit. Es ist die realistische Anerkennung der Tatsache, dass ich sogar an meinem eigenen Leben schuldig werden kann. Um diesen gesunden Realismus zu erreichen, muss ich zuallererst mein Denken in Ordnung bringen. Das Gebet Jesu schärft mir ein, dass ich mich bei Gott nicht verteidigen muss. Im Gegenteil! Ich bin so beschaffen, dass ich leicht schuldig werde, aber auch Gottes Vergebung erfahre, wenn ich den Anderen und auch mir vergeben habe! Diese Vergebung geschieht ganz konkret so, dass ich in mir das Dunkle wie das Helle anerkenne, aber alles in Verbindung mit dem liebenden Gott sehe. Im Vertrauen zum Vater Jesu bin ich mit meiner Schuld nie allein gelassen.

Neue Perspektive der Konfliktlösung

Mit dieser Bitte des Vaterunsers stellt Jesus einen unglaublichen Anspruch an uns: Gottes Vergebung setzt nicht nur die menschliche Vergebung voraus, sondern verlangt sogar Gewaltfreiheit in allen unseren Konflikten! Es würde nämlich wenig nützen, eine Schuld zu vergeben, solange die Wirkungen dieser Schuld weiterhin wuchern und ihr Unheil verbreiten. Wer dem Anderen vergibt und von ihm ebenfalls Vergebung erwartet, muss deshalb auch die Folgen der zu vergebenden Taten bedenken und darum besorgt sein, dass sie kein weiteres Unheil mehr erzeugen. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist dagegen der sicherste Weg, einen Konflikt nicht zu beenden, sondern zu steigern! Aus dieser Einsicht heraus verlangt Jesus die gewaltfreie Lösung menschlicher Konflikte:

"Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm." (Mt 5,38-41).

Diese Worte lassen Jesus als einen unverbesserlichen Außenseiter erscheinen. Hat er denn keine Ahnung von menschlicher Psychologie? Und redet nicht auch die Bibel sehr oft von einem gewalttätigen Gott? - Aus diesem Grund hat auch die kirchliche Auslegung in den zitierten Worten der Bergpredigt gerne eine Art Ausnahmeregelung gesehen, die zwar für "Heilige" gelten mag, aber der gesellschaftlichen Wirklichkeit keineswegs gerecht wird. Es ist kaum vorstellbar, dass z. B. ein Staat funktionieren könnte, wenn er den Bösen keinen Widerstand entgegensetzt. Wie die Geschichte zeigt, konnte sich auch die Christenheit diese Gewaltfreiheit nicht zu Eigen machen.

Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, Jesus hier Unkenntnis der menschlichen Realität zu unterstellen. Es ging ihm in seiner "Bergpredigt" nicht darum, konkrete Verhaltensregeln für Herrn und Frau Jedermann, oder sogar Erfolgsrezepte für Staaten aufzustellen. Er hat nicht den Kontakt zur Realität verloren, sondern Kontakt zu einer höheren Realität gehabt und darüber gesprochen. Er hat hier versucht zu sagen, was er einmal in seiner Gottesbegegnung erfahren und wonach er seitdem sein Leben ausgerichtet hat. Deshalb ist seine Spiritualität der einzige Zugang zu diesen Worten. Er verkündete von Gott etwas überraschend Neues, das nicht in die Schablonen überlieferter Theologie passte. Sein Bild vom "Vater" ist keineswegs identisch mit der Gottesvorstellung des Alten Bundes, die gewissermaßen eine Spiegelung irdischer Herrschaftsverhältnisse war. Jesus erlebte bei seiner Taufe nicht den HERRN und gerecht strafenden Richter, dessen Ankunft der Täufer Johannes angesagt hat, sondern einen mütterlichen Vater, der ohne Rücksicht auf Konvention und Schicklichkeit auf seine verlorenen Söhne wartet, ihnen vergibt und von ihnen nicht weniger erwartet als die Nachahmung seiner liebenden Haltung: "Liebt eure Feinde, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet, denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte" (Mt 5,44f. 48). Wenn wir bedenken, was das Wort "Feind" bedeutet, liest sich das so: "Wenn ein Mensch euch so übel behandelt, dass in euch nur noch Empörung und Hass aufsteigen können, gerade dann sollt ihr nicht vergessen, dass Gott ihn annimmt und sogar liebt."

Was hat ein solcher Gott mit der irdischen Realität zu tun? - Wer den heutigen Zustand der Erde betrachtet, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der globale Wettkampf um den Wohlstand auf unserem begrenzten Planeten auf immer größere Katastrophen zusteuert. Die verschiedensten Konflikte der Welt zeigen, wie wenig gewaltsame "Lösungen" Aussicht auf Erfolg haben. Wenn nicht einmal unsere kleinen Konflikte in Familie, Betrieb oder Nachbarschaft gelöst werden können, indem jeder nur auf seinem Recht besteht, wird die Gewalt niemals die ersehnte Sicherheit der Völker herstellen. Sind wir hoffnungslos in einer Sackgasse?

Wir kennen eine Episode, in der jemand von Jesus die Lösung eines Konfliktes fordert: "Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen. Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht? Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines Vermögens im Überfluss lebt" (Lk 12,13-15). Damit widersprach Jesus dem Wertekanon unserer Gesellschaft, wo scheinbar alles der Mehrung des Wohlstandes untergeordnet ist.

Aber wo ist dann der "Sinn des Lebens" zu finden? - Nach Jesus nur in der Verbindung (Einheit=Liebe) mit dem Schöpfer, deren konkrete Seite die Verbindung mit den "Kindern" dieses Schöpfergottes, mit den anderen Menschen, ist. Wer sich nach diesem Sinn des Lebens ausrichtet, wird den eigenen Vorteil und das eigene Recht nicht mehr als den höchsten Wert erstreben, wird sich also nicht nur gegen andere durchzusetzen und immer mehr haben zu wollen.

Jesus war so stark von der Erfahrung seines "Vaters" durchdrungen, dass er ihn verkünden musste ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass man mit diesem Gott "keinen Staat machen" konnte. Kein Wunder, dass die Führung seines Volkes in ihm eine Gefahr für die politische Stabilität sehen und ihn beseitigen musste. Wer wirklich seine Lehre vertritt, wendet sich damit gegen die Wertvorstellungen "dieser Welt" und muss damit rechnen, im rücksichtslosen Kampf von Interessen zu scheitern und auf irgendeine Weise sein Schicksal zu teilen.

Glauben heißt bei Jesus, die Augen nicht vor den Tatsachen zu verschließen und sich trotzdem auf seinen Gott zu verlassen, auch wenn dies so wenig aussichtsreich erscheint wie Berge zu versetzen. Der mit Jesus Glaubende wird in Richtung auf das scheinbar Unmögliche sein Möglichstes tun und alles andere Gott überlassen. Er wird sich nicht zurückziehen mit der Klage, dass man das böse Schicksal der Menschheit leider nicht wenden kann. Er wird sich - auf Gott vertrauend - im eigenen Umkreis auf das Abenteuer der Gewaltfreiheit einlassen. Es war die "Utopie Jesu", dass ein derart unmögliches Verhalten bereits den Keim der "Gottesherrschaft" in sich trägt - einer besseren Welt, die offensichtlich außerhalb der Reichweite menschlicher Planung liegt.



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"Führe uns nicht in Versuchung!" - Vertrauen in den Prüfungen

"Führe uns nicht in Versuchung!" - Vertrauen in den Prüfungen

Sind diese Worte von Jesus formuliert?

Manche ernsthaften Christen sprechen diese Worte mit Unbehagen aus, denn sie mögen nicht an einen Gott denken, der ihnen eine Falle stellen könnte und vielleicht sogar missgünstig auf ihr Versagen wartet. Andere gehen gar nicht über das mechanische Hersagen dieser Worte hinaus, um lieber nicht daran zu denken, was sie da gesagt haben. Diese Worte scheinen so wenig zur Botschaft Jesu vom mütterlich liebenden Gott zu passen, dass der Zweifel begründet ist, ob sie überhaupt von ihm stammen. Viel eher könnte der Jakobusbrief echte Gedanken Jesu wiedergeben: "Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt" (Jak 1,13-14.17).

Wir dürfen hier freilich nicht vergessen, dass der heute bekannte Wortlaut unseres Gebetes nur die griechische Übersetzung von etwas ist, was Jesus in seiner aramäischen Sprache gesprochen hat. Könnte vielleicht der Übersetzer etwas missverstanden haben?

Der jüdische Gelehrte, Pinchas Lapide, hat darauf hingewiesen, dass eine Rückübersetzung dieses Satzes ins Hebräische das Problem ganz einfach klärt. Das entsprechende hebräische Wort kann nicht nur "bringen" bzw. "führen", sondern auch "kommen lassen" bedeuten. So wird es bis heute in den Synagogen verwendet, etwa im Abendgebet, wo es heißt: "Lass mich nicht kommen in die Gewalt der Sünde, noch in die Gewalt der Schuld, noch in die Macht der Versuchung." - Wenn Jesus das entsprechende Wort benützt hat, konnte er nur gemeint haben: "Lass uns nicht der Versuchung erliegen!" Der heutige Wortlaut "Führe uns nicht in Versuchung" könnte demnach so entstanden sein, dass der Übersetzer ins Griechische, der mit den Anliegen Jesu nicht mehr ganz vertraut war, das betreffende Wort einfach mit seiner gängigsten Bedeutung wiedergegeben hat.

Was war für Jesus eine Versuchung?

Wir kommen dem Anliegen Jesu näher, wenn wir überlegen, in welchem Zusammenhang er von Versuchungen Gesprochen hat. Wenn Markus nach der kurzen Mitteilung über die Gotteserfahrung Jesu nach seiner Taufe vermerkt, dass Jesus in der Wüste "vom Satan versucht" wurde, dann war der Gegenstand dieser Versuchung keine Sünde im geläufigen Sinn, sondern eine Verunsicherung seines Vertrauens in den Gott, der sich ihm als Vater gezeigt hat. Vor einer solchen Verunsicherung wollte er später auch die Jünger schützen, als er ihnen vor seiner Verhaftung sagte: "Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet!" (Mk 14,38). Das gleiche meinte er auch, als er zu Petrus sagte: "Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube (Vertrauen) nicht erlischt" (Lk 22,31).

In allen diesen Fällen war die Versuchung etwas, was das Vertrauen in die Liebe Gottes auf die Probe stellte. Wenn wir auch noch bedenken, dass bei den Evangelisten das Wort "versuchen" oft einfach "auf die Probe stellen" bedeutet (Mk 8,11 u. öfter), wird es klar, wie wir diese Bitte zu verstehen haben: "Stelle unser Vertrauen nicht auf die Probe!"

Jesus wusste natürlich, dass das Leben unser Gottvertrauen vielfach auf die Probe stellt. Aus eigener Erfahrung des Hasses seiner Gegner und am Beispiel der Propheten erkannte er, dass auch sein Schicksal "Menschenhänden übergeben" war (Mk 9,31). Auch er hatte, wie jeder Mensch, Angst vor drohenden Gefahren für Leib und Leben. Vor seiner Verhaftung hatte er diese Angst den Jüngern auch offen gezeigt und in seinem Gebet vor Gott gebracht. Seine Anrede war dabei: "Vater!". Damit sprach er sein Vertrauen aus, um der eigenen Angst Herr zu werden. Dass sein Vater die drohende Katastrophe selber angeordnet haben könnte, das kam ihm gewiss nicht in den Sinn! Es steht doch in der Verantwortung der Menschen, was durch ihre Hände geschieht.

Der Glaubende weiß mit Jesus, dass Gott ihn in allen Ereignissen des Lebens begleitet. Dass diesem Gott kein Leid der Menschen entgeht, sagte Jesus mit dem Bild, dass ihnen sogar "die Haare auf dem Kopf gezählt" sind (Mt 9,29-31). - Warum müssen sie trotzdem so viel Schreckliches erleben? Auf diese Frage wusste Jesus keine Antwort, da er auch keine bekommen hat. Aber er hat darauf vertraut, dass Gottes Liebe trotz allem Leid das letzte Wort behalten wird.

Unsere "Versuchungen"

Mit der Bitte "Stelle uns nicht auf die Probe" lehrt uns Jesus, alles, was uns bedroht und beängstigt, als "Proben" des Lebens anzusehen und in unser Gebet aufzunehmen. Seine Worte sagen also nicht, dass Gott jemanden auch zur Sünde verführen könnte! Zur Sünde versucht uns nur die eigene Begehrlichkeit. Dass die eigene Begehrlichkeit den Menschen oft nicht bewusst war und deshalb wie eine fremde Stimme eingeschätzt wurde, lässt sich psychologisch erklären. Mag eine solche Stimme uns noch so stark bedrängen, kommt sie nicht von Gott, und nicht einmal vom bösen "Teufel", der uns von außen bedrängen könnte.

Bei der noch folgenden letzten "Bitte" werden wir zeigen, dass Jesus keinen bösen Geist kannte, der die Macht hätte, den rettenden Willen seines Vaters zu durchkreuzen. Für ihn stand fest, dass die Menschen - wenn es sich um Versuchungen handelt - weder von Gott noch von einem Teufel Angst zu haben brauchen. Besser als Angst ist es, Zuflucht beim himmlischen Vater zu suchen, der uns nicht fern ist: "Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt." (1Kor 10,13).

Diese Bitte zielt einzig auf den betenden Menschen, der Angst hat. - Sagen wir es gerade heraus: Ich habe Angst vor manchen schrecklichen Möglichkeiten, an die ich denke. Was könnte mir nicht alles zustoßen, was mein Vertrauen zum guten Gott bis zum Äußersten auf die Probe stellen würde? - Da Jesus diese Angst selber kannte, konnte er uns glaubwürdig zeigen, wie wir unsere gegenwärtige Not und alle Ängste vor der Zukunft vertrauensvoll in die Hände des "Vaters" legen können. Er war ja überzeugt, dass alles von einem liebenden Gott erschaffen wurde, ohne den überhaupt nichts geschehen kann.

In diesem Punkt zeigt sich, ob ich wirklich "glaube", das heißt meinem Schöpfer zutraue, dass er mit seiner Liebe alles ("Gerechte und Ungerechte"!) erreicht und auch bei mir nicht abseits steht. Ich kann nichts Besseres tun, als in jeder Not an seiner Liebe festzuhalten und ihn um einen Ausweg zu bitten. - Wie aber dieser Ausweg zu sein hat, dafür ist meine Sorge nicht zuständig! Meine Angst würde mir leicht den Blick für das Richtige trüben, - und mein Festhalten an einer bestimmten Art der Gebetserhörung könnte mich sogar unfähig machen, eine andere Art Rettung anzunehmen, die vielleicht schon bereit steht. Gott erhört den, der sich ihm vertrauensvoll überlässt.

Wer in der Welt umschaut, kann freilich mit Recht fragen, ob es einen guten "Vater im Himmel" überhaupt gibt, der einfach zuschaut, wenn mit seinen Kindern so viel Schlimmes geschieht? Diese schreckliche Frage bedroht nicht nur unser Vertrauen, sie bedroht auch das Gottesbild Jesu. Auf diese Bedrohung (Theodizeeproblem) möchte ich dieser Website (Themenstichwort: Glauben) bald noch zurückkommen. Hier will ich nur ganz nüchtern bemerken, dass kein Gottesbild das Absolute (den Urgrund des Seins) verstehbar machen kann. Wenn wir aber für das Unfassbare keine Begriffe haben können, erhalten wir doch die Möglichkeit, in einer tieferen Schicht unserer Seele zu erleben, dass das SEIN einfach GUT ist. Eine solche innere Erfahrung ist der Kern unseres Glaubens. Ohne sie könnte uns die gute Nachricht Jesu überhaupt nicht ansprechen, denn sie ist die Entfaltung einer solchen Grunderfahrung der alles umfassenden Liebe Gottes.



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"Erlöse uns von dem Bösen!" - Die Bedrohung durch das Böse

"Erlöse uns von dem Bösen!" - Die Bedrohung durch das Böse

Diese siebte und letzte Bitte erschüttert nun das bisher Gesagte. Halten wir es fest: In den ersten sechs Bitten haben die Betenden nur mit dem himmlischen Vater zu tun; es geht allein um das Vertrauen zu ihm und den Einklang mit seinem rettenden Willen. In dieser siebten Bitte erscheinen nun die Menschen plötzlich durch eine "dritte Macht" bedroht. Damit scheint auch ihr Vertrauen zu Gott gestört zu sein, da sie ihn jetzt um Rettung von diesem "Bösen" anflehen müssen. - Wer ist denn dieses "Böse"? Wollte Jesus hier etwa die Angst vor einem Teufel ansprechen, vor dem uns nur Gott zu retten vermag? Wie erklärt sich diese plötzliche Änderung in der Grundstimmung des Gebetes?

Die ersten sechs Bitten behandeln wesentliche Motive, die wir aus der Verkündigung Jesu gut kennen. Dies lässt sich nun von der siebten Bitte nicht sagen, denn eine Bedrohung durch den Teufel ist kein bekanntes Thema seiner Botschaft. Diese Beobachtung ließ mich daran zweifeln, ob diese Worte von Jesus selbst stammen können. Sie sind durch das Matthäusevangelium überliefert, während sie im Lukasevangelium nicht zu finden sind. Da aber beide diesen Text aus der gleichen Sammlung von Jesusworten (Quelle Q) übernahmen, muss diese Bitte dort gefehlt haben, denn es ist kein Grund ersichtlich, weshalb Lukas das Gebet Jesu um diese Worte gekürzt haben sollte. Deshalb vermute ich, dass die Erwähnung des "Bösen" hier auf den Redaktor des Matthäusevangeliums zurückgeht, der damit einfach die vorausgehende Bitte über die Versuchungen konkretisieren wollte.

Dass die Versuchungen ("Proben") zu unserem Leben gehören, war Jesus selbstverständlich. Es war ihm auch klar, dass wir vor solchen "Versuchungen" zu Recht Angst haben, und deshalb nahm er diese Angst in sein Gebet auf.

Bei vielen Menschen, die das Buch Ijob kannten, war diese Angst mit der mythischen Gestalt des Satan verknüpft. Der Schreiber dieses Buches wollte erklären, weshalb ein so tadellos lebender Mensch wie Ijob die schlimmsten Schicksalsschläge erleiden musste. Da er Gott keine Missgunst zuschreiben wollte, musste er die grausamen "Prüfungen" eines guten Menschen anders erklären. Deshalb schilderte er als Auftakt des Buches eine Szene am "himmlischen Hof", wo einer der "Gottessöhne", Satan, als Ankläger gegen Ijob auftritt (Ijob 1,6-12. 2,1-6). Dort wird ein fingiertes Gespräch beschrieben, in dem Gott die positiven, Satan die negativen und misstrauischen Gedanken über die Frömmigkeit des Ijob ausspricht. Am Ende erhält dann Satan, der missgünstige "Gottessohn", freie Hand zur "Prüfung" des Ijob. So kommen die Grausamkeiten nicht direkt von Gott, auch wenn er sie unverkennbar in Auftrag gibt. Diese Abspaltung des negativen Schicksals vom Willen Gottes erschien für diesen Schreiber als ein geeigneter Weg, die Existenz der vielen Übel in der Welt zu erklären und die Güte Gottes dabei nicht anzutasten. Was Im Buch Ijob noch nicht viel mehr als ein literarisches Mittel war, entwickelte sich zur Zeit Jesu und der Evangelien schon zum verbreiteten Glauben an den Teufel als Feind der Menschen und Widersacher Gottes.

Diese traditionelle Vorstellung zeigt uns erst, welche Leistung Jesus vollbracht hat, als er mit der Bitte "Stelle uns nicht auf die Probe!" genau diese Abspaltung des Negativen von Gott zurücknahm! Auch wenn er Gott als den liebenden Vater sah und verkündete, war er überzeugt, dass auch alles Negative, was uns nur treffen mag, nicht ohne diesen Gott gedacht werden kann! Nicht einmal ein Spatz fällt zum Boden, ohne dass er beteiligt ist. Diesem Gott sind wir wichtig, auf ihn können wir in der größten Not vertrauen! - Gerade um dieses Vertrauen zu verinnerlichen hat Jesus uns angeleitet, in diesem Gebet auch die Angst vor "Prüfungen" in die Hände dieses guten Vaters zu legen. Er war überzeugt, dass uns auch das Schlimmste nicht vernichten kann, denn der Vater und "Erlöser" der Menschen wird uns niemals vergessen!

Als der Schreiber des Matthäusevangeliums die Bitte um die Rettung vor Prüfungen aus der Quellenschrift Q übernahm, hat er vielleicht beispielhaft an die Prüfungen des Ijob gedacht, und zur Erläuterung hier unsere siebte Bitte um die Befreiung vom "Bösen", vom Versucher Satan, eingefügt. Der wurde zu seiner Zeit nämlich, anders als noch im Buch Ijob, im Denken der Menschen bereits mit einem personhaften und mächtigen "Bösen", dem Teufel gleichgesetzt.

So konnte die Bitte "Erlöse uns von dem Bösen!" ins Vaterunser gelangen. Da es für Jesus darauf ankam, jegliche Angst beim Vater abzugeben, hat Mt mit diesen Worten das Anliegen Jesu bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt! Denn das Flehen, der Vater möge uns vor dem Teufel erlösen, ist eigentlich eine schlimme Drohbotschaft. Sie bedeutet erstens, dass wir im Teufel einen mächtigen Feind haben, dem nur der Allmächtige Herr werden kann, - und zweitens, dass wir niemals sicher sind, ob dieser Gott uns wirklich retten will. Es ist doch schwer, einem Gott zu vertrauen, der sich mit der Erschaffung des Teufels ein Hintertürchen öffnet, um - wie im Buch Ijob - durch ihn eine "schmutzige Arbeit" zu erledigen. Ein solcher Gott wäre durchaus mit dem Teufel zu verwechseln! Solche Gebetsworte sind m. E. nur geeignet, unsere Angst zu vergrößern, und stehen damit im Gegensatz zur Verkündigung Jesu. Sie können deshalb auch nicht von ihm gesprochen sein.

Nach dem Zeugnis der Evangelien teilte Jesus zwar die Annahme seiner Umgebung, die in vielen Krankheiten das Werk von bösen Geistern sah, aber die Existenz des Teufels war kein Bestandteil seiner frohen Botschaft. Sie war allerdings so fest mit dem Weltbild der Menschen von damals verbunden, dass sie nachher in die "apostolische" Verkündigung aufgenommen wurde. Man ging dabei so weit, sogar die Sendung Jesu vom Kampf gegen den Teufel her zu bestimmen (1Joh 3,8). - Da wir heute den Teufel nicht mehr zur Welterklärung brauchen, können wir endlich zum einfachen Glauben Jesu zurückfinden, für den es nur einen Herrn gab, der unser ganzes Vertrauen verdient!

Wenn wir mit Jesus beten wollen, werden wir hier also kaum um die Erlösung aus den Klauen eines Teufels bitten können, der außerhalb von uns existiert und dem wir schutzlos ausgeliefert wären. - Aber wir können viel Verständnis für die ersten Jesusanhänger haben, die nicht daran zweifeln konnten, dass ihr "Widersacher, der Teufel, wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, wen er verschlingen kann" (1Petr 5,8). Sie haben gut daran getan, ihre Teufelsangst ins Vaterunser aufzunehmen mit der Bitte: "Erlöse uns von dem Bösen!" Wenn wir heute noch mit ihren Worten beten, muss unser Gebet trotzdem mit unserem Weltverständnis und unserem Gottesbild im Einklang stehen.

Es ist freilich auch heute möglich, dieser Bitte einen guten Sinn zu geben. Wir brauchen dazu nur zu bedenken, welche Erfahrungen den früheren Teufelsglauben stützen konnten. Es gibt ja bis heute Menschen, für die der Teufel eine Erfahrungstatsache ist. Sie meinen, in manchen scheinbar unerklärlichen Taten menschlicher Bosheit diesen "Bösen" zu erfahren, da solche Taten oft auch von den Tätern wie Auswirkungen einer fremden Macht erlebt werden. Solche Wirkungen werden heute als psychische Erkrankungen beschrieben und ohne die Annahme eines von außen einwirkenden Teufels erklärt. Sogar psychisch gesunde Menschen können ja erleben, dass sie von gewissen Gedanken überfallen werden, die sie als sich völlig fremd und abgründig böse empfinden.

Uns Menschen fällt es viel leichter, das Widerwärtige in den anderen zu entdecken, als nach dem eigenen Anteil an Konflikten und Feindschaften zu suchen. Auch den Jüngern Jesu fiel es leicht, den großen Kampf des Lichtes gegen die Finsternis draußen in der Welt und sich auf der Seite des Lichtes zu sehen. Sie haben einmal von Jesus eine Parabel über das Unkraut unter dem Weizen gehört (Mt 13,24-30), die in der Aufforderung zur Toleranz gipfelte: "Lasst beides wachsen bis zur Ernte!" Es war ihnen aber kaum möglich, Unkraut wie Weizen in der eigenen Seele zu sehen und dort - ohne Gewalt - für das Wachstum des Guten zu sorgen, bis bei der "Ernte" das Wertlose beseitigt wird. Es war einfacher, sich als "Söhne des Reiches" hell, und die Anderen, die Jesus nicht folgten, als "Söhne des Bösen" und dunkel zu sehen. So konnten sie sich auf der Seite des Siegers und den Anderen moralisch überlegen fühlen. So waren die Gegner für sie nicht einfach irrende Menschen, sondern Anhänger eines überweltlichen Bösen, der freilich von "Christus" bereits besiegt war. So konnten sie sich vor diesen Mitmenschen verschließen.

Ein Blick auf den Teufel hat alle Gegensätze in Glaubensfragen unüberwindlich gemacht, da die "Guten" jederzeit glauben konnten: "Wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs." (Eph 6,12). So konnte man die Aufforderung Jesu zur Feindesliebe überhören, da man selber ja keinen Feind hatte, - und für Gottes Feinde war jedes Mitgefühl fehl am Platz (vgl. Joh 17,9). Dieses psychische Muster war in allen Glaubenskämpfen, Kreuzzügen, Ketzer-, Hexen- und Judenverfolgungen wirksam. Angefangen hat es bereits mit Paulus, der alle verflucht hat, die Jesus anders verkünden als er (Gal 1,8f), und dauert bis in unsere Zeit. Ich brauche hier nicht weiter zu betonen, dass Jesus unter "Reich Gottes" die Liebe ohne Einschränkung, - und damit das Gegenteil eines Kampfes gegen "böse" Anhänger Satans verstanden hat!

Wer das Böse in den Menschen mit einem übermenschlichen "Bösen" verbindet, wird kaum geneigt sein, den "Anderen" zu verstehen und über den eigenen Anteil an einem Konflikt nachzudenken. So kann das Böse sein Teufelswerk unkontrolliert entfalten, so ist aus dem "Teufelskreis" der Gewalt kein Entkommen möglich! Wer diesen Zusammenhang kennt, wird deshalb selbst einen "erlebten" Teufel nicht aus dem Bereich menschlicher Verantwortung entlassen wollen. Er wird statt dessen alles daran setzen, das Böse in den Menschen durch Erforschen der menschlichen Seele zu verstehen und Wege zu seiner Beherrschung und Umwandlung zu suchen.

Auf unserem heutigen Erkenntnisstand können wir also dieses "Erlöse uns von dem Bösen" nur beten, wenn wir dabei an das Böse denken, das in den Menschen "steckt" und uns allen bedrohlich werden kann. Es ist gut, von Gott die Rettung von diesen oft unbewussten und schwer beherrschbaren negativen Kräften zu erbitten. Wir bekommen ja täglich Nachrichten darüber, welche Grausamkeiten und unbeschreibliches Unrecht Menschen einander zufügen können. Wir bitten also, dass Gott uns - die Opfer wie Täter sein könnten - befreien möge von allem unbewussten "Bösen", das versteckt in allen Menschen wohnt. Eine solche Bitte schließt aber das Wissen ein, dass dieses "Böse" unbedingt unserer menschlichen Sorge anvertraut bleibt, auch wenn seine Kontrolle eine sehr schwer lösbare Aufgabe ist. Jesus würde uns heute zweifellos auffordern, uns im Kampf gegen dieses Böse einzusetzen, dabei aber alle unsere Ängste und Sorgen in die Hand des guten Schöpfers zu legen.



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"Das andere wird euch dazugegeben" - Der Stellenwert unserer Sorgen

"Das andere wird euch dazugegeben" - Der Stellenwert unserer Sorgen

"Euch muss es um sein Reich gehen; dann wird euch das andere dazugegeben" (Lk 12,22-31). Das Vaterunser scheint nach diesem Wort Jesu komponiert zu sein: im ersten Teil geht es um Gottes Anliegen ("sein Reich"), im zweiten Teil, das wir bis jetzt besprochen haben, um "das andere", um die Anliegen der Menschen. In drei Bitten wird hier ihre Not ausgesprochen, die sich auf der Ebene des täglichen Lebens als Not der Bedürfnisse (tägliches Brot), auf der sozialen Ebene als Not der Schuldgefühle (Schuldvergebung), und auf der existentiellen Ebene als Not der Existenzangst (schwere "Proben") zeigt. Diese Bitten werden einfach und ohne jede Dramatik ausgesprochen, obwohl die entsprechende dreifache Not die Menschen oft genug ganz bitter bedrängt.

Zum Vergleich möchte ich die "Frohe Botschaft" des Buddha erwähnen, der in den "Vier edlen Wahrheiten" die Einsicht in die menschliche Not zum Ausgangspunkt seines Befreiungsweges machte: Es gibt das Leid, aber es gibt auch einen Weg, aus dem Kreislauf des Leidens zu entkommen. Dieser Weg zur Erleuchtung ist beschwerlich, aber der Mensch kann ihn gehen, gestützt auf Buddha, auf seine Lehre und auf seine Gemeinschaft.

Jesus sah die gleiche Wirklichkeit des Leides von seiner Gotteserfahrung her und gab ihr deshalb keine so zentrale Stellung. Er lehrte: Gott ist da, nimmt unsere Bedürftigkeit auf und führt uns zum Ziel. Im Gebet können und sollen wir also unsere ganze Not vor den göttlichen Vater bringen, aber erst nachdem wir uns um den "Willen Gottes" bemüht haben. Wenn wir so beten, können wir darauf vertrauen, dass uns "das andere dazugegeben" wird. Wie viel (oder wie wenig) dieses "andere" ist, das Menschen zum Leben wirklich brauchen, schien ihm nicht so furchtbar wichtig zu sein, wenn einmal das "eine Notwendige" gesichert ist.

Zu bemerken ist hier auch, dass die Welt und der Mensch von Jesus nirgendwo negativ gesehen, sondern als Gottes Werk bejaht und angenommen werden. Nach seiner Botschaft schwebt kein Fluch über unseren Alltag, wie es die Christenheit später aus der Genesis herauslesen zu müssen glaubte. Unsere "Natur" ist lediglich so beschaffen, dass sie sich nicht genügt, dass sie - auf sich gestellt - nicht "ganz" sein kann und damit heillos und unbefriedigt bleibt. Die Erlösung aus dieser Not heißt "Reich Gottes", das uns nahe, und sogar schon "mitten unter uns" ist.

In dem Gottvertrauen, das aus der Frohen Botschaft Jesu strahlt, wird die menschliche Situation zwar ganz ernst genommen, aber sie darf nicht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Unsere Sorgen müssen wir für so wichtig halten, wie irgendetwas auf dem Weg nur wichtig sein kann. Es sind lauter Dinge, die wir unbedingt erreichen zu müssen glauben, um sie dann wieder hinter uns zu lassen. Hauptsache ist nur, wie wir weiter kommen auf unserem Weg. Aber wohin führt dieser Weg?

Auffallend ist, dass im Vaterunser eine Vertröstung der Betenden auf das Jenseits nicht einmal angedeutet ist! Worum wir - den Blick fest auf den "Vater" gerichtet - bitten sollen, sind schlichte Anliegen aus dem menschlichen Alltag, und nirgends "übernatürliche Gaben" bzw. Gnaden, die ein späteres Christentum so hoch schätzt. Jesus ließ uns auch nicht um das ewige Heil bitten, und nicht einmal um eine gute Sterbestunde. Der "Sohn" verließ sich auf die Liebe des Vaters. Erst spätere Zeiten haben seinem Gebet noch eine "Ave Maria" hinzugefügt, wo aus Angst vor Sterben und Verdammnis die Hilfe der "Gottesmutter" angerufen wird: "Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes!". - Jesus war sicher, dass Gott die Menschen sucht, auch wenn sie alle "Sünder" sind. Bei Ihm brauchen wir deshalb keine Fürsprecher; wir können uns auf seine Liebe verlassen, auch wenn wir unseren Weg selber bewältigen müssen.

Jesus ging es eindeutig darum, dass wir das "Gottesreich" in diesem Leben erfahren. Hier und jetzt sah er unsere Aufgabe. Die beste Vorbereitung auf einen guten Tod besteht in seinem Sinn zweifellos darin, den gegenwärtigen Augenblick gut zu nützen. Das "Übrige", wozu das ewige Heil offenbar auch gehörte, machte er natürlich nicht klein. Um eine gute Sterbestunde können wir genau so natürlich bitten wie um Brot. Zur Angst besteht aber kein Anlass, denn: "Euer Vater weiß, dass ihr das braucht". - Was wir am dringendsten brauchen, ist das lebendige Vertrauen Jesu, das er uns mit der Anrede "Abba", und mit seiner ganzen Frohen Botschaft vermitteln wollte.

Die griechisch geschriebene jüngste Schrift des Alten Testaments, das Buch der Weisheit (im letzten Jahrhundert vor Jesus geschrieben), zeigt eine wunderbare Einsicht, als es Gott mit "Du, Freund des Lebens!" anspricht (Weish 11,26). Diese Gottesanrede ist ein gemeinsames Kind jüdischer Welterfahrung und griechischen Geistes. Sie ist nicht nur eine Vorläuferin des Gottes- und Weltbildes Jesu, - sie ist auch sehr geeignet, seine Botschaft gerade unserer Zeit nahe zu bringen.

Wenn wir unsere Nöte mit der Nüchternheit der heutigen Wissenschaft sehen und an ihrer Behebung arbeiten, wissen wir trotzdem, dass unsere Möglichkeiten auf naturgegebene Grenzen stoßen. Auch die schönsten Fortschritte der Medizin können nichts daran ändern, dass wir eines Tages nacheinander alles, selbst unser Leben lassen müssen.

Es ist gut, schon heute daran zu denken, dass sogar noch hinter der Not des Sterbens der "Freund des Lebens" steht. Jesus hatte nur diese eine Antwort auf alle Nöte der Menschen: Wenn wir uns um den großen Zusammenhang (Reich Gottes) kümmern, wird uns alles Nötige "dazugegeben". Vieles mag für uns wichtig sein, aber entscheidend ist nur das Eine: unsere Beziehung zum "Freund des Lebens". Der vertrauende Blick zu ihm macht es uns möglich, in allen "Proben" einfach auszuharren. So werden wir imstande sein, Ja zu sagen zum Leben, wie es ist, weil es von ihm kommt. Dieses Ja in einer letzten Not ist vielleicht das Höchste, was ein begrenztes Wesen, wie wir sind, leisten kann. Mit diesem Ja des Vertrauens stehen wir zu Gott, dem Überweltlichen Leben, und geben Zeugnis für den Glauben, dass er unser Leben nicht vergessen, dafür aber unsere ganze Not vergessen machen wird.



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Seite geändert am: 06.08.2006