Themen - Bibelstellen - Lukas

Bibelstellen

  • Lk 1,1-4; 4,14-21: Wes Geistes Kind bist du? Wilhelm Weber
  • Lk 3, 10-14: Wat wells do maache? (Prädig op Kölsch, 2016) Wilhelm Weber
  • Lk 3, 10-18: Was sollen wir tun? Wilhelm Weber
  • Lk 4, 16-30: Heute ist die Zeit des Heiles Wilhelm Weber
  • Lk 5, 1-11: Berufung - damals und heute Wilhelm Weber
  • Lk 6, 17.20-23: Sillig, ihr ärm Hööschte (Prädig op Kölsch 2010) Wilhelm Weber
  • Lk 7, 11-17: Lebe dein Leben! Wilhelm Weber
  • Lk 9, 23-36: Wer ist Jesus? Wilhelm Weber
  • Lk 9, 28 b-36: Verklärung Jesu: eine Sternstunde Wilhelm Weber
  • Lk 10,1-2: Sende Arbeiter in deine Ernte! Wilhelm Weber
  • Lk 10,25-37: Wer ist mein Nächster? Wilhelm Weber
  • Lk 11, 1-13: Bittet, dann wird euch gegeben!? Wilhelm Weber
  • Lk 14, 1.7-14: Seid bescheiden und großzügig zugleich! Wilhelm Weber
  • Lk 14,25-33: Wie radikal ist eigentlich Nachfolge? Wilhelm Weber
  • Lk 15, 1-3. 11-32: Vom Haus mit den offenen Türen Wilhelm Weber
  • Lk 15, 1-3. 11-32: Die ärgerliche Liebe des Vaters Wilhelm Weber
  • Lk 16, 19-31: Reichtum verpflichtet Wilhelm Weber
  • Lk 16, 19-31: Lazarus, Franziskus und der liebe Gott Wilhelm Weber
  • Lk 17, 5-17: Herr, stärke unseren Glauben! Wilhelm Weber
  • Lk 18,1-8: "Vum Bedde" (Prädig op Kölsch) Wilhelm Weber
  • Lk 18, 1-8: Betet allezeit! - aber wie? Wilhelm Weber
  • Lk 24,13-35: Emmauserfahrungen Wilhelm Weber
  • Lk 24, 35-48: Ihr sollt meine Zeugen sein! Wilhelm Weber

  • Lk 1,1-4; 4,14-21: Wes Geistes Kind bist du? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das, was dieser Evangelientext über Jesus sagt, klingt wie ein Programm: der Geist ergreift diesen Menschen Jesus und bestimmt fortan sein Leben. Es wird ein Leben sein für die Armen und sozial Abhängigen, für die Gefangenen und Ausgestoßenen, für die Kranken und Behinderten, für die Niedergeschlagenen und psychisch Belasteten, für die Verschuldeten und Schuldigen. Was nach dieser Programmansage dann im Evangelium folgt, ist Erläuterung und Veranschaulichung dieses Programms. Und so werden anschließend jede Menge Heilungen erzählt, die auf wunderbare Weise konkret werden lassen, wes Geistes Kind dieser Jesus ist.

    Wozu ein Mensch fähig sein kann.

    Erstaunlich, wozu ein Mensch fähig sein kann, wenn er keine Berührungsängste hat: wenn er auf Besessene zugeht, Aussätzige berührt, Blinde und Gelähmte anspricht, Schuldigen und gesellschaftlich Geächteten Gemeinschaft anbietet. Auf der Stelle verändert er durch seine Menschlichkeit alles zum Besseren, so dass die Menschen drum herum von Wundern sprechen. Radikale Menschlichkeit - das ist das Geheimnis jener Geistbegabung, von der am Anfang die Rede ist.

    Was man bei Jesus nicht findet: Abgrenzung von Menschen aufgrund bestimmter körperlicher oder geistiger Defizite, Ablehnung Andersdenkender oder von Menschen mit abweichenden Lebenseinstellungen. Nicht einmal Andersgläubige sind ihm suspekt, im Gegenteil: im Gleichnis vom barmherzigen Samariter lobt Jesus die Barmherzigkeit und Menschlichkeit des Samaritaners, dessen Religiosität eher minimal ist. Jesus lebt vor, wo es richtig drauf ankommt: nicht auf theoretische Bekenntnisse, sondern auf das geistkonforme Tun. Gerade im Lukasevangelium zeigt Jesus eine Offenherzigkeit und Weite, die einfach gut tun, weil sie die unterschiedlichsten Menschen miteinander verbinden und in Gemeinschaft bringen.

    Wozu man andere anstiften kann.

    Interessant ist, dass die Wundergeschichten im Lukasevangelium verwoben sind mit Berufungsgeschichten. Was Jesus macht, ist Anstiftung zu radikaler Menschlichkeit. Was er tut, sollen auch andere tun. Darum beruft er die, denen er das zutraut. Und die meisten können sich seinem Ruf nicht entziehen.

    Zwar lesen wir auch, wie schwer es den Berufenen oft fällt, diese radikale Liebe und Offenheit konsequent zu leben. Immer wieder mauert die Angst und trennt die vermeintlich Bösen von denen, die sich selbst für die Guten halten. Immer wieder grenzen die Rechtgläubigen die vermeintlich Irrgläubigen aus und kündigen die Gemeinschaft mit ihnen auf. Immer wieder lassen Egoismus und Eigennutz neue Klassen entstehen und dienen zur Rechtfertigung unchristlicher Ordnungen und Verhaltensweisen. Trotzdem bleibt Jesus der Maßstab, und viel Gutes ist in der Welt geschehen durch die, die dem Geist Jesu in sich Raum gegeben haben.

    Warum die Angst heute so groß ist.

    Was heute in der katholischen Kirche nicht zu übersehen ist, ist die Angst vor Identitätsverlust. Man befürchtet, durch allzu große Offenheit und allzu liebevolles Miteinander mit Nichtkatholiken die eigene Identität zu verlieren. Darum verbietet der Kölner Kardinal Meisner vehement, in Schulen mit muslimischen Kindern gemeinsam religiöse Feiern abzuhalten. Es sei eben nicht derselbe Gott, zu dem die katholischen und die muslimischen Kinder beten. Dabei vergisst der Kardinal, dass die legendären drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar, deren Gebeine er im Schrein des Kölner Domes zu beherbergen glaubt, eben Heiden waren und sich damals die Freiheit nahmen, das Kind in der Krippe anzubeten. - Und Angst treibt auch den Trierer Bischof Marx um, wenn er eucharistische Gastfreundschaft unter christlichen Brüdern und Schwestern so strikt ahndet, dass ein Priester, der zu dieser Gastfreundschaft einlädt, mit Suspension und mehr rechnen muss. Dabei wird der Mitgliederschwund unserer Kirche nicht aufgehalten durch disziplinäre Maßnahmen oder Abgrenzungen aus Angst.

    Jesus hat das Gegenteil praktiziert. Seine Offenheit und radikale Menschlichkeit waren der Grund, weshalb die Menge ihm nachgelaufen ist. Eine Umkehr im Denken täte der Kirche gut.

    Was sollen wir tun?

    Bleibt die Frage für uns: was sollen wir tun? Übrigens wurde diese Frage ein Kapitel früher Johannes dem Täufer gestellt vom Volk, das in Scharen zu ihm kam. Und Johannes antwortete: "Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso." Den Zöllnern sagte er: "Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist." Und den Soldaten: "Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!" (vgl. Lk 3,10-14) Das ist zwar noch nicht die radikale Menschlichkeit die wir von Jesus kennen, wohl aber ein deutlicher Hinweis auf das Wohlergehen des Mitmenschen. Jesus ist da noch viel konsequenter. Deshalb ist seine Offenheit und alle Grenzen überschreitende Liebe für uns verbindlich - auch wenn´s deswegen mal Konflikte mit den irdischen Autoritäten geben sollte. Ist nicht Gott der Gott und Schöpfer aller Menschen, und liebt er sie deshalb nicht alle in gleicher Weise, wie Jesus es getan hat? Ich denke, da gibt es keine Präferenzen für uns Katholiken!

    Amen

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    Lk 3, 10-14: Wat wells do maache? (Prädig op Kölsch, 2016) Wilhelm Weber

    Leev Mädche un Junge vun Maye!
    Ein Frog es hügg en aller Lücks Mungk
    un die heiß: Wat wells do mache?
    Dat es en ganz deefgründige Frog,
    die zeig, dat mer keine Rod weiß
    un och eigentlich op kein Antwood waadt..
    Deshalb steiht die Frog och em Rheinische ov Kölsche Grundgesetz.
    Se nimmp de 7. Plaatz unger de bekannte kölsche Levvensweisheite en.
    Üür wesst jo:
    Et Kölsche Grundgesetz zeig dem Normal-Kölsche de Orienteerung,
    wie hä et bess met de Wirklichkeit ömgeiht.
    § 1 - Et es wie et es.
    Dat heiß doch:
    De Wirklichkeit es esu un nit anders.
    Dröm redde mer se uns nit schön un och nit schlääch;
    Dann:
    § 2 - Et kütt (suwiesu) wie et kütt.
    Dat heiß:
    Loss de Fingere dovun,
    dann mähs do och nix verkeeht.
    Un:
    § 3 - Et hät noch immer god gegange.
    Diese Zoverseech verdank der normale Kölsche
    singem övverdurchschnittlich gode Droht zom Herrgodd.
    Han ich nit Rääsch?

    Un no:
    §7 - Wat wells do maache?
    Der Normal-Kölsche weiß,
    dat et mänchmol Momente gitt,
    die looße sich nit ömmodele.
    Wat wells do maache?
    Dröm stellt hä die Frog och so ergebnisoffe.
    Also: Wat wells do maache?
    Die Frog stellt sich de Bundeskanzlerin schon zigg Monde Dag för Dag,
    wann se us dem Finster luurt.
    Se süht de Schwitt vun Flüchtlinge,
    die op uns Grenz aankütt,
    un se all wolle nur dat Eine: Asyl.
    Dobei weiß de Kanzlerin genau:
    Do kanns do nix maache - usser helfe.
    De Mooder Angela nimmp et wie et es
    Un mäht de Lück Mod met dem Spruch:
    "Dat schaffe mer schon!"
    Später weed se sage:
    "Et hät noch immer god gegange."
    Han ich nit Rääch?

    Dobei hät de Mooder Angela en Hääd Metarbeider un Rodgevver em Parlament,
    mänchmol sin die ävver nor Schwaadlappe.
    Met lauter Stemm warne se un posaune,
    mer hätte jetz Flüchtlinge ze baschte.
    Dat es en doll Enseech!
    Als wann de Mooder Angela nit zälle könnt….
    Wat wolle die üvverhaup?
    Solle mer etwa met Waffe - - de Flüchtlinge - - vun de Grenze fotthalde?
    Dat kann doch wohl em Ähns keiner wolle! - Oder?
    De Rodschläg us dem Süden helfe do wenig.
    Je frommer et Parteiboch,
    um so nixnötziger de Hingergedanke.
    Han ich nit Rääch?

    Hält mer sich an de Bibel, es alles ganz einfach.
    Wä zwei Gewänder hät,
    soll ein dovun dem gevve, dä kein hät.
    Dann kritt de Kledage em Schaaf och ens widder Luff.
    Han ich nit Rääch?

    Wat wells do maache?
    Dat froge sich och die Leibwäächter vum Franziskus,
    wann dä op Reis geiht.
    Letz en Afrika:
    Ohne op de Secherheitsvorkehrunge ze aachte,
    geiht hä op de Lück zo un deit quasi en de Meng bade.
    Op de Frog, op hä kein Angs hät, meint hä:
    Enä. Angs han ich nur vür Möcke.
    Wat wells do maache?

    Ävver theologisch es der Franziskus genau esu unberechenbar.
    Fröher däte de Theologe em Kopp mit dem Geheens nohdenke,
    wann se e Problem lüse moote.
    Der Franziskus mäht Theologie us dem Buch erus.
    För e Beispill:
    Vör letz Allerhillige hät sing Hilligkeit in Rom en lutherische Gemeinde besök.
    En evangelische Frau dät in froge,
    ov sei met ehrem katholischen Mann noh de Kommunion gonn dürf.
    Do saht der Franziskus:
    Ich ben nit kompetent, üch dat zo erlaube.
    Üvverlägt dat selver zosamme vörm Herrgodd und vör ührem Gewesse.
    Un dann dot, wat Ühr för richtig hald.
    Wann dat nit noch Zoff em Vatikan gitt!?!
    Ävver wat wells do maache?

    Der Franziskus is minge Fründ.
    Dä es wie ene Wirvelwind, dä durch de Ampstuvv vun der Kirch fäg.
    Hä bräng alles Verstübbte durchenein
    un zwing sing Lück, alles neu zo stivvele.
    Wann mer jet erneuere well, muss mer zueesch gründlich oprüüme.
    Un dovun versteiht hä ene ganze Rötsch.
    Am Eng han mer dann en schön neue Kirch.
    Han ich nit Rääch?

    Leev Lück, dot god op üch oppasse!
    Blievt gesund un maht üch jet Freud;
    denn et Levve duurt kein Ewigkeit.
    Mayoh!

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    Lk 3, 10-18: Was sollen wir tun? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der ganze Evangelientext handelt von Johannes dem Täufer. Er gilt seit seiner Geburtsgeschichte als eng mit Jesus verbunden. Man nennt Johannes auch den Vorläufer Jesu, weil er dessen öffentliches Wirken vorbereitet und ankündigt. Johannes strahlt Persönlichkeit aus. Seine Lebensführung ist asketisch, seine Kleidung einfach, seine Nahrung bescheiden. Das trägt zu seiner Glaubwürdigkeit bei. Die Menschen, die ihm nachfolgen, anerkennen seine Autorität und sind voller Erwartung. Sie hungern geradezu nach Weisung für ihr Leben. Eine Frage steht im Raum: "Was sollen wir tun?" Es ist die Frage nach der richtigen Lebensweise, eine Frage, die nie zur Ruhe kommt. - Die Antwort, die Johannes in mehreren Anläufen gibt, ist so einfach wie einleuchtend: "Wer zwei Gewänder hat, gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso." Einfacher geht's nicht, klarer auch nicht. Und den Zöllnern und Soldaten gibt er ebenso einfache wie klare Anweisungen. Wenn man das hört, staunt man, wie einfach christliches Leben geht.

    Ich frage mich: Was ist heute anders als damals? Eigentlich beansprucht die Kirche ja, jene moralische Instanz zu sein, die den Menschen sagen kann, wie man heute christlich lebt. Aber wo sind die Menschen hin, von denen damals gesagt wurde, dass sie voll Erwartung waren? Erwarten die heute nichts mehr? Dem widersprechen die Religionssoziologen, die in unseren Tagen glauben feststellen zu können, dass die Menschen sehr wohl Erwartungen haben, Hunger nach Lebenssinn und nach einem gelingenden Leben. Aber wo holen sie sich die Antworten her? Die Kirchen sind jedenfalls nicht gefragt; immer weniger seit vielen Jahren. Könnte es sein, dass ihre Rede und ihre Ansichten und ihr Gehabe nicht mehr überzeugen? Neulich behauptete jemand etwas zugespitzt mit Blick auf die katholische Kirche, sie sei bei prall gefüllten Kassen geistlich zahlungsunfähig. Der mir das sagte, drückte damit seine Erfahrungen in seiner Kirchengemeinde im Rheinland aus.

    Ich schlage vor, es auch heute nach der Weisung Johannes des Täufers zu versuchen: "wer zwei Gewänder hat, gebe eins davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso." Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, auch heute den persönlichen Kontakt zu Armen und Hilfsbedürftigen zu pflegen. Die anonyme Spende an eine Hilfsorganisation mag wichtig sein, kann aber den direkten Kontakt zum Notleidenden nicht ersetzen. Übrigens macht der Umgang mit Armen selber bescheiden und demütig und damit auch ein wenig glaubwürdiger. Wir stehen vor Weihnachten, und alle Hilfsorganisationen entwickeln eine unglaubliche Bettelwut für diesen oder jenen guten Zweck. Leisten Sie sich trotzdem einen Armen oder eine arme Familie oder ein bedürftiges Kind, dem sie mit der Unterstützung auch ein Stück von ihrem Herz schenken. Das tut gut: nicht nur dem Beschenkten, sondern auch Ihrem eigenen Gewissen.

    Amen

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    Lk 4, 16-30: Heute ist die Zeit des Heiles Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der entscheidende Satz in diesem gewiss langen Evangelientext heißt: "Heute hat sich das Schriftwort (des Jesaja) erfüllt!" Jesus will sagen: Heute ist die Zeit des Heils, nicht morgen, nicht in naher oder ferner Zukunft, auch nicht erst nach dem Tod ist die Zeit des Heils, sondern heute. Ein neuer Geist muss her, der Geist Gottes, den Jesus hat. Dieser neue Geist bringt den Armen die frohe Botschaft, den Gefangenen die Entlassung, den Blinden das Augenlicht, den Zerschlagenen die Freiheit und allen ein Gnadenjahr des Herrn. Jesus macht Ernst mit dem Heil heute. - Dazu drei Gedanken:

    1. Das Heil ist für die Armen da.
    Wir haben früher gelernt: das Heil ist für die Braven da. Irrtum! Das Heil ist für die Armen und für die vom Leben Benachteiligten da. Wir haben früher gelernt: das Heil ist für die Gläubigen, vor allem für die Beter da. Irrtum! Das Heil ist für die körperlich oder geistig Beeinträchtigten da (früher nannte man sie die Behinderten). Wir haben früher gelernt: das Heil ist da für die, die sich nichts zu Schulden kommen lassen und die sich nicht verschulden. Irrtum! Das Gnadenjahr des Herrn entschuldet die Verschuldeten und gewährt den Schuldigen einen neuen Anfang. Sie sehen: der neue Geist, den Jesus bringt, kümmert sich um die Armen, nicht um die Braven, nicht um die Frömmler, nicht um die selbsternannten Glaubenshüter einer Gemeinde, auch nicht um die Reichen, die sich selbst genügen. Den Armen die Frohbotschaft zu verkündigen heißt ihnen helfen in ihren leiblichen und seelischen Nöten; Beistand leisten, wenn sie ausgegrenz, ausgenommen oder gemobbt werden; den Kopf für sie hinhalten, wenn sie bedroht werden. Das entspricht dem Geist Jesu.

    2. Das Heil kommt heute oder nie.
    Alle guten Vorsätze, die nichts taugen, sollen morgen oder am St Nimmerleinstag in Kraft treten. Jesus sagt: "Heute erfüllt sich das Schriftwort, das ihr gehört habt." Das ist typisch für Jesus: was er sagt, tut er; was seine Sendung ist, macht er und verschiebt es nicht. - Merken Sie, dass seine Sendung auch die unsrige ist? "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Jo 20, 21). Der Auftrag, der sich aus einer Sendung ergibt, wird nicht auf die lange Bank geschoben. Sendung ist Verpflichtung heute. Konkret: der Arme in der Gemeinde, der uns als Christen beim Wort nimmt, steht neben uns und hält die Hand auf, und nicht nur die Hand, sondern auch das Herz. Er braucht mehr als unser Geld, er braucht unser Herz: das Zuhören, das Verstehen, die Zuwendung, die liebevolle Geste. Und das alles heute - nicht morgen oder übermorgen oder irgendwann. Heute oder nie - das ist die Alternative.

    3. Verantwortlich für das Heil sind wir alle.
    Jesus hat mit seiner Einstellung, oder besser: mit seinem neuen Geist etwas losgetreten, was nach ihm weitergehen soll. Und das tut es auch, Gott sei Dank. Manchmal ist die Kirche die Lobby der Armen (im christlichen Abendland zumal), manchmal ist sie das nicht. In Südamerika z. B. hat die Kirche versagt. Die von Theologen mit ihren Bischöfen entwickelte Theologie der Armen wurde von Rom beargwöhnt, eigentlich sogar verboten, weil sie das Heil angeblich zu sehr materiell innerweltlich definiere. Dieser innerkirchliche Streit hat die Reichen in Südamerika in ihrer sozialen Verantwortung entlastet, den Armen hat es geschadet, und die Kirche hat dort an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

    Es muss nicht unbedingt die Kirche sein, die an der Seite der Armen steht, obwohl es ihr von ihrem Selbstverständnis her gut zu Gesicht stünde. Letztlich sind alle Menschen (ob gläubig oder nicht) dafür verantwortlich, dass Armut das Leben nicht entwürdigt. Gott sieht nicht auf die Konfession oder Religion, er sieht auf das Engagement des Herzens - für die Armen - heute.

    Amen

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    Lk 5, 1-11: Berufung - damals und heute Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium erzählt eine Berufungsgeschichte, schön verpackt in die Wundererzählung vom reichen Fischfang. Das ist anschaulich, da hört man gerne zu. Diese Geschichte hat übrigens in der Vergangenheit viele Künstler inspiriert zu tollen Gemälden oder Kirchenfenstern. - Zwei Gedanken:

    1. Berufung damals
    Die Berufung durch Jesus hört sich total einfach an: es stimmt natürlich, dass er nur Männer berufen hat: Simon und die beiden Brüder Jakobus und Johannes. Nur sie sind namentlich genannt. Wenigstens von einem wissen wir, dass er verheiratet war: Simon. Aber diese Tatsache spielte offensichtlich gar keine Rolle. Niemals hat Jesus gefordert, dass die Menschenfischer - denn solche wollte er aus ihnen machen - unverheiratet sein müssten. In Wahrheit ist der Zölibat für die Menschenfischer erst Jahrhunderte später aus der Mönchsbewegung übernommen worden. In den ersten Jahrhunderten war die Ehelosigkeit des Priesters nicht zwingend.

    Apropos Priester: Jesus hat diejenigen, die er in seine Nachfolge berufen und dann als Zeugen des Glaubens ausgesandt hat, nicht erst zu Priestern geweiht. Jesus kannte keine Priesterweihe, wohl Berufung und Sendung. Um nicht missverstanden zu werden, will ich schnell hinzufügen: die Kirche hat selbstverständlich das Recht, sakramentale Weihen einzuführen und Bedingungen für die Übernahme des Priesteramtes zu stellen , d.h. eine Ordnung für diesen Dienst vorzugeben. Aber dann muss sie konsequenterweise auch sagen, dass solche Ordnungen kirchlichen Rechts sind und von der Kirche auch wieder geändert werden können. - Was in der Berufungsgeschichte übrigens nicht übersehen werden darf, ist das Vertrauen, das Petrus Jesus entgegenbringt. "Auf dein Wort hin, will ich die Netze auswerfen." Eigentlich ist es ein Unterfangen, am Tage zu fischen. Das darauf folgende Wunder macht deutlich, dass Vertrauen der Schlüssel zur Berufung ist.

    2. Berufung heute
    Heute scheint es kaum noch Berufungen zum Priesteramt zu geben. Woran das liegt, kann man sicher nicht in zwei Sätzen sagen. Aber vielleicht sollte man die Zugangsbedingungen zum Priesteramt mal überdenken. Der Zölibat war nicht immer und findet in unserer Gesellschaft immer weniger Zustimmung. Und auch dass Frauen vom Priesteramt ausgeschlossen sind, entspricht in keiner Weise der Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft. Es gibt kein Wort Jesu, das die Frau vom Priesteramt ausschließt. Mutige Entscheidungen müssen jetzt von der Kirchenleitung getroffen werden. Wer eine Lösung der gegenwärtigen Krise vornehmlich in der Wiederbelebung vorkonziliarer Positionen sieht, wird der Kirche keinen neuen Schwung geben.

    Dabei sind die Aussichten auf eine Wende gar nicht mal so schlecht. Allenthalben ist heute ein wachsendes Bedürfnis nach Religion und Spiritualität festzustellen. Es wird darauf ankommen, ob es der Kirche gelingt, eine befriedigende Antwort auf dieses Bedürfnis zu geben. Solange ihr das nicht gelingt, wird das Bild vom reichen Fischzug das Bild für eine Zielvorgabe sein und nicht ein Bild für die Wirklichkeit.

    Amen

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    Lk 6, 17.20-23: Sillig, ihr ärm Hööschte (Prädig op Kölsch 2010) Wilhelm Weber

    Leev Rest-Christe vun Maye,
    leev Fründin ne un Fründe us Berghem,
    leev Fastelovendsjecke!

    Is dat nit schön,
    dat mer all widder zesamme sin?
    Vun wäge Rest-Christe:
    Mir sin vill, wann et drop aankütt.
    Vür Johre wore mer noch läppsche 5000,
    jetz simmer 13.800 - stundt im vürletzte Parrbreef.
    Jojo, dat es inklusiv der Neuerwerbunge us der Nohberschaff.
    Stellt üch vür,
    die kömen all in de Kirch - jede Sunndag.
    Dann hätt uns Pastürche ävver e Problem.
    Und dat wolle mer jo nit.
    God, eimol loss ich mir dat jo gefalle;
    ävver jede Sunndag so vill Lück en der Kirch?
    Dot dem Pastur dat nit aan!
    Versproche?

    Wie ich de Prädig zesamme geknuuv han,
    hatt ich Bedenke,
    ov dat Evangelium vun de Silligpreisunge
    üvverhaup för en Mess met Fastelovendsjecke dat räächte es.
    Ich meine: Jo!
    Woröm?
    Weil keine Vernünftige begriefe kann,
    dat för ärm Hööschte dat Rich Goddes do is
    ov dat Hungerligger satt ze esse krige
    ov dat - wä jetz am Kriesche is - vill zo laache kritt.
    Dä Vernünftige säht:
    Wo gitt et dann esu jet?
    Dä Jeck sät:
    Dat han ich ald luuter jesaht
    un am eigene Liev erläv.
    Et gitt esu vill Schicksalsschläg,
    die der de Trone in de Auge drieve.
    Ävver met e bessche Goddvertraue
    kütt alles aan e god Engk.
    Dausenfach han Minsche esu en Lihr gemaht,
    un wann ehr ihrlich sid,
    is et üch och ald esu ergange.
    Han ich nit Rääch?

    Un och dat is wohr:
    Wä selver ärm es
    un nit alle Dags satt ze esse kritt,
    wä vör luuter Hätzeleid Trone vergosse hätt,
    dä kann och deile un trüste,
    wann et andere triff.
    Han ich nit Rääch?

    Un dann is da noch de Red vun Minsche,
    die malträteert, exkommelizeert, usgeschannt un gemobb wääde -
    vun wäge däm Minschesonn.
    Dat wor domals för die Christe in de eetste 300 Johre ene große Truus.
    Et woren Johre der Verfolgung - bis 313.
    Dann kom dä Konstantin mit singer Konstantinischen Wende,
    un dat Christentum woodt Staatsreligion.
    Un wie die Christe dat Sage hatte,
    han die et genau esu gemaht:
    se han eigene un fremde Lück malträteert,
    exkommelizeert, usgeschandt un gemobb.
    Dat is e Spill, dat hätt et immer schon gegovve
    un dat weed et immer gevve.
    Dat hät jet mit Maach zo dun.
    Wä et Sage hät, fängk an beklopp zu wääde.
    Han ich nit Rääch?

    Un wat säht Jesus dozo?
    Dot drüvver laache un losst üch de Freud nit nemme.
    Der Himmel is üch secher.
    Der Jesus hält üvverhaup nix vun Exkommelizeerunge,
    nit en der Gesellschaff un och nit en der Kirch.
    Drüvver laache is dat einzig Richtige.
    Denn mir sin nit dofür do,
    uns gägesiggig et Levve schwer ze mache,
    villmih uns gägesiggig zu helfe,
    damit dat Levve flupp.
    Es doch esu, ov nit?

    En der Fastelovendszigg spille se alle e Bissche verrück.
    Ävver dat is doch grad en große Chance,
    endlich üvver der eigene Schatte ze springe,
    met dem komische Typ vun nevveaan e Kölsch ze drinke
    un dat aale Kreegsbeil zu begrave.
    Ov nemm de Messe: eimol em Johr op Kölsch,
    un de Lückscher sind do.
    Han ich nit Rääch?

    Ich hüre jetz op,
    ich han alles gesaat,
    ich weiß nix mieh
    und an Plaatz vun Amen sagen ich - wie jedes Johr:
    dreimol Maye Mayoh!

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    Lk 7, 11-17: Lebe dein Leben! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Wunder von der Auferweckung des Sohnes einer Witwe in Nain: Muss man das glauben? Kann man das überhaupt glauben? Wir tun uns oft schwer, die biblische Redeweise zu verstehen. Bemerkenswert ist, dass nur Lukas dieses Wunder erzählt. Verdächtig ist, dass seine Erzählung viele Ähnlichkeiten aufweist mit den beiden Toten-Erweckungen in den Königsbüchern des Alten Testaments. Die Propheten Elija und Elischa erwecken in ganz ähnlicher Weise junge Männer wieder zum Leben. Hat Lukas da etwa abgeschrieben oder alttestamentliche Vorlagen ins Leben Jesu hinein kopiert? - Lassen Sie mich etwas weiter ausholen.

    Von der biblischen Sprache.
    Jeder Mensch, der an Gott glaubt und von ihm begeistert ist, schwärmt auch von ihm - und zwar nicht nur im Herzen, sondern auch in seiner Sprache. Er sieht in allem Schönen und Guten Gottes Wirken. Und selbst im Elend dieser Welt weiß der Gläubige, dass Gott rettet. Wer von diesem Gott erzählt, tut das, indem er Geschichten von ihm erzählt. Da kommt es nicht auf Historie an, da arbeitet die Phantasie für Gott.

    Ein Beispiel: Die beiden Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel sind aus der Sicht der Schreiben ein einziger Lobpreis auf Gottes gute Schöpfung. Dass Gott die Welt gemacht hat, ist für die biblischen Schriftsteller eine Binsenwahrheit; wie er sie gemacht hat, hat ihre Phantasie dazu gedichtet. Übrigens gehört die Bibel zu den größten dichterischen Leistungen der Weltgeschichte.

    Natürlich wissen wir heute von den Naturwissenschaften, dass die Welt nicht so entstanden ist, wie in der Bibel beschrieben. Sogar in Rom weiß man das. (Nur noch nicht überall in Amerika, wo der biblische Fundamentalismus im sog. Kreationismus fröhliche Urständ feiert. Amerika hat nicht nur auf diesem Gebiet Nachholbedarf.) Man spricht heute von Evolution und sieht darin keinen Widerspruch mehr zur biblischen Darstellung einer Schöpfung in sieben Tagen.

    So ähnlich möchte ich auch das Wunder der Toten-Erweckung von Nain interpretieren. Der Evangelist Lukas ist fest davon überzeugt, dass Jesus einen Gott verkündet, der ein Gott des Lebens ist. Und darum erzählt Lukas eine Geschichte nach alttestamentlichem Vorbild, wo Jesus diesen Gott in seiner Eigenschaft als Gott des Lebens vorstellt. Die Sprache ist schwärmerisch, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar. -
    Wie trocken, unverbindlich und leblos ist dagegen die Sprache der Dogmatik - etwa im Glaubensbekenntnis. Da gibt es keine Geschichte, die gefangen nimmt, begeistert oder wenigstens zum Nachdenken anregt. Dogmatik ist der Tod des Glaubens.

    Von der eigentlichen Botschaft.
    Die eigentliche Botschaft der Geschichte von der Auferweckung des Jünglings von Nain ist ganz einfach. Lukas will sagen: Jesus zeigt euch, wie Leben gelingt; denn offensichtlich war das Leben beider, der Mutter wie des Sohnes, nicht gelungen.

    Was sich so einfach anhört, ist in Wirklichkeit viel komplizierter. Zur Mutter sagt Jesus: Weine nicht! Er hat Mitleid mit ihr. Als Witwe hat sie ihren Sohn vielleicht mit zu viel Liebe und Fürsorge umgeben, dass diesem die Luft zum Leben ausgegangen ist. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn kann manchmal so eng und erdrückend sein, dass der Sohn das Leben verpasst: er ist für das Leben tot, bevor er gelebt hat. Und die Mutter, die alles so gut gemeint hat, hat in ihrer Liebe und Fürsorge ein gehöriges Maß an Eigenliebe und Egoismus versteckt. Vielleicht meint Lukas mit dem Mitleid, das Jesus zeigt, den Eigenanteil, den die Mutter am Tod ihres Sohnes hat. Es hätte nicht so zu kommen brauchen. -
    Und dem toten Jüngling befiehlt (!) Jesus: Steh auf! Und das könnte heißen: Nimm endlich dein Leben selber in die Hand! Lebe dein eigenes Leben - ohne schlechtes Gewissen der Mutter gegenüber! Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn war letztlich für beide lebensfeindlich. Jesus entflechtet durch sein Tun diese buchstäblich tödliche Beziehung .Er gibt der Mutter den Sohn zurück, damit sie nun beide ihr Leben neu definieren und gestalten mögen. - Was Lukas in dieser Geschichte an Lebenswissen mitteilt, kann heutige Psychologie in Begriffen und Gesetzmäßigkeiten ziemlich genau darstellen.

    Von der Botschaft für mich.
    Keine Botschaft der Bibel steht abstrakt im Raum, sondern ist immer Botschaft für mich und für dich. Und diese Botschaft lautet: Lebe dein eigenes Leben! Du darfst dich aus den Fesseln der Erwartungen und Ansprüche anderer an dich befreien. Du hast ein Recht auf dein eigenes Leben. - Und auf der anderen Seite gilt aber auch: Du darfst keinen daran hindern, dass er sein eigenes Leben lebt. Es gibt eine Liebe, die den anderen beherrschen will. Es ist nicht die Liebe, die Jesus vorgelebt hat.

    Was mich immer wieder erstaunt, wenn ich solche biblischen Texte meditiere, ist das Menschenbild, das hinter solchen Geschichten steht. Da gibt es keine Über- oder Unterordnung, keine Herrschaftsstrukturen, die von Jesus gerechtfertigt würden, keine Hierarchie und keine Unterdrückung im Namen Gottes. Liebe und Freiheit, das ist es, was wir aus alledem lernen können.

    Amen

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    Lk 9, 23-36: Wer ist Jesus? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Wer war Jesus? Das ist eine Frage, die fast nicht zu beantworten ist. Und doch gibt es viele Antworten. Jeder, der sich mit Jesus beschäftigt, gibt seine persönlich gefärbte Antwort: Sie und ich und so auch die vier Evangelisten - und keineswegs sind alle Antworten gleich. Während Johannes die Verklärung Jesu überhaupt nicht erwähnt, erzählen die drei Synoptiker (Matthäus, Markus und Lukas) die Geschichte der Verklärung jeder auf seine Weise, also nicht gleich lautend. Nur Lukas verrät uns - vielleicht ein Scherz? - dass die drei Hauptgemeindeführer Petrus, Johannes und Jakobus bei diesem Ereignis glatt eingeschlafen sind. Ein böses Omen für die später Verantwortlichen in der Kirchenleitung? Ich hoffe nicht.

    Nun worum geht es? Lukas will - wie seine Parallelüberlieferer Markus und Matthäus - mit dieser Verklärungserzählung mehr Klarheit schaffen auf die Frage, wer Jesus ist. Folgende Aussagen gibt es im Lukasevangelium über Jesus bereits: Jesus ist der Sohn der Maria und des Josef ("Man hielt ihn für den Sohn Josefs" 3,23; "Sie sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs?" 4,22); er heilt Besessene und Kranke ("Er legte jedem Kranken die Hände auf und heilte sie." 4,40); er begeistert Menschen und ruft in seine Nachfolge (siehe die Berufung der ersten Jünger 5,1-10); er interessiert sich für die Sünder, nicht für die Gerechten ("Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten" 5,31f.); er korrigiert die traditionelle Auslegung des Gesetzes und macht damit die Gesetzestreuen wütend (nach der Heilung eines Mannes am Sabbat: "Da wurden sie von sinnloser Wut erfüllt und berieten, was sie gegen Jesus unternehmen könnten" 6,11); sogar Tote erweckt er zum Leben (den Jüngling von Nain 7,11-17; und die Tochter des Jairus 8,49-56); er hat Macht über Wind und Wellen ("Was ist das für ein Mensch, dass sogar die Winde und das Wasser seinem Befehl gehorchen?" 8,22-25); er speist Tausende von Menschen (9,12-17). Das alles hat Lukas bereits über Jesus gesagt. Und nun die Verklärung. Welche Klärung liegt Lukas am Herzen?

    Lukas will den Leitern der späteren Gemeinden klar machen, dass Jesus auf dem Boden der großen jüdischen Tradition steht; denn er redet mit Mose und Elia (9,31f.), die zu den großen Lichtgestalten der Vergangenheit gehören. Und Lukas will klar machen, dass Jesus mit seinem Reden und Tun in Einklang steht mit dem verborgenen Judengott Jahwe, der sagt: "Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören" (9,35). Doch Petrus und seine Begleiter sind eingeschlafen, und vielleicht deshalb haben sie später nichts erzählt. Nur einen winzigen Augenblick sind sie wach und sehen Glanz und Gloria und wollen dann gleich Hütten bauen. Verstanden haben sie wahrscheinlich gar nichts. Denn als die Wolke über sie kommt und ihren Schatten auf sie wirft, bekommen sie Angst. - Die Wolke mit ihrem Schatten lässt nämlich die Wirklichkeit wieder bewusst werden: Jesus muss sterben: gewaltsam und ungerecht, bevor er der Herrlichkeit teilhaftig werden kann.

    Vielleicht ist die Verklärung Jesu eine Vision oder eine literarisch erdachte Erfahrung, deren Sinn der gleiche ist wie etwa die Leidensvorhersage Jesu nur wenige Verse vorher: "Der Menschensohn muss Vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und Schriftgelehrten verworfen werden; er wird getötet werden, aber am dritten Tag wird er auferstehen" (9,22). Das soll die Gemeinden in den frühen Jahren trösten und ermutigen, als sie den Verfolgungen ausgesetzt sind und Spott und Erniedrigung über sich ergehen lassen müssen. Jesus soll da das große Vorbild sein.

    Was mag sich Lukas dabei gedacht haben, wenn er schreibt, dass die späteren Kirchenoberen Petrus, Johannes und Jakobus diese Offenbarung verschlafen haben? Soll das eine versteckte Kritik an theologischen Einstellungen führender Gemeindeleiter sein? Zum Glück wissen Matthäus und Markus von diesem Schlaf nichts. Wir halten fest: Das Evangelium verspricht uns nicht den Himmel auf Erden - auch Jesus selber nicht - , sondern prophezeit Not, Verfolgung und Tod mit Hoffnung auf Auferstehung oder Verherrlichung. Das macht es leichter, den Kreuzweg des Lebens anzunehmen, ohne die Freude am Leben zu verlieren.

    Amen

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    Lk 9, 28 b-36: Verklärung Jesu: eine Sternstunde Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die Verklärung Jesu, wie sie uns in den ersten drei Evangelien überliefert worden ist, war für die ausgewählten Jünger Petrus, Jakobus und Johannes sicher eine Sternstunde: ein Augenblick voller Glück und Seligkeit. Man kann auch sagen: es war eine Gotteserfahrung, wie sie nur wenigen Menschen zuteil wird. Vordergründig sind wir alle auf der Suche nach Glück und Frieden - täglich, unentwegt, ohne Ausnahme. Das Verlangen nach Events, die das Leben verzaubern und emotional bereichern, ist so stark in uns verankert, dass man gelegentlich von einer Spaßgesellschaft gesprochen hat. Aber nur wenigen Menschen ist es vergönnt, die Erfüllung solchen Verlangens in ihrer Religion zu finden. Kein Wunder, dass die Jünger nach diesem Erlebnis das erfahrene Glück buchstäblich domestizieren wollen, indem sie auf der Stelle Hütten bauen wollen. - Aber wie jeder weiß, geht das nicht. Das Leben holt uns mit seinen dunklen Wolken schnell wieder ein, die Realität ist oft grau, unfreundlich und hart.

    Zweifellos brauchen wir Menschen solche Sternstunden im Leben. Freude und innerer Frieden geben dem Leben nämlich Sinn, machen es wertvoll und erträglich. Drei Jünger (also längst nicht alle) haben diese tolle Erfahrung in der Nähe Jesu gemacht. Aber Verklärung ist auch für sie keine durchgängige Erfahrung, sondern ein einmaliges Erlebnis. In der Gemeinschaft mit Jesus werden die Jünger eben auch andere Erfahrungen machen: Leiden, Kreuz und Tod. Und später im eigenen Leben der Jünger: Verfolgung, Verachtung, Hinrichtung; noch heute werden viele Christen in der ganzen Welt um ihres Glaubens willen verfolgt und getötet. Religion und Glaube schützen vor solchen Negativerfahrungen nicht; im Gegenteil: religiöse Überzeugungen sind nicht selten sogar der Grund für großes Leid. - Es wäre ein Missverständnis von Religion, wenn man von ihr das große Glück, Sorgenfreiheit, Gesundheit und Wohlstand erwarten würde. - Richtig dagegen ist es, in der Religion und damit im persönlichen Glauben eine Möglichkeit zu sehen, die großen Prüfungen des Lebens zu bestehen. Mit anderen Worten: Religion bewahrt nicht vor dem Leid, sondern hilft, die Sinnlosigkeit des Leids zu bestehen.

    Trotzdem: wir Menschen brauchen auch Sternstunden im Leben. Freude, Glück, Vergnügen widersprechen dem Glauben nicht; sie sind für das Leben das, was das Salz in der Suppe ausmacht. Und wir sollten um Gottes Willen keine Gelegenheit auslassen, das Schöne im Leben zu genießen, Freude zu suchen und auch zu schenken. Aber das ist eben nur die eine Seite des Lebens; die andere ist die leidvolle, die unbarmherzige und schwere. Sie zu bestehen und zu überstehen gelingt eher, wenn man fest darauf vertraut, dass Gott uns nicht in der Sinnlosigkeit des Leids ertrinken lässt. Wie das geht, weiß mich auch nicht, aber meine Hoffnung wird mich wohl nicht trügen - und Sie hoffentlich auch nicht.

    Amen

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    Lk 10,1-2: Sende Arbeiter in deine Ernte! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (10,2). Das Bild weckt Vorstellungen an polnische Spargelstecher, Tomaten- und Erdbeerpflücker oder an polnische oder rumänische Kranken- und Altenpflegerinnen, die zu Dumpingpreisen demenzkranke Alte rundum versorgen. Natürlich ist das nicht gemeint. Gemeint ist mit diesem Bildwort vielmehr die Arbeit, Jesus und das von ihm gepredigte Reich Gottes bekannt zu machen. Die Menschen warten darauf, wie die Erntefrüchte darauf warten, geerntet zu werden. Die Kirchen beanspruchen dieses Werben für das Reich Gottes als ihre ureigenste Aufgabe. Die Erntehelfer sind dann die Priester, von denen es viel zu wenige gibt. Darum "bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden". Und so beten die Gläubigen in Gebetskreisen, ganze Gemeinden und Klöster um Priesternachwuchs - doch mit wenig Erfolg. Der Priestermangel wird immer größer. Und auch das mit den Menschen, die darauf warten, als Ernte ins Reich Gottes eingebracht zu werden, scheint heute nicht mehr zu stimmen; eher das Gegenteil ist der Fall. Was läuft eigentlich verkehrt? - Drei Einschätzungen zu diesem sehr komplexen Thema:

    1. Der Priestermangel und der Mangel an Gläubigen bedingen sich gegenseitig.

    Vor Jahren, als der Priestermangel deutlich spürbar wurde, war die Diagnose der Bischöfe eindeutig: die Familien sind schuld. Sie beten zu wenig, sie vermitteln den Glauben nicht mehr an ihre Kinder, sie sind selber ungläubig, kommen nicht mehr in die Kirche, sind zu materiell eingestellt und sind nur auf Vergnügen aus. Eine ganze Palette von Vorwürfen, die zugleich verhindern, über den kirchlichen Eigenanteil dieser Entwicklung nachzudenken. Denn dass die Familien geworden sind, wie sie sind, das hat bei noch relativ hohem Personalbestand in den Kirchengemeinden stattgefunden. Dass vielleicht auch Seelsorger oder seelsorgliche Konzepte diese Entwicklung begünstigt haben, darüber wurde nie geredet - zumindest nicht laut.

    Inzwischen gehen der Kirche nicht nur die Seelsorger, sondern auch das Geld aus. Und jetzt wird gespart, was das Zeug hält. Die kleinen Gemeinden haben schon lange keinen Priester mehr, die großen werden auf Sparflamme versorgt. Kirche ist dabei, gesellschaftlich immer unbedeutender zu werden. Und wo keine Sendboten mehr ausgeschickt werden, kann auch keine Ernte eingebracht werden. Die Konzepte der Vergangenheit sind gescheitert: die ausschließlich männliche Klerikerkirche, die sich selbst feiert und den Laien nur zur Erhöhung der Feierlichkeit braucht, ist praktisch am Ende. Es ist an der Zeit, eine ehrliche und kritische Bestandsaufnahme zu machen, wo keiner verteufelt, aber auch nichts beschönigt wird. Zwar ist in letzter Zeit oft von einer neu erwachenden Religiosität gesprochen worden, doch ist bisher nicht erkennbar, dass die Kirche das neue Bedürfnis nach Religion an sich binden kann.

    2. Das Reich Gottes hat im 3. Jahrtausend ein anderes Gesicht als im 1. Jahrtausend.

    Kirche kann keine starre Größe sein, die durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende gleich bleibt. Kirche muss immer sein: Kirche für die betreffende Zeit. Und deshalb darf und muss sie sich mitprägen lassen von gesellschaftlichen Entwicklungen und auch vom wissenschaftlichen Fortschritt. Sie kann die Augen nicht verschließen vor Wandlungen des Menschenbildes, vor der Gleichberechtigung von Mann und Frau, vor den freiheitlich demokratischen Entwicklungen bei den Völkern dieser Erde. Es hat Zeiten gegeben, da hat die Kirche diese Entwicklungen sogar maßgeblich mitgestaltet, vor allem die Anfänge der Naturwissenschaften. Doch dann gab es Konflikte, und die Kirche isolierte sich vom Zeitgeschehen und konservierte sich selbst: ihre Strukturen, ihre Lehren, ihre Sicht der Welt und des Menschen. Das aber ist nicht gut, wenn sie die Menschen, die nun mal den Fortschritt vorantreiben, auf Dauer begleiten will. Was zum Beispiel in den ersten Jahrhunderten in der Kirche an Strukturen gewachsen ist, das kann zu Beginn des 3. Jahrtausends nicht tabu sein. Dasselbe gilt für die Sprache unseres Glaubens, die Dogmatik. Sie muss den heutigen Menschen im Blick haben mit seinen Fragen, mit seinem naturwissenschaftlichen Vorverständnis, mit seinen spezifischen Problemen. Der heutige Mensch hat seine Antennen anders ausgerichtet als die vor 2000 Jahren, und auf diesen Frequenzen muss Verkündigung heute gesendet werden, wenn sie ankommen soll. Wir kennen in profanen Gesellschaften die Gewaltenteilung und halten das für richtig, damit Gemeinwesen menschlich funktioniert. Doch das ist an der Kirche vorbeigegangen. In der Gesellschaft wird Macht auf Zeit vergeben und muss immer neu legitimiert werden, vor allem muss sie kontrolliert werden. Alles das ist der Kirche fremd. Doch die Menschen haben heute für solche archaischen Gesellschaftsstrukturen kein Verständnis. Die Strukturen sollen helfen, dass die eigentliche Botschaft von Jesus und dem Reich Gottes ankommen. Strukturen sind nie Selbstzweck.

    3. Die Bewältigung der Krise verlangt ein radikales Umdenken.

    Wenn man sich mal von der Fessel der Unveränderbarkeit der Kirche frei macht, dann ist natürlich alles möglich. Dann ist eine Kirchenstruktur denkbar, wo die Führungsämter nicht nach dem Geschlecht, also männlich oder weiblich, vergeben werden, auch nicht nach dem Stand, also verheiratet oder unverheiratet, sondern allein nach Kriterien der Qualifikation. Das täte der Kirche gut. Dann wäre es auch denkbar, dass Jugend eine größere Rolle spielt als bisher. Bisher ist Jugendarbeit weitgehend Betreuung auf der Spielwiese . wenn die Spielwiese nicht ohnehin wegen Personalmangels geschlossen ist, also gar nicht stattfindet. Viele Jugendliche sind heute so aufgeschlossen, begeisterungsfähig und begabt, dass sie gut und gerne Impulse in "ihre" Kirche der Zukunft einbringen könnten. Es wäre auch denkbar, dass Laien in der Kirche an Entscheidungsprozessen gleichberechtigt teilnehmen und auch im Gemeindeleben viel mehr Verantwortung übertragen bekommen. Weiter könnte ich mir vorstellen, dass die Liturgie lebensnäher gestaltet würde, dass antiquierte Vorstellungen aufgegeben würden, dafür heutige Erfahrungsbilder eingebracht und die Sprache grundlegend neu überdacht würde. Liturgie muss allen Spaß machen und nicht nur denen, die auch sonst gern ins Museum gehen. Was ich auch für unverzichtbar halte, ist, dass die christlichen Konfessionen nun endlich ihre gegenseitigen Abgrenzungen aufgeben und gemeinsam Zeugnis ablegen für das, was ihnen wichtig ist. Als wenn Jesus auch nur im Entferntesten die Spitzfindigkeiten gutheißen würde, an denen die Kirchen heute ihre Trennung festmachen. - Ich will es bei diesen Beispielen belassen.

    Der Priestermangel ist keine Erscheinung, die man isoliert betrachten kann, er ist Teil eines mangelhaften Erscheinungsbildes unserer heutigen Kirche. Das II. Vatikanische Konzil, von Papst Johannes XXIII. einberufen, hatte Impulse gegeben, um die Kirche fit für die Zukunft zu machen. Diese Impulse sind nicht wirklich aufgenommen worden. Das II. Vatikanum hat Weichen gestellt, die nachher nicht befahren worden sind. Heute droht die Zeit über uns hinweg zu gehen und die Kirche zu einer bedeutungslosen Sekte werden zu lassen - wenn nicht bald ein radikales Umdenken erfolgt.

    Amen

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    Lk 10,25-37: Wer ist mein Nächster? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium vom barmherzigen Samaritaner ist so anschaulich, so eindeutig, dass es sich eigentlich erübrigt, darüber viele Worte zu verlieren. Die Aufforderung am Ende "Geh und handle genau so!" schließt eine Fehlinterpretation aus. Daher nur ein paar Bemerkungen zur Aktualität dieses Themas für unser kirchliches und privates Handeln.

    1. Priester und Levit, die vorübergehen, sind Vertreter der jüdischenReligion - Religionsprofis gewissermaßen. Der Samaritaner dagegen ist einer, der keine Religionskompetenz hat. Er gilt als Ungläubiger. Ausgerechnet er bleibt stehen und hilft. Unseren Ohren wäre natürlich viel sympathischer, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre: wenn Priester und Levit geholfen hätten und der Ungläubige nicht; denn das entspräche eher unserer Art zu denken, weil wir Religion für so wichtig halten für die Hinwendung zum Nächsten. (Ist das nicht ein gängiges Argument für die Kindertaufe, dass aus dem Kind dann ein besserer Mensch wird, wenn es getauft ist als wenn es ungetauft aufwächst?) Die biblische Geschichte bestätigt unsere Denkweise jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Es kann einer das ganze Gesetz kennen - oder sagen wir die Religion. Er kann darin sogar promoviert haben und in der Gemeinschaft ein hohes Amt bekleiden, doch ist er damit noch kein sittlich handelnder Mensch. Die Geschichte schreibt uns Priestern ins Gewissen: verachte den Ungläubigen nicht; denn du kannst selber vielleicht von ihm lernen! Vielmehr sieh du zu, dass deine geglaubte Lehre mit deiner gelebten Praxis übereinstimmt!

    2. Religiöse Menschen sind oft versucht, nur der eigenen Sippe zu helfen oder den Schwestern und Brüdern der eigenen Glaubensgemeinschaft. Dafür gibt es im Alten Testament zahlreiche Beispiele, in der Geschichte der Kirche übrigens ähnlich. Die Liebe hört da auf, wo jemand religiös nicht dem eigenen Kreis angehört oder sich sogar als ungläubig bezeichnet. Jesus bricht diese Beschränkungen auf. Der Nächste, dem zu helfen ist, definiert sich von der Not her, nicht von der Nähe zur eigenen Weltanschauung.

    Zu diesen gern gemachten Beschränkungen gibt es ein aktuelles Beispiel: Sie kennen die Worte der Wandlung in der Messe. Da heißt es: "das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden". Im alten, vorkonziliaren lateinischen Messtext hieß es "pro multis, d.h. für die Vielen vergossen". "Für alle" oder "für die Vielen" ist ein Unterschied. "Alle" schließt niemanden aus, "die Vielen" hat aber Vorbehalte, meint, dass Christi Blut eben nicht für alle zur Vergebung der Sünden vergossen wird. Die Konzilsväter waren damals der Meinung, dass mit den Vielen eben alle Menschen gemeint seien. Und darum hat man den Text der Wandlung auch so formuliert. Inzwischen darf der alte lateinische Text wieder verwendet werden, und im deutschen Text soll auch diese beschränkende Formulierung "für die Vielen" wieder eingeführt werden. Unser Papst - selber nicht mehr neu - hat eben eine Vorliebe für das ganz Alte. Und so haben wir wieder ein bisschen mehr Heilsegoismus verankert. Auf demselben Hintergrund muss man die neueste römische Verlautbarung sehen, dass Protestanten nicht im eigentlichen Sinne Kirche wären.

    3. Und wo wir schon einmal bei den ökumenisch relevanten Fragen sind: vielleicht will Jesus mit dieser Erzählung den zerstrittenen Christen zeigen, was eigentlich die Einheit unter den Menschen ausmacht: es ist die größere Liebe, die größere Menschlichkeit und nicht die spitzfindigere Lehre. Und nun ziehen sie selber daraus die notwendigen Konsequenzen!

    Amen

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    Lk 11, 1-13: Bittet, dann wird euch gegeben!? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    das heutige Evangelium spricht in drei Schritten über das Gebet: Im ersten Angang antwortet Jesus auf die Bitte seiner Jünger, er möge sie beten lehren, mit dem Vaterunser, allerdings mit einer kürzeren Fassung als wir das Vaterunser gewöhnlich beten.
    Im zweiten Teil spricht Jesus über eine alltägliche Erfahrung unter befreundeten Nachbarn, wo einer den anderen zu einer Unzeit um eine Gefälligkeit bittet. Der so Gebetene wird helfen, wenn nicht aus Freundschaft, so doch wegen der Zudringlichkeit des Bittenden.
    Schließlich kommt der pragmatische Teil mit den Behauptungen, die keinen Widerspruch dulden: "Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet." - Diese Unterweisung über das Gebet will als ganze gelesen und verstanden werden.
    Was ist davon zu halten?
    Ich gehe mal davon aus, dass nur ein sehr kleiner Teil der hier anwesenden Kirchenbesucher eine wirklich positive Erfahrung mit dem Bittgebet gemacht hat. Mit positiver Erfahrung meine ich die Tatsache, dass einer der Überzeugung ist, dass sein Bittgebet erhört wurde, d.h. dass auf Grund seines Gebetes sich eine Situation grundlegend geändert hat. Der größere Teil mag die gegenteilige Erfahrung gemacht haben, dass nämlich sein Bittgebet nicht erhört worden ist. Und der Rest betet erst gar nicht, weil er Beten für zwecklos oder gar unsinnig hält. Wenn Sie jetzt wissen möchten, zu welchem Teil ich gehöre, dann kann ich nur sagen, dass mir alle Erfahrungen vertraut sind - Als Kind habe ich ganz fest daran geglaubt, dass das Gebet hilft vor allem wenn später eingetroffen war, worum ich gebetet hatte. Doch irgendwann habe ich mich gefragt, ob die Ereignisse ohne das Bittgebet vielleicht nicht auch so eingetreten wären. Ich bekam so meine Zweifel. Heute kann und will ich nicht mehr glauben, dass Gott den Lauf der Welt oder beispielsweise den Verlauf einer Krankheit umsteuert auf Grund eines Bittgebetes oder auch vieler Bittgebete. Der Glaube wäre mir zu naiv. Er ist nicht zu vereinbaren mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild und mit meinem Gottesbild, das ich heute habe.
    Also ist das Bittgebet überflüssig?
    Nein, keineswegs. Beten ist wie ein innerer Dialog, eine persönliche Auseinandersetzung mit allem Unerfüllten, mit allem Unzulänglichen und den Unzufriedenheiten, mit denen wir in dieser Welt herumlaufen. Oft möchten wir laut schreien, weil wir nicht wahrhaben wollen, was nun mal ist. Das ist eine Form von Realitätsverweigerung. Und plötzlich fangen wir an zu beten, damit die Dinge möglichst wie durch ein Wunder wieder den Verlauf nehmen, den wir für den besten halten. Da soll Gott zum Erfüllungsgehilfen unserer Weltsicht und unserer Lebensplanung werden. Vielleicht könnte er das, aber er tut es nicht. Solche Situationen oder besser: Erfahrungen sind für die Einen ein Grund noch mehr zu beten (nach dem Motto "Not lehrt beten"), für Andere ist das der Grund, warum sie fortan nicht mehr beten. Die Erfolglosigkeit lässt sie an allem zweifeln.
    Was ist die Funktion des Bittgebetes?
    Wenn wir dem Bittgebet die Funktion zuschreiben, dem Herrgott damit zu sagen, was jetzt richtig und wichtig ist und was er jetzt zu tun hat, dann spielen wir uns als seinen Arbeitgeber auf und stellen ihm anschließend vielleicht noch schlechte Noten aus. Das kann ja wohl nicht gemeint sein. Der Beter, der Gott um etwas bittet, muss immer auch selber bereit sein, an der Erfüllung der Bitte mitzuarbeiten. Diese Bereitschaft beflügelt nicht nur die Phantasie, wie ein Problem gelöst werden könnte, sondern setzt auch Kräfte frei, die einer Lösung im weitesten Sinn zuarbeiten. Vor allem wird dadurch die Überzeugung gestärkt, dass es eine Lösung geben muss und Lösung geben wird. Die Verwirklichung des Willens Gottes ist nicht nur Gottes Sache, sondern bedarf des Zusammenspiels mit Menschen, die eben als Christen, d.h. wie Christus handeln. Wer die Nicht-Erfüllung einer Gebetsbitte als Problem betrachtet, muss sich klar machen, dass er selber ein Teil dieses Problems ist. Um das mal an einem Beispiel zu erläutern: Wer für einen Kranken betet, Gott möge ihn wieder gesund machen, der müsste selber erst mal dafür sorgen, dass dem Kranken die bestmögliche medizinische Versorgung zuteil wird. Wer um den Frieden in der Welt betet, muss zuerst selber mal im Kleinen am Frieden in seiner eigenen Umgebung arbeiten. Wer als Vater oder Mutter darum betet, dass sich die Kinder besser benehmen, der sollte erst selber mal damit anfangen, sich den Kindern gegenüber fair und anständig und höflich zu benehmen. Der Beter ist nicht nur Empfänger göttlicher Gaben, sondern Partner Gottes. In dieser Rolle wird der Beter vielleicht zurückhaltender in seinen Wünschen und realistischer in dem, was zu erwarten sinnvoll ist.
    Ich bin mir bewusst, dass mit diesen Gedanken das unendliche Thema noch lange nicht erledigt ist, aber vielleicht helfen uns diese Aspekte, auf die ich hingewiesen habe, zu einer positiveren Einstellung zum Bittgebet. Schön wär´s.

    Amen

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    Lk 14, 1.7-14: Seid bescheiden und großzügig zugleich! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, ist deutlich zweigeteilt. Im ersten Teil mahnt Jesus: Gäste, die zu einer Hochzeit eingeladen sind, sollen nicht gleich die besten, die ersten Plätze einnehmen, sondern die letzten. Der Gastgeber könne dann immer noch sagen: Rücke auf! Dem bescheidenen Gast würde das zur Ehre gereichen. Jesus hatte nämlich beobachtet, wie die Gäste bei einem Essen, gleich die Ehrenplätze einnahmen. Was Jesus anmahnt, ist gewissermaßen eine Regel des guten Benimms bei Tisch. So etwas wird auch heute noch Kindern vermittelt in Familien, wo Wert auf Etikette gelegt wird. - Natürlich geht es Jesus nicht um Tischsitten, sondern er nimmt das schlechte Vorbild zum Anlass, um schlicht Bescheidenheit anzumahnen, die dann irgendwann belohnt werden oder sich auszahlen könnte. Bescheidenheit ist eine christliche Grundhaltung, übrigens nicht von Jesus erfunden, sondern in der ganzen Heiligen Schrift bezeugt. So etwa in den Seligpreisungen der Bergpredigt oder im Magnificat ("Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen; die Hungrigen beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen"). Im Alten Testament gibt es ähnliche Aussagen.

    Im zweiten Teil ändert Jesus den Adressaten seiner Rede, er spricht den Gastgeber an. Offensichtlich war es schon damals so, wie es noch heute üblich ist: wer zum Essen einlädt, erwartet eine Gegeneinladung, und wer eingeladen worden ist, fühlt sich verpflichtet, ebenfalls wieder einzuladen. So wird der Kreis schön konstant gehalten und man bleibt unter sich. Jesus dagegen fordert den Gastgeber auf, an Stelle der üblichen Gäste (Freunde, Verwandte, reiche Nachbarn) lieber Arme, Krüppel, Lahme und Blinde einzuladen. Die sind zwar nicht in der Lage, eine Gegeneinladung zu machen, aber der Gastgeber wird für diese Geste am Ende der Tage belohnt werden. Oder - wer das Bild von der ewigen Vergeltung nicht mag, dem soll es genügen, dass die letztere Einladungspraxis okay ist. - Wenn man die in den beiden Abschnitten von Jesus eingeforderten Haltungen auf einen kurzen Nenner bringen will, dann könnte man zusammenfassend sagen: Seid bescheiden und seid großzügig zugleich!

    Bis jetzt habe ich die Worte des Evangeliums mehr oder weniger nacherzählt und dabei präzisiert. Das ist noch keine Auslegung, keine Aktualisierung für unsere Lebenszusammenhänge heute. Gewöhnlich geschieht das, indem der große Lebensentwurf Jesu dann in kleine Münze gewechselt wird und dem treuen Kirchenbesucher ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Sie wissen längst, dass das nicht meine Art zu predigen ist. Für mich ist vielmehr die Frage, ob die Kirche insgesamt als konstitutive gesellschaftliche Größe den Willen Jesu klar lehrt und glaubwürdig lebt. Immerhin beansprucht die oberste Leitung der Kirche, in allen Fragen des Glaubens und der Sitte unfehlbar zu sein. Dazu nun einige Beispiele, die zu denken geben.

    1. Beispiel. Jesus sagt uns allen, die wir eingeladen sind ins Reich Gottes:
    Setz dich auf den letzten Platz! Und was tun wir? Wir bezeichnen unsere heilige, katholische Kirche als die einzig wahre und setzen uns damit auf den ersten Platz. Und um allen klar zu machen, dass wir und nur wir Katholiken dahin gehören, bezeichnen wir alle anderen Christen als "nicht im eigentlichen Sinne Kirche". Damit verweisen wir sie auf die vorletzten Plätze - als wären sie Christen zweiter Klasse. Ich empfinde das als arrogant, und nicht nur ich. - Als neulich der Dalai Lama in Hamburg zu einem buddhistischen Kongress erschien, haben ihn Tausende begeistert gefeiert und seiner Botschaft gelauscht. Als dann noch die Presse von einer Umfrage berichtete, dass der Dalai Lama in der deutschen Bevölkerung beliebter sei als der Papst, wurden in den Ordinariaten die besten Hoftheologen bemüht, gegen diese Überbewertung des buddhistischen Vertreters zu schreiben. Die Angst ging um, der erste Platz sei in Gefahr.

    2. Beispiel. Jesus sagt uns allen, wir sollen großzügig sein und mit
    unseren Einladungen nicht unter uns bleiben. Und was machen wir? Wir halten uns bei der Eucharistiefeier alle auf Abstand, die nicht katholisch sind. Nach dem Glauben wird nicht gefragt, nach dem inneren Bedürfnis und der geistlichen Bedürftigkeit wird nicht gefragt, einzig nach dem kirchenrechtlichen Status. Großzügig den Menschen gegenüber ist das nicht. Und Priester, die sich diesem Kleinglauben nicht unterordnen, sondern die Großzügigkeit Jesu praktizieren, werden suspendiert. - In diesem Zusammenhang darf man auch mal an die Posse erinnern, die letztlich durch die Presse ging. In einer Koblenzer Pfarrei wurde der Pfarrsaal für die Feier des 60. Geburtstages der evangelischen Ehefrau eines katholischen Pfarrangehörigen nicht vermietet, weil laut Satzung der Pfarrsaal nur an katholische Pfarrangehörige vermietet werden darf. Da hat die Großzügigkeit Jesu, die Arme, Krüppel, Lahme und Blinde einbindet, nicht Pate gestanden.

    Kirchliches Lehren und Handeln sind Ausweis dafür, wie wir Nachfolge Christi verstehen, sind Zeugnis in der Welt, nach dem wir beurteilt werden. Ebenso sind natürlich auch unsere eigene Bescheidenheit und Großzügigkeit im Umgang mit den Menschen Ausweis unserer christlichen Reife. Manche Praxis in der Kirche und auch in der einzelnen Kirchengemeinde und selbstverständlich auch in unserem privaten Handeln ist durch Jesu Wort und Geist nicht gedeckt.

    Amen

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    Lk 14,25-33: Wie radikal ist eigentlich Nachfolge? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Wir haben einen Text gehört, der es in sich hat.

    Die Sprache

    Die Sprache ist ein Aufruf zur Radikalisierung. Es ist von Gering-Achten die Rede, so hat die Einheitsübersetzung bereits das griechische Wort für Hass entgiftet. Wörtlich übersetzt würde man lesen: "Wenn einer zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben hasst, kann nicht mein Jünger sein". Ist das Hass-Predigt? Und weiter: "Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein." Die Sprache signalisiert, dass die Nachfolge Lebensgefahr bedeutet; mehr noch: den sicheren Tod. Und dann folgt zuletzt das Bild vom Krieg. Jünger-sein ist Krieg. Wer dazu nicht bereit ist, kann nicht mein Jünger sein.

    Ich bin ehrlich: ich habe diesen Text in der Vergangenheit schon oft gelesen, ohne mir klar zu machen, wieviel Sprengstoff (!) er enthalten kann. Erst nach den vielen Selbstmordattentaten der vergangenen Monate hat die Sprache mich aufgeweckt.

    Der Inhalt.

    Jesus-Nachfolge ist buchstäblich lebensgefährlich. Warum? Weil sie aggressiv alle Bindungen kappt und kalkuliert Krieg führt. - Sie werden sagen: Das ist doch alles nicht so gemeint. Ich sage dagegen: Was ich nicht so meine, sage ich auch nicht so. Vor fünfzig Jahren, als ich junger Kaplan war, hat jeder den Islam als eine zu vernachlässigende Größe betrachtet. Keiner hätte damit gerechnet, dass der Islam so schnell wachsen würde, dass er uns so nahe kommen würde und dass es zu solchen Radikalisierungen kommen könnte. Und während ich darüber nachdenke, mache ich die Entdeckung, dass es in der Bibel ebenfalls Tendenzen gibt, die man auch anders verstehen kann. Früher habe ich gedacht, wenn doch die Christen ein bisschen radikaler und konsequenter ihren Glauben leben würden, dann sähe es besser aus in der Welt. Das mit der Radikalität würde ich heute nicht mehr so sagen.

    Die Gefahr

    Ich sehe in der Sprache, die wir im heutigen Evangelium gehört haben, kein geeignetes Mittel, das Evangelium sympathisch rüber zu bringen. Ich habe mal im Internet nachgeschaut, wie andere Pastöre über dieses Evangelium gepredigt haben. In einer Predigt waren die Hauptinhalte wie folgt überschrieben: "1. Wer in der Nähe Jesu sein und bleiben will, muss sich befreien lassen von hindernden Bindungen. 2. Wer in der Nähe Jesu sein und bleiben will, muss Bereitschaft zum Leiden mitbringen. 3. Wer in der Nähe Jesu sein und bleiben will, muss die Fähigkeit haben, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren." Das ist natürlich weichgespültes Evangelium. Zur Zeit sehe ich bei uns zwar keine Tendenz zur Radikalisierung junger Christen, die sich und andere in Selbstmordattentaten in die Luft sprengen. Aber das war ja auch im Islam früher nicht so und ist ja auch keineswegs kennzeichnend für den Islam insgesamt. Es sind wenige, die sich zu solchen Attentaten hinreißen lassen, aber sie machen von sich Reden. Religion hat - leider - immer auch ein Potential an Gewalt. Da macht das Christentum keine Ausnahme. Und da muss man wohl immer ein kritisches Auge drauf werfen.

    Amen

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    Lk 15, 1-3. 11-32: Vom Haus mit den offenen Türen Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Wir kennen die Geschichte, die ich gerade vorgelesen habe, seit Kindestagen. Wir nennen sie das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Damit stellen wir von vorneherein den Fokus auf den egoistischen Sohn, der aus dem Elternhaus auszieht. Man könnte die Geschichte aber auch als Gleichnis vom heimkehrenden Sohn bezeichnen. Das wäre dann ein anderer Aspekt, ein eher hoffnungsvoller. Schließlich könnte man aber auch den Vater in den Mittelpunkt des Interesses stellen, der die Türen offen hält. Dann würde man die Geschichte als Gleichnis von den offenen Türen bezeichnen. Diesen dritten Aspekt will ich heute aufgreifen.
    Das Bild von der geöffneten Tür ist ein Symbol für Gastfreundschaft. Wer auf Wanderschaft oder Pilgerschaft ist, freut sich über jede offene Tür, die zum Ausruhen oder Verweilen einlädt. Wer auf Wanderschaft oder Pilgerschaft geht, tut das ganz freiwillig, nicht aus Angst oder Furcht. Heute gibt es aber viele Menschen, die fliehen, weil ihr Leben bedroht ist. Weltweit gibt es über 60 Millionen Flüchtlinge, die Hälfte davon sind Kinder - so die ZEIT in einem Artikel im vergangenen Jahr. Wer auf der Flucht ist, sucht eine Zuflucht, wo er bleiben kann - für eine Zeit oder für immer. Im vergangenen Jahr sind gut eine Million Menschen in die EU gekommen in der Hoffnung, dass sie hier Zuflucht finden. Deutschland hat die Grenzen offen gehalten und tut das auch weiterhin. In der ganzen Welt ist das beispielhaft. Vorbildlich ist auch die Hilfe, die viele Menschen in unserem Land den Flüchtlingen angedeihen lassen. Wenn alle anpacken, kann Vieles geleistet werden.
    Zurück zum Gleichnis vom Vater, der die Tür seines Hauses offen hält und nicht verschließt. Er ist unendlich gutmütig, aber er hat nicht alle auf seiner Seite. Der älteste Sohn, der immer treu und brav seiner Arbeit nachgegangen ist, kann nicht verstehen, dass sein Vater so nachsichtig ist mit dem jüngeren Sohn, der heimkehrt, nachdem er in der Fremde gescheitert ist. Der ältere Bruder ist und bleibt unversöhnlich. Er hält sich fern von dem Fest, das seines jüngeren Bruders wegen gefeiert wird. - Ich verstehe, dass auch heute nicht alle Menschen damit einverstanden sind, dass Deutschland die Türen offen hält. Die Vorstellung, 60 Millionen Menschen könnten sich auf den Weg nach Deutschland machen, ist so bedrückend wie sie unrealistisch ist. Doch wenn man vor einem Problem steht, dann darf man es nicht ins Unendliche multiplizieren, um sich vor dem zu drücken, was man im Augenblick leisten kann. Was mir Sorgen macht, ist die Tatsache, dass in den Bundesländern, in denen jetzt Landtagswahl ist, plötzlich die Parteien, die sich als christlich bezeichnen, ihre Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft verstecken und mit den Argumenten des Abschottens auf Wählerfang gehen. Was da an Scheinlösungen propagiert wird, ist kein einziger praktikabler Vorschlag, der zur Lösung des Problems beitragen würde. Wenn ein so großer Flüchtlingsstrom auf uns zukommt, wie wir es im letzten Jahr erlebt haben, dann ist das eine nationale Herausforderung, die nur mit vereinten Kräften bewältigt werden kann. Eigentlich sollten wir stolz sein auf das, was wir bisher geschafft haben. Offene Türen sollten für Menschen, die um ihr Leben rennen, eigentlich selbstverständlich sein. Das Boot ist noch lange nicht voll.

    Amen

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    Lk 15, 1-3. 11-32: Die ärgerliche Liebe des Vaters Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium ist uns seit Kindestagen bekannt als das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Es ist uns so vertraut und geläufig, dass wir die Problematik der Liebe und Barmherzigkeit des Vaters gar nicht mehr wahrnehmen. Und meist wird das Ärgernis, das der ältere Sohn nimmt, ganz ausgeblendet.

    Was sagt das Gleichnis?
    Am Anfang steht der Wahnsinn des jüngeren Sohnes. Er fordert vom Vater das Geld, was ihm angeblich zusteht, und zieht in die Welt. Er vergeudet das Geld wie auch immer bis nichts mehr da ist. Dann denkt er an den Vater, bei dem es die Tagelöhner viel besser haben als er, der Sohn in der Fremde. Nicht die Einsicht in seine Schuld lässt ihn umkehren, sondern die Aussicht auf ein besseres Leben daheim. Gewissermaßen als Türöffner soll der Satz dienen: "Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner." Ein Schlitzohr ohne gleichen.

    Doch in grenzenloser Liebe geht der Vater dem Sohn entgegen, umarmt und küsst ihn, und erst dann sagt der Sohn seinen Spruch auf, den er sich vorher zurecht gelegt hat. Doch der Vater will keine Erklärung, keine Entschuldigung. In der Freude über die Heimkehr seines Sohnes lässt er gleich ein großes Fest vorbereiten. Alles Frühere ist vergeben und vergessen.

    Der ältere Sohn, der von der Feldarbeit heimkommt und sieht, was sich da abspielt, ärgert sich maßlos. Hatte er jemals für seine Treue, seinen Fleiß, für seine Beständigkeit und Pflichterfüllung ein Fest ausgerichtet bekommen? Der Vorwurf trifft: "Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet."

    Schön an der Geschichte ist, dass der, der sich im Leben verfehlt hat, nicht für immer verstoßen wird, sondern bei Gott (und so soll es ja auch unter den Menschen sein) eine Chance behält.

    Eine ärgerliche Praxis in der Kirche
    Eine ganz andere Färbung erhält diese Geschichte jedoch, wenn man mit ihr die frühere kirchliche Praxis rechtfertigen will in Sachen Kindesmissbrauch durch Priester oder andere kirchliche Bedienstete. Praxis war, dass die Täter, wenn sie einsichtig waren, relativ glimpflich davon kamen. Sie wurden versetzt, die Tat wurde totgeschwiegen und damit der Verfolgung durch die Justizbehörden entzogen. Noch schlimmer: die Opfer wurden unter Androhung der Exkommunikation dazu verpflichtet, auf immer über das Geschehene zu schweigen.

    Ist diese Praxis durch das Gleichnis vom barmherzigen Vater gedeckt? Keineswegs! Denn in dieser Geschichte gibt es eigentlich kein Opfer, und darum wird die Frage nach dem Opfer im Gleichnis auch nicht verhandelt. Aber zwei Kapitel weiter findet Lukas im Hinblick auf Kindesmissbrauch sehr deutliche Worte: "Es ist unvermeidlich, dass Verführungen kommen. Aber wehe dem, der sie verschuldet. Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er einen von diesen Kleinen verführt. Seht euch vor!" (17,1-3a). Das sind harte Worte. Sie zeigen, wie wichtig Jesus der Schutz der Kinder ist.

    Im Nachhinein müssen wir feststellen, dass die kirchliche Praxis in Sachen Kindesmissbrauch falsch, ja fatal war. Hier hat die Kirche schwere Schuld auf sich geladen, nicht nur durch ihre Täter, sondern auch durch die Obrigkeiten im Umgang mit Tätern und Opfern. Hier gibt es vieles aufzuarbeiten und wieder gutzumachen. Wir haben allen Grund, jenen Kräften innerhalb und außerhalb der Kirche dankbar zu sein, die durch ihren Druck auf die Hierarchie dazu beigetragen haben, dass jetzt endlich ein Sinneswandel eingetreten ist. Der Schutz der Opfer muss höher stehen als der allzu gnädige Umgang mit den Tätern. Die müssen zur Rechenschaft gezogen werden für das, was sie getan haben; und die Opfer haben ein Recht auf Hilfe in ihrer psychischen Beschädigung wie auch ein Recht auf Wiedergutmachung.

    Auf das Gleichnis vom barmherzigen Vater bezogen darf man wohl feststellen: so Unrecht hat der ältere Sohn nicht, wenn er dem Fest der Versöhnung fern bleibt. Es ist immer schwer, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammen zu bringen. Und doch gehören sie zusammen: für die Kirche und genau so für die Gesellschaft, die human sein will.

    Amen

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    Lk 16, 19-31: Reichtum verpflichtet Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Unter den Evangelisten ist Lukas der große Geschichtenerzähler. Natürlich erzählt er so, wie man damals die Welt und das Jenseits verstand. Das wird auch in der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus deutlich. Einige Beispiele sollen zeigen, was ich meine.

    Beispiele antiquierter Vorstellungen.
    Zum Beispiel ist es eine selbstverständliche Überzeugung in der damaligen Zeit, dass es nach dem Tod eine ewige Vergeltung gibt. Diese Vorstellung teilen heute nicht mehr alle Gläubigen. - Zum Beispiel ist von einer Unterwelt bzw. Hölle die Rede, wo Feuer vermutet wird. Der Reiche leidet Feuerqualen, während der arme Lazarus von Engeln in den Schoß Abrahams getragen wird. Lazarus wird übrigens nicht wegen guter Werke belohnt, sondern allein wegen seiner Armut und Verachtung. - Zum Beispiel findet eine Zwiesprache zwischen dem reichen Mann und Abraham statt, als würde sie im Hier und Heute stattfinden. Die Jahrhunderte, die dazwischen liegen, spielen offensichtlich keine Rolle.

    Solche Ungereimtheiten dürfen uns nicht den Blick verstellen für die eigentliche Botschaft, die Lukas mitteilen will. Dennoch ist es nicht ganz leicht festzulegen, was denn die beabsichtigte Aussage ist. Zwei Dinge können wir ausschließen: die Geschichte ist keine Trostbotschaft für Arme, die auf die Ewigkeit vertröstet werden sollen. Und es ist auch keine Drohbotschaft für Reiche schlechthin. Denn Reichtum ist nichts Böses. Er kann - wie die Geschichte zeigt - zu einem verfehlten Leben führen, kann aber auch eine große Chance sein. Letzteres hat Lukas übrigens in seiner Erzählung vom barmherzigen Samariter gezeigt.

    Die eigentliche Botschaft
    Die eigentliche Botschaft dieses Textes lautet etwa so: Der Reiche hat immer eine soziale Verantwortung dem Armen gegenüber. Man kann es auch kürzer ausdrücken: Reichtum verpflichtet.

    Wenn dieser Aspekt der entscheidende ist, dann hat ihn Lukas in eine spannende Geschichte verpackt, eben auch mit den zeitbedingten Vorstellungen von der ewigen Vergeltung, den Dialogen im Jenseits und all den Dingen, die wir heute nicht mehr so nachvollziehen können. Lukas will seine Hörer bzw. Leser fesseln, er will sie wachrütteln und sie zur Sinnesänderung führen. Gerade Lukas verliert die Armen nie aus dem Auge. Immer wieder greift er das ewig aktuelle Problem von Arm und Reich auf und appelliert an die Verantwortung der Reichen für die Armen.

    Spätestens an dieser Stelle merken wir auch selber, was wir falsch machen; denn die Mehrzahl der hiesigen Christen sind Reiche und nicht Arme. Wir unterscheiden uns eher im Grad des Reichtums denn als Reiche und Arme. Und wenn wir uns mal selber kritisch beobachten, wie wir mit unserem Reichtum umgehen, dann ist das manchmal beschämend. Ständig können wir uns dabei ertappen, wie einer vor dem Anderen mehr zu haben vorgibt als er in Wirklichkeit hat. Es ist wohl die ständige Versuchung des Reichtums, mit ihm zu protzen, anzugeben und andere zu erniedrigen. Der Reiche braucht anscheinend den Neid der Anderen.

    Eine christliche Botschaft?
    Was Lukas da erzählt, ist das eigentlich eine christliche Botschaft? Auf jeden Fall beruft er sich nicht auf ein Wort oder auf eine Anweisung Jesu. Die Geschichte scheint übrigens viele hundert Jahre älter zu sein als das Christentum, sie stammt wahrscheinlich aus Ägypten. Trotzdem greift Lukas sie auf, um den Geist Jesu zu aktualisieren. Es ist wohl eine Spezialität des Lukas, in Alltagssituationen aufzuzeigen, wie verantwortungsvolles Handeln aussieht. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist das große Vorbild (weit größer als die Priester und die Leviten) der einfache Mann aus Samarien, dessen Glaube von den Juden sogar als Irrglaube disqualifiziert wird.

    Vielleicht will Lukas auch sagen, dass eigentlich jeder weiß, was sich gehört, wenn er nur auf die innere Stimme des Guten hört. In einer Multi-Kulti-Gesellschaft, wie wir sie heute hier erleben, werden wir uns ohnehin auf gemeinsame Normen und ethische Standards einigen müssen, um überhaupt zusammen leben zu können. Da wird es uns nicht gelingen, ständig auf die Normen christlicher Moral zu verweisen, um die Anderen auf Vordermann zu bringen. Eigentlich zeigt Lukas, dass das möglich ist. Man muss nur das Gute wahrnehmen und anerkennen, was Menschen anderen Glaubens oder anderer Weltanschauungen tun. Der theoretische Glaube allein macht noch keinen zu einem guten Menschen.

    Amen

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    Lk 16, 19-31: Lazarus, Franziskus und der liebe Gott Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Meine Predigt hat eine Überschrift: Lazarus, Franziskus und der liebe Gott. Lazarus ist im heutigen Evangelium die Hauptperson. Er hat einen Namen, der reiche Mann hat keinen. Lazarus heißt übersetzt: Gott hilft. - Franziskus ist seit einem halben Jahr unser neuer Papst. Er hilft uns zur Zeit dabei, Lazarus neu zu entdecken. - Und was das alles mit dem lieben Gott zu tun hat, wird sich am Ende noch herausstellen.

    Lazarus.
    Zunächst ein paar Worte zu Lazarus. Das Wichtigste an ihm ist, dass es ihn gibt. Es gibt ihn nicht in einem Exemplar, sondern es gibt ihn milliardenfach in dieser Welt, und zu jeder Zeit der Geschichte der Menschheit hat es ihn immer millionen- oder milliardenfach gegeben. Übrigens scheint die biblische Erzählung vom armen Lazarus älter zu sein als die Bibel. Möglicherweise hat Lukas eine alte ägyptische Erzählung aufgegriffen, um das Anliegen Jesu drastisch ins Bild zu setzen. Lukas war nämlich ein begabter Geschichtenerzähler. Lazarus, der am Ende seines Lebens von Engeln in Abrahams Schoß getragen wird, hat eigentlich gar nichts aufzuweisen: weder gute Werke, noch einen starken Glauben, noch irgendwelche Verdienste. Er ist einfach der Typ Mensch, den wir als Verlierer bezeichnen - oder auch als Armen, als Leidenden, als Kranken, Hungernden oder wie auch immer. Er ist dafür da, dass sich an ihm die Frömmigkeit, Gläubigkeit oder das oft feierlich beschworene Sozialverhalten anderer Menschen als echt oder unecht oder gar als verlogen herausstellt. - Gut, einen hat Lazarus auf seiner Seite: den lieben Gott. Der lässt ihn abholen in den Himmel. Da geht es ihm am Ende gut - auf alle Fälle.

    Franziskus.
    Und nun möchte ich etwas sagen zu Franziskus, unserem neuen Papst. Der kommt ja aus einer Gegend, wo es besonders viele Lazarusse gibt. Das für uns Neue und Bedeutsame ist, dass er diese Lazarusse in seinem Land immer schon wahrgenommen hat, dass er sich von seiner Namensgebung als Papst Franziskus mit den Lazarussen verbunden fühlt und dass er uns die Augen dafür öffnet, dass es auch bei uns Lazarusse vor der Haustüre gibt. Ich sag Ihnen jetzt mal, was er den Oberen der amerikanischen Ordensfrauen im letzten Juni gesagt hat: "Habt Mut, schlagt neue Richtungen ein! Fürchtet euch nicht vor den Risiken, wenn ihr auf die Armen und die Menschen zugeht, die gerade beginnen, im Kontinent ihre Stimmen zu erheben. Reißt die Türen auf! Ihr werdet Fehler machen, ihr werdet anderen auf die Füße treten. Das passiert. Vielleicht wird sogar ein Brief der Glaubendkongregation bei euch eintreffen, in dem es heißt, dass ihr dies oder jenes gesagt hättet. Macht euch darüber keine Sorgen. Erklärt, was ihr meint erklären zu müssen, aber macht weiter. Macht die Türen auf. Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist. Mir ist eine Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut, als eine Kirche, die krank wird, weil sie sich nur um sich selbst dreht." - Sind das nicht starke Worte?
    Papst Franziskus hat im August den Chefredakteuren der internationalen Jesuitenzeitschriften ein Interview gegeben. Darin sagt er: "Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen - Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss die Wunden heilen." - Ich füge frecherweise hinzu: vielleicht hat die Kirche selber in der Vergangenheit auf diesem Schlachtfeld Unheil angerichtet.
    Der Papst hat den Schutz der Armen und Bedürftigen zum Kernthema seines Pontifikates gemacht. Für seine erste Reise als Papst wählte er die italienische Insel Lampedusa vor Sizilien, die Abertausende Flüchtlinge aus Nordafrika als Tor nach Europa ansteuern. Bei einem Besuch des Flüchtlingszentrums der Jesuiten in Rom forderte der Papst, die Ordensgemeinschaften sollten ihre leer stehenden Klöster "nicht in Hotels umwandeln und damit Geld verdienen", sondern Flüchtlinge aufnehmen. "Die leer stehenden Klöster gehören nicht uns, sie sind für das Fleisch Christi da, und das sind die Flüchtlinge." - Man beachte: der Papst selektiert nicht nach Religion oder Konfession, sondern nach der Bedürftigkeit der Menschen. Außerdem appelliert er nicht an irgendwelche öffentlichen Hände oder Einrichtungen, sondern an Ordensbrüder und an alle Christen.

    Der liebe Gott.
    Und was hat der liebe Gott damit zu tun? Ihm bin ich von Herzen dankbar für diesen Papst. Durch ihn ist plötzlich die praktische Nächstenliebe wieder ins Zentrum kirchlich bedeutsamer Werte gerückt. Nicht mehr die Spitzfindigkeiten christlicher Moral, nicht mehr die Ästhetik liturgischer Spielchen, nicht einmal scharfsinnige Abgrenzungen in Glaubensfragen beherrschen den öffentlichen Diskurs in der Kirche, sondern die Heilung der Wunden - übrigens auch der seelischen Wunden, die aus einer rigorosen und herzlosen Moral der Kirche selber stammen. Aus jedem armen, leidenden, gequälten Menschen schaut uns das geschundene Antlitz Jesu an. Darum macht die Türen und Eure Herzen weit auf und lasst Euch von der Not der Menschen anrühren! Das ist gelebter Glaube.

    Amen

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    Lk 17, 5-17: Herr, stärke unseren Glauben! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der heutige Evangelientext ist deutlich zweigeteilt: da ist zunächst die Bitte der Apostel an Jesus: Stärke unseren Glauben! (V.5 und 6). Dann folgt die Rede vom unnützen Sklaven (V. 7-10). Beide Texte bilden in sich eine Einheit, sind aber nicht innerlich miteinander verbunden. Es handelt sich um Sinnsprüche ohne Angaben von Ort, Zeit und Umständen der Entstehung. Daher will ich zu den beiden Sprüchen einige kurze Anmerkungen machen, die mir beim Lesen in den Sinn gekommen sind.

    1. Stärke unseren Glauben!
    Diese Bitte scheint zu allen Zeiten aktuell gewesen zu sein, selbst zu neutestamentlichen Zeiten schon. Wie gesagt, ein besonderer Anlass wird nicht erwähnt, warum die Apostel um die Stärkung ihres Glaubens bitten. Aber sie werden ihre Gründe dafür gehabt haben. Umso mehr mögen wir darüber nachdenken, warum diese Bitte heute wohl sinnvoll ist.

    Wenn ich die Zeichen der Zeit richtig deute, sind in den letzten fünfzig Jahren die Menschen nicht ungläubiger geworden, aber sie haben große Probleme mit der Kirche. Nach einem euphorischen Aufbruch der Kirche in die Moderne durch das II. Vatikanische Konzil, das Papst Johannes XXIII. einberufen hatte, kamen schon bald die mehr oder weniger ängstlichen Bedenkenträger auf den Stuhl Petri. Die Weichen, die das Konzil gestellt hatte, wurden nicht befahren, die lang ersehnten Freiheiten für Theologie und Pastoral wurden wieder reglementiert. Die Konservativen stoppten die ökumenische Arbeit, der Reformstau nahm insgesamt zu.

    Das gegenwärtige Bild der Kirche ist traurig. Viele Menschen haben sich von der Kirche abgewandt - selten aus Unglauben, die meisten aus Enttäuschung. Reformunwillig, wie die Kirche sich gibt, versucht man sich auf konservative Weise gesund zu schrumpfen. Das Ergebnis ist ein Desaster: Gemeinden werden zusammengelegt oder platt gemacht, personale Seelsorge wird immer seltener, Ansprüche von Seiten der Gemeinden werden in Schranken gewiesen. Die Verkündigung hat Fast-Food-Charakter; denn das Internet bietet Predigten light. Dabei würde die Zulassung von verheirateten Männern und Frauen ins Priesteramt die schlimmste Not beheben. Hinzu kommen die Missbrauchsfälle, die in den letzten Monaten aufgedeckt wurden. Sie liegen teils Jahrzehnte zurück. Aber sie belasten die Kirche sehr.

    Da hab ich selber schon manchmal gebetet: Herr, stärke meinen Glauben! Und so ähnlich geht es wohl vielen.

    2. Die Rede vom unnützen Knecht
    Das aufgeklärte Menschenbild des 21. Jahrhunderts und unser - auch christlich begründetes - soziales Empfinden verbietet es eigentlich, heute noch vom unnützen Sklaven zu sprechen, egal in welchem Zusammenhang. Wenn ich dieser Rede heute dennoch einen Sinn unterlegen will, kann ich es nur aus dem Selbstverständnis Jesu herleiten. Dann ist Jesus derjenige, der den Menschen dient, ohne daran zu verdienen. Er wäscht den Aposteln nicht den Kopf, sondern die Füße. Und diese Haltung erwartet er auch von denen, die in seine Nachfolge treten. Sein wie Jesus, heißt dann das Motto. Unnütz würde ich das allerdings nicht nennen.

    Manchmal muss man eben auch die Sprache der Bibel und die Bilder, die sie gebraucht, zurechtrücken. Denn die Zeiten ändern sich, und die altertümliche Redeweise bedarf der Korrektur, damit die Frohbotschaft auch heute noch als frohe rüberkommt.

    Amen

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    Lk 18, 1-8: Betet allezeit! - aber wie? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Lassen Sie mich den Evangelientext noch einmal kurz rekapitulieren. Am Anfang steht die allgemein gehaltene Aufforderung Jesu an seine Jünger, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollen. - Dann folgt eine Geschichte, die man als Kurzkatechese über das Bittgebet bezeichnen könnte. Eine Witwe fordert von einem Richter immer wieder: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Der Richter denkt gar nicht daran; denn er wird als gottlos und rücksichtslos gegen Menschen geschildert. Allein die Nachdrücklichkeit und Frechheit der Frau erweicht den Richter zu handeln, damit er endlich seine Ruhe kriegt. So ähnlich versteht Lukas das Bittgebet. Man muss Gott nerven, damit er tut, was wir erbitten. - Kein Wunder, dass an diese Kurzkatechese die skeptische Frage angehängt wird: Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben finden?

    Traditionelles Gebetsverständnis
    In der Tat wird heute noch Bittgebet weitgehend so verstanden. Das läuft genau nach dem Muster ab, wie es der Evangelientext vorgibt: Man muss nur eindringlich genug und anhaltend beten, dann greift Gott, der ja allmächtig ist, in unser Tagesgeschehen ein und erhört eben unsere Bitten. Und Gott, der nicht nur allmächtig ist sondern auch gut, lässt sich von unserem frommen Gebet schneller zum Handeln bewegen als der miese Richter von der Witwe in der Geschichte.

    Sie werden zu Recht sagen: So einfach ist das nicht mit dem Gebet. Denn dass ein Gebet nicht erhört wird, stellt sich öfter ein als die Erhörung eines Gebetes. Und - Hand aufs Herz - was Sie als Gebetserhörung betrachten, das können Sie für sich glauben, beweisen können Sie das anderen nicht.

    Manche Fromme sagen allerdings, man müsse wie im Vaterunser vorgegeben beten: "Herr, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden." Gemeint ist also, man müsse das, was geschieht, annehmen und darin den Willen Gottes sehen. Wer so argumentiert gibt natürlich von vorneherein auf, das Eingreifen Gottes durch das Gebet zu lenken. Wer aber sowieso nimmt, was kommt, ohne eigene Wünsche anzumelden, hat im Grunde das Bittgebet schon aufgegeben. (Das entspricht dann in etwa dem kölschen Grundsatz: "Et is wie et is. Et kütt wie et kütt. Un et hätt noh immer god gegange." )

    Einwände gegen das traditionelle Bittgebet
    Ich kenne ernsthafte Menschen, die der Kirche treu verbunden sind, die aber trotzdem ihre Schwierigkeiten haben mit dem Bittgebet. Die Vorstellung von einem Gott, der auf Grund einer Gebetsbitte das komplizierte Gefüge der Naturgesetze durchbricht um zu helfen oder zu strafen, ist ihnen längst nicht mehr nachvollziehbar. Die Naturwissenschaftler, die das Entstehen der Materie und des Alls erforschen, sagen heute, dass der Anfang des Alls allein durch die Existenz der Naturgesetze erklärt werden kann, und zwar ohne einen uranfänglichen Anstoß, also ohne einen sog. Schöpfungsakt. Und da soll ein Gebet alles aus den Angeln heben? Unwahrscheinlich!

    Verstehen Sie mich nicht falsch: ich will kein Prediger des Unglaubens sein und bin es nicht. Ich nehme nur die Schwierigkeiten wahr, die jene haben, die naturwissenschaftlich auf dem Laufenden sind. Die wollen ja auch keine Atheisten sein oder werden, sondern sie mahnen den Dialog mit ihrer Kirche an über Fragen, auf die die alten Antworten nicht mehr überzeugen. Wenn ich darauf sagen würde: "das muss man eben glauben" , dann käme das einer Dialogverweigerung gleich. Ich bin sogar davon überzeugt, dass auch dem Einen oder der Anderen von Ihnen solche Fragen nicht fremd sind. Sie haben sie möglicherweise aber verdrängt, weil die Konsequenzen unübersehbar werden könnten. Das in Kindertagen erlernte Glaubenswissen muss aber ab und zu einer Revision unterzogen werden. Oder um es in der Computersprache zu sagen: der Glaube braucht gelegentlich ein neues Update.

    Versuch einer Neuinterpretation des Bittgebetes
    Es ist nicht leicht, den Sinn des Gebetes zu erklären, ohne in das alte Muster zurück zu fallen. Natürlich ist es auch weiterhin sinnvoll und sogar notwendig zu beten, und an der Existenz Gottes wird nicht gerüttelt. Aber der Denkansatz ist ein anderer. Vielleicht sollten wir uns Gott nicht als ein übermächtiges Gegenüber vorstellen, sondern eher als den Ursprung der Liebe und die Fülle des Lebens, die uns innerlicher sind als wir uns selbst. Im Falle Jesu ist das genau definiert: er ist der Sohn Gottes, wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Jesus hat mit seiner Liebe Spuren Gottes in diese Welt gebracht; denn Liebe deutet immer auf die Anwesenheit Gottes hin. Wenn Gott mit seiner Liebe auch uns innerlich ist, dann wäre es unsere Aufgabe, die Spuren Gottes dahin zu bringen, wo Änderungen der Verhältnisse angesagt sind. Um das mal konkreter zu sagen: Wenn ich in der herkömmlichen Weise für die Genesung eines Kranken bete, dann mobilisiere ich Gott, appelliere an seine Verantwortung und verlange buchstäblich Unmögliches von ihm. Wenn ich aber selber als Träger der Liebe Gottes mich in der Pflicht sehe, Spuren dieser göttlichen Liebe zu legen, dann überlege ich, was ich dem Kranken Gutes tun kann. Man kann das in Abwandlung eines bekannten Sprichwortes auch so ausdrücken: "Hilf dem Kranken, so hilft ihm Gott!" Das ist Beten durch aktives Tun. Das schließt die Meditation nicht aus, auch nicht das Dankgebet oder den Lobpreis Gottes.

    Zum Schluss: Ich will Ihnen das Beten nicht schwer machen. Solange Sie mit dem herkömmlichen Bittgebet kein Problem haben, mögen Sie es weiter so praktizieren. Meine Überlegungen sind für die gedacht, denen die herkömmliche Form des Bittgebetes zum Problem geworden ist.

    Amen

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    Lk 18,1-8: "Vum Bedde" (Prädig op Kölsch) Wilhelm Weber

    Leev Fründinne un Fründe!

    Dat mit dem Bedde is su en Saach.
    Ich selver han die Erfahrung gemaat,
    dat dat nur selten flupp.
    Do bes de am bedde und am Kääze opstelle
    un et passeet nix.
    Kennt ühr dat och?
    Et gitterer, di gonn wallfahre noh Santiago de Compostella
    oder noh Trier bei der Hellige Mattes,
    för beim Chef em Himmel jet durch ze setze.
    Ävver bring et jet?
    Wer meint, dat vill bedde vill Erfolg brengk,
    dä weed in aller Regel enttäusch.
    Stell der für, dat wör esu einfach.
    Do däts vun morgens bes ovends op de Knee erömrötsche
    un bedde för ene decke Lottogewinn - statt arbeide ze gonn,
    dat mäht dich ärm, ävver nit rich.

    Wenn der Herrgodd mallich singe eigene Wille wollt erfülle,
    dann wör hä nit mih Häär im eigene Huus.
    Secher is bedde god,
    ävver du solls ding Erwartunge schon in Grenze halde:
    Evangelium hin - Evangelium her.
    E god Gebedd soll sin wie en Vertrauenserklärung an der Herrgodd,
    dat hä et richtig mäht.
    Der Kölsche, dä jo met dem Herrgodd op Do steiht -
    ohne vill zu bedde un zu beddele -
    säht einfach:
    Herrgodd, et es wie et es. Un dann es et god.
    Un et kütt sowieso wie et kütt.
    Un wat säht dä Kölsche noch?
    Et hätt noch emmer god gegange.

    Wat dä Jesus do met dem Gleichnis üvver et Gebedd gesaht hätt,
    dat weed e bissche engeschränk durch andere Wööd,
    die hä ooch gesaht hätt (Mt 6, 5-8):
    "Beim Bedde sollt ihr et nit esu maache wie de Schinghellige,
    die Pilarebützer.
    Die bedde nämlich gään en de Synagoge oder an de Stroßeneck,
    domet de Lück se sinn.
    Ich sagen üch: ihre Luhn dofür han se verspillt!
    Gangk för et Bedde in ding Zimmer,
    maach de Dür zo un bedd zom Vatter em Verborgene!
    Der Vatter süht jo, wat verstoche es,
    hä weed der der Luhn dofür gevve.
    Ihr sollt och beim Bedde nit unnüdig erömschwade wie de Heide.
    Die meine nämlich, se däte erhürt weede,
    wann se vill Wööd maache.
    Maht et nit wie die!
    Denn wat ihr nüdig hat,
    dat weiß ühre Vatter em Himmel ald em Vürus."

    Noch jet: Bedde is god!
    Ävver genau esu wichtig is et, aanzenemme, wat op üch zokütt.
    Denn och dat Schwere em Levve kütt vun unserm Herrgodd.
    Dat hätt nämlich och der Jesus liere müsse.
    Wesst ehr noch, wie hä gesaht hatt:
    "Vatter, wann et mügelich es, loss dä ganze Krom an mer vorüvvergonn" ?
    Un et hätt nix genütz.
    Ävver geliehrt hätt hä,
    dat op lange Sicht evvens doch alles god gegange es!

    Amen

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    Lk 24,13-35: Emmauserfahrungen Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    An heiligen Stätten erschließt sich nur selten die Wahrheit des Glaubens. So war es jedenfalls bei den Emmausjüngern. Was sie in Jerusalem erfahren hatten, dem Zentrum ihres religiösen Glaubens, war eine einzige Katastrophe. Jesus, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt und von dem sie Heil und Erlösung erwartet hatten, war unter Spott und Hohn verurteilt, gekreuzigt und begraben worden. Und nun war schon der dritte Tag, seit das geschehen war. Enttäuscht ziehen sie von dannen. - So das Stimmungsbild, das Lukas vom Ostersonntag zeichnet. Auf diesem Hintergrund beschreibt der Evangelist dann, was die Osterhoffnung ausmacht. Dazu nun drei Gedanken:

    1. Nicht in Jerusalem, sondern auf dem Weg
    Nicht Jerusalem ist der Ort der Hoffnung, nicht der Tempel, nicht das Grab, sondern die Straße, die von dort wegführt. Sie erinnern sich sicher noch an die Botschaft der Osternacht, wo die beiden Marias zum Grab Jesu gehen und vom Engel dort erfahren: "Er ist nicht hier (Mt 28,6a)& ..er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn finden (V. 7b)." Wahrscheinlich würde heute ein Engel im Vatikan den Gott suchenden Pilgern etwas Ähnliches sagen. Die Glaubenszentralen der Weltreligionen tun sich allemal schwer, echte Gotteserfahrung zu vermitteln, eher das Gegenteil ist der Fall.

    Auf dem Weg ins heidnische Hinterland fernab vom Jerusalemer Tempelbetrieb machen die Jünger ihre Gotteserfahrung. Indem sie ihre Erlebnisse, ihre Zweifel, ihre Enttäuschungen und ihre Hoffnungen miteinander austauschen, ist Jesus einfach da, anwesend, mitten unter ihnen; er lebt, als wäre er nie gestorben. Sie teilen nicht nur ihre Erfahrungen miteinander, sondern auch das Brot, das tägliche, das zum Leben nötig ist. Und sie erkennen: nichts anderes hat Jesus getan. Sein Geist ist lebendig bei ihnen. - Auch heute kann man Gott erfahren: vielleicht weniger auf Papst-Events und kirchlichen Großveranstaltungen, als vielmehr im gegenseitigen Mitteilen der Sorgen und Enttäuschungen, im Teilen des Lebensnotwendigen, im Trösten und Ermutigen. Denn Jesus hat durch sein Wort und sein Tun in uns ein Kapital angelegt an Grundvertrauen auf Gottes unendliche Liebe. Und die trägt in guten wie in bösen Zeiten, selbst im Sterben und im Tod.

    2. Nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen
    Sicherlich hatten die Emmausjünger ursprünglich ganz andere Erwartungen gehabt. Sie wollten etwas sehen, vor allem als sie erfuhren, dass die Frauen das Grab leer vorgefunden hatten. Zwar war die Botschaft von der Auferstehung unglaublich (selbst die Apostel hielten sie für Geschwätz und glaubten den Frauen nicht vgl. Lk 24,11), aber vielleicht war ja doch was Wahres dran. Wie mag er aussehen, der Auferstandene? Solche Gedanken beflügeln die Fantasie. Später wird in der christlichen Kunst der Auferstandene tausendfach gemalt, geschnitzt, gegossen. Und er, den man nicht mit den Augen sehen kann, ziert die Altäre bis heute. Augen können so hungrig sein. Da wird schnell mal ein Gebot außer Kraft gesetzt. "Du sollst dir kein Gottesbild machen ... (Ex 20,4)." Und weil sie nichts zu sehen bekommen, sind die Emmausjünger so traurig.

    Auf dem Weg - weg vom Jerusalemer Tempelrummel - erfahren die Jünger dann doch noch, wie lebendig der Totgesagte in ihren Herzen ist. Gotteserfahrung ist Herzenssache!

    3. Nicht spektakuläres Wunder, sondern Liebe
    Was kann Religion eigentlich leisten? Nichts, was man messen könnte wie eine physikalische Größe. Religion ist auch nicht für spektakuläre Wunder zuständig. Das zeigt uns die Emmausgeschichte. Religion ist für das Herz zuständig - natürlich nicht im kardiologischen Sinn, sondern im theologischen. Religion ist dazu da, Gottes unendliche und letztlich unbegreifliche Liebe in uns wach zu halten. Nichts anderes hat Jesus getan. Diese Liebe ist ansteckend, sie ist anstiftend, sie allein verändert den Menschen zum Guten und damit auch die Welt. Die Liebe ist das Einzige, was den Tod überlebt. Von dieser Erfahrung erzählt die Emmausgeschichte. Und ich bin sicher, dass manch einer von uns seine eigene Emmausgeschichte erzählen könnte.

    Amen

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    Lk 24, 35-48: Ihr sollt meine Zeugen sein! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der heute vorgetragene Evangelientext ist die Fortführung der Emmausgeschichte. Sie wurde schon am Ostermontag vorgelesen. Ich erinnere: Die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus waren Jesus begegnet, ohne dass sie ihn erkannten. Jesus aber hatte ihnen alle Ereignisse, die Ostern passiert waren, erklärt und auch die Schriftgemäßheit all dessen, was sie erlebt hatten. Beim Brotbrechen erkannten die zwei Jünger schließlich, dass es Jesus war, der mit ihnen gesprochen hatte. Dann gingen diese beiden zu den anderen Elf und erzählten ihnen, was sich auf dem Weg nach Emmaus zugetragen hatte. Damit beginnt das heutige Evangelium. Der plötzlich erscheinende Jesus wiederholt dann praktisch noch einmal, was er den beiden schon auf dem Weg nach Emmaus gesagt hatte. Der Sinn des heutigen Textes kann am besten aufgeschlüsselt werden vom letzten Vers her. Und der heißt: "Ihr sollt meine Zeugen sein!" Zeugen sind dafür da, dass die Wahrheit an den Tag kommt. - Dazu nun drei Gedanken:

    1. Welche Wahrheit soll bezeugt werden?
    Natürlich die Wahrheit, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Von den Toten auferstehen heißt aber nicht, in das alte Leben zurückkehren, so als wäre Jesus niemals gestorben. Die Erzählungen machen unmissverständlich deutlich, dass es sich um eine analoge Ausdrucksweise handelt. Jesus ist unter den Menschen lebendig, und doch ist er nicht mehr einer von ihnen. Jesus ist für seine Jünger unvergesslich, ja unsterblich geworden. Sie können nicht mehr so weiterleben, als hätten sie nie mit Jesus zu tun gehabt. Die Begegnung mit ihm hat die Jünger geprägt, und zwar für immer. Weil Jesu Lebensende so schrecklich war, bedarf seine neue Seinsweise eines besonders hoffnungsvollen Ausdrucks. Man hat sich für das Wort Auferstehung entschieden, wohl wissend, dass damit auch Missverständnisse verbunden sein können. Nicht die Rückkehr ins irdische Leben ist damit gemeint, sondern das Überleben beim himmlischen Vater. Davon sollen sie Zeugnis geben.

    Ich sehe das Zeugnis, zu dem wir gerufen sind, gern im Zusammenhang mit dem Vers 3,15 b aus dem 1. Petrusbrief, wo es heißt: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt!" Die Hoffnung, die aus dem Glauben kommt, hat nichts zu tun mit einer Art Reinkarnation nach dem Tod, sondern mit dem Respekt vor und der Begeisterung für das Leben dieses Menschen aus Nazareth, der so stimmig und konsequent die Liebe gelebt hat ohne eine Gewinn- und Verlustrechnung aufzumachen. Von diesem unserem Respekt und dieser unserer Begeisterung sollen wir Zeugnis ablegen.

    2. Wie soll das Zeugnis aussehen?
    Das Zeugnis des Glaubens soll ganz selbstverständlich mit Worten, und zwar mit überzeugenden Worten artikuliert werden. Das erwartet man von einem Zeugen, dass er zu der Wahrheit steht, von der er überzeugt ist.

    Aber die Worte, die gesprochen werden, bedürfen auch der Taten, um glaubwürdig zu sein. Gemeint ist das Leben in der Nachfolge Jesu. Wenn das nämlich nicht stimmig ist, dann ist alles Reden dummes Geschwätz. Wie Jesus leben und wie Jesus sterben, das ist glaubwürdiges Zeugnis. Dazu sind wir berufen. - Die Wertmaßstäbe im persönlichen Leben müssen dieselben sein wie die, die Jesus in seinem Leben und Handeln bezeugt hat. Und da steht an erster Stelle die Hinwendung zu den Armen und Schwachen. Nicht Reichtum, nicht Ansehen, nicht Erfolg und nicht Macht sind Werte im Reiche Gottes, sondern allein die Liebe, die sich kümmert und sich ganz hingibt bis zum Äußersten, - im Falle Jesu heißt das: bis zum Tod.

    3. Kirche und Nachfolge Christi
    Unser Begriff von Kirche ist verengt, wenn wir darunter vorrangig den Papst die Bischöfe und Priester sehen. Die wenigsten von ihnen leben die aufopferungsvolle Liebe für die Armen beispielhaft vor. Es sind meist einfache Gläubige, die ohne großes Aufsehen helfen, sich engagieren und zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Sie sind die eigentlichen Sympathieträger der Kirche. Der Klerus dagegen ist für dieses gläubige Fußvolk da, um es zu inspirieren, zu motivieren und zu bestärken. Wenn er das versäumt, brauchen wir ihn nicht.

    Die Kirche steht in einem Umbruch. Das alte System von Oben und Unten funktioniert nicht mehr. Es funktioniert deshalb nicht, weil es nie den Normen des Christentums entsprochen hat. In jeder Krise steckt die Chance zu einem Neuanfang; zu einem Neuanfang, der anderes hervorbringt als was vorher gewesen ist. Man kann nur mit Spannung erwarten, ob diese Chance erkannt und wahrgenommen wird. - Und vergessen Sie eines nie: Sie sind die eigentlichen Sympathieträger der Kirche.

    Amen

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