Hier finden Sie Texte über den Glauben

Texte von Peter Sardy
Texte von Wilhelm Weber



Texte von Peter Sardy






Bauen wir auf Erfahrung oder auf ein Bekenntnis?


„Zieh weg aus deinem Land!“


„Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus!“ und ergänzte diese Aufforderung mit einem Versprechen: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12,1-3). Abraham verließ sich auf diese innere Erfahrung und nahm alle Konsequenzen einer heimatlosen Existenz auf sich. Mit seinem Auszug beginnt nicht nur die Geschichte der drei „abrahamitischen“ Religionen, sondern auch die Geschichte des bewussten spirituellen „Fortschritts“ überhaupt. Mit dem Weggehen aus der Sicherheit der eigenen Familie, Sippe, Land und Kultur, also mit einem Schritt der Emanzipation, wurde er zum „Vater aller Glaubenden“, zum Vorbild spirituellen Strebens. – Ähnlich verließ der junge Siddharta Gautama, der spätere Buddha, seine hohe soziale Stellung und machte sich auf einen Weg, dessen Ziel er noch nicht sah. Ähnlich verließ auch Jesus den Rückhalt seiner Familie, um das Leben eines Wanderpredigers zu führen.
Die gewohnte soziale und kulturelle Heimat bietet zwar einen sicheren Rahmen für das Leben, aber diese Sicherheit kann nicht für alle genügen, denn sie ist nicht förderlich für Freiheit, Fortschritt und Erneuerung. Wer sich auf den spirituellen Weg macht, muss deshalb bereit sein, sich auch von solchen Bindungen frei zu machen, die allgemein für „heilig“ gehalten werden.
Abraham hat natürlich nicht alles verlassen, denn er nahm nicht nur seine Zelte und Ausrüstung, sondern seine Muttersprache und Kultur mit. Er legte z. B. Wert darauf, die künftige Frau des Sohnes in der verlassenen Heimat suchen zu lassen. Seine erstrebte neue Freiheit stand also auf zwei Beinen: auf der Distanzierung von und auf einer Kontinuität mit der Heimat. Dies ist sehr zu bedenken, wenn wir seinen legendären Auszug als Vorbild des spirituellen Weges betrachten.
Mit der hier beginnenden Reihe von Betrachtungen suchen wir eine spirituelle Weltsicht, die in die Gedankenwelt unserer  postmodernen Kultur passt. Unser Ausgangspunkt ist – wie bei Abraham – ein „Verlassen des Vaterhauses“: Wir werden vom bekannten Glaubensbekenntnis ausgehen, seine Worte aber nicht als Fixierung ewig-gültiger Wahrheiten, sondern als zeitbedingten Ausdruck menschlicher Sehnsüchte unserer Vorfahren betrachten. Wir suchen das Herz des christlichen Bekenntnisses, das nicht offen zutage liegt. Wir müssen allerdings damit rechnen, es in einer solchen Tiefe zu finden, wo das „Herz“ aller Bekenntnisse, aller Religionen schlägt.


Das Bekenntnis, das Jesus nicht  formulierte


Die Frage nach dem „Bekenntnis“ (Konfession) Jesu ist schnell beantwortet: Er war ein gläubiger Jude. Eine Frage nach dem wichtigsten „Gebot“ der Religion hat er selber mit dem „Höre Israel“ beantwortet (Mk 12,28-31), das als Zusammenfassung des jüdischen Glaubens gilt.
Die Evangelien bieten keinen Hinweis darauf, dass er seine Lehre systematisch zusammengefasst hätte. Er hat nichts hinterlassen, was etwa mit den "Vier edlen Wahrheiten" oder dem „Edlen achtteiligen Pfad“ des Buddha vergleichbar wäre. Dies erweist sich aber nicht als ein Mangel, sondern als eine wesentliche Eigenschaft der Botschaft Jesu. Er hat sich nicht für eine Einsicht bzw. eine Lehre eingesetzt, sondern er wollte in den Menschen die Hoffnung auf ein Ereignis wecken! Sein Anliegen: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“. Es war nicht eine Mitteilung, die zur Kenntnis zu nehmen war, sondern ein Angebot, das die Zuhörer zur Tat aufforderte: „Kehrt um und Glaubt an diese frohe Botschaft“, d. h. gebt eure gewohnten Vorstellungen auf und verlasst euch darauf, was ich sage! Dazu  passte, dass er nichts unternommen hat, um seine Worte aufschreiben zu lassen, obwohl er als Jude die Bedeutung der „Schrift“ sehr wohl gekannt hat. Vermutlich war ihm die Gefahr bewusst, dass die Menschen um einmal geschriebene „göttliche“ Worte einen Kult machen und dabei das Wesentliche vergessen.
Was hat Jesus mit diesem „Reich Gottes“ eigentlich gemeint? Die Antwort auf diese Frage kann nicht von einer späteren Theologie, sondern nur von der Situation der damaligen Zuhörer ausgehen, denn dieses „Reich Gottes“ war ihre Angelegenheit. Israel lebte zur Zeit Jesu unter der Besatzungsmacht der Römer, die nicht nur wirtschaftliche Ausbeutung, sondern auch eine kulturelle Unterdrückung und Demütigung der Menschen bedeutete. In dieser Situation war die ganze Sehnsucht des Volkes auf die Zukunft ausgerichtet, auf ein befreiendes Eingreifen Gottes, das „das Reich für Israel wiederherstellen“ (Apg 1,6) sollte. Die Apostelgeschichte bezeugt noch, dass die Botschaft Jesu genau diese Sehnsucht angesprochen hat. In seine Zuhörerschaft waren allerdings sehr verschiedene Vorstellungen darüber verbreitet, wie die ersehnte Zukunft sein sollte und was man für sie tun konnte. Die wirtschaftliche und politische Führungsschicht, die Sadduzäer, waren bemüht, das nationale Weiterleben durch kluge Kompromisse und Kooperation mit der Besatzungsmacht zu sichern, während die Untergrundbewegung der Zeloten („Eiferer“) lieber auf die Chancen eines bewaffneten Aufstandes setzte. Die Pharisäer erwarteten das Eingreifen Gottes von einem Tag, an dem das ganze Volk alle Vorschriften der „Thora“ erfüllt, die Essener dagegen bauten eher auf die Reinheit einer kleinen, auserwählten Gruppe.
Jesus trat in einer solchen Umgebung auf, schloss sich aber keiner der genannten Richtungen an, sondern forderte alle auf: „Kehrt um!“ , „Ändert euer Denken!“. In den Ideen und Bestrebungen seiner Zeitgenossen muss er also einen Fehler erblickt haben, den man nur mit einer „Umkehr“, mit einer völligen Richtungsänderung beseitigen konnte. Dies schließt für mich die Möglichkeit aus, dass Jesus mit dem Wort „Reich Gottes“ den gleichen Inhalt verbunden hätte wie die Mehrzahl seiner Zeitgenossen und – wie das spätere Neue Testament zeigt – auch die meisten seiner Jünger! Dies allein erklärt den Befund, dass der Begriff „Reich Gottes“ in den Evangelien sich jeder Definition entzieht: an manchen Stelle entspricht er durchaus dem damals verbreiteten apokalyptischen Erwartung („das Reich für Israel“), aber es gibt genügend Stellen, die damit überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind. Wenn dem so ist, können wir das eigenste Anliegen Jesu zu Recht genau an den Stellen vermuten, wo die Texte von der „öffentlichen Meinung“ von damals abweichen. Wir können (und müssen!) dann konsequenter Weise alles, was diesen Texten widerspricht, für „Nebengeräusche“ der Übermittlung halten, also der erhitzten apokalyptischen Stimmung der nachfolgenden Generation und der Redaktionsarbeit der Evangelisten zuschreiben.
Besonders an zwei Stellen passt die Lehre Jesu „gar nicht in die Gegend“: „Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, das man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.“ (Lk 17,20-21). Das „nahe“ Sein des Reiches Gottes hat er demnach nicht zeitlich verstanden, sondern in dem Sinn, dass es in der Reichweite seiner Zuhörer ist. Er verglich es in einem Gleichnis auch mit einer Perle oder mit einem verborgenen Schatz, den ein Mensch finden und mit dem Einsatz seines ganzen Vermögens erwerben kann (Mt 13,44-46). Er sprach dabei offenbar von einem suchenden Menschen, der (ganz individuell!) etwas derart Überwältigendes erlebt, dass er Kosten und Nutzen nicht mehr nüchtern abwägen kann, sondern sein ganzes Vermögen riskiert.  Dieses „Reich Gottes“ war für Jesus etwas, was sich auf der Ebene der persönlichen Betroffenheit ereignet, also eine persönliche Erfahrung, und nicht ein apokalyptisches Großereignis.
Genau das war es nämlich, was mit ihm selber geschehen ist: Er hat bei seiner Taufe plötzlich den Himmel offen gesehen und erlebt, wie der göttliche „Atem“ bei ihm ankommt und ihm ein neues Leben schenkt. Dieser „Atem“ trieb ihn dann in die Wüste, um sich Klarheit über das Erfahrene zu verschaffen und sein Leben danach auszurichten. Mit seinem Gleichnis vom Schatz im Acker spielte er auf ein solches Ereignis an und ermunterte seine Zuhörer, auch selber diese einmalige Erfahrung zu suchen und sich ganz auf sie einzulassen.
Jesus war anscheinend überzeugt davon, dass wenigstens einige seiner Zuhörer etwas Ähnliches erleben können wie er. Einem „Schriftgelehrten“ etwa, der sich zu den gleichen Werten bekannte, sagte er: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes!“ (Mk 12,34). Dieses „nicht fern sein“ kann hier kaum auf etwas anderes hindeuten, als auf die plötzliche und intensive Erfahrung der Nähe Gottes, die auch ihm selber bei seiner Taufe geschenkt wurde. Diese „große Erfahrung“, die alle seine Erwartungen nicht nur erfüllte sondern übertraf, bezeichnete er anscheinend mit dem Ausdruck „Reich Gottes“. So erklärt sich auch am einfachsten, warum er im Zusammenhang mit diesem „Reich Gottes“ öfter vom „Eingehen“ sprach, also von einem persönlichen Akt. Diese Deutung wird auch durch die Beobachtung gestützt, dass er diese höchste Erfüllung menschlicher Wünsche keineswegs konsequent als „Reich Gottes“ bezeichnete, sondern sie genau so gut auch mit „Leben“, „Hochzeit“, „Freude deines Herrn“ u. a. umschreiben konnte! (Mk 9,42-47; Mt 25,10; 25,21.23)
Was ist das Gemeinsame an diesen Bildern? Es ist die Sehnsucht nach einer Zukunft, die anders sein sollte als der bedrückende Alttag – und für diese Sehnsucht stand damals das Wort „Reich Gottes“. Die Botschaft Jesu: „Auf diese Zukunft könnt ihr euch verlassen, denn sie ist schon da, mitten unter euch. Habt Vertrauen, dass auch ihr diese Zukunft erlebt!“ – Dieses Vertrauen war der Glaube, den er von seinen Zuhörern verlangt hat, ohne die erhoffte Zukunft näher zu bestimmen.
Der Inhalt eines solchen „Glaubens“ war natürlich nicht geeignet, in eine Bekenntnisformel gefasst zu werden. Das „Reich Gottes“ ist unsere erhoffte Zukunft, die (von Gott her) kommt und schon jetzt für uns bereit steht. Diese Zukunft können wir, wenn wir uns IHM anvertrauen, Tag für Tag als Geschenk erleben. Es ist aber ein Geschenk, das sich nicht festhalten und konservieren lässt. Dies ist für uns zunächst eine schlechte Nachricht, die in der „guten Nachricht“ Jesu enthalten ist: Über die Ankunft des „Reiches Gottes“ bekommen wir keine Sicherheit. Uns bleibt – wie schon Abraham – nichts als das eigene Vertrauen, an dem wir uns festhalten können. Jesus hat kein Glaubensbekenntnis formuliert, damit wir nicht Gefahr laufen, in einer richtigen („wahren“) Formel Sicherheit zu haben.


Aus der Erfahrung wurde Bekenntnis


Menschen sind allerdings so gebaut, dass sie ihre Zukunft nicht einfach Gott überlassen können, sondern sie möglichst selber sicherstellen wollen. Wir „konservieren“ gern, was wir haben, damit wir auch morgen keinen Mangel leiden. Erstaunlich genug, dass Jesus seinen Hörern gerade dieses lebensnotwendige „Sorgen um morgen“ ausreden wollte. Er wollte nichts anderes, als dass die Menschen in jedem Augenblick ganz im Vertrauen zum „Vater“ leben, denn „jeder Tag hat genug eigene Plage“ (Mt 6,25.28.31). Verstehen wir überhaupt, was er damit erreichen wollte? Seine Jünger haben es wahrscheinlich nicht verstanden oder es bald wieder vergessen. Die junge Kirche war eher damit beschäftigt die Erinnerungen an Jesus festzuhalten, als sie mit dem eigenen Leben zu konfrontieren. Sie sammelte die Jesusworte, damit sie sie hat und sich mit ihnen Mut macht „bis er wiederkommt“. Das „Reich Gottes“, das nach Jesus in jedem Augenblick bereits „mitten unter ihnen“ war und nur angeeignet werden musste, ist dabei aus ihrem Blickfeld verschwunden. Seine zentrale Rolle übernahm sehr bald „die Wahrheit“, die man haben konnte, sogar auf Kosten der Liebe.
Es bleibt trotz dieser Entwicklung festzuhalten: am Anfang der christlichen Bewegung standen nicht irgendwelche Sätze, sondern eine große Erfahrung Jesu. Natürlich musste er dann geeignete Ausdrücke finden, die zu seiner Erfahrung passten, aber seine „Frohe Botschaft“ war nicht dazu da, eine ähnliche Erfahrung zu ersetzen oder sogar entbehrlich zu machen. Wir haben noch genügend Spuren, um die gleiche Struktur einer „Offenbarung“ auch in den ersten christlichen Generationen zu erblicken: es ist das entscheidende Doppel-Ereignis, das auch für Jesus das „Eingehen in das Reich Gottes“ gekennzeichnet hat, nämlich das Erleben einer göttlichen Wirklichkeit und eine radikale Verwandlung des damit beschenkten Menschen. Hier genügt es, auf diese Spuren nur kurz hinzuweisen:
Die große Erfahrung der Apostel Jesu war zweifellos ihre Begegnung mit dem Auferstandenen. Was sie dabei – in sich – erlebt haben, war nicht zu beschreiben, aber es gab ihrem Leben einen ganz neuen Sinn und Inhalt. Genau so unbeschreiblich war auch die große Erfahrung eines jungen Eiferers, die aus einem Saulus den Apostel Paulus gemacht hat. Und eine ähnlich entscheidende große Erfahrung steht im ersten Brief des Johannes wenigstens klar angedeutet: „Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch“ (1Joh 1,3). – So verschieden die Menschen waren, die dies erlebt haben, so verschieden waren auch ihre Gedankengänge und Probleme. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auch ihre Botschaften jeweils andere Schwerpunkte und Ausdrucksformen zeigen und sogar Elemente aufweisen können, die der ursprünglichen Botschaft Jesu fremd sind. Eine Entwicklung und Veränderung der „christlichen Botschaft“ nach Jesus ist im Neuen Testament nicht zu übersehen.
Eine sprachlich formulierte Botschaft ist notwendig, um einmal gemachte spirituelle Erfahrungen weitergeben zu können. Das ist der Grund, warum aus ursprünglichen religiösen Erfahrungen Glaubensbekenntnisse entstehen mussten. Diese Glaubensformeln, die wahrscheinlich von „Geist-erfahrenen“ Leitern von Gemeinden geschaffen und bei der feierlichen Taufe mit den „neu geborenen“ Gläubigen gesprochen wurden, sollten dazu dienen, die Kraft des erlebten Glaubens weiter zu geben, damit die „Frohe Botschaft“ auch kommende Generationen erreicht. Sie konnten die Weitergabe dieses „Lebens“ dokumentieren, so lange das „Feuer“ der vom Geist Ergriffenen durch diese Worte eine Verbindung mit dem Erlebten sichern konnte. Aber mit der Zeit verliert jedes Feuer an Kraft und droht zu verlöschen. Sobald mit einem Bekenntnis nur noch überkommene Worte weitergegeben wurden, musste auch seine Abnutzung eintreten: Aus dem erlebten „Heil“ wurde eine „Heilslehre“, an die Stelle einer lebendigen Gotteserfahrung trat eine „Lehre über göttliche Dinge“ („Theo-logie“). Von einem solchen Zustand sagte der Apostel Paulus: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (1Kor 3,6).


Nachdenken über das „Apostolische Glaubensbekenntnis“


In einer solchen Situation stehen wir heute da. Wir stellen fest, dass Jesus selbst (vermutlich bewusst) kein Bekenntnis formuliert hat, dass die Kirche nachher verschiedene Bekenntnisse festgelegt hat und für heilig hält, und dass das Glaubensbekenntnis in heutigen Gottesdiensten oft nur noch mit einem gewissen Unbehagen „mitgebetet wird“, da seine Aussagen den Menschen fremd und unverständlich geworden sind. Diese Feststellungen legen uns nahe, über den Stellenwert des Glaubensbekenntnisses nachzudenken.
Wie Abraham in seiner Sprache und Kultur, so sind wir in der christlichen Gedankenwelt aufgewachsen. Wenn auch wir nun – wie Abraham – den Ruf hören, aus dieser Heimat wegzuziehen, kann die damit notwendig gewordene Distanzierung keinen radikalen Bruch bedeuten: wir werden es nicht anders können, als unserer fortdauernden Verbindung mit dieser geistigen Heimat bewusst zu bleiben. Da die alten Glaubensbekenntnisse die spirituellen Erfahrungen unserer Vorfahren zusammenfassen, da wir mit ihnen aufgewachsen sind und ihnen in unserer kulturellen Tradition ständig begegnen, werden wir sie zum Leitfaden unserer Überlegungen machen. Wir werden sie freilich nicht anders behandeln können als Mitbringsel aus einem unwiederbringlich verlassenen „Vaterhaus“: sie markieren eine Vergangenheit, aus der wir kommen, während der „Geist“ uns auf der Suche nach neuem Leben „in die Wüste“ führt.
Das bekannteste Glaubensbekenntnis wird „apostolisch“ genannt und erhebt damit den Anspruch, dass sein Inhalt direkt auf die Apostel und durch sie auf Jesus zurückgeht. Diese Bezeichnung verlangt von uns eine Achtung, aber die Ehrlichkeit verlangt auch, dass wir unsere Gründe aussprechen, die uns eine gewisse Distanzierung von diesem Text nahe legen. Wir vermissen, dass diese „apostolische“ Zusammenfassung uns gar nichts über das tatsächliche Leben Jesu mitteilt, außer dass er von einer Jungfrau geboren und „unter Pontius Pilatus“ getötet wurde. Wozu sollte denn Jesus seine Apostel ausgebildet haben, wenn diese später gar nicht mehr für erwähnenswert gehalten hätten, wofür er sich eingesetzt hat? Könnte ein solcher Text das Produkt der für die Weitergabe seiner Botschaft ausgebildeten Apostel sein?
Wir brauchen auch gar keine „apostolische Tradition“, um die Lehre Jesu auf die „einzig richtige Weise“ verstehen zu können. Wenn seine Botschaft eine Bedeutung für alle Zeiten haben soll, muss sie ja auch für alle Zeiten eigene Antworten bereit halten. Ihre Anregungen müssen dann auch immer wieder über das Verständnis früherer Generationen hinausgehen können, so dass jede Generation Jesus irgendwie „besser“ verstehen kann als die vorangehende, nämlich vor dem Horizont des eigenen Lebens und Denkens. Dies begründet unser ureigenes Recht, in den Worten Jesu nach unseren Anliegen zu suchen und sie auch zu finden, um durch sie angeregt unser Leben auf eigene Verantwortung zu leben. Nur damit können wir dem einfachen Menschensohn Jeschua wirklich folgen, der seine „ewig gültige“ Frohbotschaft auch nur in der historischen Einmaligkeit (und damit Begrenztheit!) eines galiläischen Handwerkers und Lehrers des ersten Jahrhunderts erleben und aussprechen konnte.
So lange die menschliche Geschichte weiter geht, kann deshalb auch die „Offenbarung“ nicht zu einem Ende gekommen sein. Auch die Bibel macht nicht den Eindruck eines abgeschlossenen Werkes; in ihr ist nicht nur die Entwicklung von Ideen unübersehbar, in ihr kann man auch einander widerstreitende Tendenzen beobachten, die noch keineswegs zu einer Synthese gebracht worden sind. Die Entwicklung der Ideen ist weder im Alten, noch im Neuen Testament zu einem Abschluss gekommen. Weder Jesus hat alles schon gesagt, was Menschen „Heil“ bedeuten kann, noch seine Apostel haben von ihm alles Notwendige bekommen und es nur noch treu überliefern müssen. Da die Situation der Anhänger Jesu schon nach seinem Weggang nicht mehr die gleiche war, mussten sie auch eine „neue Spiritualität“, einen „neuen Glauben“ entwickeln und haben es tatsächlich auch getan: der Glaube der Urkirche war in manchen Beziehungen neu und keineswegs damit identisch, was Jesus als „frohe Botschaft“ verkündet hat.
Alles deutet darauf hin, dass es für Menschen auch seitdem keinen anderen Weg gibt, in veränderten Zeiten mit neuen Denkweisen trotzdem das Gleiche zu erfahren, was Jesus einmalig erlebt und ebenso einmalig (und keineswegs notwendig!) als „Reich Gottes“ bezeichnet hat. Ich bin überzeugt, dass die gleiche spirituelle Erfahrung auch uns heute erreichbar ist, aber ihre Ausdrucksformen können dabei nicht die gleichen bleiben. Die Kultur unserer Zeit, die mit all ihren Stärken und Schwächen sich viel von früheren Zeiten unterscheidet, hat das gleiche Recht, die „Geschichte Gottes mit den Menschen“ innerhalb der eigenen Gedankenwelt zu verstehen und fortzusetzen.
Die Menschen haben die „gute Nachricht“ (Evangelium) immer schon auf sehr verschiedene Weise gesehen und erlebt. Die Gestalt Jesu erwies sich im Laufe der Geschichte als eine große Projektionsfläche für drängende Anliegen der Menschen. Es gibt zwar kritische Geister, die diesen ganzen „Kosmos“ menschlicher Bemühungen mit der Bemerkung abzuwerten bereit sind: „Jeder macht sich doch seinen Jesus selber!“ Aber ein solches Schlagwort kann weder der Ernsthaftigkeit der Suchenden noch dem Erfolg dieser weltumfassenden Bewegung in irgend einer Weise gerecht werden. Viel treffender fände ich die Formulierung: In der Gestalt und in den Worten Jesu hat der „Schöpfer und Vater der Menschen“ seinen Kindern eine ideale Anregung geschenkt, die ihnen in den verschiedensten Situationen helfen kann, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Antwort auf entscheidende Fragen ihres Lebens zu finden.
Ich bin überzeugt, dass wir der Botschaft Jesu keine Gewalt antun, wenn wir in ihr heute auch solche Aspekte entdecken, an die der Mensch Jeschua vor 2000 Jahren noch nicht hätte denken können. Die Ehrlichkeit verlangt nur jeweils festzuhalten, dass es unsere Gedanken sind, aber wir meinen berechtigt zu sein, mit ihnen die überlieferte Botschaft Jesu „weiter zu denken“. In diesem Punkt ist unsere Situation gar nicht wesentlich anders als die der ersten christlichen Generationen, denen wir die Schriften des Neuen Testaments verdanken.

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Was heisst glauben?


Diese einfache Aussage verbindet zwei „Dinge“: Das Ich und seinen Glauben.

Wir sind gewohnt, jeden Menschen als ein Ich zu betrachten. „Ich“ sagt das Kind, wenn es seiner Individualität, seiner Abgrenzung von den Anderen bewusst wird. Dieses kleine „Ich“ sieht sich zunächst naturgemäß als Zentrum des ganzen Weltgeschehens. Sein Anspruch wird im Laufe des Lebens relativiert, aber auch von Erwachsenen noch sehr leicht unreflektiert festgehalten. Wir nehmen gern einfach als selbstverständlich an, dass unser „Ich“ der Kern unserer menschlichen Person und die Quelle ihrer Würde wäre. Psychologisch gesehen ist aber das bewusste Ich nur eine der notwendigen Funktionen im Dienst der Selbstbehauptung und keineswegs mit der ganzen menschlichen Person gleichzusetzen. Das Ich hat die Wahrnehmungen und Aktionen eines Menschen zu koordinieren und mit der Herstellung einer Kontinuität im Fluss der Ereignisse das Bewusstsein einer Autonomie zu schaffen.

Diese lebenswichtige Funktion hat natürlich auch Schattenseiten: das Ich ist versucht, sich allzu wichtig zu nehmen und den größeren Zusammenhang, in dem der Mensch lebt, zu vergessen. Die Folge kann sein, dass er sich entweder durchsetzen will und dabei auf die Anderen keine Rücksicht nimmt, oder sich aus Ängstlichkeit auf sich selbst zurückzieht. In beiden Fällen verschanzt er sich „nach außen“, statt sich auf die Abenteuer der Begegnung mit Anderen und damit auf lebenswichtige Anpassungen und Veränderungen einzulassen. Damit es dem Leben dienen kann, muss unser Ich natürlich seine „Festigkeit“ haben, aber diese Festigkeit allein genügt nicht, es muss noch eine andere Qualität haben:

Um das Leben zu meistern, darf der Mensch nicht nur auf Selbstbehauptung fixiert bleiben; er muss sich auch öffnen können: öffnen für das jeweils Größere, öffnen für die Ganzheit des Lebens, öffnen für immer bessere Lösungen, die ihm vielleicht gar nicht „passen“ oder sogar als Gefahr erscheinen. Diese Notwendigkeit spricht das bekannte Jesuswort aus: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren“ (Mk 8,35). Wir können es hier so umschreiben: Wer als Mensch „richtig“ leben will, darf nicht nur dem eigenen Leben dienen, sondern muss offen sein für das umfassend Gute, offen sein für eine überpersönliche Wertordnung. Diese Offenheit ist nichts anderes, als der richtig verstandene Glaube. Diesen echten, persönlichen Glauben umschreibe ich deshalb gern als ein Überschreiten, ein „Transzendieren“ der eigenen Grenzen, als ein Übersteigen der Wehranlagen des Ich, ein Kontaktnehmen mit dem jeweils Größeren, das Suchen nach Einheit mit einem idealen DU, bei dem der Mensch nicht immer wieder auf Grenzen trifft. In der traditionellen Terminologie gesagt: der Glaube heißt offen sein für Gott, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind (Jes 55,8). Diese Offenheit, dieser Glaube, verbindet den Menschen mit seinem Ursprung, mit der Quelle seiner Lebenskraft. Diese Offenheit erlaubt ihm, den Sinn seines Lebens zu erblicken.

Es ist vielleicht überraschend, den Glauben auf diese Weise zu beschreiben. Wir sind ja gewohnt, im Christentum den „Glauben“ als eine Art „Prothese“ unseres mangelhaften Wissens erklärt zu bekommen. Nach christlicher Auffassung gibt es Sachverhalte (die „Glaubenswahrheiten“), die unserer Erfahrung nicht zugänglich sind, die wir aber für wahr halten müssen, da die Autorität der Kirche uns garantiert, dass sie „von Gott geoffenbart“ wurden. Diese Vorstellung entzieht den „Glauben“ jeder kritischen Nachfrage, beraubt ihn aber gleichzeitig auch der Möglichkeit einer rationalen Begründung und macht ihn zu einem Lotteriespiel, denn es gibt schließlich verschiedene menschliche Autoritäten, die vorgeben, dass sie und nur sie die Vermittler einer „göttlichen Wahrheit“ sind. Die Vertreter dieses Glaubensbegriffes können aber keine einzige Stelle der Evangelien zeigen, wo Jesus diese Art des Glaubens an irgend eine Autorität (einschließlich der eigenen!) empfohlen hätte. – Wenn wir hier vom Glauben sprechen, meinen wir etwas anderes. Was wir sagen, ist trotzdem nicht unchristlich – und nicht einmal etwas unerhört Neues:

„Dein Glaube hat dir geholfen“


Wer in den ersten drei Evangelien liest, dem muss es auffallen, dass Jesus das Wort „Glauben“ dort (Mk 10,52 – und in den ersten drei Evangelien 18-mal) nicht in gleichem Sinn gebraucht wie die spätere Kirche. Jesus hat die Heilungen, die in seiner Nähe geschahen, wiederholt auf das große Vertrauen der Betroffenen zurückgeführt und mit diesen Worten gedeutet: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Glaube war für ihn also gleichbedeutend mit Vertrauen, mit einem Sich-Verlassen auf „Abba“, den „Vater“, dessen Liebe größer ist als alles Bedrohliche, bei dem der Mensch sich fraglos geborgen fühlen kann. Dieses Vertrauen ist eine starke Lebenskraft, die uns mit dem Absoluten und dadurch auch mit der ganzen Welt unserer Erfahrung verbindet. Dieses Vertrauen gibt uns eine Sicherheit, die größer ist als jede Sicherheit, die unser Ich durch Angriff und Verteidigung sich jemals verschaffen könnte. Dieses Vertrauen gibt uns eine Heimat in der Welt, wo uns nichts wirklich gefährden kann, weshalb auch wir niemanden mehr zu bedrohen brauchen.

Auf welches Ziel richtet sich dieses Vertrauen? Es fällt auf, dass es den Menschen, denen „der Glaube geholfen hat“, nicht um hohe geistige Werte ging, sondern schlicht um Gesundheit und Befreiung von Ängsten. Das „Glauben“, das Jesus ihnen empfahl, ermöglichte ihnen ein Leben ohne Angst vor Gefahr und Verlust, ein Leben ohne Sorge um die Zukunft und ohne krampfhafte „Anhaftung“ an Dinge, die Menschen normalerweise zu ihrer Sicherung brauchen. Es ist ein „Glauben“, das sich auf die Nöte dieses Lebens bezieht, sich aber nicht auf berechenbare materielle Sicherungssysteme verlässt, sondern direkt auf Gott, auf die Kraft des Vertrauens in eine unfassbare Wirklichkeit. Damit übersteigt es den Horizont dieses Lebens und gibt dem Glaubenden eine Bedeutung, die weit über die Dimensionen seines begrenzten Lebens hinausgeht.

Wie kommt man zu einem solchen Vertrauen? Der Glaube ist nach alter Überzeugung weder eine Belohnung von Verdiensten noch das Ergebnis einer geschickter Taktik, sondern eine „Gnade“, d. h. etwas, was dem Menschen einfach geschenkt wird. Trotzdem ist niemand der Laune des Schicksals ausgeliefert, die diese Gnade einem willkürlich zuteilen und dem anderen verweigern würde. Jesus konnte jeden auffordern, der in Not war „Sei ohne Furcht, glaube nur!“ (Mk 5,36) und setzte damit voraus, dass dieser Glaube einerseits für jeden möglich ist, andererseits aber vom angesprochenen Menschen einen beherzten Entschluss verlangt. Gut sichtbar sind diese zwei Aspekte in der Episode, in der ein verzweifelter und zweifelnder Vater zu Jesus sagt „Wenn du kannst, hilf uns!“ und die Antwort erhält: „Wenn du kannst? Alles kann, wer glaubt. Da rief der Vater des Jungen: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,22-23). Dieser Mensch fühlte sich zwar unfähig zum Glauben, beteuerte aber, dass er die Rettung wollte – und erwies sich damit als Glaubenden!


Dieser Glaube wird den hartnäckig Suchenden geschenkt, nicht den Resignierenden, die meinen: „Ich gehöre halt nicht zu den Glücklichen, deren Urvertrauen unerschütterlich ist“. Einem solchen würde Jesus entgegenhalten: „Gott lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,44-45); von Gott her bist du nicht zum Resignieren bestimmt, sondern zum Vertrauen eingeladen. Der Glaube steht auch bei dir schon bereit, du musst ihn nur entdecken und ergreifen! Du lebst ja, und wer lebt, hat schon ein Grundvertrauen, auch wenn es in ihm vielleicht noch nicht zum Bewusstsein gelangt ist oder nachträglich verschüttet wurde. Was derart verschüttet ist, kann man entdecken, pflegen und einüben. Es ist eine gute Übung, sich die positiven Erfahrungen des eigenen Lebens zu vergegenwärtigen. Wer hätte nicht auch Erfahrungen hinter sich, deren Heraufbeschwören in ihm nur Angst und Verzweiflung wecken würde? Sich bei solchen Erinnerungen aufzuhalten wäre eine große Dummheit. Es gibt in unserem Leben genügend Gutes, deren Erinnerung mit Dankbarkeit, Freude und Hoffnung verbunden ist; an sie sollen wir uns halten. Wir können uns z. B. zur Gewohnheit machen, uns vor dem Einschlafen bei solchen positiven Erinnerungen aufzuhalten, sie anzuschauen, sie zu schmecken, und die Dankbarkeit dafür zu verinnerlichen.


Der Glaube und die Frage nach Sinn

Wenn wir hier den existenziellen Aspekt des Glaubens als Vertrauen betonen, entsteht die Frage, ob dieser Glaube nicht auch einen klar bestimmten Inhalt habe. Ja, er hat einen Inhalt, den man auch in Worte fassen kann, dessen Wahrheit aber – eigentümlicher Weise – für rationale Argumentationen nicht zugänglich ist: Der Glaube gibt die Antwort auf die Frage, ob unser Dasein einen Sinn hat. Diese Frage ist keineswegs bedeutungslos, denn sie scheint den Menschen keine Ruhe zu lassen. Sie wird von ihnen allerdings sehr verschieden beantwortet.

Schauen wir uns eine Antwort etwas näher an, die zu unserer aufgeklärten Zeit zu passen scheint: Vertreter eines naturwissenschaftlichen Weltbildes betonen gern, dass das Leben durch Evolution entstanden ist, deren einzelne Schritte zwar naturgesetzlich bestimmt, aber insgesamt Zufälle sind. Daraus folgern sie dann, dass das menschliche Leben eigentlich „ohne Sinn“ sei. Sie vergessen dabei allerdings die methodische Vorgabe der Naturwissenschaften zu beachten, nach der nur solche Fragen zulässig sind, die man durch Experimente, also letztlich durch Messungen, entscheiden kann. Ihre Stellungnahme wäre „wissenschaftlich“ nur zulässig, wenn sie neben einer genauen Definition auch sagen könnten, wie die Existenz oder Nicht-Existenz von Sinn experimentell nachgewiesen werden könnte. Das ist aber nicht der Fall, weil Sinn nicht messbar ist. Wer zu dieser Frage etwas sagt, argumentiert philosophisch, oder er verschweigt, dass er unausgesprochene und unbewiesene philosophische Voraussetzungen gemacht hat. Eine solche Voraussetzung der Leugnung des Lebenssinnes könnte etwa lauten: „Außer der Materie kann es keine Wirklichkeit geben“.

Es lohnt sich, über diese Voraussetzung etwas nachzudenken. Ist sie begründet? Dazu müsste man wenigstens zeigen, dass sie mit allen bekannten Tatsachen der Erfahrung, vor allem mit der Erfahrung des menschlichen Geistes vereinbar ist. Wenn ein Wissenschaftler Experimente macht, sieht er von der eigenen Rolle als Beobachter ab und gibt vor, die Phänomene „objektiv“, also vom Bobachter völlig unabhängig beschreiben zu können. Aber das Spiel der physikalisch-chemischen Kräfte ist nicht die beschriebene Realität für sich, denn jede Beschreibung der Materie setzt auch den „Geist“ voraus, der dieses Spiel beobachtet. Wenn der geläufige Materialismus den menschlichen Geist kurzerhand zum Zufallsprodukt der Naturgesetze erklärt, müsste er zur Begründung auch darstellen, aus welchen Eigenschaften der Materie folgt, dass sie auf diese Weise „Geist produzieren“ kann. Solche Eigenschaften hat bis jetzt noch niemand nachgewiesen! Wir gehen nicht zu weit, wenn wir daraus folgern, dass die ganze Wirklichkeit viel reicher sein muss, als die naturwissenschaftlichen Begriffe es darzustellen vermögen. Es ist schlicht eine unzulässige Vereinfachung, Wirklichkeit mit der so genannten „materiellen Wirklichkeit“ gleichzusetzen.

Die innere Erfahrung des eigenen Bewusstseins ist nicht weniger real als die Zahlenreihen wissenschaftlicher Experimente. Solche Erfahrungen kennen sehr Viele, auch wenn sie bei verschiedenen Menschen verschieden stark ins Bewusstsein treten. Man denke nur an  künstlerische Kreativität, an intuitive Problemlösungen, an ästhetische und religiöse Erfahrungen usw. Auch das Erleben von Liebe und Enttäuschung, von Glück und Leid sind geistige Prozesse, die eine tiefere Bedeutung haben als nur bestimmte Hormonveränderungen anzuzeigen. Wir können hier natürlich kein Traktat darüber schreiben, was Geist eigentlich ist. Unsere Vorfahren, die Denker des „westlichen Kulturkreises“, neigten zu einer dualistischen Vorstellung, nach der der Geist eine eigenständige Wirklichkeit ist, die von der Materie unabhängig existiert und ihr gegenübersteht. Die Ergebnisse der Hirnforschung legen uns heute eine andere Sicht nahe: Der menschliche Geist erscheint uns in allem mit der Struktur und den Funktionen der Materie im Gehirn verknüpft. Da aber jede Beziehung zwei Seiten hat, müssten wir folgerichtig auch die „leblose“ Materie immer schon mit „Geist“ verknüpft denken, denn so einfach sie auch aussieht, in ihr sind bereits alle erstaunlichen Gesetzmäßigkeiten wirksam, die im menschlichen Geist ihre höchste Blüte erbringen. Unser Denkmodell der Wirklichkeit müsste dann nicht dualistisch, sondern bipolar sein, in dem Materie und Geist nicht mehr unverbundene Gegensätze sind, die im Kampf miteinander stehen, sondern zwei Pole einer einzigen Wirklichkeit, ähnlich der Polarität der Geschlechter „Männlich-Weiblich“, oder der Grundkräfte Yin und Yang in der chinesischen Philosophie. Allerdings müssten wir dann diesen beiden „Polen“ verschiedene Rollen zuschreiben: der Geist wäre der aktive Faktor, der gegen die Passivität (Trägheit, Widerstand) der Materie eine Entwicklung vorantreibt. Diese polare Spannung könnte auch eine Erklärung bieten für das Problem des unendlichen Leides, das den Evolutionsprozess begleitet und mit dem das christliche Weltbild bisher nicht fertig werden konnte.

Mit der Vorstellung dieser einen Wirklichkeit könnten wir jetzt versuchen, eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres Dasein und des Lebens überhaupt zu formulieren. Die eine Wirklichkeit zeigt sich uns nicht als ein statisches Sein, sondern als ein grandioses Werden, als ein Evolutionsprozess, der mit Hilfe immer komplexerer Strukturen immer mehr Einheit hervorbringt: kleinere Einheiten in den einzelnen Lebewesen, größere Einheiten in den Biotopen und in der Biosphäre, schließlich im Menschen das immer mehr Einheit stiftende Bewusstsein: Wir suchen die Einheit der Welt um uns herum, indem unsere Wissenschaften immer allgemeinere Gesetzmäßigkeiten entdecken, wir suchen unsere Einheit mit den Menschen um uns in der Liebe, wir suchen unsere Einheit mit dem ganzen Sein in Religion, Spiritualität und Mystik. Dieses Streben nach Einheit scheint die Zusammenfassung unserer Sehnsüchte zu sein, dessen Erfüllung deshalb als der Sinn unseres Lebens bezeichnet werden kann.

Ist dieses große Streben nach Einheit erfahrbar? Für uns direkt erfahrbar ist nur eine Vielzahl von konkurrierenden Strebungen in uns, sowohl in den Einzelnen wie auch in der Gesellschaft. Wir können uns damit als Akteure in einem großen Werden erblicken. In diesem Werden liegt unsere Bedeutung, der Sinn unseres Lebens. Wir sind als Menschen, als „Geist in Leib“ höchst entwickelte Wesen, d. h. Personen, begabt mit Kreativität, Freiheit und Verantwortung. Wir werden von den Kräften der Materie getrieben und von den Kräften des Geistes gelockt, scheinbar in ziellos verschiedene Richtungen, so dass wir uns immer wieder entscheiden müssen. Im Kämpfen und Leiden werden wir uns bewusst, dass wir in allem auch Sinn und Ziel brauchen und dass unser Streben sinnvoll ist, auch wenn die Erfahrung uns eher nahe legen würde, dass die Erfüllung unserer Sehnsüchte nicht erreichbar ist. Der Glaube gibt uns eine Gewissheit, dass unser Leben kein bloßer Zufall ist und nicht ins Leere läuft. Wir haben gute Gründe, uns auf diesen Glauben zu verlassen, auch wenn die „Wissenschaft“ in diesem Bereich sprachlos bleiben muss.

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Ich glaube an den EINEN Gott


„Ein Schriftgelehrter fragte ihn: Welches Gebot ist das Erste von allen? Jesus antwortete: Das erste ist: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr" (Mk 12,28-31 Zitat aus Dtn 6,4). Auf die Frage nach dem Kern der Religiosität wiederholt Jesus das grundlegende Bekenntnis Israels. Während aber die Tradition Israels die Erhabenheit des einen Gottes so stark betonte, dass man nicht einmal seinen Namen aussprechen durfte, hatte die Gotteserfahrung Jesu einen anderen Schwerpunkt: er erlebte den EINEN in seiner Zuwendung und Nähe.

Jesus sah nach seiner Taufe "die Himmel geöffnet", Gott also – entgegen der traditionellen Vorstellung – für Menschen zugänglich. Und dieser Gott kam von sich aus dem Menschen entgegen: Jesus „sah“, wie ihn der Geist – wie ein neuer Lebensatem – von oben erfüllte. Dabei hörte er "aus den Himmeln" – also aus dem Bereich des EINEN – eine Stimme, die seine unaussprechliche Erfahrung so deutete: "Du bist mein Sohn, Geliebter!"

Was können diese Worte für Jesus bedeutet haben? Sein Verhalten zeigt in überraschender Weise, dass er diese Worte nicht direkt auf sich bezogen hat. Der Eindruck des geöffneten Himmels – seine erschütternde Gottesbegegnung – hat offenbar alles andere in den Hintergrund gedrängt. Er erlebte die Bezeichnung „mein Sohn“ als Offenbarung grenzenloser Liebe. Als Spiegelung dieser Liebe prägte er den Gottesnamen „Abba“ („Vater“, „Papa“). Sich selbst aber erlebte er in der EINHEIT mit diesem „Abba“ nicht als privilegierte („zweite“!) Person zu seiner Seite und den übrigen Menschen gegenübergestellt, sondern als einer von ihnen, als „Menschensohn“, als Menschenkind und zugleich Gotteskind. Deshalb begann er bald nicht nur von Gott als „Abba“ zu reden, sondern er betonte auch, dass alle gerufen sind, Töchter und Söhne dieses Vaters zu werden (Mt 5,45.48). Es war wesentlich für ihn, dass Gott nicht der unzugängliche EINE HERR, sondern der EINE VATER ist, der nicht mehr ohne seine Kinder gedacht und auch nicht ohne Rücksicht auf die Mitmenschen geehrt werden konnte!

Es ist zu beachten, dass Jesus das traditionelle jüdische Bekenntnis nicht dazu verwendete, das überkommene patriarchale Gottesbild einzuschärfen, sondern um seine eigene Gotteserfahrung – so gut er es konnte – weiterzugeben. Wenn wir also nach dem Kern seiner Botschaft suchen, müssen wir vor allem die Hinweise auf seine eigene Gotteserfahrung ernst nehmen. Solche Hinweise sind zweifellos alle Motive, die das damals herrschende patriarchale Vaterbild Gottes verändert oder neuartig betont haben. Solche sind vor allem die mütterlichen Züge seines Gottes, dessen Liebe sich ohne Unterscheidung nicht nur auf alle Menschen („Gute und Böse“!), sondern auch auf für weniger wichtig erachteten Geschöpfe wie Gras und Vögel erstreckt (Mt 5,45; 6,26.30). Eine Kurzfassung seiner Lehre: „Der EINE ist allumfassende LIEBE.“

Der eine Gott  und die „fremden Götter“

Wenn wir das Gottesbild des „Vaters“ so weit aufs Wesentliche zurückführen, wird es zugleich relativiert. Wir können dann auch an andere Menschen denken, die in den verschiedensten Religionen bereits die große Erfahrung des EINEN gemacht haben. Diese Erfahrung ist in ihrem Wesen nicht aussprechbar, so dass sie mit den vielfältigen Bildern der religiösen Traditionen oder der persönlichen Ergriffenheit nur angedeutet werden konnte. Damit bekommen wir ein Verständnis für die Menschen, die Gott anders sehen, die Gott mit anderen Namen anreden, oder vor dem Eindruck des EINEN verstummt auf eine persönliche Anrede überhaupt verzichten. Menschen, die ganz verschieden über Gott denken, können noch alle vor dem gleichen unaussprechlich EINEN stehen, den Jesus als „Vater“ angesprochen hat.

Wäre es nicht wünschenswert, die verschiedenen Facetten menschlicher Erfahrung des Göttlichen zu vereinen, etwa im Bild eines Vater-Mutter-Himmel-Erde? – Jedes Bild hat seine eigene Aussage und entspricht jeweils einem anderen menschlichen Anliegen; von ihrer „Addition“ müsste man deswegen eher eine Schwächung ihrer Kraft erwarten. Und auch wenn man die Kraft aller Gottesbilder in einer derartigen Vorstellung konzentrieren könnte, dürfte man immer noch nicht vergessen, dass der EINE noch viel mehr ist, und dass nichts außerhalb dieses EINEN ist wie auch wir selber nicht von ihm getrennt sind und auch niemals sein könnten. Wenn ein Mensch die hier eher angedeutete als beschriebene „Letzte Wirklichkeit“ nicht nur spekulativ denken, sondern auch bewusst erleben könnte, hätte er damit seine Vollendung erreicht. Ein solches Ergebnis der „Gotteslehre“ bleibt für den Alltag freilich das Objekt der Sehnsucht und der Hoffnung.

An diesem Punkt könnte man uns zwar vorwerfen, dass wir mit der Relativierung der Gottesbilder dem religiösen Subjektivismus Tür und Tor öffnen, aber das soll uns nicht beunruhigen. Jede persönliche Spiritualität hat zweifellos das Recht auf eigene Ausdrucksformen. Sie alle können nur danach beurteilt werden, ob sie geeignet sind, Menschen auf ihrem Weg zur Begegnung mit dem EINEN weiter zu führen. Das war auch das Anliegen Jesu, der die Begegnung mit dem EINEN VATER mit dem für sein Volk damals aktuellen (aber historisch durchaus zufälligen) Namen als „Reich Gottes“ bezeichnet hat.

Wer einmal diese Freiheit im Sprechen über Gott erreicht hat, wird natürlich nicht erwarten, dass die übrige Christenheit seinetwegen die überlieferte Sprachregelung der biblischen Verkündigung aufgibt. Er wird diese Verkündigung auch selber schätzen, sie aber ihrem Wesen nach als Mittel bzw. als Weg zu einem Ziel begreifen, das jenseits aller Beschreibung liegt. Und die Vertreter der Kirchen, die auf ihren fest gefügten Glaubensformeln bestehen und abweichende Formulierungen als Irrtümer bezeichnen, wird er bescheiden daran erinnern, was schon für den Apostel Paulus selbstverständlich war: „Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk“ (1Kor 13,9-10). Anders ausgedrückt: Auf dem Gebiet der religiösen Erfahrung können keine Worte das Erlebte wirklich enthalten und verlässlich weitergeben. Auch noch so „richtige“ („wahre“) Glaubenssätze können – im günstigen Fall – nicht mehr, als den Hörer auf den Weg zu schicken, ihn zur eigenen Suche einzuladen. Die Kirchen hätten also gute Gründe dafür, ihren Mitgliedern die Freiheit zu lassen, ihre spirituellen Erfahrungen auf ihre Weise auszusprechen. Unter ehrlich suchenden Menschen sollte niemand mehr wegen evtl. abweichender Formulierungen seiner geistlichen Erfahrung ausgegrenzt werden dürfen.

DAS  EINE  –  ein Gottesbild mystischer Erfahrung

Als Mose die „Herrlichkeit“ Gottes sehen wollte, hörte er diese Worte: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex 33,20). Eine alte Tradition sah in diesen Worten die Warnung vor einer Todesgefahr, als wäre das Erblicken Gottes ein Tabubruch, der den sofortigen Tod bewirkt. Neben diesem möglichen Hintergrund sehe ich in ihnen auch eine Andeutung der Wirkung der großen mystischen Erfahrung des EINEN: In dem Augenblick, wo das menschliche Ich vom Eindruck dieses EINEN überwältigt wird, verschwindet das Bewusstsein der Individualität des Sehers in einem unsagbaren Glückszustand. Wenn er dann nicht stirbt und sein Ich wieder findet, sieht er das „Angesicht“ des EINEN natürlich nicht mehr.

Zu welchem Gottesbild könnten wir aufgrund mystischer Erfahrungen und ohne Rückgriff auf die geschichtliche Offenbarung kommen?

Für uns Menschen, die im westlichen Kulturkreis von der biblischen Tradition geprägt sind, erscheint „Gott“ nicht (oder höchst selten) als das absolut Eine, dagegen sehr stark als eine Person, als ein uns gegenüberstehendes Ego (ein „Ich“) mit bestimmten Eigenschaften. In einer mehr östlichen Sicht (aber auch in der Sichtweise mancher christlicher Mystiker) ist das Absolute ganz das Gegenteil einer Person, nämlich die große Einheit, die sich nicht (oder kaum) mehr als ein Ego zeigt. Das Absolute ist so wenig eine Person wie der Ozean eine Welle ist, obwohl es natürlich in keiner weise weniger, sondern viel-viel mehr  als eine „Person“ ist. Das EINE ist aber für sich weder Ich noch Du.

Es bleibt natürlich die Tatsache bestehen, dass wir Menschen auf ein Du angewiesen sind, und zwar nicht nur als Gesprächspartner, sondern um uns selbst (als Ich) überhaupt zu finden und zu erkennen. Kurz gesagt: Wir brauchen einen Gott als ein geeignetes Du, auf den wir uns verlassen können, mit dem wir uns auch auseinander setzen können, um über uns selbst und über unsere Beziehungen zu den Mitmenschen und zur Welt Klarheit zu gewinnen. „Unser Gott“ als Gesprächspartner (d. h. unser Gottesbild!) muss für uns also selbstverständlich ein Du sein, das uns ein „Heraustreten“ aus den Begrenzungen unseres „Ich“ ermöglicht. In uns ist allerdings auch ein Verlangen nach Liebe ohne definierte Grenzen. Die Erfahrungen der Mystiker mahnen uns, dass unser Gottesbild – um jede einseitige Fixierung zu vermeiden – nicht festgelegt, sondern unbedingt offen bleiben sollte in Richtung auf das absolut EINE. Wenn ich diesen Aspekt der Offenheit des Gottesbildes betonen will, werde ich dies im folgenden Text damit andeuten, dass ich gOtt (statt Gott) schreibe.

Dazu noch eine Bemerkung: Der „westliche“ Mensch projiziert sein Ego – einem überdimensionierten menschlichen „Ich“ ähnlich – als allmächtigen Herrn  in den Himmel. Aber das Absolute lässt sich nicht als Gegenüber von Anderen definieren, deshalb auch nicht als Ego begreifen. Wer aus dem göttlichen Geheimnis konsequent ein Ego macht, betreibt eine Art Götzendienst, den ich hier etwas überspitzt „Egolatrie“ („Ich-Anbetung“) nennen möchte, der zu untragbaren Widersprüchen führen muss, wie wir es noch sehen werden. Es ist mir natürlich auch klar, dass diese „Egolatrie“ für Menschen kaum zu vermeiden ist. Gott als Ego (z. B. als „eifersüchtiger Gott“) kommt dem entsprechend vielfach auch in der Bibel vor (Ex 20,5; 34,14), denn ein solches Bild haben die Menschen verstehen können. Dieses egozentrierte Denken bildete wahrscheinlich sogar eine der Voraussetzungen der Entwicklung der menschlichen Kultur – und seine Funktion wird auch in der Zukunft notwendig bleiben.

Aber was notwendig ist, muss nicht immer auch ausreichend sein. Die Entwicklung der Menschheit kann einen Punkt erreichen, wo sie von den Leitbildern „dieser Welt“, d. h. eines Ich-zentrierten Denkens („immer mehr, immer höher, immer schneller!“), nicht mehr das „Heil“, ja vielleicht nicht einmal das schlichte Überleben erwarten kann. Wir haben diesen Punkt vielleicht schon erreicht oder überschritten. Wenn wir die Gefahr merken, müssen wir den Stellenwert dieses Denkens revidieren.  Die Betonung des Ego wird zwar immer noch ein Kennzeichen und Antrieb menschlichen Handelns bleiben, aber wir dürften dieses Ego nicht mehr als höchsten Wert gelten lassen, der „selbstverständlich“ auch in Gott (und zwar absolut!) verwirklicht wäre. Deshalb müsste das Christentum heute – um für unsere Zeit heilsam zu sein – nicht mehr in erster Linie den Gehorsam gegenüber einem göttlichen HERRSCHER verkünden, sondern die demütige (d. h. “zum Dienen mutige“) Anerkennung des EINEN, dessen Reich „nicht von dieser Welt ist“.

DIE TRANSZENDENZ  –  Versuch einer bildlosen Umschreibung Gottes

Jede Offenbarung über Gott hat einen schwachen Punkt: was wir auch beim Sprechen aussagen, was wir auch beim Hören vernehmen, es bleiben immer menschliche Gedanken. Bevor wir weiter über Gott reden, müssen wir uns noch diesen Umstand etwas genauer anschauen.

Was der Mensch erkennt, das bildet seine „Welt“, gehört automatisch zu seiner Welt. Das wichtigste Werkzeug seiner Erkenntnis, seine Sprache, ist in der Bewältigung der Aufgaben des Überlebens in dieser Welt entstanden. Kann gOtt, der nicht Teil der menschlichen Umwelt ist, unter diesen Umständen überhaupt zum Gegenstand menschlicher Erkenntnis werden? – Wer nach Gott sucht, muss auf jeden Fall damit rechnen, dass er ihn trotz allem Bemühen niemals „dingfest machen“ kann, denn er ist keine Realität in Raum und Zeit, er ist transzendent. Aus dieser Einsicht folgt die Berechtigung und sogar die Notwendigkeit einer „negativen Theologie“, wonach wir über das Wesen Gottes vor allem negative Aussagen machen können: wir können viel leichter sagen, was Gott nicht ist, als das, was er ist. Selbst das „Gotteswort“ der Bibel hält sich oft daran und bleibt mit seiner Aussage im Bereich des Negativen: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn“ (Jes 55,8).

Was immer wir über Gott lesen, hören oder sagen, muss deshalb vor dem Hintergrund seiner Transzendenz stehen. Wir dürfen niemals vergessen, dass gOtt mit Sicherheit nicht mit dem „Gott“ identisch sein kann, den Menschen sich so treffend ausdenken. Unsere Begrifflichkeit baut ja auf Definitionen, die das, was wir bezeichnen und das, was wir nicht meinen, von einander „abgrenzen“; wir haben aber keinerlei Sicherheit darüber, wie weit die Grenzziehungen unseres „Begriffsapparates“ für gOtt gelten. Allein schon wenn wir ihm einen Namen geben oder von ihm irgend etwas behaupten, haben wir ihn damit definiert, das heißt „eingegrenzt“, von ihm gewisse andere Möglichkeiten ausgeschlossen – und damit den „echten“ Gott vielleicht bereits verfehlt. Deshalb soll auch unser Ausdruck der Transzendenz Gottes selbst keinen positiven Inhalt vorgeben. Transzendenz besagt nur, dass Gott grundsätzlich keiner Begrenzung unterliegt, ganz unabhängig davon, was unsere sprachlichen Wendungen über ihn auch aussagen mögen.

In meinem Buch „Jesus oder Paulus“ (Näheres s. unter „Buchbesprechungen“) habe ich die Gottesbilder Jesu und des Paulus einander gegenübergestellt und darauf hingewiesen, dass sie miteinander logisch nicht zu vereinbaren sind. Ihre Diskrepanz geht darauf zurück, dass Paulus die frohe Botschaft Jesu anscheinend nicht gekannt oder sie für die Erklärung seiner Probleme nicht für ausreichend gehalten hat. Man darf aber keineswegs übersehen, dass seine Gotteslehre aus seiner inneren Auseinandersetzung mit gewichtigen Problemen entstanden ist und dass er mit ihr bis zu den Grenzen seiner Möglichkeiten vorgedrungen ist. Die Mängel seiner Gotteslehre sollte man ihm, einem fehlbaren Menschen, auch nicht vorwerfen. Allein die Absolutsetzung dieser Lehre durch eine später erfolgte Deutung seiner Briefe als „unfehlbare heilige Schrift“ war falsch, wie auch jede Absolutsetzung von Aussagen über Gott nur falsch sein kann. Paulus war sich noch durchaus bewusst, dass weder er selber noch seine Gotteserkenntnis vollendet war (vgl. Phil 3,10-13 und 1Kor 13,12). Wenn er im Galaterbrief (Gal 1,6-9) trotzdem jeden verflucht, der bei der Verkündung der „guten Nachricht“ von seiner Auffassung abweicht, hat er damit vor allem das eigene Ansehen vor dieser Gemeinde verteidigt. Wir können deshalb seine Worte ruhig als rhetorische Übertreibung eines leidenschaftlichen Kämpfers verstehen und so auch gelten lassen. Wer aber später – von seinen Worten ermutigt – wahre „Betonmauern“ solcher Verfluchungen um die eigene Gotteserkenntnis errichtet hat, um mit seinen Dogmen vermeintliche „ewige Wahrheiten“ zu sichern, verdient nicht den gleichen Respekt. Die menschliche Begrenztheit der Vertreter der Kirche macht zwar das Entstehen eines vom Leben abgekoppelten „Lehrgebäudes“ verständlich, aber wer diese Zusammenhänge einmal eingesehen hat, darf nicht mehr verschweigen, dass jedes Dogma letzten Endes dem Verkennen der Transzendenz Gottes nahe kommt.

Dies gilt natürlich über jede menschliche Festlegung der Eigenschaften des Transzendenten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Karl Herbst hat in seinen Büchern überzeugend dargelegt und bestand bis zuletzt darauf, dass Jesus einen „nur guten“ Gott verkündet hat. In seinen späten Jahren hat ihm allerdings die Absolutsetzung dieses „nur guten“ Gottesbildes unsägliche Probleme bereitet, denn er hat sich vehement dagegen aufgelehnt, dass dieser „Gott“ auch Krankheitserreger, Spinnen, Füchse und andere „böse“ Wesen geschaffen haben konnte. Es war ihm nicht möglich, sich auf den einfachen Ausweg einzulassen, dass die Gottesbotschaft Jesu direkt nur auf ein Ziel ausgerichtet war, auf die Umkehr seiner Hörer zum vollkommenen Vertrauen zu Gott. Karl Herbst hat – wie die meisten Vertreter des Christentums – stillschweigend etwas vorausgesetzt, was Jesus völlig fremd war, nämlich dass die Verkündigung der „guten Nachricht“ zugleich die letztgültige Offenbarung des Wesens Gottes und damit alle Rätsel dieser Welt zu erklären imstande sein muss. Jesus hat zwar nicht von Transzendenz gesprochen, aber – was gleichbedeutend ist – er sprach wie selbstverständlich die stärksten Paradoxien aus, wenn er die Sache Gottes mit den Menschen vertrat. Seine Bergpredigt ist ein einziger Ausdruck davon, dass bei Gott Maßstäbe gelten, die dem „gesunden Menschenverstand“ als sinnlos oder widersinnig erscheinen müssen.

Die Transzendenz Gottes bietet uns den Schlüssel, die Widersprüchlichkeit der vielen Gottesbilder der Bibel richtig einzuordnen. In diesen Gottesbildern werden keineswegs die Eigenschaften einer direkt nicht zugänglichen göttlichen Persönlichkeit „geoffenbart“; sondern es sind jedes Mal Menschen, die in diesen Bildern – in ihrer jeweiligen Situation – eine Klärung ihrer Gedanken und damit eine Hilfe auf ihrem Weg erfahren. Menschen einer späteren Zeit, die in ihrer „Heiligen Schrift“ vor allem die eigene Sicherheit suchen, verkennen zu leicht diese Tatsache. Wir müssen aber bescheiden zur Kenntnis nehmen, dass selbst die Bibel uns keine Möglichkeit bietet, gOtt „mit Sicherheit“ zu erkennen. In die selbe Richtung zielt das biblische Verbot jeglicher Darstellung Gottes, das natürlich nicht nur eine Einschränkung der Kunst ist, sondern ganz radikal auch jede gedankliche Fixierung des Göttlichen verbietet. Wer den wirklichen Gott meint (der keine Realität in Raum und Zeit ist), muss jeden Schritt, den er (in Raum und Zeit!) in seine Richtung macht, sozusagen „offen lassen“. Es bleibt ihm verwehrt, jemals mit Recht zu glauben, er hätte gOtt begriffen und könnte von ihm irgend etwas festhalten! Jeder begriffene „Gott“ ist ein falscher Gott, ein Götze. Dies gilt für jegliche Gotteserkenntnis, ob sie aus einer heiligen Schrift, aus eigenem Nachdenken oder aus einer mystischen Erfahrung ausgehen mag.

Was ist dann aber von der „Gotteserfahrung“ Jesu am Ausgangspunkt seiner Sendung zu halten? Und was sollen wir von den Berichten über Transzendenzerfahrungen halten, die auch in unserer Zeit geschehen? Eine solche „Erfahrung“ liegt nicht auf der selben Ebene wie die Sinneserfahrungen, die letztlich unser ganzes Wissen von der Welt begründen. Eine Transzendenzerfahrung ist auch keine Mitteilung (und in diesem Sinn auch keine „Offenbarung“!), sondern eine Begegnung. Wer eine solche erlebt hat, weiß nachher nicht mehr als vorher. Er hat lediglich etwas gesehen, was er mit seinen bekannten Begriffen nicht greifen kann; er bekam eine Einsicht, eine Evidenz, die er aber nicht beschreiben und niemandem weitergeben kann. Ein solches Erlebnis transzendiert die bekannte Welt der Erfahrungen und der Sprache. Wer sie erlebt, wird nachher nur von sich etwas zu berichten haben, denn die Begegnung ist an ihn nicht spurlos vorbeigegangen. Er ist jetzt sich sicher, er ist eines Sinnes sicher, er hat ein Glück geschmeckt, einen Zustand, in dem nichts fehlt, in dem aber auch kein Subjekt und kein Objekt mehr vorhanden und folglich auch über nichts mehr zu berichten ist. Auch Jesus begann nach seiner großen Erfahrung nicht eine „Lehre über Gott“ zu verbreiten, als wüsste er über ihn jetzt, da er sich ihm klar gezeigt („geoffenbart“) hat, genau bescheid. Statt dessen sprach er über die Nähe des „Gottesreiches“, das er aber mit Bildern von menschlichen Angelegenheiten beschrieb. Der geöffnete Himmel, den er „sah“, und die Stimme, die er „hörte“, sind nur mitteilbare Chiffren der nicht mitteilbaren Evidenz einer Transzendenzerfahrung, die sein beispielloses Vertrauen begründet hat. Dieses Vertrauen wusste er für die Menschen mit den Bildern des „Vaters“ zu übersetzen.

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Ich glaube an den allmächtigen Vater

Wir haben bereits überlegt, was für uns das Wort „ich glaube“ (Credo) eigentlich bedeutet, nämlich dass ein Mensch sich gänzlich auf Gott verlässt. Dies möchten wir nicht aus dem Auge verlieren, wenn wir jetzt nach dem göttlichen Gegenüber dieses Vertrauens fragen wollen. Wenn wir also jetzt anfangen, oft gehörte Aussagen über Gott zu bedenken, möchten wir uns bewusst darauf konzentrieren, was diese Sätze für die Menschen bedeuten. Unsere Haltung steht hier in einem gewissen Gegensatz zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, dessen Worte einen feierlichen Klang haben und über Gott etwas zu verkünden scheinen. Von uns Menschen ausgesagt klingt der erste Satz des Glaubensbekenntnisses dann etwas bescheidener: „Ich vertraue Gott, dem Vater“.

Gott der Vater

In den patriarchalen Gesellschaften des Altertums betonte das Wort „Vater“ nicht so sehr die biologische Rolle eines Mannes, sondern seine Stellung innerhalb der Familie, wo er nicht nur von den eigenen Kindern, sondern auch von der Frau und von den übrigen Mitgliedern der Hausgemeinschaft „Vater“ genannt werden konnte. Es bedeutete gleichzeitig „Herr“, was nicht nur ein schmückender Titel war, sondern eine echte Machtstellung bezeichnete. Wenn in der Antike Gott „Vater“ genannt wurde, dachte jeder sofort auch an seine allumfassende Machtstellung. Die Völker des Orients waren es gewohnt, die Macht ihrer Könige auf Götter zurückzuführen, aber andererseits auch ihre Erfahrungen mit den irdischen Herren wieder auf ihre Götter zu projizieren. Von solchen Projektionen blieb auch der Gott Israels nicht frei und wurde durchaus mit den Eigenschaften orientalischer Herrscher geschildert.

Das Auffallende in der Verkündigung Jesu war aber gerade seine völlig neue Akzentuierung des Gottesprädikats „Vater“. Der Gott, von dem er sprach, war kein „Vater-Herr“, sondern schlicht der „Abba“. Als „Abba“ wurde der Mann nur von den eigenen Kindern angesprochen, und das Wort klang familiär zärtlich, liebevoll, vertrauensvoll, wie bei uns etwa „Papa“. Mit der Bezeichnung als „Abba“ sprach Jesus also nicht die Machtstellung Gottes an, sondern seine natürliche und positive Beziehung zu den Menschen, die so vertrauensvoll vor ihrem Gott stehen können wie ein kleines Kind vor seinem „Papa“ (Dieses Gottesbild Jesu ist ausgeführt in: Peter Sardy, Jesus oder Paulus. s. Buchbesprechungen). In den Evangelien finden sich zwar als „Jesusworte“ auch einzelne Aussagen, die eine Willkürherrschaft Gottes andeuten, aber sie widersprechen offensichtlich dem Kern der Botschaft Jesu und erweisen sich damit als Produkte der späteren Gemeinde. Der Vater – wie Jesus ihn darstellt – ist zwar Herr seiner Schöpfung, gegen dessen Willen nichts geschieht, aber er hat freie Menschen geschaffen und die Welt in ihre Hände gelegt. Die Willkür ist jetzt die Eigenschaft dieser kleinen „Herren“, die damit viel Leid verursachen, während Gott, der einzige wirkliche Herr, völlig gewaltfrei bleibt. Er hat die Gesinnung eines Vaters, die nur auf das Wohl aller seiner Kinder zielt.

Gott und die Kirche

Jesus hielt allerdings an einem wichtigen Zug des patriarchalen Gottesbildes fest, und zwar an der einzig maßgeblichen Stellung des Vaters. Er ließ für die innersten (spirituellen) Angelegenheiten der Menschen nur eine einzige Autorität gelten: Gott. Nach ihm durfte ein Mensch auf diesem Gebiet  nicht einmal den Anschein erwecken, als hätte er eine Autorität. Auch wenn er seiner Sendung ganz sicher war, hat er den beginnenden Personenkult um die eigene Person unerwartet radikal abgewiesen. Als ein junger Mann ihn mit „Guter Meister!“ anredete, wies er ihn schroff zurecht: „Niemand ist gut außer Gott, dem Einen!“. Deshalb besteht für mich auch kein Zweifel, dass auch folgendes Wort auf Jesus zurückgeht: „Ihr sollt auch niemand auf Erden euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel“ (Mk 10,18; Mt 23,9). In diesen Stellungnahmen Jesu sehe ich das Entscheidende, das am Anfang der Lehre über eine Kirche, die sich auf ihn beruft, stehen müsste. In der wirklichen, sich immer mehr patriarchal festigenden Kirche konnte diese klare Haltung Jesu nicht ernst genommen werden und wurde bald völlig in den Hintergrund gedrängt.

Gott die Mutter

Ähnlich in den Hintergrund treten musste auch, dass der „Abba“ Jesu ein durch und durch „mütterlicher Vater“ war. Da die religiösen Vorstellungen Israels stark von einem einseitig männlichen Gottesbild geprägt waren, haben die Jünger Jesu (allesamt Juden) diesen mütterlichen Zügen Gottes einfach keine Beachtung schenken können. Wie wichtig und notwendig aber diese jesuanische Korrektur des weiterhin hochgehaltenen patriarchalen Gottesbildes war, zeigte die Tatsache, dass die beliebten Muttergottheiten der verschiedenen antiken Völker mit der Ausbreitung des Christentums nicht einfach verschwanden, sondern lediglich durch den christlichen Kult der „Gottesmutter“ ersetzt wurden.

Erst heute sind wir imstande darüber zu reflektieren, dass jedes Gottesbild seine Grenzen hat, und zwar dort, wo es beginnt, in der menschlichen Seele lebensfeindliche Wirkungen hervorzurufen. Solche krankmachenden Wirkungen des gängigen Gottesbildes werden heute von Psychologen wie von Theologen beschrieben. Es würde auch nicht viel helfen, zum Ausgleich jetzt mehr über Gott als Mutter zu predigen, denn das Bild einer Mutter hat auch seine eigenen negativen Aspekte, etwa das Festhalten der Kinder und das Verhindern ihrer Emanzipation. Es ist notwendig, uns hier daran zu erinnern, dass die transzendente Gottheit mit keinem Bild zu erfassen ist und deshalb kein Gottesbild eine absolute Geltung beanspruchen kann.

Tatsache bleibt, dass die Menschen – zu ihrer seelischen Entfaltung – Gottesbilder benötigen; aber wie ein Mensch Gott „sieht“, das kann und muss sich im Laufe seines Lebens verändern. Das „bildlose Bild“ des transzendenten EINEN bleibt zwar zweifellos die geeignetste Chiffre der Gottheit für Menschen, die eine hohe Stufe der Reflexion oder mystische Einsichten erreicht haben, aber im Alltag denken wir auch nicht ständig an die Relativitätstheorie. Menschen müssen sich bei ihrem Fragen nach Gott  menschlichen Gefühlen, Vorstellungen und Begriffen anvertrauen – was sie dann auch ohne Preisgabe der Ehrlichkeit tun dürfen!

Gott und Menschenbild

Bei allen Überlegungen über die Gottesbilder sollte man nicht vergessen, dass sie, wenn sie das „Wesen“ der Gottheit auch nicht erfassen können, immerhin einzelne Aspekte unserer Beziehung zur Transzendenz ansprechen. Ihr Ertrag ist auf jeden Fall, dass wir von ihnen jeweils neue Ausblicke auf die Menschen gewinnen können. Wenn Jesus Gott „Vater“ nennt, sagt er damit konsequent auch etwas über die Menschen, denn die Vater-Kind-Beziehung setzt eine enge Verwandtschaft voraus. Den Menschen ist demnach ein hoher Wert und eine besondere Würde eigen. Sie sind keineswegs nur – wie unser naturwissenschaftliches Weltbild es nahe legt – Produkte des reinen Zufalls, wie der Sand am Meer. Sie sind auch nicht – wie die Berichterstattung mancher Medien es glauben machen könnte – eine „massa damnata“, ein Haufen von rücksichtslosen Egoisten, von denen nichts Gutes zu erwarten ist. In den Menschen ist – trotz des wenig schmeichelhaften Anscheins – etwas Großartiges, was sie der Gottheit ähnlich macht. Dieses „Göttliche“ sieht man ihnen nicht an; es ist ein „Geheimnis“, also etwas, was in den vier Dimensionen der naturwissenschaftlichen Welterklärung nicht erfassbar, aber für uns trotzdem eine grundlegende Realität ist. Ohne die Voraussetzung einer solchen „Würde“ wäre ein menschenwürdiges Leben gar nicht realisierbar, weil die Naturwissenschaften, die nur Beobachtungen sammeln und ordnen, damit überhaupt keine Möglichkeit haben, Werte zu begründen.

Aber wo lässt sich dieses Göttliche in den Menschen wenigstens erahnen? Meines Erachtens in ihrer geistigen Potenz und in ihrer Freiheit, insbesondere in ihrer „Freiheit zum Guten“. In diesem Punkt zeigt sich wieder einmal die tiefe Einsicht Jesu darin, dass er die Vater-Kind-Beziehung zwischen Gott und den Menschen nicht symmetrisch darstellt: Gott ist zwar ohne Bedingung der gute Vater, aber die Menschen sind nicht ohne Bedingung schon seine Kinder („Söhne“), sondern sie müssen sich als solche erst erweisen. Sie sind zwar an und für sich „böse“, aber sie können doch zu ihren Kindern gut sein und damit ein brauchbares Bild des „himmlischen Vaters“ abgeben. Sie neigen zwar zu Hass und Gewalt, aber sie haben trotzdem die Fähigkeit, sogar ihre „Feinde zu lieben“ (Mt 5,44-45; 7,11). Jesus wusste dabei nichts von einem Fluch („Erbsünde“), von dem die Menschen erst erlöst werden müssten, damit sie Gott ähnlich werden können; die Gotteskindschaft war für ihn einfach in der Reichweite menschlichen Strebens. Das christliche Denken müsste sich wieder viel mehr an diesem positiv-realistischen Menschenbild Jesu orientieren als an der unsäglichen Doktrin von der Erbsünde, die die sowieso bedrohlichen Gefährdungen der Menschen zu einem lähmenden Fluch erklärt.

Gott der Allmächtige

„Für Gott ist nichts unmöglich“ – so können wir es in der Bibel lesen. Dabei müssen wir bedenken, dass im Altertum der Begriff von Naturgesetzen noch nicht bekannt war; ein solcher Satz konnte also nicht mehr, als auf Ereignisse hinweisen, mit denen menschlich nicht zu rechnen war, etwa dass eine alte Frau noch schwanger wurde, oder „dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“. Jesus betonte seine Überzeugung, dass das Vertrauen zu Gott sogar das völlig Unerwartete erreichen kann, wenn es nicht durch menschliche Bedenken ausgebremst wird. Er betonte dies sogar mit einem völlig unrealistischen Bild: „Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Hebe dich empor und stürze dich ins Meer!, und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen“ (Mk 10,27; 11,23).

Wie er über die Allmacht Gottes wirklich gedacht hat, lässt sich aus den Evangelien nicht entscheiden. Der Evangelist Markus formuliert sein Gebet: "Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!", aber bei Matthäus klingt das Gleiche schon viel zurückhaltender: "Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber", was voraussetzt, dass auch Gott nicht alles beliebig „machen“ kann (Mk 14,36; Mt 26,39). Ich sehe in beiden Versionen nur literarische Versuche, Jesu Vertrauen zu Gott und seinen inneren Kampf mit der Angst zu beschreiben. Er selber stand wohl nicht mit seiner ganzen Persönlichkeit hinter einer solchen Bitte, denn er hätte sich in der Dunkelheit unschwer einer Festnahme entziehen können. Er hat aber einen solchen Versuch nicht einmal ernsthaft überlegt, denn es war in ihm eine andere Stimme mächtiger, die trotz seiner Angst konsequent bleiben wollte, um noch einmal vor den Autoritäten seines Volkes zu seiner Botschaft zu stehen.

Das christliche Bekenntnis zum „allmächtigen Vater“ war im Anfang auch keine philosophische Aussage, sondern eine Selbstvergewisserung der Gläubigen. Die Betonung lag und liegt darauf, dass „unser“ Gott ohne Konkurrenz ist, dass seine Macht keine Grenzen kennt, dass wir deshalb unter seinem Schutz keinen Feind zu fürchten haben. Die theoretische Frage, was Gott „für sich“ kann bzw. nicht kann, stellen wir jetzt noch zurück, bis wir uns den Problemen des Leidens und des Bösen zuwenden werden. Dort wird sich zeigen, dass uns Tatsachen zwingen, von der Vorstellung der Allmacht Gottes Abschied zu nehmen.


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Ich vertraue dem Schöpfer


Der Begriff eines Schöpfers benützt das Bild eines zielstrebig planenden und handelnden Menschen, etwa eines Handwerkers oder Künstlers. Dieses Bild ist nicht die einzige Möglichkeit, die Frage nach der Herkunft der Welt zu beantworten. Es gibt Schöpfungsmythen mit den Bildern von Zeugung und Geburt oder eines Kampfes, die den ältesten Erfahrungen der Menschheit mit Sicherheit näher liegen als die Herstellung eines Gegenstandes.

Bemerkenswert ist, dass gleich der erste Satz der Bibel: „Am Anfang schuf Gott ...“ im hebräischen Original statt des Namens Gottes ein Wort in Plural verwendet: „Elohim“ (wörtlich wie „Götter“). Dieses Wort könnte man aus heutiger Sicht ohne weiteres auch abstrakt als „Gottheit“ oder auch als „göttliche Kräfte“ übersetzen. Diese „göttlichen Kräftetun „am Anfang“  nichts anderes als sprechen. Ihr „Sprechen“ könnten wir treffend als die Festlegung einer „Zielvorstellung“ bezeichnen; die einzelnen Schritte der Ausführung geschehen dann aber alle durch natürliche Kräfte des entstehenden Kosmos, die diese Zielvorstellung nach und nach verwirklichen.

Heute, vor dem Hintergrund der einfachen Weltformeln der theoretischen Physik, ist allerdings möglich geworden, sich den Schöpfer wie einen großen theoretischen Physiker vorzustellen, der „am Anfang“ (vor dem „Urknall“) eine mathematisch sehr einfache und abstrakte Struktur der Energie bzw. Materie entwirft, die aber (erstaunlich!) geeignet ist, alle Gesetze der Physik, Chemie, Molekularbiologie, Psychologie usw. zu begründen, so dass sie im Laufe einer Entwicklung den ganzen Reichtum der von uns beobachteten Welt hervorbringen konnte. Aber auch dieses Bild ist nach einem uns vertrauten menschlichen Vorbild gestaltet. Das Beobachten der uns bekannten Vorgänge bietet keinen Hinweis auf das Wirken eines Schöpfers, dessen Eingriff vom Wirken seiner Geschöpfe verschieden wäre.

Dafür erleben aber viele Menschen eine numinose Qualität des Kosmos, die von Menschen aller Kulturstufen seit Urzeiten gespürt wurde und von Vielen (auch von Naturwissenschaftlern) auch heute noch gespürt wird, etwa in den unbeschreiblichen Dimensionen des Weltalls, in der Einfachheit der Naturgesetze, in den Schönheiten der Natur, in den Schöpfungen der Kunst und Technik und ganz besonders auch in der Liebe zwischen Menschen. Sie sind fasziniert von einem großen Zusammenhang, als dessen Teil sie sich selbst erleben. Wache Menschen erahnen auf diese Weise, dass die sie umgebende Wirklichkeit nicht sinnlos und leer ist. Sie spüren, dass etwas, oder vielleicht Jemand da ist, den man „ertasten und finden könnte, denn keinem von uns ist er fern. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,28). Dieses „Ertasten“ geschah im Laufe der Geschichte durch die Ausbildung von Gottesbildern, die natürlich nur aus den Elementen der menschlichen Vorstellungswelt zusammengesetzt werden konnten und damit notwendiger Weise irgendwie „Menschen ähnlich“ (anthropomorph) sein mussten. Aus dieser einfachen Tatsache folgt, dass die Menschen auch sich selbst als „nach dem Bild“ ihrer Gottheit(en) erschaffen begreifen müssen.

Erinnern wir uns hier kurz daran, was wir bereits vom EINEN Gott festgehalten haben! Diese Einsicht sagt, dass alles in ihm ist und nichts von ihm getrennt – aber wie die Vielen aus dem EINEN hervorgehen und was die für uns nicht wahrnehmbare EINHEIT des Seins mit der erfahrenen Vielheit zu tun hat, das zu denken gelingt uns nicht. Immerhin, wir haben damit schon ein kleines Stück der docta ignorantia („belehrte Unwissenheit“) erreicht, wo uns eine Erkenntnis zusammen mit ihrer Begrenztheit bewusst wurde. Diese Erkenntnis wird unseren Alltag bereichern, wenn wir immer mehr verinnerlichen, dass in allem, was uns nur begegnet, „göttliche Kräfte“ wirksam sind. Aber was wissen wir von dem Gott, der durch diese Kräfte wirkt? Wir haben genug Hinweise darauf, dass die uns überlieferten Gottesbilder mehr vom Denken der Menschen als vom „wahren Wesen“ Gottes verraten. Auf jeden Fall haben wir keinen Grund, einen „göttlichen Uhrmacher“ anzunehmen, der (wie ein Mensch) sein Werk einmal fertig gestellt und aus der Hand gegeben hätte, so dass diese „Uhr“ jetzt auch ohne ihn, oder sogar entgegen seiner Vorstellung, weiter „ticken“ könnte. Die „Schöpfung“ ereignet sich in jedem Augenblick und der „Schöpfer“ ist uns immer und überall nahe, da er von uns getrennt gar nicht gedacht werden kann. Überlegen wir, was dies konkret bedeuten kann.

„Ich vertraue dem Schöpfer des Himmels und der Erde“

„Himmel und Erde“ beziehen sich hier natürlich auf den Menschen, dessen Weltbild Himmel und Erde umfasst. Er erlebt Himmel und Erde gewöhnlich getrennt: er sieht die Erde „unter“ seinen Füßen und schaut „hinauf“ zum Himmel. Ganz ähnlich schaut er aber auch auf seinen Leib „hinunter“ und wähnt seinen Geist „oben“ (im Kopf). Er ist deshalb gewohnt, wie den Himmel von der Erde, so auch seinen Leib von der Seele (bzw. Geist) begrifflich zu unterscheiden. Was getrennt gedacht wird, kann aber trotzdem in der Wirklichkeit eins sein. Für die Naturwissenschaft sind Leib und Seele nur zwei Sichtweisen des (einen) Menschen. Auch die Bibel betont, dass die „göttlichen Kräfte“ („Elohim“) Himmel und Erde zugleich und nicht von einander getrennt hervorgebracht haben. Beide bilden die eine Schöpfung des EINEN: der Himmel ist also nicht „göttlicher“ als die Erde, wie auch der Leib des Menschen keineswegs „irdischer“ ist als sein Geist. Unsere erstrebte Spiritualität – wenn wir unserem Ursprung treu bleiben wollen – wird also die Aufgabe haben, auch den Menschen als Einheit von Leib und Seele wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

Nach der Apostelgeschichte hat Paulus in einer Rede in Athen über den „unbekannten Gott“ diesen Satz gesagt: „Wir sind von seiner (göttlichen) Art“ (Apg 17,28), d. h. der Mensch ist mit dem Göttlichen verwandt. Da man ihn aber nicht in Leib und Seele aufspalten darf, muss diese Verwandtschaft mit gleichem Recht für seinen Leib wie von seiner Seele gelten. Die Kirche unserer „Väter“ wollte die Menschen noch dazu bewegen, „das Irdische zu verachten und das Himmlische zu lieben“ und damit den Leib gleichsam als Gefängnis der Seele und seine natürlichen Neigungen vor allem als Versuchungen zur Sünde und Gefährdungen seines „Seelenheils“ zu sehen. Es fiel dabei kaum jemandem auf, dass die derart empfohlene Verachtung des Leibes (und alles Irdischen) auch ein Urteil über die Schöpfung und damit eine Beleidigung des Schöpfers sein könnte. Das kirchliche Denken war bis in die jüngste Zeit der Weltsicht des im Altertum weit verbreiteten Manichäismus verpflichtet, der die Übel der Welt damit erklärte, dass die Materie nicht vom guten Gott sondern von seinem „Widersacher“ geschaffen wurde. Die alte Kirche hat zwar diese dualistische Vorstellung verworfen, war aber nicht konsequent genug, ihren Einfluss auf die eigene Lehre radikal zu überwinden. Heute sollten wir imstande sein, diesen notwendigen Schritt endlich zu vollziehen.

Wer dem „Schöpfer des Himmel und der Erde“ wirklich vertraut, wird also dankbar, im Leib zu sein, bzw. dankbar, ein Leib zu sein. – Er wird die jahrhundertelang kultivierte christliche Leibfeindlichkeit weit zurücklassen und damit die Reife des alttestamentarischen Weisen wieder erreichen, der solche Sätze schreiben konnte: „Wer sich selbst nichts gönnt, wem kann der Gutes tun? Er  wird seinem eigenen Glück nicht begegnen.“ „Mein Sohn, wenn du imstande bist, pflege dich selbst; soweit du kannst, lass es dir gut gehen!“ „Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages; an der Lust, die dir zusteht, geh nicht vorbei!“ (Sir 14,5.11.14).

Wer dem „Schöpfer des Himmel und der Erde“ wirklich vertraut, wird auch vor den anderen Geschöpfen des gleichen Vaters Achtung haben. Er wird das Anders-Sein anderer Menschen, das ihm oft als fremd und damit bedrohlich erscheint, als Reichtum der Schöpfung Gottes ansehen. Diese Haltung zeigt sich in einer ehrlichen Toleranz, die erste Stufe der universalen Liebe, die in der Feindesliebe gipfelt und die Menschen dem „himmlischen Vater“ ähnlich und damit zu seinen „echten“ Kindern macht.

Wer dem „Schöpfer des Himmel und der Erde“ wirklich vertraut, wird auch Freude an seiner Schöpfung haben. Im Buch der Sprüche finden wir ein unvergleichliches Bild dazu, wo „die Weisheit“ sich selbst als ein „göttliches Kind“ schildert: „Als er (Gott) die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“ (Spr 8, 30-31). Diese Szene verschwendet keinen Gedanken darauf, ob die Schöpfung gut ist. Die „Weisheit“ spielt – wie ein Kind – einfach und sorglos vor den Augen des Schöpfergottes. Gott hat „seine Freude“ an diesem Kind, das sich über die Menschen freut, so wie sie erschaffen sind. Aus diesem Bild strahlt die gesunde Lebensfreude eines Kindes, dessen Ansprüche allein schon mit der „Lust am Sein und am Funktionieren“ erfüllt sind.

In seinem rätselhaften Wort „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ (Mk 10,15) hat Jesus genau diese einfache Haltung eines Kindes gegenüber Gott und seinem „Werk“ empfohlen. Ein solches Kind freut sich über alles, was Gott entstehen lässt. Es freut sich auch über das eigene Leben und lebt es im Augenblick – ob in Lust oder Schmerz – ohne  sich von Gedanken an die Gefährdungen dieses Lebens ängstigen und lähmen zu lassen. Erst wenn jemand zu einem solchen Kind wird, ist er geeignet dafür, was Jesus das „Reich Gottes“ genannt hat. Er kann dann, auch wenn er wegen der Umstände am Leben verzweifeln könnte, trotzdem vielleicht noch sagen: „Wenn ich nur wie eine Seifenblase in der Hand eines spielenden „göttlichen Kindes“ wäre, das mich erschafft, nur um sich über mein Leben und mein Vergehen zu freuen – dann möchte ich wenigstens eine besonders schöne Seifenblase sein und besonders weit fliegen!“ Das wäre eine hohe Form des vertrauenden Glaubens an den Schöpfer. Ein solcher Mensch wäre mit dieser Hingabe schon im „Reich Gottes“.


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Ist Gott der Schöpfer auch des Leids?

Die Erfahrungen menschlichen Leids (z. B. in Krankheiten und Naturkatastrophen) berühren uns so stark, dass viele Menschen in dieser Welt keine gelungene Schöpfung sehen können. Wenn sie dann auch noch die christliche Botschaft von einem liebenden und allmächtigen Vater hören, empfinden sie die Diskrepanz zwischen dem verlangten „Glauben“ und der erlebten Wirklichkeit beinahe unerträglich. Wie kann denn ein guter Gott all dieses Leid wollen oder überhaupt nur ertragen, wenn er es doch mit seiner Allmacht auch leicht verhindern könnte? Diese schwere Frage (als „Theodizeeproblem“ bekannt) bleibt eine große Belastung des Gottesbildes und eine unbewältigte Herausforderung des christlichen Weltbildes. Zu dieser Frage habe ich in meinem Buch „Jesus oder Paulus“ (s. Buchbesprechungen) bereits einige Gedanken dargelegt, die ich hier nicht wiederholen will.

Es ist in der Tat so, dass wir eine menschliche Person, die so viel Leid bewusst herbeiführen würde, in keiner Weise rechtfertigen könnten. Ich hörte neulich einen Freund sagen: „Wenn ich den Schöpfer vor mir hätte, würde ich ihm sagen: Mein Lieber, das hast du aber schlecht gemacht!“ Ich habe dazu nur bemerkt, dass es sinnlos ist, einen „Gott“ auf diese Weise zur Rechenschaft ziehen zu wollen, denn einen solchen „Gott“ gibt es nicht! Wer so etwas sagt, müsste erst bedenken, dass er den wirklichen Gott gar nicht kennt.

Wenn wir mit dem menschlichen Leid ein Problem haben, dürfen wir die Suche nach Lösungen nicht bei Gott anfangen, den wir nicht verlässlich in unsere Gedanken „einbauen“ können. Wenn wir ehrlich vorgehen wollen, müssen wir zuerst solche Gesichtspunkte prüfen, die uns einigermaßen zugänglich sind – und das sind unsere eigenen Gedanken und Gefühle. Sie bilden ja die Voraussetzung auch für jemanden, der meint, dem „Schöpfer“ wegen mangelhafter Qualität seines Werkes Vorwürfe machen zu müssen. Wenn wir dann unser Denken und die ihm zugrunde liegenden Informationen analysieren, wird es uns zwar noch nicht die erwünschte Klarheit bringen, aber wir können entdecken, dass wir unsere Begriffe nicht einfach mit der Wirklichkeit gleichsetzen dürfen.

Wir fragen hier also nicht nach einer „wahrheitsgemäßen“ Beschreibung Gottes, sondern bescheidener nach unserem spirituellen Weg, mit dem Problem des Leides fertig zu werden. Wir fangen dabei mit der Frage an: Was können wir auf realistische Weise zur Klärung des Problems voraussetzen? – In unserer Zeit können wir nur von einem wissenschaftlich begründeten Weltbild ausgehen, das durch den Begriff der Evolution gekennzeichnet ist. In der biologischen Evolution – wie wir sie kennen – hat das Leid eine wesentliche Rolle und erscheint in mehreren Zusammenhängen:

Ohne Leid kein Leben

a) Wir können beobachten, wie einzelne Individuen und ganze Biotope auf äußere Einflüsse reagieren: Überfluss und Mangel wirken überall als regelnde Faktoren der Lebensprozesse. Bei höher organisierten Lebewesen (wie auch beim Menschen) geschieht diese Steuerung durch „Lust und Unlust“; d. h. sie werden – bildlich gesprochen – durch „Zuckerbrot und Peitsche“ zur Sicherung ihres Lebens getrieben. Schmerz und Leid erweisen sich dabei als wesentliche Teile eines „Programms“, denn sie liefern die reaktionsauslösenden Reize, die die Lebewesen dazu veranlassen, Gefährdungen ihres Lebens möglichst zu vermeiden. Diese Tatsache erweist Schmerz und Leid einfach als unentbehrlich zur Erhaltung des Lebens der Individuen.

b) Die Begrenztheit des Lebensraumes und der Nahrung führt unweigerlich zu Konkurrenzkämpfen, zum bereits sprichwörtlich bekannten „Kampf ums Dasein“. Dieser Kampf sichert das Weiterleben der jeweils besser geeigneten Individuen und führt – zusammen mit den zufällig auftretenden Veränderungen des Erbgutes (Mutationen) – zu immer differenzierteren und höher entwickelteren Arten. Auch dieser Kampf bringt unausweichlich viel Leid mit sich. Das Leid erweist sich damit wieder als unentbehrlich, diesmal für jede erfolgreiche Differenzierung, für jede Höherentwicklung des Lebens.

c) Eine weitere Quelle des Leids sind die Naturkatastrophen. Die Erdgeschichte zeigt, dass die Evolution bis zum Menschen keineswegs ohne Katastrophen  verlief. Man darf sogar vermuten, dass wiederholte Katastrophen sozusagen zum Drehbuch der Evolution der Biosphäre gehörten (z. B. beim Aussterben der Saurier), bis es am Ende – durch eine Reihe unwahrscheinlicher Zufälle – zum Erscheinen des Menschen kommen konnte. Und nichts deutet darauf hin, dass diese Geschichte schon zu Ende gekommen wäre.

Zusammenfassend  können wir sagen: Die nüchterne Beobachtung zeigt, dass das uns bekannte Leben ohne Leid und Tod genau so wenig denkbar sind, wie menschliche Freiheit ohne Irrtum und Fehler – was eine weitere große Quelle menschlichen Leids ist, die bisher nicht erwähnt wurde. Leid beherrscht überall die Szene, wo wir auch hinschauen. Wir sollten aber nicht die Augen davor verschließen, dass dies genau so wenig das Wesentliche des Weltgeschehens ist, wie die dreckigen Windeln das Wesentliche im Kinderwagen. Leid und Tod sind nur Begleiterscheinungen, bzw. ein notwendiger Preis des großen Wunders, das man Leben nennt. Den Wert dieses Lebens kann das Leid genau so wenig in Frage stellen, wie menschlicher Irrtum und Bosheit den Wert menschlicher Freiheit.

Revision des Gottesbildes

„Aber warum ist dieser schreckliche Umweg nötig, um zu den beachtlichen Ergebnissen der Evolution zu kommen?“ – könnte man hier einwenden. Müsste nicht ein liebender Gott auch andere Möglichkeiten finden und sie mit seiner Allmacht auch verwirklichen können?

Nun, wir können bestimmt nicht alle Zusammenhänge des Weltprozesses überblicken. Wir haben zunächst bescheiden unsere Erfahrung zur Kenntnis zu nehmen: „Die Welt ist so, wie sie ist“. Wenn wir die Tatsachen mit unserem Gottesbild nicht vereinbaren können, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder täuscht uns unsere Wahrnehmung und das darauf gebaute Weltbild, oder es stimmt etwas mit unserem Gottesbild nicht. Da unsere Wahrnehmung aber (nachdem wir sie kritisch geprüft haben!) das Erste ist, das wir ernst zu nehmen haben, müssen wir logischer und ehrlicher Weise zugeben, dass das geläufige Gottesbild den Test durch die Erfahrung nicht bestanden hat, dass wir also keine Ahnung haben, wie der „wirkliche Gott“ gedacht werden könnte. Die Ehrlichkeit verlangt von uns deshalb, Korrekturen an unserem Gottesbild vorzunehmen, und wenn seine Widersprüche überhaupt nicht zu vermeiden wären, sogar jede Vorstellung von einem Gott aufzugeben.

Mittelalterliche Philosophen haben Gott als die letzte Ursache dieser Welt definiert, der – selber unbewegt – alle Geschöpfe in Bewegung bringt. Diese „letzte Ursache“ sollte ein absolut vollkommenes Wesen sein, das in sich ruhend und für sich völlig genug ist. Ein solcher „Gott der Philosophen“ könnte allerdings keine Erklärung für unsere Welt bieten, denn mit der Erschaffung der Welt hätte er sich nur eine vollkommen unnötige Spielerei geleistet, wozu er natürlich keinen Anlass gehabt hätte. Die Erfahrung der Welt legt uns in keiner Weise nahe, auf die Existenz eines solchen – am Weltgeschehen völlig unbeteiligten – „vollkommenen Wesens“ zu schließen! Andererseits ist die Welt aber auch nicht so beschaffen, dass ihre Existenz aus sich heraus schon verständlich, d. h. als selbstverständlich und notwendig erscheinen könnte. Ihr Dasein verlangt nach einer Erklärung, die unser Verstand auch als einleuchtend anerkennen kann. Als Begründung für die Existenz der Welt könnte mir am ehesten eine zunächst unvorstellbare Wesenheit („Gottheit“)  einleuchten, die im Weltprozess sich irgendwie selbst verwirklicht, also aus sich heraus etwas entfaltet („ausdrückt“), was zu seinem Wesen gehört: die wirkliche Gottheit müsste also irgendwie „innig“ mit seiner Schöpfung verbunden sein und müsste auch wesentlich etwas mit den für uns unverständlichen Aspekten dieser Welt zu tun haben.

Was ist denn vor allem bemerkenswert unverständlich am ganzen Leid und an der von Menschen beklagten „Ungerechtigkeit“ in der Schöpfung? Vor der Kulisse der Evolutionsgeschichte (d. h. „wissenschaftlich“) betrachtet, ist doch alles begründet und selbstverständlich. Richtig auffallend ist allein die menschliche Auflehnung gegen die Herrschaft eines solchen „Schicksals“! Diese Auflehnung ist nicht nur ein Protest des betroffenen Opfers gegen den Schmerz, sondern wir sind auch innerlich überzeugt, dass hier ein Unrecht geschieht, dass so etwas in einer „richtigen“, in einer „gerechten“ Welt nichts zu suchen hat! Woher denn diese Vorstellung einer „gerechten“ Welt? Sie setzt einen Anspruch voraus, der gleichsam „natürlich“ besteht und deshalb keiner Begründung bedarf. Wer gibt uns denn die Sicherheit eines solchen „Glaubens“?

Der Apostel Paulus, der zweifellos auch mystische Erfahrungen hatte, sprach anschaulich von einer inneren Einsicht, projizierte sie zugleich nach außen und gab ihr eine theologische Deutung. Er schrieb, dass „die  gesamte Schöpfung seufzt und in Geburtswehen liegt“, d. h. unter seinem jetzigen Zustand leidet, aber dabei auf etwas Besseres ausgerichtet ist, nämlich auf eine Befreiung „zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,18-25). Eine solche Sehnsucht und Hoffnung auf einen möglichen oder sogar versprochenen Zustand der „Einheit“ („Paradies“, „Himmel“, „Nirwana“ u. a.) ist ein sehr wirksames Motiv vieler Religionen. Dieses Motiv zeigt, worauf es ankommt, um das unvermeidliche Leiden zu bewältigen: es ist die Hoffnung und die innere Überzeugung, dass alles Negative nur ein Übergang ist. Größte und vertrauenswürdigste Persönlichkeiten der Menschheit (Jesus, Buddha) haben mit ihrem Leben gezeigt, welche Tragkraft ein solcher Glaube hat.

Erfahrung des tragenden Grundes

Schauen wir nur auf Jesus: Für ihn war das Leid in der Welt nicht etwas, was vor allem zu erklären, sondern was schlicht zu überwinden war. Er fragte nicht „Wie kann Gott ...?“, er forschte also nicht nach Eigenschaften Gottes, die erklären könnten, was in der Welt für uns unerträglich erscheint. Er verließ sich auf seine große Erfahrung des Transzendenten, dessen „Zuwendung“ ihn „getroffen“ hat. Die einzige aussprechbare Mitteilung dessen, was er bei seiner „Taufe“ erlebt hat, war sein Sprechen von „Abba“, von unserem „ VATER im Himmel“, den man nur lieben – nicht aber durchschauen konnte! Er betonte einzig das Vertrauen zu Gott, auf den seine „Kinder“ sich verlassen können, den sie lieben können – auch wenn er der Unfassbare bleibt.

Das glaubende Vertrauen Jesu hat diese zwei Vorzüge: Wer sich – wie er – auf diesen VATER verlassen kann, bewahrt (intellektuell) die Transzendenz Gottes und glaubt zugleich (emotional) die Güte des unerklärlichen „Grundes“ seines Lebens. Ein solcher Glaube ist nichts anderes als die freie Entscheidung eines Menschen, den Sinn seines Lebens zu bejahen. Diese Entscheidung ist nur jemandem möglich, der in seiner tiefsten Seele – viel tiefer, als rationale Erwägungen reichen – sich auf einen liebenden Grund verlassen kann. Jesus forderte dazu auf und versicherte uns, dass ein solches Vertrauen möglich ist. Jemandem, der meint, er sei dazu nicht imstande, würde er einfach sagen, dass gerade er deshalb um dieses Vertrauen bitten soll: „Bittet, dann wird euch gegeben; klopft an, dann wird euch geöffnet!“ Jesus nennt allerdings auch eine Bedingung dazu: „Kehrt um!“, ändert euer Denken radikal, hört auf, weiter um euer „Ich“, um eure Selbstbehauptung, um eure Angst, um eure Interessen zu kreisen; öffnet euch für den Unberechenbaren, der euch liebt!

Wo finden wir den Punkt, von dem aus wir mit einem solchen „Glauben“ – wie mit einem Gleitschirm – von unserem Ich abspringen können? Auch wenn wir auf Vieles in der Welt mit Unverständnis oder sogar mit Empörung reagieren, finden wir doch Hinweise auf ganz andere Dimensionen. Es kann die Begegnung mit einem einmaligen Menschen sein, der Anblick des Sternenhimmels, einer Bergwiese oder von Kinderaugen, was jemanden so „berührt“, dass er eine große und tiefe WIRKLICHKEIT erahnt. Man kann nachdenklich werden, wenn man die Einfachheit der Naturgesetze zugleich mit der erstaunlichen Komplexität des Weltprozesses betrachtet. Auf mich persönlich machte die Erfahrung des „Geistes“ den größten Eindruck: Ich erlebte im eigenen Denken nicht selten eine „Macht“, die offensichtlich nicht auf rein materielle, biologische oder soziologische Faktoren zurückzuführen war.

Es wäre müßig, von mir hier den Beweis der Existenz von der Materie unabhängiger „Geister“ zu verlangen. Ich wage nicht einmal, für „Geist“ eine einwandfreie Definition zu liefern, außer der negativen, dass die von mir genannten Erscheinungen aus den Gesetzmäßigkeiten der „normalen“ Physik und Chemie nicht zu erklären sind. Ich weiß selbstverständlich auch von den beachtlichen Erfolgen der modernen Hirnforschung, die den Zusammenhang zwischen unserem Bewusstsein und Aktivitäten des Gehirns immer besser erhellen. Angesichts dessen, was ich „Geist“ nenne, erscheinen sie mir aber eher wie die Erfolge eines Kindes, das an meinem PC gerade entdeckt, wie das Drücken einer Taste mit dem Erscheinen eines Zeichens einhergeht. Wenn die Hirnforschung so weiter macht, wird sie noch mehr erklären können. Aber wie Menschen dazu kommen, solche Geräte zu erfinden, und erst recht, wie sie dazu kommen, etwa nach einer letzten Begründung der von ihnen erfahrenen Wirklichkeit zu suchen, das ergründen zu hoffen halte ich für eine kindliche Anmaßung von „ernsten“ Wissenschaftlern. Es bleibt aber eine unbestreitbare Tatsache: Es ist geradezu ein Kennzeichen der Menschen, dass sie Solches tun können! Sie erschaffen sich eine Kultur, die auch Philosophie und Musik produziert. Unter ihnen erscheinen „Geister“ wie Sokrates, Buddha und Jesus – oder auch Albert Einstein – und sie werden hoch geschätzt.

Ist eine Erkenntnis Gottes möglich?

Wir kamen zu diesen Gedanken auf dem Weg der Suche nach einer Korrektur des Gottesbildes, die die Erfahrung unserer leidvollen Lebenswirklichkeit möglicherweise von uns erzwingt. Wir sind soeben der Tatsache bewusst geworden, dass das Phänomen des GEISTES – zwar nicht aus der Materie erklärbar – aber genau so elementar zur Wirklichkeit gehört wie das Phänomen der Materie. Dann muss aber der für uns unerreichbare transzendente URGRUND dieser ganzen Wirklichkeit sowohl mit der erfahrbaren Materie wie mit dem erfahrbaren Geist tief und innig verbunden sein. Wenn ein Streiter für traditionelles Christentum dagegen protestiert, weil diese Vorstellung ja nach dem von ihm verpönten Pantheismus riecht, dann möchte ich bescheiden darauf hinweisen, dass unsere biblischen Vorfahren zu einer Zeit, da die ersten Feldzüge mit großen Schlachten die Menschen beeindruckten, ihre Gottheit als den „Herrn der Heerscharen“ bezeichneten. Wenn uns heute der GEIST beeindruckt, dessen Manifestation wir im Menschen – wie auch im Makro- und im Mikrokosmos – bewundern, kann es heute nicht anrüchiger sein, ihn als eine das All durchdringende geistige Macht (Potenz) sich vorzustellen.

Wenn wir diese – mehr erahnte als gekannte – Gottheit nicht nur „Urgrund allen Seins“, sondern auch „Weltgeist“ nennen, bleibt es uns dabei doch bewusst, dass wir damit keine greifbare Eigenschaft genannt und keine Definition geliefert haben. Dieser „Urgrund“, dieser „Geist“ ist einfach in allem da, was wir erfahren oder auch nur denken können. IHM können wir nicht ausweichen, auch wenn wir ihn nirgendwo unbezweifelbar als Tatsache „festhalten“ können. Mit unserer Neigung, möglichst alles zu untersuchen, möchten wir natürlich mehr über ihn wissen, denn davon könnten wir auch erhoffen, mit den Begrenzungen und Bedrohungen unseres Lebens besser fertig zu werden. – Können wir hoffen, dieses durch weitere Bemühungen erreichen zu können? – Meine Überzeugung ist, dass dazu spekulative Überlegungen allein nicht ausreichen. Die Welt als Ganzes, ihr möglicher Sinn, und erst recht die letzte Wirklichkeit, bleiben für unsere begriffliche (d. h. naturwissenschaftliche und philosophische) Analyse unzugänglich. Um die Zusammenhänge der Ganzheit  der Wirklichkeit zu erfahren, müssen wir uns schon tieferen Schichten unseres Selbst anvertrauen, denn der „Geist“ in uns beschränkt sich nicht auf das Bewusstsein.

Wir wissen von einzelnen, dafür besonders begabten Menschen (Mystikern), die behaupten, diese tiefste Wirklichkeit erlebt zu haben. Solche Menschen scheinen vom Leid nicht mehr so betroffen zu sein wie früher. Ihre Erfahrungen könnten wir nur zu leicht mit der kritischen Bemerkung beiseite schieben, dass ihre mystischen Erfahrungen ja nicht wiederholbar, also im wissenschaftlichen Sinn nicht verifizierbar sind. Aber müssen sie deshalb auch belanglos für uns sein? Müssen oder dürfen sie deshalb als Träumereien von Einzelnen entwertet werden? Sie könnten sich eines Tages (und vielleicht bald) als ein unentbehrlicher Schatz für unser Überleben und für die weitere Entfaltung der Menschheit erweisen. Auf jeden Fall sind sie Belege dafür, dass es neben der messbaren und berechenbaren „Wirklichkeit“ noch eine andere Dimension gibt, in der statt Leid schaffender Gegensätze die beglückende EINHEIT erfahren werden kann! Nur in dieser Dimension ist die entscheidende Erkenntnis – eine so genannte „Erleuchtung“ – zu gewinnen. Sie lässt sich nur nicht durch planmäßige Vorarbeit „erzeugen“. Das Entscheidende scheint immer als überraschendes Geschenk aufzutreten. Es lässt sich aber immerhin vorbereiten. In der Mystik erfahrene Menschen weisen auf verschiedene Wege hin, auf denen man sich mit seiner ganzer Kraft einzusetzen hat, um am Ende erst einmal meistens enttäuscht zu erleben, dass man das gesteckte Ziel aus eigener Kraft doch nicht schaffen konnte. Damit ist der Mensch aber nicht gescheitert, sondern schon bereit, ein unverdientes Geschenk anzunehmen. Eine Garantie hat er dafür allerdings nicht, wie auch schon über Mose berichtet wird, dass er – als er Gottes Herrlichkeit „sehen“ wollte – diese Antwort erhielt: „Ich gewähre Gnade, wem ich will!“ (Ex 33,19).



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Hat Gott auch mit dem Bösen zu tun?

Vor dem Horizont der Evolution

Die Schöpfung durch Evolution lässt nicht nur Liebe in den Herzen entstehen. Das Erhalten des Lebens geschieht in ständigem Wettbewerb mit allen übrigen Lebewesen, deshalb gehört die Aggressivität in der Tierwelt zu den natürlichen Verhaltensweisen. Auch von den Mitgliedern einer Gruppe von Menschen wurde von Anfang an ständige Bereitschaft zum Kampf, also eine aggressive Haltung verlangt, um ihr Leben zu schützen und ihre Nahrungsgrundlagen zu sichern. Der Lebenskampf hat aber auch innerhalb der Gruppe Wettbewerb und Rivalität verlangt, denn auch der Einzelne musste den Willen haben, etwas besser zu wissen und besser zu können als andere, dann auch sich durchzusetzen, damit natürlich auch zu herrschen. Dies war freilich nur eine Seite der Anforderungen. Innerhalb der Gruppe musste man auch zusammenarbeiten lernen, einander gegenseitig helfen, die Kinder, die Kranken und die Schwächeren schützen und versorgen. Von den einzelnen wurde sowohl Durchsetzungswille wie auch Bereitschaft zur Anpassung und Verzicht auf eigene Wunscherfüllung verlangt. Die notwendige Führung und Unterordnung konnte nicht einfach durch Zwang, sondern vor allem durch das Erleben von Geborgenheit und Liebe erreicht werden.

Die Polarität von Liebe und Aggression war (und ist) sozusagen ein Strukturprinzip des Menschseins. Diese zwei notwendigen, aber gegensätzlichen Haltungen ergänzen einander, stehen aber gleichzeitig in einer ständigen Spannung zueinander und bilden deshalb die Quelle vielfältigen Leids. Zwischen Liebe und Aggression – wie zwischen Selbstbestimmung und Anpassung – auf Dauer das richtige Maß zu finden ist keine einfache Aufgabe. Ihre ideale Lösung war (und ist) im Leben der Einzelnen und der menschlichen Gemeinschaften eher die Ausnahme als die Regel. Der Weg zum Erfolg war (und ist) auch hier – wie auf anderen Gebieten der Evolution – „Versuch und Irrtum“. Nur die wiederholte Erfahrung kann zuverlässig zeigen, was richtig, und eine ganze Reihe leidvoller Erfahrungen –  hoffentlich – was falsch ist. Handlungen und Verhaltensweisen, die der Gemeinschaft oder ihren einzelnen Gliedern Schaden zugefügt haben, mussten deshalb den „Täter“ dieser Gemeinschaft entfremden, und das musste er auf irgendeine Weise zu spüren bekommen. Die Tatsache dieser Entfremdung wurde als „Sünde“ („Sonderung“) aufgefasst, die zunächst also nicht als „Beleidigung Gottes“, sondern als Verrat an Mitmenschen bzw. an einer Gemeinschaft erlebt wurde.

Der Zwang, durch Erfahrung zu lernen, ist eine notwendige Versuchung, die zum Drehbuch einer Schöpfung durch Evolution gehört. Es wäre aber einseitig negativ betrachtet, diesen Zwang als eine „Verführung zur Sünde“ zu beklagen. Er ist viel eher ein Ansporn zur Erkenntnis: durch Versuch und Irrtum soll der Mensch (als vernunftbegabtes Wesen!) erkennen, was im Zusammenhang des größeren Ganzen auch für ihn selbst richtig und gut ist. Das Lernen durch Erfahrung ist also nicht nur Versuchung, sondern zugleich Anreiz zur Bewusstwerdung der eigenen Verantwortung und damit ein Anreiz zur Menschwerdung in bestem Sinne! Die Menschwerdung des Menschen ist ein Lernprozess, der nur allmählich gelingen kann, durch Verinnerlichung auch von schlechten Erfahrungen der Folgen von Egoismus, Verantwortungslosigkeit und Barbarei. Dieses Lernen aus Erfahrung ist natürlich auch eine ständige Quelle von Leid. Und es wird auch niemanden wundern, wenn ein solcher Weg nach außen wie eine endlose Reihe von Rückschlägen und Rückfällen aller Art erscheint und über lange Strecken kaum einen Fortschritt erkennen lässt.

Kurz zusammengefasst: Vor dem Horizont der Evolution können wir das „Böse“ in den Menschen als fehlgeleitete Formen der natürlichen Aggressivität begreifen; als schädliche Handlungen, die nicht mehr durch eine sichere „Programmierung“ tierischer Instinkte gelenkt, aber auch noch nicht durch Einsicht und Verantwortung geleitet sind. Die durch die Evolution erreichte Freiheit der Menschen machte natürlich auch das bewusst gewählte „Böse“ möglich, aber es ist zweifellos nicht selten, dass das Böse durch Menschen, die in ihrer Entwicklung irgendwie geschädigt (also krank) sind, zwangsläufig geschieht. Das Böse gehört deshalb genau so in den natürlichen Zusammenhang des Lebens wie etwa Krankheiten oder Naturkatastrophen.

Wer die aktuelle Berichterstattung der Medien unserer Zeit vor Augen hat, könnte leicht den Eindruck bekommen, dass die Welt der Menschen von Egoismus, Brutalität und Gemeinheit erfüllt ist. Bei der Beurteilung dieser Meldungen sollten wir aber bedenken, dass die Aufmerksamkeit der Menschen – wie auch vieler Tiere – von Natur aus auf solche Reize ausgerichtet ist, die auf eine mögliche Bedrohung hinweisen. Die Faszination, die für uns von allem Bösen, von Skandalen und Katastrophen ausgeht, ist schlicht eine Erbschaft der Evolution. Eine gute Nachricht quittieren wir nur kurz als beruhigenden „Normalzustand“, um dann – um keine böse Überraschung zu erleben –  instinktiv und ganz schnell wieder unsere „Sicherungshaltung“ aufzunehmen und nach möglichen Bedrohungen, also nach schlechten Nachrichten Ausschau zu halten. Die Begebenheiten, die wir gern weiter erzählen bzw. auch gern hören wollen, sind weit davon entfernt, eine objektive Beschreibung der „Welt der Menschen“ zu sein! Wir alle kennen auch großartige Menschen, von denen wir aber selten spontan etwas erzählen. Es geht hier nicht darum, einen beklagenswerten Zustand der Menschheit schönzureden. Die von den Medien erhaltenen Informationen sind durchaus geeignet, uns zu beunruhigen. Aber es kommt auf die Perspektive an: Was sind schon die wenigen Zehntausend Jahre seit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins im Vergleich mit den Jahrmillionen der vorausgegangenen Evolution? Die Entwicklung der Menschheit ist – so können wir vermuten und hoffen – noch lange nicht zu Ende; wir sind nach wie vor in einem schmerzhaften Lernprozess und weit davon entfernt, was Menschen noch werden können. Wir sind für unsere Zukunft verantwortlich – ein jeder auf seinem Platz. Es liegt auch an einem jeden, dass dieser Prozess einen guten Verlauf nimmt.

Ein Gottesbild ohne den „Widersacher“

Wenn wir heute von einem Schöpfer reden wollen, müssen wir die konkrete Evolution, wie sie von der Wissenschaft rekonstruiert wird, einschließlich des Bösen, als den Willen dieses Schöpfers ansehen. Auf dieser Grundlage belastet uns das „Böse“ in den Menschen zwar immer noch, aber nicht nur weil wir uns persönlich bedroht fühlen, sondern weil wir auch zutiefst überzeugt sind, dass es eigentlich nicht sein soll. Aber immerhin, das Böse hat dann zweifellos seinen Platz in unserem Weltbild. Es wird erst im Angesicht eines allmächtigen und guten Gottes wirklich unerträglich, dessen Existenz die herkömmliche christliche Glaubenslehre voraussetzt. Für Christen ist die Diskrepanz zwischen einem wissenschaftlich fundierten Weltbild und einem nicht genügend reflektierten „Glauben“ ein Skandal. Die angemessene Antwort auf diesen Skandal ist meines Erachtens weder Atheismus noch Nihilismus, sondern eine längst fällige Revision des „konventionellen“ Gottesbildes, insofern es nicht mehr mit unseren Erkenntnissen zu vereinbaren ist.

Schauen wir jetzt vor diesem Hintergrund nach, ob unser evolutionäres Weltbild auch Korrekturen am Gottesbild Jesu verlangt. Jesus sah in dem EINEN, dessen Namen man aus Ehrfurcht nicht aussprechen durfte, zweifellos den Ursprung des ganzen Kosmos. Wir können dabei sicher sein, dass er die Krankheiten, die menschliche Aggression und überhaupt das Leid in dieser Schöpfung sehr wohl gesehen hat. Trotzdem findet sich in der ganzen Überlieferung keine Spur davon, dass er dies alles mit einem Hinweis auf die unerforschlichen Verfügungen eines Gottes „erklärt“ hätte, der in seiner Allmacht genau so gut auch eine ganz andere Welt hätte erschaffen können.

Wollte Jesus die Übel dieser Welt überhaupt erklären? Für ihre Erklärung haben die Menschen bisher vor allem zwei Möglichkeiten gesehen: die Übel mussten entweder vom Schöpfer dieser Welt, oder von einer anderen, vom Schöpfer verschiedenen Macht kommen. Für unsere christlichen Vorfahren war es selbstverständlich, dass es einen „bösen Feind“ gab, der die gute Schöpfung eines guten Gottes derart verdorben hat. Diese Meinung fanden sie auch in der Bibel vielfach bestätigt. Dachte Jesus auch so? Im Zusammenhang mit seinen Krankenheilungen können wir Ausdrücke lesen, die dies nahe legen. Von einer kranken Frau sagte er z. B., dass  „der Satan sie schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt“; und bei der Heilung eines epileptischen Jungen lesen wir: „Jesus aber drohte dem unreinen Geist und heilte den Jungen“ (Lk 13,16; 9,42). Zum richtigen Verständnis solcher Sätze müssen wir beachten, dass die Menschen sich damals alle möglichen Naturkräfte personalisiert vorgestellt hatten. Hinter verschiedenen feindlichen (also „bösen“) Aspekten der Welt, wie den körperlichen und psychischen Krankheiten, sahen sie böse Geister, oder sogar den Teufel (Satan). Jesus war überzeugt, dass es der „Wille des Vaters“ ist, die Menschen von solchen lebensfeindlichen Einflüssen zu befreien (Mt 18,14; Lk 11,20), aber dazu war es keineswegs nötig, eine dem guten Vater gegenüber stehende persönliche Macht des „Bösen“ vorauszusetzen, die für alles Negative verantwortlich wäre.

Satan“, der missgünstige „Ankläger“ des Gerechten, zählte im Buch Ijob noch zu den Mitgliedern der „Familie Gottes“ (einer der „Gottessöhne“ Ijob 1,6), Jesus aber sah in einer Vision diesen Ankläger „wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (Lk 10,18). Dieses geschaute Bild enthält nicht die leiseste Andeutung der Vorstellung, dass die Menschen diesen Satan (da auf die Erde gefallen!) jetzt erst recht zu fürchten hätten. Es legt im Gegenteil einzig den Aspekt nahe, dass ein derartiger „Gottessohn“ ganz radikal aus der Nähe des „Vaters“ entfernt wurde! Für mich bedeutet dies konkret, dass aus dem Gottesbild auch die letzte Spur von Missgunst entfallen ist: Die „gute Nachricht“ Jesu bietet keinen Platz für einen Import des persischen Dualismus (Ahriman) in der Gestalt des Satans oder Teufels, der die gute Schöpfung des guten Gottes verdorben hätte.

Jesu Vertrauen zum „Vater“ war so groß, dass es offenbar auch von der erdrückenden Erfahrung der menschlichen Bosheit und des Leids nicht angefochten wurde. Warum? Die Antwort auf diese Frage hat er leider nicht weitergegeben. Wenn ich eine Vermutung aussprechen darf: Er hat den Vater selber erlebt, aber er machte sich kaum Gedanken darüber, dass seine Zuhörer gänzlich andere Erfahrungen hatten. Ihm wurde leider nicht genügend Zeit geschenkt, darüber zu reflektieren, wie er in dieser Lage seine Einsicht und seine Sicherheit den Menschen wirkungsvoll weitergeben könnte. Als Folge dessen werden seine unzähligen Anhänger auch nach der Verbreitung der „guten Nachricht“ bis heute von der Frage gequält, warum es so viel Schlimmes in der Welt gibt, wenn Gott als einziger Schöpfer und liebender Vater doch allmächtig ist.

Aber was bedeutet es überhaupt, von Gott als dem Allmächtigen zu reden? „Allmacht“ bedeutet für uns, dass jemand alles „machen“ kann, was wir nur denken können. Aber woher wissen wir, dass Absolute ähnlich „denkt“ wie wir, dass also für „Gott“ eine wesentlich andere Welt – eine Welt ohne Leid, ohne Aggression, ohne Unrecht, ohne Katastrophen – genau so möglich erscheint wie uns. Ich glaube nicht, dass er einfach willkürlich in das von ihm selbst bestimmte Naturgeschehen eingreifen könnte, um mich und andere vor Leid oder vor Schaden zu bewahren. Ich halte allerdings an der vielfach gemachten Erfahrung fest, dass er uns retten kann, durch unseren Glauben, und durch menschlichen Einsatz!

Den Befund im Sinne Jesu deuten

Im Folgenden versuche ich das bisher Gesagte in ein zeitgemäßes Weltbild einzupassen. Die moderne Wissenschaft beschreibt uns eine Welt im Werden, wo aus undifferenzierter Energie des Anfangs (Urknall) immer differenziertere Materie, dann aus der unbelebten Materie Leben, aus den einfachsten Lebensformen immer differenziertere Arten, und schließlich aus der Determiniertheit tierischer Instinkte die ersten Anfänge menschlicher Freiheit und Selbstbestimmung entstehen. Kurz gesagt: Wir sehen einen Kosmos, in dem aus einem Minimum von Vorgaben und Gesetzmäßigkeiten ein unbeschreiblicher Reichtum und schließlich – als Krönung – sozusagen Geist aus der Materie erblüht, um sich weiter zu vervollkommnen. Mit dem Bewusstsein, mit dem „Geist“, tritt in der materiellen Welt etwas wesentlich Neues auf, denn dieser Geist ist imstande, die Welt mit allen ihren Kräften und Gesetzmäßigkeiten abzubilden (=erkennen) und selber gestaltend in den Weltprozess einzugreifen. In diesem Sinn kann man auch die Gene, die materiell chiffrierten Baupläne der Lebewesen, als Ausdrucksformen von Geist begreifen. Die Einsicht drängt sich geradezu auf, dass Geist in der Welt nicht erst mit dem Erscheinen des Menschen auftritt, und dass er nicht nur zum Verstehen, sondern auch zum Entstehen des Alls und seiner Einzelheiten unerlässlich ist.

Im Ganzen gesehen scheint mir die Evolution eine Richtung zu haben, die allerdings unter der methodischen Voraussetzung der Naturwissenschaften nicht in den Blick zu bekommen ist. Es lässt sich auf jeden Fall nicht bezweifeln, dass auf der Erde immer differenziertere Arten entstanden sind bis zum heutigen Menschen. Und es ist nicht zu übersehen, dass in der bisherigen Geschichte des Bewusstseins immer mehr Menschen zu immer mehr Erkenntnis kommen. In diesem Prozess geht es aber nicht nur um Welterkenntnis (Wissenschaft) und Weltbeherrschung (Technik), sondern auch um eine tiefere Erkenntnis von Gut und Böse (Ethik). Die Geschichte des menschlichen Geistes hat unübersehbar eine ethische Ausrichtung angenommen. Es mag zwar stimmen, dass die Menschen seit dem Altertum nicht viel besser geworden sind. Es stimmt aber auch, dass ihr Bewusstsein sich seitdem gewaltig verändert hat und sich immer noch, und sogar immer schneller weiter verändert. In der Antike und im frühen Mittelalter wurde noch jede Unmenschlichkeit fraglos als naturgegeben hingenommen. Noch im Mittelalter gehörten öffentliche Hinrichtungen durch grausame Folter zum Alltag europäischer Städte. Seit der Aufklärung aber beginnt das Bewusstsein für Menschenwürde und Menschenrechte immer mehr auch realen Einfluss auf das Leben auszuüben. Daran ändern auch alle Verbrechen unserer Zeit nichts, ob sie im Namen einzelner Diktaturen oder des so genannten freien Marktes begangen werden, denn auch sie können nicht mehr idealisiert bzw. als naturgegeben hingestellt werden. Die beklagten Missstände bringen vielmehr immer stärker die Notwendigkeit ihrer Überwindung durch verbindliche ethische Normen ins Bewusstsein.

Können wir diese Richtung der Entwicklung im Sinne Jesu deuten? Ich erinnere hier daran, was Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte nach dem Sündenfall sagt: „Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse“. Der Prozess der Bewusstwerdung ethischer Werte ist gleich am Anfang der Bibel als „Gott ähnlich Werden“ beschrieben! Wenn wir etwas über die Ausrichtung der kosmischen Entwicklung vermuten können, ist es eine Entwicklung zu immer mehr Bewusstheit ("Geist"), was die Menschen – nach der Sicht der Bibel – Gott ähnlich macht. Sinn und Ziel des ganzen evolutionären Prozesses wäre demnach ein „Werden wie Gott“ als Entfaltung des Bewusstseins, des „Geistes“, der als schöpferisches Prinzip, als ein Ausdruck des Göttlichen aufgefasst werden kann. Eine solche geheimnisvolle innere Ausrichtung und Zielsetzung der Menschen (und durch sie der ganzen Schöpfung) hat Jesus gesehen und ausgesprochen, – freilich in seiner ganz konkreten Art ohne abstrakte Begriffe – als er sagte: „Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann werdet ihr Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen!“ (Lk 6,27-36).

Wer von der „Verkehrtheit der Welt“ bedrückt mutlos und resigniert fragt, ob das ganze Drama der kosmischen Geschichte mit den kleinen Menschen und ihrem großen Leid überhaupt einen Sinn hat, muss bedenken, dass man einen Sinn niemals wissenschaftlich nachweisen kann. Man kann aber an einen Sinn glauben – und durch diesen Glauben den Sinn auch erleben! Diesen Glauben hat Jesus gelebt, ihn wollte er auch weitergeben. Sein Glaube war kein steriles „für wahr Halten“ von irgendwelchen Behauptungen, sondern mutig vertrauendes Leben! Seine Botschaft möchte ich in diesem Zusammenhang so deuten: der Mensch soll den Sinn seines Lebens weder nur glauben, noch durch seinen Willen selber setzen, sondern er soll ihn direkt erleben, und zwar im Überschreiten der Grenzen seines kleinen Ichs: Er soll den Sinn seines Lebens und Leidens in der Liebe zu Gott und zum „Nächsten“ finden; er soll diesen Sinn sozusagen „erlieben“!

Die von uns skizzierten Züge des evolutionären Weltbildes, die die Entstehung des Leids und der Erfahrung des Bösen beschreiben, sind nach meiner Meinung durchaus geeignet, unsere quälenden Fragen nach dem Leid und dem Bösen in der Welt wenigstens ruhig zu stellen. Man könnte diese Gedanken noch mit folgender Überlegung ergänzen: Wenn es stimmt (was Jesus vorausgesetzt hat), dass der Schöpfer freie Menschen erschaffen wollte, damit sie seine allumfassende Liebe bewusst wahrnehmen, weitergeben und damit erwidern können, – dann musste diese Welt so ähnlich beschaffen sein, wie sie ist. Denn eine solche Liebe ist in einem Schlaraffenland ohne Leid und Not, wo die Menschen – wie lauter wohlgenährte und behütete Babys im warmen Fruchtwasser – ihr Glück nur zu genießen hätten, gar nicht vorstellbar!

Was unsere leidvolle Welt mit dem Wesen eines Schöpfergeistes zu tun hat, werden wir so lange nicht verstehen, wie dieses Wesen uns unzugänglich bleibt. Auch wenn er uns in unserem eigenen „Geist“ wahrscheinlich näher ist, als wir vermuten, „zu verstehen“ ist er nicht. Wir können auch nicht hoffen, ein „besseres“ Gottesbild zu finden, um damit das Theodizeeproblem aus der Welt zu schaffen. Die Lösung ist viel einfacher: wir haben zu verinnerlichen, dass unsere Gottesbilder unserem Leben dienen, nicht aber die Rätsel der Welt lösen sollen. Auch die von uns ausgesprochenen Gedanken reichen selbstverständlich nicht aus, um unsere konkreten Leiden und alle Schrecken dieser Welt „weg zu erklären“. Aber sie können vielleicht den Weg des Vertrauens erleichtern zu einem unbegreiflichen Gott, der die Liebe ist, aber gewiss noch viel mehr als nur Liebe. Von einem solchen Gott hat Jesus gesprochen – und dabei alle scheinbar widersprechenden Beobachtungen einfach stehen gelassen. Seit er Gottes Nähe erfahren hat, war er sicher, dass nicht die Übel der Welt, sondern die Überwindung dieser Übel die „Sache Gottes“ ist! Das hat ihm als „Gottesbild“ zum Leben genügt.

Die Perspektive Jesu war in diesem Punkt von der des Ijob gänzlich verschieden. Er hat nicht nur gottergeben festgestellt: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen“ (Ijob 1,21), als stünde der Mensch den Verfügungen Gottes (wie einem blinden Schicksal) ohnmächtig gegenüber. Stattdessen fragte er: Was verlangt „mein Vater“, der alles Vertrauen verdient, jetzt, von mir, zu tun. Dies aber gerade nicht mit dem übersteigerten Selbstbewusstsein, dass „ich“ nun aufgerufen oder gar verpflichtet wäre, alle Übel der Welt zu beseitigen! Jesus hat nicht nur gesagt, dass „unser Vater“ jedem Leidenden nahe ist, sondern er hat auch fest darauf vertraut, dass dieser Gott mit seiner Liebe ganz gewiss erreichen wird, was unsere Möglichkeit nicht schafft, nämlich alles zum Guten zu führen. Für eine solche „Lösung“ des Problems stand damals das Bild der erwarteten „Gottesherrschaft“, das Jesus nicht geschaffen, aber in seine Verkündigung eingebaut hat. Er war einfach überzeugt, dass Gott das Leid der Menschen nicht wie eine Kleinigkeit übersehen kann, sondern es schließlich und endgültig „vergessen machen“ wird.



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Gibt es eine göttliche Vorsehung?

Das Wort Vorsehung ist nicht ohne Grund etwas aus der Mode gekommen. Es bedeutet ja, dass hinter allem, was mit den Menschen geschieht, ein gütiger Gott steht, der auf geheimnisvolle Weise dafür sorgt, dass (wenigstens für die von ihm Bevorzugten) alles zu einem guten Ende kommt. Die Beobachtung des Lebens legt uns allerdings nahe, statt einer solchen „göttlichen Vorsehung“ eher die Vorherrschaft eines blinden Schicksals anzunehmen, das manchen Menschen Glück und Gesundheit, vielen anderen aber lauter Ängste und Unglück beschert. Angesichts des unbeschreiblichen Leidens vieler unschuldiger Menschen (Kinder!) erscheint es sogar als Zynismus, wenn jemand von der Vorsehung eines gütigen Gottes redet. Die Zweifel an einer solchen Vorsehung werden noch verstärkt durch das moderne und wissenschaftlich fundierte Weltbild, nach dem alle bekannten Vorgänge nach streng bestimmten Naturgesetzen ablaufen, die keinen „Spalt“ offen lassen, wo ein „Gott“ irgendwie eingreifen könnte.

Die Beobachtung zeigt es aber auch, dass Menschen die Wirklichkeit ihres Lebens oft extrem gegensätzlich erfahren und deshalb über Gott auch in extremen Gegensätzen sprechen können. Es gibt solche, die bereit sind, auch die absurdesten Seiten des Lebens mit dem „Willen Gottes“ zu erklären, während andere die gleichen absurden Seiten trotzig als Beweis gegen die Existenz eines Gottes betrachten. Wenn ich in beiden Fällen die Gemeinsamkeit suche, vermute ich im Hintergrund das gleiche unausgesprochene Bedürfnis: Menschen empfinden ihr Dasein nur dann als sinnvoll, wenn sie sich bejaht und in Liebe angenommen wissen. Manche haben das Glück, sich auf die Liebe eines Gottes verlassen zu können, der das scheinbar chaotische Weltgeschehen lenkt; und dieser Glaube bietet ihnen trotz aller Widrigkeiten eine Heimat. Andere haben keine bessere Möglichkeit, als sich gegen die Sinnlosigkeit ihrer „unbehausten“ Existenz aufzulehnen, um sich wenigstens durch diese Auflehnung selbst zu bestätigen und einen gewissen Halt zu gewinnen – wobei ich bemerken möchte, dass hinter ihrem Protest die unausgesprochene Überzeugung stecken muss, dass die Menschen einen „natürlichen“ Anspruch auf eine „humane Welt“ haben, was eigentlich nur durch einen „Gott“ begründet werden könnte. Mir scheint, dass der Glaube an die Vorsehung – sonst gleiche Lebensumstände vorausgesetzt – die Glaubenden glücklicher und angstfreier leben lässt. Schon aus diesem Grund könnte es sich lohnen, etwas genauer nachzufragen, ob wir im Glauben an die Vorsehung nicht doch etwas Greifbares und für uns Bedeutungsvolles finden können.

Wie hat es Jesus mit der Vorsehung gehalten?

Erinnern wir uns an seine bekannten Bilder, die uns das Vertrauen zu Gott nahe legen: „Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht ... denn Gott ernährt sie. ... Seht euch die Lilien an ... Wenn Gott schon das Gras so prächtig kleidet, ... wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!“ (Lk 12,22-31).

Könnte es sein, dass mit solchen Worten ein guter Redner nur seine Zuhörer manipulieren wollte? Es deutet nichts darauf hin, dass Jesus mit ihnen den eigenen Vorteil oder die Anerkennung seiner Person erstrebt hätte. Er war jemand, dem man glauben kann, dass er auch hier seine Überzeugung sagte. Selbstverständlich wollte er mit seinen Worten die Menschen bewegen, aber – so war er überzeugt – zu ihrem eigenen Vorteil. Er wollte, dass auch sie das Entscheidende erleben: „Sorgt euch nicht um euer Leben! ... Euch muss es um sein (Gottes) Reich gehen; dann wird euch das Andere dazugegeben.“ Auch als er von Vertrauen sprach, hatte er das „Reich Gottes“ im Blick. Leider ist es uns heute nicht mehr möglich zu sagen, was er mit diesem Begriff genau bezeichnen wollte. Ich neige zu der Annahme, dass dies nicht nur der mangelhaften Überlieferung zuzuschreiben ist, sondern dass er den genauen Inhalt dieses von ihm gebrauchten Bildes selber in der Schwebe gelassen hat. Er hat etwas erlebt, was er seinen Mitmenschen weitergeben wollte. Dabei griff er auch auf die damals verbreitete Vorstellung einer kommenden „Gottesherrschaft“ zurück, von der man die Erfüllung vieler nationaler und gewiss auch spiritueller Sehnsüchte erwartet hat. Wir sollten hier aber nicht übersehen, dass er in seinen Beispielen von ganz alltäglichen Dingen sprach („dass ihr etwas zu essen und anzuziehen habt“) als er betonte: „Euer Vater weiß, dass ihr das braucht.“ Jesus wollte also nicht nur eine Vertröstung auf das Jenseits geben, sondern ein Vertrauen zu Gott begründen, das ganz konkret und greifbar unserem täglichen Leben dient!

Wir finden aber in diesen Texten nirgendwo einen Hinweis darauf, dass Jesus seine schönen Bilder für eine umfassende Welterklärung gehalten hätte – oder dass er gemeint hätte, mit ihnen den Menschen eine Art „Lebensversicherung“ geben zu können. Er hat die Welt gewiss nicht für einen großen zoologisch-botanischen Garten gehalten, wo der Chef von der Ernährung der Raben bis zur Bewässerung der Lilien alles sicherstellt und ohne Zweifel auch für die Bedürfnisse der menschlichen Belegschaft sorgt. Auch ihm war es selbstverständlich klar, dass Gott nicht nur gutmütig „seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten“, sondern mit der gleichen Sonne sie auch unbarmherzig umbringen kann, wenn sie in der Wüste ihren Weg verfehlen; und dass der gleiche Gott nicht nur „regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“, sondern sie gelegentlich auch beide mit einem Tsunami vernichten kann. Trotzdem hielt er daran fest, dass dieser „Vater“ unterschiedslos alle liebt, auch seine Feinde.

Der Glaube an die Vorsehung ist im Munde Jesu in keiner Weise eine abstrakte Feststellung, sondern gelebtes Vertrauen. Es ist das Festhalten an der grenzenlosen Liebe Gottes. Er konnte nicht daran zweifeln, dass unser Leid und Not – im Angesicht eines solchen „Vaters“ – überhaupt nur möglich ist, wenn es sich nicht um ein unabwendbares Verhängnis, sondern um den Durchgang zu einem guten Ende handelt. Und dieses gute Ende war für ihn nicht einfach das Verlöschen des Leids mit dem Verlöschen der Existenz, sondern eine persönliche Auferstehung. In dieser Auferweckung des Menschen bald nach seinem Sterben sah er allerdings nicht eine Neuauflage des bisher bekannten Lebens, sondern eine neue, eine geistige Daseinsweise, in dem sie „wie die Engel im Himmel“  leben (Mk 12,25-28). Die Betonung einer „Auferstehung des Fleisches“ war und ist ein primitiv materialistisches Missverständnis des Glaubens Jesu. Wenn wir bedenken, dass Raum und Zeit nur die notwendigen physikalischen Dimensionen unserer materiellen Wirklichkeit sind, und dass der „Geist“ von uns zwar in Verbindung mit dem menschlichen Gehirn, aber keineswegs in den Dimensionen von Raum und Zeit erfahren wird, werden wir einen einwandfreien Anhaltspunkt haben für eine andere Möglichkeit des Daseins: in anderen Dimensionen, beim „Gott der Lebenden“, für den auch die verstorbenen Menschen (wie Abraham, Isaak und Jakob) einfach da sind wie die geistigen Engel, in einer Existenz, die nicht materiell bestimmt ist. Worin aber ein solches Leben genau besteht oder nicht besteht, darüber könnten wir nur etwas sagen, wenn wir Einblick in die tiefsten Zusammenhänge der ganzen Wirklichkeit hätten. Die Bilder, die die christliche Tradition dafür bereitstellt, dienen in erster Linie der Tröstung und Ermunterung im Leid und sollten nicht als Beschreibung eines künftigen Zustandes missdeutet werden.

Kann das Leid einen Sinn haben?

Auf der Suche nach einem „Sinn“ der menschlichen Leiden verweisen manche auf innerweltliche Zusammenhänge, etwa dass sie zu einer inneren Reifung der Menschen notwendig sind. Nach dieser Vorstellung dienen Leiden dazu, dass wir durch sie bis zu einem Zustand reif werden, in dem unsere „Treue zu Gott“ nicht mehr dafür herhalten muss, um unsere Anhaftung an vergängliche Dinge zu verschleiern. Wir spüren ja selber, wie unehrlich oder sogar unmöglich allein schon der Gedanke des „Hauptgebotes“ ist, Gott um seinetwillen zu lieben. Wir hängen derart an unseren ungezählten Wünschen und Interessen, dass wir ein Freiwerden von ihnen uns ernsthaft nicht einmal vorstellen können. Vielleicht kann uns erst das Leid vorbereiten, dies alles loszulassen, bis wir fähig werden, im Durchgang des Sterbens dem unzerstörbaren LEBEN entgegenzutreten. „Gottes Wille“ ist dann nicht, dass wir leiden, sondern dass wir uns vom Leid nicht besiegen lassen und aus ihm irgendwie verwandelt herauskommen.

Durch eine positive Spiritualität des Vertrauens, wie Jesus sie vorgelebt hat, können wir auch unser Leid in einem größeren Zusammenhang sehen. Ein frühes Beispiel dafür finden wir im Buch der Weisheit: „Ein wenig werden sie nur gezüchtigt; doch sie empfangen große Wohltat. Denn Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig. Wie Gold im Schmelzofen hat er sie erprobt und sie angenommen“ (Weish 3,5f). Solche Worte können wir – angesichts des wirklichen Leidens – ehrlich nur aussprechen, wenn wir dabei Gottes Unbegreifbarkeit (Transzendenz) nicht aus dem Auge verlieren. Das Bild von der Prüfung des Goldes durch Feuer bleibt deshalb ein menschlicher Versuch und kann nicht als Erklärung göttlicher Absichten gelten. Unserer heutigen Vorstellung entspräche viel mehr, auch im verbreiteten Leiden ein Mittel zu sehen, das geeignet ist, die Entwicklung der Menschheit in eine gewisse Richtung zu „treiben“. Damit will ich aber keine Erklärung, nur eine positivere Sicht der belastenden Erfahrungen bieten.

Bei einem Menschen, der vom Leid getroffen ist, greift sowieso jede Erklärung ins Leere. Nützlicher als eine Erklärung ist es, sich auf den eigenen Lebenswillen zu konzentrieren. Was in allen Anfechtungen gültig bleibt, ist der Appell Jesu, uns dem Urgrund unseres Lebens anzuvertrauen. Zu einem solchen Vertrauen bot er uns das konkrete Bild des „Vaters“, auf den auch er selbst bis zum Ende vertrauen konnte. Auf diesen Vater können auch wir uns verlassen. Wir halten uns dabei an dem Gedanken fest, dass wir nicht auf ein schlimmes Ende, sondern auf eine Begegnung mit diesem unvorstellbaren Gott zugehen, auf ein Ereignis, das noch „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat“.

Wir brauchen eine Spiritualität, die uns einen „Sinn“ nicht nur vorspiegelt, sondern ihn auch zu erfahren hilft. Eine solche Spiritualität können wir uns aber nicht einfach schenken lassen! Seit Jesus sind schon viele den Weg des Vertrauens gegangen, und sie bestätigen, dass man sich ein solches Vertrauen erarbeiten und einüben kann. Im Umgang mit dem Leid ist es ungemein wichtig, dass wir uns nicht zu viel mit ihm beschäftigen. Sollten wir nämlich an das Schlimmste denken, was anderen zustößt oder uns selbst einmal in der Zukunft drohen könnte, das könnte uns nur in die Sackgassen der Empörung oder der Verzweiflung führen. Unsere Zukunft ist ja noch durchaus offen. Unserem Leben dienen vor allem Vertrauen und Einsatz, keineswegs aber Verzweiflung und Empörung. Wir sollen uns mit dem Leiden nur so weit beschäftigen, wie es zu seiner Überwindung dienen kann, wobei aber nicht nur die Beseitigung, sondern schon das schlichte Ertragen dieser Leiden eine Überwindung bedeutet. Eine Forderung nach Erklärung oder Rechtfertigung von Seiten Gottes ist nicht nur unnütz, sondern auch schädlich, weil sie uns davon ablenkt, was wir selber tun können und zu tun haben.

Die entscheidende Frage ist immer sehr konkret: „Wie gehe ich mit der Erfahrung  meines eigenen Leides um?“ Abstrakter gestellt heißt diese Frage: „Wie kann ich meine Endlichkeit annehmen?“ Manche Menschen können sich mit ihrem Leid so wenig abfinden, dass sie ihren quälenden Gedanken völlig ausgeliefert sind. Sie malen sich dann leicht eine Zukunft aus, in der es mit ihnen immer schlimmer weitergehen wird, was ihre Angst dann nur noch verstärkt. Aber es geht auch anders! Man kann sein Leben auch sachlicher, distanzierter betrachten und sagen: „Ich bin ja ein Mensch, und es ist gut so! Ich bin dankbar, dass ich bin. Ich werde mich auf all das konzentrieren, was in meiner eigenen Erfahrung bisher positiv war“. Er wird dann fühlen, dass diese dankbare Haltung begründet ist und ihm gut tut. Er weiß natürlich, dass sein Lebensweg, wie jeder Weg in dieser Welt, streckenweise sehr schwer werden kann, aber er verlässt sich auf seinen „Bruder“ Jesus, den nach einer tiefen Gotteserfahrung kein Leiden mehr erschüttern konnte. Er wird also auch darauf vertrauen, dass sein Weg zu einem guten Ende führt, zu einem unbeschreiblichen Licht und Glück, das schon viele Menschen erleben konnten. Es steht ja nicht nur fest, dass Menschen grenzenlos erscheinenden Leiden ausgeliefert sind, sondern auch, dass sie die größten Wunder erleben können.

Kann der Vorsehungsglaube heute bestehen?

Die Beobachtung einer Welt voll Leid und Unrecht spricht dagegen. Der vertrauende Glaube steht damit gegen vielfache Erfahrungen. Andererseits kann dieser Glaube sich auch selber auf Erfahrungen von Menschen berufen, die die Vorsehung oft als eine unerwartete göttliche Führung erlebt haben. Diese Situation ist paradox. Es sieht so aus, dass der Widerspruch für den Verstand unauflösbar bleibt, aber allem Anschein nach kann er in einer mystischen Schau auch plötzlich verschwinden, bzw. als völlig unerheblich in den Hintergrund treten. Aber es bleibt uns auch ohne mystische Erfahrung noch eine Chance, diesen Widerspruch wenigstens zu entgiften.

Wir möchten hier versuchen, einige Gedanken zu entwickeln, die – wenn auch nicht die Vorsehung als Tatsache erweisen – wenigstens die von Vielen erfahrene Wirksamkeit des Vorsehungsglaubens in ein zeitgemäßes Weltbild einfügen. Dieser Versuch muss natürlich scheitern, solange man hinter der Welt eine persönliche Gottheit voraussetzt, denn die beobachtete Wirklichkeit kann durch das Zufallsprinzip zweifellos einfacher (und deshalb logischer) erklärt werden als durch die Annahme von Gunsterweisen oder Grausamkeiten einer Gottheit, deren Charakter für uns Menschen damit unerträglich zwielichtig bliebe. Helfen könnte uns hier aber durchaus, wenn es uns gelingt, das herkömmliche Gottesbild zu „überholen“, und zwar im doppelten Sinn, indem wir es hinter uns lassen und andererseits versuchen, es vom Grund aus zu erneuern. Dieser Weg wird ermöglicht dadurch, dass wir die Transzendenz Gottes wirklich ernst nehmen.

Es scheint mir unmöglich, das Absolute als eine von der Welt getrennte Wirklichkeit zu denken, denn damit würden wir ihm bereits gewisse Grenzen zuschreiben, an denen „neben ihm“ etwas anderes anfängt. Der Gott, den wir mit unseren Gedanken nicht erreichen können, den wir gleichwohl uns irgendwie denken müssen, kann zwar nicht mit der Welt identisch sein, aber getrennt von dieser Welt kann er auch nicht sein. Wenn wir uns ihm unter dem Bild des Schöpfers nähern, werden wir sagen müssen, dass sein Wirken in der von ihm geschaffenen Welt sich nicht  vom Wirken seiner Geschöpfe trennen lassen kann. Und auch wenn in der Gestalt des Menschen in dieser sonst determinierten Welt ein freies Wesen erscheint, wirkt die Gottheit auch in dieser Freiheit mit. Halten wir also als begründete Annahme fest: Das Wirken Gottes geschieht ständig und überall, auch in uns und in allen Wesen um uns herum.

In diesem Zusammenhang erscheint die Idee der göttlichen Vorsehung dann überhaupt nicht mehr sonderbar, denn sie ist nicht mehr systemfremd. Die Vorsehung greift nicht von außen in das Schicksal eines Menschen ein, sondern sie spielt sich in den Handlungen dieses Menschen selbst ab. Die „göttliche“ Vorsehung wird dadurch zu einer persönlichen Angelegenheit eines Menschen, vor allem eines glaubenden Menschen. Sie spielt sich in ihm selbst (und durch ihn angeregt wohl auch in seiner menschlichen Umgebung) ab, durch sein Vertrauen bewirkt, das sogar die unscheinbarsten Handlungen zu seinen Gunsten koordinieren kann. Denkbar sind zwar auch günstige äußere Umstände oder Ereignisse, die als Zufälle auch ohne Zutun eines Menschen geschehen. Wenn die Vorsehung aber mehr sein soll als die zufällige Gunst solcher äußeren Umstände, muss der Mensch die Möglichkeit einer Beeinflussung seines Schicksals wenigstens ahnen und auch ergreifen, was in Anbetracht der komplizierten Wirkweise unseres Gehirn auch ohne Mitwirkung des Bewusstseins geschehen kann. Die Vorsehung wirkt also nicht von außen in das Leben hinein, sondern durch die natürlichen Möglichkeiten und Kräfte. Sie kann freilich nur wirken, wenn die Mitwirkung eines Menschen da ist, ob diese Mitwirkung nun bewusst und frei geschieht oder auch nicht. Das ist die Realität des „Berge versetzenden Glaubens“, von dem Jesus gesprochen hat (Mk 11,23). In diesem Sinn ist aber die transzendente Gottheit, wenn jemand sie als Person denkt, ein „ohnmächtiger Gott“, weil er – um über natürliche Zufälle hinaus helfen zu können – dazu die Mitwirkung der Menschen braucht.

Der gläubige Mensch vertraut sich seinem Gott an. Wenn er den Worten Jesu schlicht folgen kann, sieht er ihn als „himmlischen Vater“, der hinter dem undurchsichtigen Weltgetriebe alles nach seinem Plan lenkt. Wenn jemand einen solchen Glauben aber als Projektion bezeichnet, hat er nichts Negatives gesagt, denn ohne Projektionen ist kein menschliches Denken möglich. Aber auch ein „aufgeklärter“ Mensch kann sehr wohl auf die rettende Kraft des alles durchwaltenden „Geistes“ vertrauen, dessen Wirkungen er in sich und um sich herum tatsächlich erfahren kann. Auf ähnliche Weise wusste sich auch Dietrich Bonhoeffer „von guten Mächten wunderbar geborgen“. Diese uns leitenden und schützenden „guten Mächte“ wurzeln in den Tiefen unserer Seelen. Wir können uns auf sie verlassen, selbst wenn sie uns in eine Richtung führen, wo unser ängstliches Ich eine „göttliche Rettung“ gerade nicht vermuten würde.

Was uns Gutes zustößt, empfinden wir einerseits als Geschenk (traditionell formuliert als „Gnade“), andererseits trifft es uns gewöhnlich nicht unvorbereitet; es konnte bei uns ja deshalb „ankommen“, weil wir offen und frei waren, es anzunehmen. Die Vorsehung gibt es, aber wir haben sie nicht als Unbeteiligte von außen zu erwarten; wenn sie wirkt, wirkt sie in uns und niemals ohne unsere Mitwirkung. Wir sind deshalb gut beraten, jede Chance einer guten Vorsehung, die wir als Geschenk erwarten, auch bewusst zu bejahen und zu ergreifen. Den direkten Weg dazu nimmt ein vertrauensvolles Gebet. Aber – ob im Gebet oder in der einfachen und vertrauensvollen (Empfangs-)Bereitschaft – am „Erfolg der Vorsehung“ werden wir irgendwie auch selber beteiligt sein: wir standen dazu bereit, oder wir haben sie teilweise selber erwirkt bzw. wenigstens „erlitten“. Natur und Gnade, Erworbenes und Geschenktes, werden sich am Ende nicht mehr unterscheiden lassen.

Es muss hier noch etwas betont werden: Die Vorsehung zielt auf das „Heil“, also auf die Gesamtheit eines Lebens. Ihr „Anliegen“ ist nicht weniger, als dass unser Leben als Ganzes zu einem Erfolg wird, so dass wir einmal rückblickend sagen können: „Alles ist gut!“. Bei einer solchen letzten und endgültigen Beurteilung wird dann nicht mehr zu unterscheiden sein, was an diesem Erfolg dem Menschen und was Gott zuzuschreiben war: Es war ein Leben, das nun in seiner Ganzheit gegenwärtig und vollendet ist! Heute können wir auf diesen Augenblick nur hoffen und darauf bauen, dass unser Vertrauen bereits das erste und vielleicht entscheidende Kennzeichen eines „guten“, eines gelingenden Lebens ist.



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Texte von Wilhelm Weber






Dreifaltigkeit - eine schwierige Glaubenswahrheit


Liebe Christen!

Über die Dreifaltigkeit Gottes zu predigen, ist schwierig. Um diese Glaubenswahrheit darzulegen, bedarf es nicht nur der theologischen Kenntnisse, sondern vor allem auch der philosophischen. In der Bibel gibt es noch keinen ausformulierten Glauben an den dreifaltigen Gott, höchstens ansatzweise wie z. B. im Taufbefehl am Ende des Matthäusevangeliums: "Gehet zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" (Mt 28, 19f.). Doch darin sind sich die Gelehrten einig, dass diese Taufformel eine spätere Einfügung ins Evangelium ist. Trotzdem ist uns nichts geläufiger als die Formel "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" am Anfang der Messe, am Anfang jeden Gebetes oder als Segensformel in der katholischen Liturgie. Doch sollten wir einem Nichtchristen erklären, wieso es in dem einen Gott drei Personen gibt, kämen wir vermutlich ins Stottern. Daher will ich drei Gedanken formulieren, die meines Erachtens ausreichen, um die Glaubenswahrheit von der Dreifaltigkeit zu erklären.

1. Der eine Gott.
Noch kein Mensch hat Gott gesehen. Er ist nicht nur unsichtbar, sondern er ist und bleibt den Menschen grundsätzlich verborgen. Sie werden sagen: er hat sich doch offenbart. Und im Alten Testament haben Menschen wie Mose und andere leibhaftigen Umgang mit Gott gehabt. Doch bedenken sie, dass die Bibel kein Protokollbuch ist von leibhaftigen Gottesbegegnungen. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist von Menschen geschrieben und enthält Glaubenszeugnisse, innere Gotteserfahrungen, die in bildhafter Sprache an die damaligen Menschen weitergegeben worden sind. Im übrigen heißt Offenbarung ja nicht, dass ein Vorhang aufgezogen wird und plötzlich sieht man, was man vorher nicht gesehen hat. Gott offenbart sich als der immer und grundsätzlich Verborgene. Es ist nicht leicht, Gottes Unsichtbarkeit, ja Gottes Unbegreiflichkeit als dasjenige anzuerkennen, was in erster Linie seine Göttlichkeit ausmacht. Es macht mich manchmal wütend, wenn ich höre, wie leichtfertig Kirchenmänner in der Verkündigung mit Gott umgehen. Sie behaupten, Gott genau zu kennen, seinen Willen, seine Emotionen, seine Verbote, seine Befehle. Der Prediger zimmert sich sein eigenes Gottesbild und behauptet, so sei Gott. Nein, so entstehen Götzenbilder. Der heilige Thomas von Aquin hat immer gesagt, dass man mit jeder Aussage über Gott gleichzeitig sagen müsse, dass dieser in Wirklichkeit ganz anders sei. Wenn ich also z. B. Gott Vater nenne, dann müsste ich hinzufügen, dass Gott doch ganz anders ist als alle Väter dieser Menschheit. Wir können und dürfen uns nie selber ein Gottesbild basteln, sonst landen wir im Götzendienst.

2. Der Sohn Gottes.
Nun nennen wir Jesus den Sohn Gottes. Wir folgern das aus der Rede Jesu, der Gott seinen Vater nannte. Jesus ist im Christentum der Mensch - Jude übrigens -, der ein extrem innerliches Verhältnis zu Gott hat und total davon überzeugt war, dass er von Gott gesandt war. Dennoch ist er nicht einfach Gott, wie der Vater Gott ist, sondern er ist als Gottes Sohn Gott nachgeordnet. Wie wir versteht nämlich auch Jesus nicht immer gleich den Willen des Vaters, vielmehr hat er wie wir seine Schwierigkeiten mit dem, was Gott ihm zumutet. Wer undifferenziert von Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligem Geist spricht, provoziert das Missverständnis eines christlichen Dreigötterglaubens. Jesus ist als wahrer Mensch für uns der Interpret Gottes: an Jesus und seinem Leben lesen wir ab, wie wir mit Gott, dem großen Unbekannten, umgehen und in oder nach seinem Willen leben sollen. Jesus ist einer von uns, er ist unser Freund und Bruder, aber zugleich ist er das große Bindeglied zu Gott, der sein und unser Vater ist.

3. Der Heilige Geist
Der Heilige Geist ist der Geist Gottes. Er erinnert uns an das, was Jesus gesagt und getan hat. Der Heilige Geist ist nicht dazu da, uns ständig neue Wahrheiten (Dogmen) über Gott zu sagen, sondern an den Einen und Einzigen zu erinnern, der allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Und der ist Jesus. Weg, Wahrheit und Leben aber müssen in jeder Generation neu überdacht, neu formuliert und neu umgesetzt werden; denn die Zeiten ändern sich ständig. Man könnte die Aufgabe des Heiligen Geistes auch so ausdrücken: er verhilft uns in der Kirche, dem Glauben ein neues, zeitgemäßes Update zu verpassen. Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, sich ihm und seinem Wirken zu widersetzen. Davor warnt schon der heilige Paulus im 1. Thessalonicherbrief (5,19): "Löscht den Geist nicht aus!" Das sagt er nicht nur den sog. Laien, sondern den Amtsträgern gleichermaßen. Denn heute wie damals braucht die Kirche eine Zukunftsausstattung, damit sie von den Menschen wahrgenommen wird und ihre gute Botschaft Gehör findet.

Ich finde, viel mehr braucht man nicht zu wissen über Gott, Jesus und den Heiligen Geist, die in theologischer Sprache die Dreifaltigkeit genannt werden.

Amen.

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Seite geändert am: 08.06.2011