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Texte von Matthias Petersen
Texte von Wilhelm Weber







Texte von Matthias Petersen






Pfingsten

pfingsten (genesis 11, 1-9)

am besten
vergessen sie alles
was sie bisher gehört haben
über die alte geschichte vom "turmbau zu babel"
für ein uraltes märchen hat man sie gehalten
versuch einer erklärung der entstehung der verschiedenen sprachen
irgendwann in grauer vorzeit

aber in wirklichkeit war alles ganz anders
neue archäologische forschungen zeigen
kein märchen
sondern
tatsächlich
eine ganz konkrete stadt
ein tatsächliches geschichtliches ereignis

der assyrerkönig sargon II. plant viele jahre
"tag und nacht" schreibt er
den bau einer stadt
dur-scharrukin ("haus des sargon") wollte er sie nennen
zur verherrlichung und erinnerung seines eigenen namens

aus allen unterworfenen völkern
auch aus dem gerade besiegten nordreich israel
werden zwangsarbeiter nach dur-scharrukin transportiert
unter unvorstellbaren bedingungen treiben sie den bau voran
sargon befiehlt den zwangsarbeitern
wie er schreibt
"eine rede"
er unterstellt sie einem befehl
ausschließlich in der sprache assurs dürfen sie sich verständigen
nicht in ihrer muttersprache
eine zusätzliche demütigung der unterworfenen.

sargon findet bald darauf den tod in der schlacht
zwei jahre nach einweihung seiner neuen stadt
sein nachfolger
sanherib
er fürchtet das als böses omen
er läßt die stadt unvollendet
die deportierten kehren in die freiheit zurück
finden ihre eigene sprache wieder
die himmelstürmende stadt dur-scharrukin zerfällt
gott jahwe selbst
so deuten es die zur zwangsarbeit gepreßten israelischen sklaven
war herniedergefahren
um seinem volk die freiheit wiederzugeben

so geschehen im jahre 703 vor christus

sprache
herrschaftsinstrument zur unterwerfung und ausbeutung von menschen
eine uralte erfahrung
wo immer der mensch eine unterworfene kultur vernichten will
da unterdrückt er
als erstes
den gebrauch der muttersprache der besiegten
da gibt es viele beispiele auch aus unserer zeit
aus rußland und kurdistan
aus südtirol und dem baskenland
aus wales und so vielen anderen
mit sprache wird herrschaft ausgeübt
der weltweite siegeszug des englischen
symbol für den "american way of life"
ist da eine weitere illustration

sprache schafft jeweils auch eine neue wirklichkeit
die älteren unter uns erinnern sich
im dritten reich wurde
mit sprache
wirklichkeit geschaffen im sinne der machthaber

menschen werden als "ungeziefer" benannt
das setzt die tötungshemmung herab
menschen darf man nicht töten
ungeziefer schon.

oder die parole "ein volk, ein reich, ein führer"
die sprache trimmt den menschen
auf vereinheitlichung des denkens und des wollens
im keim erstickt werden geistige vielfalt und kontroverses argumentieren

das war immer so
das wird immer so sein
sprache schafft wirklichkeit
und die versuchung ist groß
sich dies zunutze zu machen
und menschen im sinn der eigenen ziele zu manipulieren

einige beispiele aus der gegenwart mögen das belegen

  • die müllhalde wird zum "entsorgungspark".
  • der arbeiter wird nicht entlassen, er wird "freigesetzt".
  • fußballspieler werden "verkauft".
  • der krieg im irak war kein krieg sondern eine "chirurgische operation".
  • menschen, die an den anforderungen unserer gesellschaft scheitern, sind "wohlstandsmüll"
  • und die krebskranke patientin, eine junge mutter von drei kindern vielleicht mit großer angst und verzweifelten fragen, wird im jargon mancher krankenhäuser reduziert auf "den tumor von zimmer 13"
  • nach wie vor ist sprache ein indikator der geschlechtergerechtigkeit in einem land

sprache schafft wirklichkeit
und sprache ist herrschaft
insofern
ich habe viel verständnis für alle
die hier den finger in die wunde legen
die sprache immer wieder befragen
auf ihre nationalistischen
rassistischen
sexistischen komponenten
auch wenn dieser sprachliche purismus
manchmal
durchaus seltsame blüten treiben mag

es ist darum wohl nicht der turm
es ist auch nicht die stadt
die gott
in der biblischen erzählung
sorgen bereiten
die sind ja
obwohl sie doch "bis an den himmel" reichen sollten
so winzig
daß er sie
offensichtlich
von oben gar nicht richtig begutachten kann
da muß er "herniederfahren"
da muß er ganz runter und auf die knie gehen
vielleicht braucht er sogar eine brille
um dieses türmchen sich anzuschauen
nein
die entscheidende herausforderung der gottheit gottes
das ist die "eine sprache"
von der in der biblischen erzählung die rede ist
diese anmaßung des menschen
neue wirklichkeiten an gott vorbei schaffen zu wollen
da wird gottes liebevoller plan für diese welt
für eine bunte fröhliche vielgestaltige
immer wieder
furchtbar pervertiert und auf den kopf gestellt

  • wo die große bunte vielfalt des menschlichen lebens, männer und frauen mit hoffnungen und träumen und ängsten und geschichten, in volkswirtschaftlicher diktion reduziert wird auf den begriff "arbeitskräfte, da werden diese menschen in ihrer ebenbildlichkeit gottes zutiefst entwürdigt.
  • wo krieg nicht mehr als krieg bezeichnet und als sünde begriffen werden darf, sondern kleingelogen wird zum "konflikt" oder zur "operation" (was ja das verständnis von "heilung" nahelegt), da wird die prophetische verheißung vom "shalom", vom frieden gottes, mit füßen getreten.
  • wo schließlich, um ein letztes beispiel aus einem schier unerschöpflichen vorrat zu bemü-hen, das wort "liebe" mißbraucht wird, um die käufliche sexualität des menschen zu be-schreiben, da wird damit gleichzeitig die liebe als lebenskraft, als göttliches wirken in die-ser welt verhöhnt.

es geht
auch hier wieder
um das selbe uralte lied von allem anfang an

martin luther sagt
"der mensch kann
weil er mensch ist
nicht wollen, daß gott gott ist
er würde sogar am liebsten wollen, daß er gott ist
und daß gott nicht gott ist."

der mensch wird zum sklaven seiner eigenen überheblichkeit
gefangener einer selbst geschaffenen wirklichkeit ohne gott
über die folgen dieser wirklichkeit brauchen wir hier nicht zu diskutieren
sie sind allgegenwärtig
so bleibt nur die verzweifelte frage
wer
um gottes willen! (buchstäblich!)
befreit den menschen aus seiner selbstgeschaffenen sklaverei

die alten israels hatten gott erfahren als den
der "herniederfährt"
der seinem volk die freiheit bringt
gott kommt herunter auf die ebene des menschen
die ganze bibel ist voll von erinnerungen an einen gott
der immer wieder "herniederfährt"
um seinem volk nahe zu sein
die ganze geschichte des jesus von nazareth
es ist die geschichte des "heruntergekommenen" gottes
buchstäblich
"das wort ward fleisch und wohnte unter uns"
man kann die geschichte jesu nicht anders erzählen
denn als die geschichte gottes
der herabkommt an die seite des menschen
um diesen menschen aus seiner
selbstverschuldeten
sklaverei seiner selbst zu erlösen

natürlich
das sind alles uralte geschichten
niemand von uns hat ihn zu gesicht bekommen
den niedergefahrenen gott
und jesus ist auch nicht mehr unter uns
seine tage auf dieser erde sind auch schon 2000 jahre her

und doch
unbestreitbar
sein geist ist unter uns lebendig
immer noch und immer wieder
was sonst denn sollte menschen treiben
sich
um der liebe und der wahrheit willen
mund und finger zu verbrennen
was sonst denn sollte mut machen,
auch aussichtslose verhältnisse nicht einfach hinzunehmen
sondern dem leiden der menschen die stirn zu bieten
die unfreiheit und unterdrückung
folter und haß nicht zu tolerieren
was sonst denn sollte menschen bewegen
der gewalt eben nicht mit gewalt zu begegnen
und dem haß nicht mit haß
die bibel hat
auf ihren ersten seiten
die geschichte vom turmbau erzählt
und von der diktatur der "einen" sprache
ganz am ende
in der apostelgeschichte
beschreibt sie eine ganz andere erfahrung
wie der geist gottes
brausend und feurig
"herniederfährt"
und mitten unter das verängstigte häuflein der jünger fährt
und wie mit einem mal in jerusalem menschen aus aller herren länder parther und meder und elamiter
wir haben es gerade gehört
die sprache der liebe gottes verstehen
wie sie einander als geschwister begreifen
einander neu schenken
die vorenthaltene würde und gegenseitige achtung
und sich geliebt wissen als kinder des einen befreienden gottes
da ist sie
die machtvolle gegenbewegung
der anbruch einer neuen zeit

wie hatte der prophet sacharja verheißen?
"es soll nicht geschehen durch heer oder kraft
sondern durch meinen geist
spricht der herr."
ein neuer geist,
der dem leben eine bahn öffnet
der den menschen aus seiner selbstversklavung erlöst.
der mensch findet die sprache wieder
in vielstimmigem jubel das lob seines schöpfers zu singen
der mensch weiß sich geliebt von gott
und er wird so frei
auch sich selbst und seinen nächsten zu lieben
der mensch weiß sich getragen und geborgen
und wird so befähigt
voller vertrauen in die zukunft zu gehen

der unfreie mensch begegnet dem leben voller mißtrauen
er muß die dinge unter kontrolle halten
er muß alles planen
er muß alles selber steuern
er kann nur einen einzigen weg
nämlich seinen eigenen
als richtig und wahr zulassen
wo aber gottes geist "herniederfährt"
wo seine liebe unter uns gestalt annimmt
da können wir uniforme sprache
und uniformes denken
getrost vergessen
da verstehen sich die menschen
auch über die schranken ihrer unterschiedlichen traditionen und glaubensvorstellungen hinaus
und da können wir dann die türme und mauern menschlicher selbstverherrlichung getrost einem gnädigen verfall überlassen
es wird genau sein wie vor urzeiten
beim verfall von dur-scharukkin
dem hat auch niemand eine träne hinterhergeweint

amen!

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Texte von Wilhelm Weber






Der Geist weht, wo er will (Pfingsten)

Liebe Christen!

Wir feiern Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, jenes Geistes, dessen Wirken die Bibel hundertfach bezeugt und dessen Anwesenheit auch für unsere Zeit verheißen ist. Die Kirche beansprucht, Mittlerin dieses Geistes zu sein, Dass sie es oft gewesen ist, hat sie in den 2000 Jahren ihres Bestehens bewiesen, dass sie es jedoch nicht immer war, ist ebenso eine Erkenntnis dieser langen Kirchengeschichte. Das ist nicht verwunderlich, denn Jesus selber hat im Gespräch mit Nikodemus den Geist mit dem Wind verglichen. "Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist." In Wahrheit gibt es keinen Anspruch, alleiniger Windkanal des Heiligen Geistes zu sein. Er lässt sich nicht kanalisieren, will sagen: er lässt sich nicht institutionalisieren, lässt sich nicht von einzelnen Menschen, Ämtern oder Institutionen vereinnahmen. - Was heißt das für die Kirche? Sie muss sich mehr als bisher dem Heiligen Geist öffnen, und zwar in dreifacher Hinsicht.

1. Öffnung für den Geist der Zeit
Der Zeitgeist hat einen schlechten Ruf, gilt er doch als Modetrend, der einfach das Alte in Frage stellt und Neues zur Norm macht. Insofern ist der Zeitgeist ein Störenfried in allen eingefahrenen Systemen. Der Zeitgeist macht auch die Kirche verrückt. Und darum ist es eigentlich üblich, in Predigten über den Heiligen Geist zuerst vor dem Zeitgeist zu warnen und ihn dann als dem Heiligen Geist entgegengesetzt zu entlarven. Das aber tue ich nicht. Denn ich bin davon überzeugt, dass der Heilige Geist sich in jeder Zeit zeit-spezifisch bemerkbar macht. Ein solcher Geist stört immer den gewohnten Betriebsablauf, weshalb die auf Kontinuität bedachten Kirchenmänner von ihm nichts wissen wollen.

Konkret: In unserer Zeit braucht die Kirche zeitgemäße Strukturen. Tatsächlich wird derzeit in allen deutschen Diözesen fleißig am Umbau der Strukturen gebastelt. Allerdings geht es den Bastlern nur darum, mit den weniger werdenden finanziellen Mitteln in Zukunft auszukommen. Andere Reformen, die das theologische Denken betreffen, haben noch keine Chancen. Dabei wären hier ein Umdenken und eine Neuinterpretation des Glaubens genau so dringlich. Denn was früher vielleicht richtig war, reicht heute nicht mehr aus, um den Aufgaben gerecht zu werden. So ist die hierarchische Struktur der Kirche z.B. nicht von Gott für alle Zeiten vorgegeben. Sie ist veränderbar, wenn die Zeit es erfordert. Oder der Ausschluss der Frauen von allen kirchlichen Ämtern ist entgegen päpstlichen Behauptungen nicht göttlichen Rechts und könnte jederzeit aufgehoben werden. Dann hätten wir nicht nur den Priestermangel behoben, sondern auch ein Stück Menschenrechtsverletzung in der Kirche beseitigt. Der Priesterzölibat ist kein göttliches Gebot und daher grundsätzlich änderbar, wenn die seelsorgliche Situation es erfordert. Der Heilige Geist redet nicht zu allen Zeiten mit gleicher Zunge, sondern er sagt, was die jeweilige Zeit braucht. Daher ist die Öffnung für den Geist der Zeit eine unumgängliche Gehorsamspflicht kirchlicher Verantwortungsträger.

2. Öffnung für die Charismen der Laien
Die Unterscheidung der Gläubigen in Kleriker und Laien ist schon verhängnisvoll. Das, was alle vor Gott als Christen ausweist, ist ihr gemeinsamer Glaube. Und das grundlegende Sakrament, das das gemeinsame Priestertum aller begründet, ist die Taufe. Taufe und Firmung sind Ausdruck der Vermittlung des Heiligen Geistes. Es ist nicht richtig, dass Papst und Bischöfe grundsätzlich mehr Heiligen Geist empfangen hätten als die sogenannten Laien. Der Geist weht ohnehin, wo er will. Er privilegiert die Amtsträger nicht. (Sonst müsste man das doch merken.)

Das bedeutet für die Kirche, dass sie sich den Charismen (Geistesgaben) der Laien öffnen muss. Ihre Aufgaben erschöpfen sich nicht nur im Weltdienst. Es gibt Begabungen und Fähigkeiten, die segensreich z.B. für die Verkündigung sein könnten. Wenn Laien sich mit der Bibel beschäftigen, dann muss das gar nicht laienhaft zugehen. So erlebt vor Jahren mit Erstkommunionkatechetinnen, die sich auf einer Tagung mit einem Evangelientext beschäftigten und dabei zu ganz erstaunlichen Einsichten kamen. Nicht jede Predigt eines dazu Geweihten und Beauftragten hat so viel Theologie-Gehalt, wie da zu Tage gefördert wurde. Die Beispiele kann man beliebig ausdehnen. Funktionen, die dem Klerus vorbehalten sind, könnten von Laien, ergänzt, bereichert, verbessert werden - wäre da nicht die klerikale Überheblichkeit, die alles besser machen zu können glaubt.

3. Öffnung für den guten Geist anderer Religionen
Der Heilige Geist weht, wo er will. Diese Einsicht, die ja eine biblische ist, schließt ein, dass auch in anderen Konfessionen, Religionen und sogar in Menschen, die nichts mit Religion zu tun haben, der Heilige Geist am Werk sein kann. Eine solche Erkenntnis mag im Einzelfall bitter sein; aber wenn es der Kirche nicht nur um Prestige und eigenes Ansehen geht, sondern um wirkliche Wahrheit und um das Wohl der Menschen, dann müsste es eine über alle Grenzen hinausgehende Zusammenarbeit geben aller Menschen guten Willens. Pfingsten ist ein geeignetes Datum, an all diese Dinge zu erinnern und die Öffnung für den Geist einzufordern. Der Heilige Geist lässt sich sicher nicht zwingen, aber man könnte ihm ja schon mal die Tür öffnen.
Amen.



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Sympathische Kirche (Pfingsten)

Liebe Christen!

Pfingsten - so sagt man - ist der Geburtstag der Kirche. Eindrucksvoll hat Lukas in der Apostelgeschichte beschrieben, wie der heilige Geist den Jüngern damals Rückenwind gegeben hat auf dem Weg in eine gute Zukunft. Mit Freude und Begeisterung legten sie Zeugnis ab vor allen Menschen in Jerusalem von dem Grund ihrer Hoffnung und Zuversicht. In der Apostelgeschichte heißt es (2,47): "Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten." Muss das ein sympathischer Verein gewesen sein!  Heute erleben wir eher das Gegenteil: die Kirche verliert immer mehr an Sympathie, und die Menschen laufen ihr nicht mehr zu, sondern davon. Ich möchte am heutigen Pfingstfest von drei Aspekten sprechen, die der Kirche wieder Sympathien einbringen könnten, und zwar sowohl bei ihren Mitgliedern als auch bei Außenstehenden.

1. Offenheit statt Abgrenzung
Die Kirche braucht wieder mehr Offenheit: Offenheit z. B. für Geschiedene und Wiederverheiratete, Offenheit für alternative Formen des Zusammenlebens, Offenheit für Frauen in kirchlichen Ämtern, Offenheit für Christen anderer Konfessionen, Offenheit für einen echten Dialog mit den Weltreligionen, Offenheit für Forschung und Wissenschaft - um nur ein paar Gebiete zu nennen. Denn die Kirche ist für die Menschen da, nicht umgekehrt. Sie muss den Wandel der Zeit zur Kenntnis nehmen (sie kann ihn ohnehin nicht aufhalten) und positiv mitgestalten. Eine Kirche, die ihre Identität dadurch zu bewahren sucht, dass sie sich permanent abgrenzt von der Moderne, Entwicklungen in der Gesellschaft und im Lifestyle nicht zur Kenntnis nimmt oder verteufelt, verbaut sich ihre Zukunft. Offenheit bedeutet ja nicht Identitätsverlust, im Gegenteil: Offenheit für die Menschen und die Zeit müsste zum Qualitätsmerkmal der Kirche werden. Das würde ihr neue Sympathien einbringen.

Die Jerusalemer Christen damals hatten keine Angst, etwas zu verlieren. Mit großer Offenheit traten sie den Weltmenschen entgegen und siehe da: die kamen in Scharen gelaufen und schlossen sich ihnen an.

2. Anerkennung der Menschenrechte
Die Kirche würde mit Sicherheit auch dadurch an Sympathie gewinnen, wenn sie die Charta der Menschenrechte auch für sich selber als verbindlich anerkennen würde. Wir haben zur Zeit die paradoxe Situation, dass der Vatikan im politischen Alltag von totalitären Staaten lautstark die Einhaltung der Menschenrechte fordert, selber aber die Unterschrift unter das Dokument verweigert. Natürlich beinhalten die Menschenrechte mehr als nur das Recht auf freie Religionsausübung, worum es der Kirche vor allem geht.

Würde die Kirche selber die Menschenrechte voll akzeptieren und auch umsetzen, dann müsste sie auf viele Privilegien verzichten, die bei uns gegen geltendes Zivilrecht verstoßen: zum Beispiel im Arbeits- und Sozialrecht, zum Beispiel im Gleichstellungsrecht von Mann und Frau, im Antidiskriminierungsrecht, im Prozessrecht und vieles mehr. Es müssten zudem demokratische Strukturen eingeführt werden. Damit würde institutionelle Macht grundsätzlich kontrolliert und begrenzt. Sympathisch wäre daran für das Kirchenvolk, dass es in solchen Strukturen auf wichtige kirchenpolitische Richtungsentscheidungen Einfluss nehmen und Kirche mitgestalten könnte. Schließlich ist nach dem Zeugnis der Bibel allen getauften gleichermaßen der heilige Geist gegeben und nicht nur den Inhabern höherer Ämter.

3. Kirche der Armen
Ein letzter Gedanke: Kirche muss von ihrem Selbstverständnis her Kirche der Armen sein. Längst lebt die Mehrheit der Christen in Ländern der Dritten Welt; sie leben zumeist in ungerechten politischen und sozialen Strukturen und in bitterer Armut. Strukturelle Armut bedeutet zugleich Abhängigkeit, Ausbeutung, Erniedrigung. Aber nicht nur um die Kirchenmitglieder geht es, sondern generell um die Armen in dieser Welt. Denn die Armen sind die eigentliche Legitimation der Kirche. Da reicht nicht ein bisschen Wohltätigkeit der Reichen aus, da muss es um Befreiung aus der Knechtschaft ungerechter und unmenschlicher Strukturen gehen. Ist das Aufgabe der Kirche? Die südamerikanischen Befreiungstheologen beantworten diese Frage mit einem klaren "Ja", während der Vatikan diese Option nicht teilt. Natürlich geht es nicht um Revolution und bewaffneten Kampf, wohl aber um die Solidarisierung mit den Armen und Rechtlosen und um die strukturelle Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitssituation.

Ist es nicht so, dass auch wir gegenwärtig in unseren Breiten erleben, wie die Reichen immer reicher werden und die Armen ärmer? Das müsste die Kirche aufhorchen lassen. Zeichen der Solidarität mit den Armen sucht man indes vergeblich.

Sympathisch wird die Kirche nicht durch Anzeigenkampagnen, sondern indem sie sich auf ihren Ursprung besinnt und den Geist Jesu Christi in dieser Zeit lebendig werden lässt. Das würde auch heute die Menschen beeindrucken und ihnen Lust auf Kirche machen.

Möge die Feier des Pfingstfestes dazu beitragen, dass es bald auch in der Kirche wieder Frühling wird. In diesem Sinne: frohe und gesegnete Pfingsten!

Amen.



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Pfingsten - Fest der offenen Türen

Liebe Christen!

Als Paulus damals die Christen in Ephesus fragte: "Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?", antworteten die: "Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt". Die Frage, würde man sie in Mayen stellen, würde sicher anders beantwortet werden. Paulus hatte bei seiner Frage damals wohl das Spektakel vor Augen, das Lukas in der Apostelgeschichte so anschaulich schildert und das am Pfingstfest gewissermaßen zum Kerntext der Liturgie geworden ist. Als die Jünger nämlich den Heiligen Geist empfangen hatten, rissen sie Fenster und Türen auf, um buchstäblich aller Welt die großen Taten Gottes zu verkündigen. An Pfingsten war die Angst wie weggeblasen, an ihre Stelle war Begeisterung getreten. Man machte Tag der offenen Tür. Schließlich hatte man nichts zu verbergen. Jetzt kam es darauf an, jedermann den Grund der Hoffnung und Freude offen darzulegen. Und seither feiern wir alle Jahre Pfingsten. Doch: Ist unser Pfingstfest ebenfalls ein Fest der offenen Türen? - Drei Gedanken.

1. Die Türen sind für viele verschlossen.
Leider ist unsere Kirche in diesem Sinn keine pfingstliche Kirche. So viele Türen sind verschlossen, weil Angst den Hausherrn plagt. Unübersehbar ist zum Beispiel die Angst vor den Frauen, weshalb die Männer die leitenden Funktionen ausschließlich für sich selber vorbehalten. Geradezu hilflos und lächerlich klingen die Argumente, mit denen dieser Zustand immer wieder gerechtfertigt wird. Als wenn Jesus der Frau kein Amt zugetraut hätte!

Verschlossen bleiben die Türen auch allen Katholiken, die sich der geltenden Kirchenmoral nicht unterwerfen: Geschiedenen, die wieder geheiratet haben; Männern und Frauen, die unverheiratet zusammen leben; Schwulen und Lesben, die sich öffentlich zu ihrer sexuellen Identität bekennen; Priestern, die nicht länger auf die Ehe verzichten wollen; auch jenen Gläubigen, die aus der Kirche ausgetreten sind (gerade in den letzten Monaten haben wir vieles erlebt, was Anlass zu solchem Schritt gegeben hat). Ihnen allen bleiben die Türen verschlossen - die Türen zu den Sakramenten, dem Kernbereich kirchlichen Lebens.

Verschlossen bleiben die Türen zur Mitfeier der Eucharistie auch den nicht-katholischen Christen. Ihr Glaube an Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, kann noch so tief und überzeugend sein, - solange sie dem Papst die Anerkennung und Gefolgschaft verweigern, gibt es keine eucharistische Gemeinschaft. Selbst konfessionsverschiedenen Eheleuten bleibt diese Gemeinschaft am Tisch des Herrn offiziell verboten. - Sie werden sagen: aber die Praxis in unserer Gemeinde sieht doch ganz anders aus: viel toleranter, nicht so verbissen und allemal offener. Ich sag ja: der größte Teil der Mayener hat mehr Heiligen Geist empfangen als die, die die Kirchengesetze machen. Die müssten sich die Frage des Paulus gefallen lassen, ob sie den Heiligen Geist empfangen haben, als sie gläubig wurden.

Schwer tut sich die Kirche auch mit den sog. Querdenkern. Das sind Leute, die in der Kirche deren Außenwirkung zur Sprache bringen. Eigentlich sind die für jede Institution unverzichtbar. Doch bei den Offiziellen sind die ausgesprochen unbeliebt. Ich weiß, wovon ich rede.

2. Manchmal öffnet Geld die Türen.
Wir sind, wie wir sind: keine Kirche der offenen Tür. Ich muss das leider so deutlich sagen. Was noch schlimmer ist: der Schlüssel, der die Tür öffnet, ist nicht der Glaube, sondern das Geld. Wer zahlt, kann Mitglied werden oder wieder Mitglied sein, wer nicht zahlt, steht außen vor. Ich möchte nicht missverstanden werden: die Kirche braucht Geld, sie braucht Geld für die Bezahlung ihrer Pfarrer und für alles andere Personal (davon lebe auch ich); sie braucht Geld für die Erfüllung sozialer Aufgaben (obwohl die meisten Kosten auf diesem Gebiet vom Staat erstattet werden); sie braucht Geld für die Seelsorge im weitesten Sinn. Doch was mich stört, ist die Tatsache, dass die Kirchensteuerzahlung im Hinblick auf die Mitgliedschaft in der Kirche höher bewertet wird als Glaube, Hoffnung und Liebe. Ich kenne viele Leute, die aus der Kirche ausgetreten sind, deren Glaube keineswegs gleich Null ist. Manchmal engagieren sie sich sogar ehrenamtlich in der Gemeinde, wo dann keiner nach dem Mitgliedsausweis fragt. Sie wissen sehr wohl um die guten Seiten der Kirche und unterstützen sie, aber sie sind nicht bereit, die Kirche in jeder Hinsicht mit zu tragen.

Wir werden uns für die Zukunft etwas einfallen lassen müssen, wie wir die Türen der Kirche wieder öffnen, ohne vorrangig auf das Geld zu pochen. Ich habe keine Patentlösung, bin auch kein Fachmann auf diesem Gebiet. Da muss die geballte Intelligenz in den Ordinariaten bemüht werden. Aber ein Umdenken bis in die Gemeinden hinein wird nötig sein. Ein Wechsel steht an.

3. Macht die Türen weit auf!
Pfingsten mahnt uns: Macht die Türen weit auf! Das gilt für jeden Einzelnen: Sag, was du denkst! Gib Zeugnis von der Hoffnung, die dich trägt! Begrabe den Streit, der dich im Innersten lähmt und unfruchtbar macht! Versöhne dich mit deinem Gegner! Entdecke das Gute in deinen Mitmenschen, auch wenn sie einer anderen Religion, Kultur oder Lebenseinstellung angehören! Freue dich des Lebens und dessen, der es dir geschenkt hat! Sei gastfreundlich und gut!

Aber auch für die Kirche insgesamt gilt diese Mahnung: Mach deine Tore weit auf! Weise den nicht zurück, der glaubt - auch dann nicht, wenn er aus Überzeugung oder aus Geiz keine Kirchensteuer zahlt! Biete jedem Heimat, der bei dir heimisch werden möchte - auch wenn er so ganz anders ist und nicht dem gewohnten Christenbild entspricht! Sei gastfreundlich dem Fremden gegenüber - grade dann, wenn er deinen Gott auch seinen Vater nennt! Freu dich und sei freundlich - auch gegenüber den Gläubigen anderer Religionen, Kulturen und Weltanschauungen! Sei eine einladende Kirche, sei eine verbindliche Kirche! Denn wir sind alle Kinder des einen Vaters im Himmel.

Bitte: Ärgern Sie sich nicht über Kritisches, das ich gesagt habe, sondern beginnen Sie, Ihre Tore weit aufzumachen. Denn Kirche lebt, wächst und gedeiht von unten. Ich wünsche Ihnen: frohe Pfingsten!

Amen.



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Seite geändert am: 25.05.2010